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(a) Die Doppelfunktion der Ideen der Aufklärung: Affirmation und Kritik

Dies leitet zu einer weiteren Struktureigenschaft des Nationalstaates hin, die ihm eine typische Beweglichkeit gibt: Sowohl der Nationalstaat selbst als auch seine

Kritiker speisen sich aus denselben intellektuellen Quellen. Wie ausgeführt, sind die liberalen Ideen universaler Menschenrechte und die Ideale der Französischen Revolution kulturelle Wertestandards der westlichen Welt. Sie fußen auf einer Anthropologisierung des Menschenideals der Aufklärung und der Interessen des aufkommenden Bürgertums. Und so wie es dem Bürgertum gelang, in der Durchsetzung dieser Rechte auch seine Interessen in die neue Staatsform einzubringen, so können genau diese Werte auch immer wieder zur Kritik eines spezifischen Nationalstaates verwendet werden.

Dabei ist nicht nur das klassische Problem gemeint, auf das schon Tocqueville hingewiesen hat, dass Freiheit und Gleichheit sich strukturell nur schlecht mit Brüderlichkeit vertragen. Die Probleme reichen noch weiter: Damalige Freiheitsforderungen richteten sich gegen die Perpetuierung aristokratischer Rechte in Amt und Würden, die durch den Rechtsstaat und vor allem dessen Rechtssicherheit ausgehebelt werden sollten. Dies durch die repräsentative Demokratie zu tun ist sicherlich, wie wir alle spätestens seit Popper wissen, ein genialer Schachzug. Gerade aber diese repräsentative Demokratie produziert durch Wahlakte und Kompromissnotwendigkeit wieder Legitimationsprobleme, die existenzgefährdend werden können. Nicht viel besser ist es mit der Gleichheit bestellt. Rechtliche Gleichheit zu fordern und herzustellen ist im verzerrenden historischen Rückblick des modernen Wohlfahrtsbürgers geradezu banal; wirklich schwierig wird es erst, wenn es um die substantiellen Gleichheiten im täglichen Leben geht. Hier müssen Rechte erweitert und gewährt werden, die permanent in dem Verdacht stehen, ungerecht zu sein. Die Umsetzung der Brüderlichkeit bleibt – glücklicherweise, möchte hier der individualisierte moderne Mensch ausrufen – notwendig schwach ausgeprägt. Sie dient immer wieder als Kritikfolie derer, die sie in modernen Gesellschaften vermissen. Genauso wie Kriegsführer und Demagogen auf sie rekurrieren, wenn es gilt, meist selbst produzierte Ausnahmeanforderungen an die Bürger zu legitimieren.

(c) Die paradoxe Codierung von Inklusion

Auch die dritte Implementierungsparadoxie, die dem Nationalstaat seine spezifische Dynamik und Flexibilität verleiht, klang in der Darstellung der Inklusionsprozesse schon an. Es ist die Mischung von gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Vorstellungsinhalten. Die Codierung der Inklusion wird dabei oft als Paradoxon beschrieben, etwa in Form der „societal community“.[1] Der moderne Nationalstaat entparadoxiert sich selbst, indem er seine gesellschaftlichen Momente als neu und modern beschreibt, seine gemeinschaftlichen aber als Tradition. Eigentlich modern ist also die Verschmelzung von Tradition und Moderne im Nationalstaat, wobei bereits darauf hingewiesen wurde, dass das, was jeweils als Tradition und als modern angesehen wird, eine spezifisch aktuelle kollektive Leistung ist. Besonders beliebt ist es, solche Aspekte des Nationalstaates, die askriptiv attribuiert werden, als vormodern anzusehen. Die von manchen Soziologen vertretene These der „unvollständigen Modernisierung“ gerade der Nation hat also nur Sinn, wenn Modernisierung eher normativ in bewusster Abgrenzung zur Tradition verwendet wird. Dies entspricht zwar der Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften, die sich gleichsam ihre Tradition täglich selbst erfinden, um sich definieren zu können, macht aber die – von diesen Autoren oft als schmerzhaft empfundene – Rückbindung an die eigene Gesellschaftsformation nur noch deutlicher.

  • [1] Zum Ausgangspunkt dieses Arguments vgl. Stichweh, „Nation und Weltgesellschaft“, a.a.O.
 
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