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(b) Handlungstheoretische Voraussetzungen

Handeln muss als veränderbar konzipiert werden, damit Akteure Träger von Variation werden können. Zu Behandlung dieses Themenkreises stehen sich zwei Auffassungen gegenüber, die allerdings unschwer im Rahmen eines Theoriemodells integrierbar sind. [1] Zum einen sollten die Akteure ihr Handeln infolge von Veränderungen ihrer Handlungssituation umgestalten können; das heißt, ihr Handeln sollte als variable Reaktion auf externe Einflussgrößen modellierbar sein[2], zum anderen sind aber auch endogene Verhaltensänderungen vorzusehen, um kreatives oder innovatives Handeln berücksichtigen zu können. [3]

„Anpassung an externe Veränderungen“ und „Innovation“ lassen sich am besten in eine allgemeine Theorie des individuellen Handelns einbauen, die folgende Variablen enthält: Erstens muss sie Wünsche, Ziele, Vorhaben, Intentionen, Interessen, Pläne, Kulturstandards etc. berücksichtigen; diese Bezugsgrößen bestimmen die Dringlichkeit der Zielsetzungen bzw. ihre „Valenz“ oder Wertigkeit und – so unterstellt die Theorie – liegen in wenigstens partiell geordneter Form vor[4]; zweitens muss eine gültige Handlungstheorie Bezug nehmen auf Wissen, Erwartungen, Informationen, Orientierungen, Wahrnehmungen etc. von Akteuren. Auch diese Größen unterliegen einer Ordnung, von der allerdings nicht angenommen wird, dass sie einen reibungslosen und unbeschränkten Situationsbezug erlaubt; das heißt, Wissen (auch über die eigenen Ziele) ist in aller Regel fehlerhaft, unvollständig oder widersprüchlich, weshalb der Erfolg des Handelns regelmäßig ungesichert ist[5], was seinerseits notwendig dafür ist, dass ein Akteur nach neuen Problemlösungen sucht und sein Handeln auf diesem Wege einer für ihn selbst unvorhersehbaren Evolution unterliegt. [6] Und endlich müssen die Ressourcen und Kompetenzen der Akteure beachtet werden, die den Anpassungs- und Möglichkeitsspielraum des projektierten Handelns abstecken, wobei es im ersten Zugriff gleichgültig ist, ob die Akteure diese Voraussetzungen ihres Handelns aktiv beeinflussen können oder nicht bzw. ob und in welcher Weise sie den Spielraum weiterer Handlungen durch die Folgen ihres aktuellen Handels verändern oder nicht. [7] Das heißt, es besteht die Möglichkeit, diese Größen als (konstante oder anderweitig vernachlässigungsfähige) Parameter einzustufen.

Zu einer Theorie wird diese Faktorensammlung allerdings erst, wenn es gelingt, eine bestimmbare Funktion ausfindig zu machen, die diese Variablen dynamisch-rekursiv miteinander verknüpft. Die verschiedenartigen Theorielager streiten sich zwar ohne Abschluss über den genauen Wortlaut eines solchen „Handlungsprinzips“, tatsächlich aber gehen sie alle von der mehr als familienähnlichen Auffassung aus, dass Akteure sich durch ihr Handeln aktiv darum bemühen, einen internen Spannungszustand zwischen Zielen und Erwartungen zu beseitigen, eine Zielvorgabe zu realisieren, einen Effekt zu erreichen, wobei allerdings kaum Einigkeit darüber besteht, ob sie dies entweder mit Hilfe ertragsmaximierender oder kostenvermeidender Handlungsstrategien tun oder unter Einsatz von mehr oder minder stimmigen Mischstrategien. Allerdings sind diese Uneinigkeiten weniger wichtig als die relativ unstrittige Einsicht, dass Handeln gewählt werden muss, wobei in allen Fällen mögliche und auch ertragreiche Handlungen unberücksichtigt bleiben müssen bzw. als undurchführbar oder irrelevant selegiert werden. [8] Diese Wahl kommt dadurch zustande, dass die unterschiedlichen bewerteten Ziele mit der Wahrscheinlichkeit verrechnet werden, dass das projektierte Handeln zieldienlich ist, wobei das Vermögen solcher „Berechnungen“ variiert. [9] Ebenso unstrittig ist den verschiedenen Theorieauffassungen, dass die Folgen des eigenen Handelns mit dieser zentralen Handlungsfunktion zurückgekoppelt sind, so dass sich Verhaltensänderungen aus der zukünftigen Vermeidung unerwünschter Folgen und die Stabilisierung einer Handlungsweise aus dem Auftreten erwünschter Folgen erklären lassen. Die Berücksichtigung unerwarteter, nicht-intendierter Folgen des Handelns erweitert und kompliziert die Analyse ebenso[10] wie die genauere Betrachtung des Tatbestands, dass Handlungsfolgen interpretiert und konstruiert[11] bzw. emotional bewertet werden[12], weshalb entsprechende Ergänzungen nicht allzu oft angestrebt werden, gleichwohl möglich bleiben.

Der handlungstheoretische Kern des revidierten evolutionstheoretischen Programms besteht demnach in der Auffassung, dass Akteure Probleme lösen wollen und dies angesichts beschränkter Fähigkeiten bzw. Möglichkeiten tun müssen. Das hat zur Folge, dass der Ausgang ihrer Bemühungen aus den verschiedensten Gründen unsicher ist, was sich als problemgenerierend und damit als treibende Kraft für weitere Handlungsversuche erweist.

Allerdings ist mit dieser Bestimmung die soziologische Ebene noch nicht erreicht. Dies geschieht erst dort, wo man der Tatsache Rechnung zu tragen beginnt, dass Akteure sich in sozialen Situationen begegnen, das heißt dazu angehalten sind, ihr Handeln direkt oder indirekt aneinander zu orientieren bzw. es aufeinander abzustimmen. Entsprechend bedarf die Theorie individuellen Handelns der Ergänzung durch eine Theorie sozialen oder kollektiven Handelns. [13]

  • [1] Vgl. Schmid (1993).
  • [2] Typischerweise thematisieren Lerntheorien diesen Mechanismus, weshalb es auch nicht an Versuchen gefehlt hat, die Evolutionstheorie lerntheoretisch zu fundieren; vgl. Boulding (1978), S. 122 ff., Reyna (1979), Lau (1981), Olsen (1985), S. 96, Eder (1985, 1987), Langton (1986) und andere.
  • [3] Vgl. Campbell (1965), Witt (1987), Coleman (1990), Vanberg (1992) und andere.
  • [4] Es gibt Theorien darüber, wie diese Ordnungen entstehen, wie etwa die Sozialisationstheorie oder die Psychoanalyse. Bisweilen wird auf eine solche Anschlusstheorie auch verzichtet, und man arbeitet, wie die Ökonomen dies vorzugsweise tun, mit gegebenen Interessen, Präferenzen etc. (vgl. Stigler/Becker 1977, Becker 1982); zu der Absicht, Zielveränderungen endogen zu erklären, vgl. Wessling (1991), Tietze (1985) und andere.
  • [5] Vgl. Hayek (1976), Simon (1982) und viele andere. Es gibt Theorien der Erwartungsbildung (vgl. etwa Windsperger 1988), zumeist aber begnügt man sich damit, von fixen Erwartungen auszugehen, über deren Genese nichts verlautet.
  • [6] Poppers „logisches Argument“ über die Unvorhersehbarkeit der historischen Entwicklung aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Wissensentwicklung ist hier einschlägig, vgl. Popper (1961), S. V f. Dieses Wissen, in seiner externalisierbaren und verobjektivierbaren Form, unterliegt seinerseits der Evolution, das heißt die Organisation des Wissens führt zu revisionsbedürftigen Problemen, die mit Hilfe einer Exklusionsoder Selektionsregel für fragwürdige Wissensbestände transformativ beseitigt werden, woran neue Problemdefinitionen anschließen können, vgl. zu entsprechenden Überlegungen Popper (19662), Kuhn (1967), Toulmin (1972), Laudan (1977), Lau (1981), Rescher (1981) und viele andere.
  • [7] Vgl. zu diesem Themenkreis Schmid (1982), Coleman (1990). Es ist in jedem Fall sinnvoll, Knappheitsoder Restriktionsanalysen, wie sie die Ökonomen betreiben, von der Frage zu unterscheiden, welchen Fähigkeiten und Kompetenzen die Evolutionsagenten ihren Anpassungserfolg verdanken, vgl. dazu Toulmin (1981).
  • [8] Esser (1991), S. 46, spricht deshalb an dieser Stelle auch von einer „Logik der Selektion“.
  • [9] Den entwickeltsten Algorithmus besitzt die Wert-Erwartungstheorie (vgl. Schoemaker 1982) bzw. das sogenannte RREEMM-Modell des Handelns (vgl. Lindenberg 1985); zu einigen methodischen Einwänden vgl. Schmid (1995).
  • [10] Vgl. dazu Wippler (1978), Elster (1981).
  • [11] Vgl. Wehrspann (1985), der aufgrund der Nachfrage nach solchen Erweiterungen sogar eine „ Neuorientierung der Soziologie“ fordert.
  • [12] Vgl. Frank (1988).
  • [13] Theorien „kollektiven Handelns“ beschäftigen sich mit Interdependenzen, das heißt Handlungssituationen, in denen die Akteure keinen direkten Einfluss auf das Handeln anderer nehmen können, während sogenannte „Interaktionstheorien“ solche Einflüsse vorsehen. Zum Stand der Forschungen im Bereich der Kollektivtheorien vgl. Sandler (1992), zu Interaktionstheorien Schülein (1983), S. 85 ff.; zu einem integrativ angelegten Versuch vgl. Coleman (1990).
 
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