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2 Politische Inklusion: Herrschaft, Territorium und Bevölkerung

Die politische Inklusion der Bevölkerung eines Staatsgebiets durch die Neudefinition von Herrschaft, Territorium und Bevölkerung kann als eine der wichtigsten Grenzleistungen des Nationalstaates verstanden werden. Oder wie Stichweh es ausdrückt: „Der Prozeß der Inklusion von jedermann in das politische System – mit einem zwischen Pflichten und Rechten oszillierenden Bedeutungsspektrum von ‚Inklusion' – ist vermutlich der eigentliche Schlüssel für die Entstehung der modernen Nationen.“ [1]

Als Bezugspunkt dieser Entwicklung wird die Weltgesellschaft gedacht, als eine prinzipiell gleiche Menschheit, die auf den bewohnbaren Territorien der Welt lebt und ihre politische Herrschaft selbst ausübt. Die politische Inklusion vollzieht sich jedoch in jeweils als unterschiedlich gedachten Segmenten, wobei als traditionell definierte Unterschiede als konstituierende Faktoren hinzugezogen werden.

Blickt man auf das hochmittelalterliche Europa, so ist davon auszugehen, dass politische Macht, gekoppelt mit militärischer, eine Angelegenheit vor allem von Fürstenhäusern und einigen Handelsstädten war, für die Territorien weitgehend beliebig als machtpolitisches Instrument erworben oder erobert bzw. veräußert oder verloren wurden. Die Bevölkerung waren vor allem Untertanen, die sich in die Gruppe der Bürger (meist in Städten und mit spezifischen Rechten) und der Einwohner (ohne Rechte, manchmal mit Privilegien, aber immer mit einem immensen Bündel an Pflichten) aufteilen ließen. Die Bindung an das Herrschaftssystem war erst vermittelt über lokale Fürsten und wurde später teilweise als direktes Verhältnis zu König oder Kaiser definiert. Immer war diese Bindung aber eine auf ständischen Kriterien beruhende oder eine mittelbar über das Territorium hergestellte. Insgesamt überwölbt wurden diese Strukturen durch das Christentum, das in Konflikten und Allianzen mit weltlichen Mächten eigene Zugehörigkeiten und Ausgrenzungen schuf. All diese vielschichtigen, teilweise unbestimmten oder überlappenden, immer aber vergleichsweise lockeren Bindungen werden im Prozess der Bildung nationalstaatlich verfasster Gesellschaften miteinander kongruent verknüpft. Wie lässt sich dieser Prozess der Grenzstabilisierung erklären?

  • [1] Stichweh, „Nation und Weltgesellschaft“, a.a.O., S. 80.
 
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