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6 Folgerungen

Die vorgelegte Analyse und Interpretation ging von der Ansicht aus, eine etwas distanziertere Betrachtung der anstehenden Phänomene sei unumgänglich; sie war von dem Interesse geleitet, eine politische Stellungnahme soziologisch zu begründen. Im Sinne politischer Pazifizierung sollen die folgenden Thesen gelten:

1. Absolute Respektierung ethnisch bedingter Grenzen. Als Negativbeispiel können afrikanische Verhältnisse gelten, in denen die neuen Staatsgrenzen, als Kolonialgrenzen entstanden, quer durch festgefügte Ethnien gezogen worden sind bzw. Ethnien mit einer spannungsreichen Geschichte staatlich vereinigt wurden. Das hat bei einem Versagen der staatlichen Überordnung und der entsprechenden Entdifferenzierung grausame Folgen, über die wir tagtäglich informiert werden. Das ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker“ bedarf einer neuen Interpretation. Es sollte auf jeden Fall enthalten, dass keine kulturell-ethnische Einheit sich einer Fremdbestimmung fügen muss.

2. Entmischung des Ethnischen und des Staatlichen. Eine als autonom konzipierte

Ethnie braucht nicht unbedingt eine eigene ökonomisch-technische Infrastruktur; es war immer unproblematisch, wenn dieses in einem größeren Verbund organisiert ist. Dagegen wird die Verbindlichkeit aller Rechtsnormen in einem multiethnischen Staat immer eine prekäre Angelegenheit bleiben. Es wird keine friedlichen Verhältnisse geben, solange die herrschenden Rechtsnormen eindeutig ethnisch geprägt sind und damit die Herrschaft einer Ethnie im Staat verankern und solange den unterlegenen Ethnien damit ihre Normativität untergraben wird.

3. Ergänzung der lingua franca. Eine gemeinsame Verkehrssprache im Staat ist

erforderlich. Die Geschichte hat aber gezeigt, wie sehr dieses Kommunikationsmedium zur Entmachtung ethnischer Besonderheiten genutzt worden ist. Nur wenn Zweisprachigkeit eine selbstverständliche Angelegenheit wird, ist der Verdacht ethnischer Hegemonie ausgeräumt. Mehrsprachigkeit ist kulturell möglich.

Dazu noch eine Anmerkung: Ethnienblinde Demokratisierung hat sich überall dort als politischer Misserfolg erwiesen, wo die Heterogenität der Bevölkerung nicht berücksichtigt wurde, wo kulturelle Differenzen auf demokratischem Wege majorisiert wurden. Demokratie erscheint nur dort möglich, wo politische – das heißt: für alle geltende – Argumentation nicht durch ‚blockbildende' kulturelle Differenzen überlagert wird.

7 Schlussbemerkung

Solchen als ideal anzusehenden Postulaten steht die erschreckende Wirklichkeit in den verschiedenen Bürgerkriegen zwischen ethnischen und ethnisch bestimmten rivalisierenden Gruppierungen entgegen. Der soziale Zustand in den Gebieten, in denen die härtesten Kämpfe stattfinden, ist fast unlösbar. Afghanistan steht immer noch im Krieg rivalisierender Gruppen: Das bereits multiethnische Gebiet findet aus sich heraus keine Konfliktbeilegung. Georgien findet keine Möglichkeit, im Blick auf Abchasien das Kulturelle und das Staatliche zu differenzieren. Hier können nur tief verwurzelte kulturell-staatliche Hegemonien geschwelt haben – ebenso wie in der Sonderstellung der Bosnier und anderer sogenannter Minderheiten aus dem ehemals jugoslawischen Territorium. Auch das kurdische Problem erscheint fast unlösbar, weil einerseits drei Staatengrenzen durch das Gebiet verlaufen – und selbst eine Anerkennungsstrategie, wenn sie kommen sollte, seitens der Türken das dahinterliegende Problem nicht löst. Andererseits gibt es keine geschlossene politische Repräsentanz der Kurden.

Ungeachtet vieler praktisch unlösbar erscheinender Probleme wäre es nicht berechtigt, diese meine Ausführungen als Ausdruck ethnienbezogener Romantik oder als neokonservativ zu verstehen. Es geht t erstens nicht darum, dass es besser sei, in überschaubaren, kulturell geschlossenen Einheiten zu leben und in der modernen Zivilisation den Untergang von Kultur zu sehen. Es geht

t zweitens keinesfalls darum, politisierte Ethnien oder Teil-Ethnien moralisch zu unterstützen. Es geht

t drittens nicht darum, dass alles, was es gibt, erhalten werden müsse.

Es geht um eine strikt neutrale Einschätzung der Faktoren gesellschaftlichen Lebens, die im politischen Denken der neueren Zeit nicht genügend berücksichtigt wurden.

 
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