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Teil 4 State of the art Soziologische Evolutionstheorien

Michael Schmid

1 Das überkommene Paradigma

Die soziologische Theorie hat ihr evolutionstheoretisches Erbe, das auf Herbert Spencer zurückgeht und bis zu Parsons tradiert wurde, nie zur Gänze verleugnet; allerdings haben sich mittlerweile Bedenken gegen die überkommene Evolutionsvorstellung angehäuft, die eine Revision erfordern. [1] Diese Bedenken richten sich vornehmlich gegen den Versuch der „klassischen Evolutionstheorie“, die Dynamik sozialer Systeme durch makroskopische oder strukturelle „Prinzipien“ zu erklären, denen zufolge sich die gesellschaftliche Evolution, ungeachtet situativer Umstände, global und in gerichteter Weise auf der Basis einer vieldimensionalen Steigerungsdynamik vollzieht[2], deren Zielpunkt Anlass zu allerlei ideologieverdächtigen Projektionen wurde. Die steigende Arbeitsteilung und institutionelle Differenzierung galten als Leitbild gesellschaftlicher Entwicklung, an deren ebenso segensreicher wie unvermeidbarer Selbstransformation nur wenige zweifelten. Die Idee, dass diese Transformation zu immer komplexeren Gesellschaftsformationen führen sollte, stützte die Annahme, die gesellschaftliche Entwicklung folge einer unilinearen und präformierten Stufenfolge. Diese theoretischen Überlegungen wurden gestützt durch ein spezifisches Verständnis der empirischen Forschung, die sich auf die Untersuchung der betreffenden Strukturoder Makrovariablen zu beschränken hatte, auf Verteilungsstrukturen, deren kausale Verbindungen man mit Hilfe korrelationsstatistischer Verfahren zu identifizieren suchte. [3]

Die Unzulänglichkeit dieser evolutionistischen Tradition bestand zum einen in der Unmöglichkeit, ohne Rekurs auf eine ausgebildete Theorie des individuellen und kollektiven oder organisatorischen Handelns die Transformationsbedingungen der postulierten Entwicklungslinien nachzuzeichnen, mit der Konsequenz, dass die makroskopischen Evolutionsprinzipien und Evolutionsprozesse sich als empirisch falsch oder theoretisch unterbestimmt und damit als praktisch bzw. theorieheuristisch fruchtlos erwiesen. [4] Zugleich waren die aggregativen, kausalanalytischen Verfahren ohne handlungstheoretische Fundierung haltlos, was so lange unbemerkt blieb, wie man an den Wert induktiver Verfahrenstechniken glaubte. [5]

  • [1] Als zusammenfassende Kritik vgl. Nisbet (1969), zu ausgewogeneren Kommentaren vgl. Turner (1985) und Sanderson (1990). Diese Revision wurde sicherlich seit Weber betrieben, der den Evolutionsbegriff kaum verwendet, dem gleichwohl an der Untersuchung von Selektionsprozessen gelegen war, vgl. Schmid (1981); zur Bewertung des sogenannten „Neoevolutionismus“ vgl. unter anderem Abercrombie (1972), Giesen/Schmid (1975), Strasser (1979), Granovetter (1979). Die sogenannte „Theorie des sozialen Wandels“ darf als letzter orthodoxe Vertreter dieses überkommenen evolutionstheoretischen Programms gelten – vgl. Zapf (Hg.) (1969) –, gegen die sich erst jüngst Stimmen erheben – vgl. Müller/Schmid (Hg.) (1994). Eine neuere Synopse kritischer Punkte findet sich bei Sztompka (1993), S. 109 ff., und Shanks/Tilley (1987), S. 144 ff. – Die abgekürzte Zitierweise nimmt Bezug auf die „Bibliographie zur soziologischen Evolutionstheorie“ in diesem Band.
  • [2] Unterschiedliche Theorien vermuten diese Steigerungsdimension entweder in der Entwicklung der Kriegs- und Produktionstechniken (Lenski 1976, S. 561, Lenski 1976a) oder den menschlichen Organisationenformen (Service 1971), der psychischen Ausstattung der Akteure (Hobhouse 1968, S. 80 ff., Gottlieb 1984) oder ihrer Kultur (Ruse 1974) usf.
  • [3] Die von Spencer herausgegebenen Bände zur „Descriptive Sociology“ versammeln die Strukturdaten, die er zur induktiven Prüfung und Stütze der behaupteten Evolutionsgesetzlichkeiten heranziehen wollte; vgl. zu diesem Projekt Turner (1985), S. 85 ff.
  • [4] Das gilt für Spencers Evolutionsgesetze (vgl. Spencer 18955) ebenso wie für Parsons' Evolutionsprozesse: „Differenzierung“, „Adaptive Upgrading“, „Inklusion“ und „Wertverallgemeinerung“ (vgl. Parsons 1972, S. 40 ff.).
  • [5] Eine Revision der Modellogik, die sich deutlich gegen das dominante makrostrukturelle Methodenverständnis richtet, ohne es direkt zu nennen, betreibt Esser (1993), S. 119 ff. Ich beschränke mich nachfolgend auf die theoretische Debatte und lasse die Auseinandersetzungen um die „Variablensoziologie“ (Blumer 1969, S. 127 ff.) beiseite.
 
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