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Bemerkungen zur Entstehung der modernen Ökonomie

Das Organisationsproblem

Dieter Claessens

Eines der wichtigsten Probleme in der Entwicklung der Menschheit ist das Organisationsproblem: Nichts entsteht ohne Organisation; aber zwischen „Menschen“ reicht evolutionär bewährte Organisation nicht einmal für den Geschlechtsverkehr aus: Auch er muss relativ bewusst organisiert werden. Organisation fängt also sehr früh an, sowohl was den evolutionären Zeitpunkt als auch was die Phase betrifft, ab der menschliche Organisation notwendig wird.

Mit dieser Einleitung wird deutlich, dass hier mit einem sehr weit gefassten Organisationsbegriff gearbeitet wird; aber nichts spricht dagegen, für den schon ziemlich bewussten Einsatz von Überlegungen, die Aktionen Erfolg verschaffen sollen und die die dazu nötigen Investitionen möglichst geringhalten sollen, den Begriff „Organisation“ anzuwenden, wenn das ausdrücklich erklärt wird.

Auch der Begriff „Investition“ scheint sehr früh – was den logischen Kontext betrifft – aufzutreten. Aber noch vor der Verwirklichung von „Organisation“ muss Investitionsbereitschaft (und -fähigkeit) vorhanden sein: Wenn der „Fremde“ bei Camus oder „Oblomov“ bei Gontscharow etwas in Gedanken beschließen, dem einen aber der Lebensmut fehlt, überhaupt etwas zu tun, der andere durch angeborene Faulheit daran gehindert wird, heißt das nichts anderes, als dass keine Investitionsbereitschaft da ist. Oder anders ausgedrückt: Die Kraft, etwas zu tun, zu veranlassen, zu machen, ist da (was ja nicht unbedingt der Fall sein muss); ihr entspricht aber keine Bereitschaft, sie gezielt einzusetzen; daher geschieht nichts.

Entsprechend diesem Ansatz „läuft“ Gesellschaft – von ihren Gruppenanfängen an – nur durch Organisation auf der Basis von Investitionen. Wie diese ersten Investitionen, die zum Beispiel zur Ablösung des Hordenmodells durch das effizientere Modell der selbstdefensiven und sich selbst stabilisierenden Gruppegeführt haben, zustande gekommen sind, darüber braucht hier nichts gesagt zu werden. Fest steht jedenfalls, dass die Einschränkung „Ordnung“ stattgefunden – und das heißt auch: akzeptiert stattgefunden – hat. Bei größeren Gruppen treten dann Probleme auf, für die der Organisationsbegriff griffiger wird: Jagd, besonders auf Großwild, benötigt nicht nur den Zielkonsens, sondern auch Absprachen – rudimentär durch Zurufen in der Aktion. Solche Absprachen, das heißt Kommunikation mit angemessener Stimmlage und hochinformativem Inhalt, sind in der Aktion bereits Investitionen, zu denen nicht alle fähig sind; daher gesellen sich schon früh neben den möglichen Vorteilen eines hohen Primärstatus (Größe, Kraft, Schnelligkeit, Gewandtheit, Reaktionsvermögen, Sehvermögen, aber auch „Spürsinn“) die Fähigkeiten zu erfolgversprechender Kommunikation im Verband.

Damit ist die Spur zur Entstehung früher Eliten gelegt. Sie soll hier aber nicht weiterverfolgt werden, da nicht Protozustände an sich, sondern Protozustände von sich breit durchsetzendem Handel, Protozustände von Industrialisierung und moderner Ökonomie verfolgt werden sollen.

Traditionale Gesellschaften können grob in zwei Typen unterteilt werden:

1. einen frühen Typ, in dem die erlebte und bedeutbare Welt von Dämonen und Schutzgeistern durchsetzt ist und die Aktionen der Menschen eine ständige Kommunikation mit dieser Geisterwelt darstellt; eine Kommunikation, die sozusagen in die beherrschten Tätigkeiten des täglichen Lebens eingeflochten ist, und

2. den späteren Typ, in dem – an Henry Sumner Maine sei erinnert – „Sitte und Brauch“ sich mehr und mehr in Verträge und vertragsmäßige Verhältnisse umwandeln, während sich die Jenseitsidee auf einen Gott konzentriert, wobei dessen Gefolge (zum Beispiel im Bild Vater-Sohn-Heiliger Geist-Maria-Heilige) noch starke Reminiszenzen an den Typ 1 erweckt; dem entsprechen hier auch Restbräuche, die noch relativ orthodox befolgt werden.

Die Organisation des Typ 1 folgt im allgemeinen dem Häuptlingsmuster, bis hin zu den „kephalen“ Herrschaften mit einigen tausend Mitgliedern: Es gibt bereits eine Arbeitsteilung an der Herrschaftsspitze und Arbeitsteilung im Handwerk. Beide Gruppen, Häuptlingsgefolge resp. der entsprechende „Hof“ eines kephalen Königs und die Handwerker, machen aber kaum zehn Prozent der Bevölkerung aus; der Rest ist landwirtschaftlich tätig, wobei zum Beispiel Sammeln durchaus noch eine Rolle spielen kann. Es gibt eine De-facto-Elite und erste Andeutungen von „ausführenden Organen“, wie zum Beispiel Ausrufer. Aber die gesamte Organisation ist in dem Sinne „hergebracht“, dass sie noch stark familienoder clanabhängig ist und dass sie sich weitgehend von unten her aufbaut, was nicht bedeuten muss, dass nicht gehorcht wird – im Gegenteil: Autorität ist sehr bekannt verteilt und akzeptiert. Insofern besteht weitgehend der Organisationstyp „Konsensus“, der sich dadurch auszeichnet, dass er äußerst ökonomisch ist, da weitgehend Absprachen, Anweisungen oder ähnliches entfallen können: Jeder Erwachsene weiß, welche Situationen es geben kann und wie man sich in welchen Situationen zu benehmen hat. Daher ist auch der Aufwand an Initiative denkbar gering, und Investitionen, zu denen man sich „aufraffen“ muss, werden kaum gefordert.

Im Typ 2 der traditionalen Gesellschaft haben sich die Verhältnisse grundlegend verändert. Es handelt sich nun um größere Populationen, an deren Spitze Aristokraten resp. Aristokratenfamilien stehen. Diese Eliten herrschen meist unabhängig von den unterworfenen oder sonst von ihnen abhängigen Menschen, fast durchweg unterworfenen Bauern. Die Eliten erhalten sich von Abgaben, kümmern sich aber im übrigen nicht um die Art und Weise, wie diese Abgaben erbracht und überhaupt die Landwirtschaft betrieben wird. Sie sind aber insofern von diesen Nicht-Eliten abhängig, als diese Nicht-Eliten – selbstverständlich ohne sich dessen bewusst zu sein – in ihrer Anzahl und Produktivität den Organisationswillen und die Investitionsmöglichkeiten der Eliten ziemlich klar begrenzen. Diese Begrenzung hängt natürlich auch mit der Mentalität einer bäuerlichen Bevölkerung zusammen. So ist zum Beispiel „Genauigkeit“ – wenn damit „zentimetergenau“ gemeint ist – ländlich bäuerlich, wo alles relativ weiträumig, schwer und sozusagen lehmverschmiert ist, unbekannt; neue Begriffe – als Möglichkeit und real – scheitern am „Althergebrachten“. Eine unvertraute Entfernung von der Heimstätte erregt Angst, wird unmittelbar als Entfremdung empfunden: Das vertraute Arbeitsmilieu ist verschwunden, neue Wörter – und sei es in der Form von fremdem Dialekt – verfremden auch die Kommunikation; unter Umständen gibt es für den die relative Stille des Dorfes nur Kennenden fremde und rätselhafte Geräusche; der Kontakt mit „dem Fremden“ ergibt häufig unerwartete und nicht rational beherrschbare Situationen mit unangemessenen Reaktionen. Mit solchen unbeweglichen Menschen (hier: Nicht-Eliten) lässt sich schwer außerhalb der eingefahrenen Geleise etwas anfangen.

Diese kursorische Besichtigung der traditionalen Gesellschaften vom Typ 1 und 2 wäre aber unvollständig, wenn nicht daran erinnert wurde, dass das Organisations-Muss die Menschen auf keinen der von ihnen erreichten Stufen verlässt:

Eigentätig sich entlastend muß der Mensch die Mängelbedingungen seiner Existenz in Chancen der Lebensfristung umarbeiten“, heißt es bei Arnold Gehlen. Der Autor blickt dabei zwar nicht auf das konkrete tägliche Leben als solches, sondern meint grundsätzliche Absicherungen, wie die Schaffung von Institutionen; aber nichts hindert, sein Statement ganz konkret anzusetzen: Steht man nicht auf (wozu Intention und Investitionsbereitschaft gehören), dann bleibt man liegen; geht man nicht zum Sammeln oder Jagen fort, findet oder fängt man nichts; nimmt man dazu nicht bestimmte Geräte mit, kann man das Gesammelte nicht in erheblicheren Mengen mit sich zurücktragen oder das Gejagte überhaupt nicht erlegen. Wo kein Feuer ist, kann nicht gebraten werden, wo kein Topf (oder geeignete Bedingungen, und seien es Blätter) da ist, kann nicht gegart werden. Und da es noch nie Kölner Heinzelmännchen gegeben hat, kommt kein Topf anspaziert, erhebt sich keine Hütte von Geisterhand, schnitzt sich kein Pfeil. Schon das einfachste Leben steckt also voller Anforderungen an Vorstellungen, Willen, Organisationsabsicht und Initiative zur Organisation. Sonst versinkt letztlich alles in Dreck und am Ende im Tod. Organisation ist also das Lebenselixier par excellence. Dass sie beim Menschen bewusster vor sich geht als in früheren Stadien, hängt damit zusammen, dass wir ihn gerade eben so definieren: als das bewusst organisierte Wesen. Gesellschaften des Typs 1 drehen sich insofern in sich selbst, als das je Vorgefundene Geflecht von traditionellen Aktionen die Organisation selbst ist, gemäß der soziologisch-sozialpsychologischen Einsicht, dass in der kleinen Gruppe die Interaktion die soziale Kontrolle selbst ist.

Das alles schließt nicht aus, dass auch auf sehr früher Stufe Aktionsebenen erreicht werden, die eine sehr sorgfältige und – nicht nur nach damaligem Verständnis – umfassende vorbereitende und der Durchführung gewidmete Organisation verlangen resp. verlangt haben. So ergab zum Beispiel Übervölkerung auf den Südsee-Inseln immer wieder die Notwendigkeit der Auswanderung. Die Lösung bestand im Wettkampf zwischen König und Sohn, in dem meist – rituell angelegt – der König gewann, worauf der Sohn mit seiner Anhängerschaft binnen 24 Stunden die Insel verlassen musste, aber versehen mit ausreichend Booten, Proviant (Schweinen und aneinandergebundenen, im Wasser hinterhergeschleppten Kokosnüssen) und einem Seelenstein (Totemträger), vermittels dessen eine noch unbewohnte Insel zur Heimat gemacht werden konnte. Die Vorbereitungen zu solchen Aktionen können nicht als völlig unkompliziert angesehen werden; zudem handelte es sich um außerordentliche Ereignisse. Wir können uns also vorstellen, wie viel Aufregung, Engagement, Beratungen und Diskussionen es im Rahmen dieser Ereignisse gab.

Im übrigen muss daran gedacht werden, dass bei materieller Armut und geringer Stabilität die „innere Organisation“ des Lebens zu einem guten Teil mit Ausbessern, Flicken, Reparieren und Ersetzen durch neue Anfertigung einherging.

Der Typ 2 der traditionalen Gesellschaft zeichnet sich – wie gesagt – durch eine größere Population aus, die in der Regel durch eine Aristokratie zu deren Erhaltung mit Abgaben belastet, meist praktisch ausgebeutet wurde. Diese neue Art innerer Beziehungen beruht teils auf Traditionsresten: Auch Häuptlinge waren ja durch Abgaben in die Lage zu versetzen und versetzt worden, „entlastet“ ihren – wenn auch mäßigen – Repräsentationspflichten zu genügen; hinzu kamen Abgaben an die Priestervorläufer, Medizinmänner und Opfer überhaupt. Teils waren diese Aufgaben aber dadurch unauffällig gelöst worden, dass der Häuptling mehrere Frauen haben musste, über deren Familien die Abgaben flössen, und dass etwa vom Schamanen Gegenleistungen noch direkterer Art (Befreiung von Beschwerden etc.) erwartet wurden. Und bei Opfern wurde sehr häufig der Schmerz der Trennung von Selbsterarbeitetem dadurch erheblich gemildert, dass nach den traditionalen Ritualen die Opfergaben gemeinsam verzehrt wurden, was unter Umständen so viele Tage in Anspruch nahm, wie ihre Produktion gekostet hatte. Der Fluss der im Rahmen der inneren Organisation erzeugten und geforderten Dinge war also übersichtlich und einsichtig.

Innerhalb der erweiterten aristokratiebeherrschten Population bleibt über außerordentlich lange Zeit noch das Gefühl für eine gewisse Berechtigung von Abgabeforderungen erhalten, wie sich überhaupt vieles von dem traditionalen Hintergrund der Vergangenheit (meist in „Sitte und Brauch“) sozusagen unterhalb der Herrschaftsebene als „traditionale oder konservative Reserve“ erhält. Diese Zähigkeit der Alltagskultur war (und ist) auch dem Umstand zu verdanken, dass „die Herrschaft“ an vielen Bräuchen selbst noch festhielt und daher einen – wenn auch zunehmend kritischen und distanzierten – Sinn für das mit dieser „kulturellen Schleppe“ verbundene Verhalten hatte. Das wurde noch dadurch unterstützt, dass – wie gesagt – lange Zeit „die Burg“ kein Interesse an der praktischen Organisation der Arbeit im Dorfe und auf den Feldern hatte, wenn nur die Abgaben stimmten, worauf unbarmherzig gedrungen wurde. Teils herrschte auch noch überhaupt ein Stil des Schleifenlassens im Sinne der „Oblomoverei“ (Kommste heut' nicht, kommste morgen!), der die Verhältnisse nicht förderte, aber oft milderte. Das bedeutete, dass die Produktivitätschancen, die – besonders in fruchtbaren Gegenden – in Boden und Bevölkerung lagen, meist nicht ausgenutzt wurden.

Sieht man hier von möglichen – fast immer schlecht nachweisbaren – Einflüssen der Klöster und entstehenden Universitäten ab, dann gab es allerdings unterdessen mindestens zwei Unruheherde in der ausgebreiteten Gesellschaft: Handwerk und Handel.

Über Begrenzungen beider Tätigkeitsbereiche ist genug geschrieben worden. Zunftzwänge hier, geringe Produktivität und/oder schlechte Transportmöglichkeiten dort. Weniger betont wird bei derartigen Darstellungen, dass die Gesellenaufstände im Handwerk Ausdruck von Zunahme an Qualifizierten war, mit denen sich ein „Elitenstau“ entwickelte. Und die Klagen über schlechte Transportwege wurden vom 17. Jahrhundert an in Europa auch ein Ausdruck über ein wachsendes Missverhältnis zwischen Produktion und Distribution. Allein bereits diese beiden Erscheinungen verweisen darauf, dass sich unter den Nicht-Eliten ein Potential entwickelte, mit dem die Entscheidungseliten etwas in neuer Richtung bewegen konnten: Die Situation ruft nach neuen Organisationsprinzipien, denen die Investitionsbereitschaft von Teilen der Nicht-Eliten bereits entspricht.

In Situationen, die Protosituationen zukünftiger Situationen sind, greift man statt zu neuer Organisation zuerst zu bewährten Organisationsmustern. Dieser Begriff verdeckt leicht, dass man damit Menschen meint, die eine bestimmte Form der Organisation praktizieren und für die Organisation an sich ein Hauptgegenstand sowohl von praktischen als auch theoretischen Aktionen ist. Eine solche Formation ist überall das Militär und die Verwaltung. Daher griff in erster Linie das Militär unmittelbar in die Entwicklung von Handwerk und Handel ein, zum Beispiel wenn größere Mengen von Ausrüstungsgegenständen für kriegerische Aktionen benötigt wurden.

Es geht hier um Verhaltens- und Denkmuster, die im „Vorrat“ einer Gesellschaft vorhanden und in Anspruch zu nehmen sind. Schon die dem Krieg fast immer und überall nahe Verwaltung – man denke an die Bedeutung der Kriegssteuern – hatte sich langsam, aber zunehmend von der Hierarchie des Hofstaates aus der des Militärs angenähert, wo das Gebot der relativen Sparsamkeit bei der Verwendung der Mittel, zusammen mit großer Übersichtlichkeit, gute Vorbilder boten.

Den entscheidenden Schub zur weiteren Übernahme derartiger Verhaltensmuster gab dann die von Soziologen häufig unterschätzte Bevölkerungsvermehrung, die ihrerseits vermutlich mit verbesserten Verhältnissen (Seife!) und produktiverem Ackerbau zusammenhing. Sie bewirkte einerseits – wie besonders David Riesman betont hat – den Zerfall der Strukturen des traditionellen Gesellschaftstypus 2 und gleichzeitig die Freisetzung nicht nur menschlicher Arbeitskraft, sondern auch von – nunmehr weniger kontrollierten – Ideen. Das alles bewirkte ein völlig neues Bild der Transaktionskosten von Aktionen in der Gesellschaft.

Wenn man in Anlehnung an Douglas North[1] „Institutionen“ als Beschränkungen menschlicher Aktionsradien und menschlicher Vorstellungswelten ansieht, dann sind in traditionalen Gesellschaften Transformationskosten außerordentlich hoch, wirklich verändernde, „revolutionäre“ Wandlungen der Gesamtgesellschaft sind also ausgeschlossen. Dafür sind die Transaktionskosten im Verhalten sehr gering, und zwar deshalb, weil Sender und Empfänger derart aufeinander abgestimmt sind, dass Reibungsverluste minimalisiert werden: Saat, Ernte und Zubereitung von Lebensmitteln bis zum „Einmachen“ erfordern nur geringe Transaktionskosten, das heißt Reibungsverluste beim Übergang von einer zur anderen Tätigkeit. Handwerker produzieren für angemeldeten und bekannten Bedarf in bekannter Qualität und zu bekannten Preisen; persönlicher Tausch – als Prototyp von Handel – drückt auch hier die Transaktionskosten wegen der kulturellen Homogenität und sehr geringer Ausweichmöglichkeiten. Für den unpersönlichen Tausch – bei mehr Vielfalt und größerer Anzahl der Tauschvorgänge – wird der vorhandene institutionelle Rahmen bereits mehr beansprucht, Tausch wird ritualisiert und/oder religiösen Geboten unterstellt. Hier sind die Transaktionskosten schon gestiegen. Um den eigentlichen Preis der zu tauschenden Gegenstände oder Werte bildet sich wegen der zum Tausch notwendigen Aufwendungen eine Aura von „Nebenkosten“, eben Transaktionskosten. Diese Kosten steigern sich beim völlig unpersönlichen Tausch „mit der Möglichkeit der Erzwingungen durch einen Dritten“.[2]

Das heißt, dass Tausch, Handel, Handeln einerseits – im Rahmen von Geldwirtschaft – über größere Strecken möglich wird als bei der Kundenfertigung, dass aber dieses Verfahren in mehrfacher Hinsicht umständlicher – und das heißt auch: aufwendiger – wird: Zu den reinen Herstellungskosten treten nun Transport – und Werbungssowie Vertriebs- und Streitkosten hinzu. Bereits der Verkauf von Waren außerhalb der Werkstatt ist aufwendiger als in der Werkstatt selbst.

Sind Institutionen schon an sich Beschränkungen, die sich die Menschen auferlegen, „um ihren Beziehungen mit anderen eine gewisse Ordnung zu verleihen“[3], so werden nun – beim freien Verkauf – Regeln notwendig, die immer unpersönlicher werden, bis letztlich die soeben erwähnte Anrufung Dritter möglich – und das heißt auch: eine Entscheidung erzwingbar – wird; die Quelle des Anwachsens des Juristenstandes. Dies scheint mir die Nahtstelle zu sein, an der die Aussagen von Field und Higley eingesetzt werden können. [4]

Herrschende Eliten sind grundsätzlich nicht nur an der Verteidigung und Erhaltung ihrer Macht, sondern auch an deren Ausdehnung interessiert. Sie mögen aus den verschiedensten Gründen nicht an letzterer arbeiten, aber die Grundidee wird stets – und sei es als Wunsch – präsent sein. Hier gibt es nun zwei Haupthindernisse: erstens das Eingeengtsein zwischen anderen Herrschenden, die ebenso denken, was für eine erhebliche Zeit zu einem Gleichgewicht der Kräfte führen kann, das sich nur nach außen als Ruhezustand darstellt; und zweitens das Reservoir an Nicht-Eliten, über die die Herrschenden verfügen. Dieses Modell gilt für die Burgherrschaft insbesondere, aber auch für die von Patriziern in ihrem Einfluss gehaltene Stadt. Dieser Zustand der scheinbaren Ruhe unter Zwangsbedingungen kann nur durchbrochen werden durch die Eröffnung einer neuen Dimension von „Ausweitung“, für die allerdings auch Nicht-Eliten gewonnen werden müssen, sofern das möglich ist. Auf den Ebenen der traditionalen Gesellschaften vom Typ 1 und 2 ist das nicht oder nur sehr begrenzt möglich. Neue Möglichkeiten deuten sich – besonders für die Städte, aber viele Feudalherren folgen ihnen wenigstens auf militärischem Gebiet – mit dem langsamen Anstieg von Anzahl und Niveaus von Erfindungen an, die zunehmend nicht mehr unter dem Druck der Zünfte, Gilden oder sonstiger Zwangsverbände gehalten werden können, was auch mit der allmählichen Ausdehnung von Markt-Handel-Fernhandel zu tun hat.

Alle diese Tätigkeiten, vom „Erfinden“ bis zum Handeln über die lokalen Grenzen hinaus, erfordern Fähigkeit und Mut zum Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen, das heißt Mut zu neuen Investitionen – selbstverständlich im Zusammenspiel mit nachlassender Macht der alten Institutionen, derartiges Verhalten zu verhindern. Die bekannteste Sprengkraft zur Entwicklung solcher innovationsgünstiger Situationen ist bekanntlich das Geld. Weniger wird meist an jene Macht gedacht, durch die sowohl der traditionale gesellschaftliche Verbund zerrissen als auch die gesellschaftliche Kontrolle entscheidend herabgesetzt werden: das schon erwähnte Bevölkerungswachstum, das von der traditionalen Gemeinschaft nicht mehr bewältigt werden kann, sowohl was die Lasten anbelangt als auch – über gegenseitige Hilfe hinaus – die soziale und kulturelle Kontrolle. Die alten Kontrollmechanismen werden durch das Auseinanderdriften der Menschen lahmgelegt.

Das ist die Zeit für neue Organisation und neue Investitionen. Das bedeutet gleichzeitig ein Wechselspiel von erhöhten und verringerten Transaktionskosten: Alte und insbesondere neue Eliten drängen auf eine Verringerung von Transaktionskosten, zum Beispiel in der Produktion von Sachgütern, die in großen Mengen hergestellt werden sollen: hier Waffen, dort Leinen. Das geschieht durch Forcierung der Arbeitsteilung, Einführung des Verlagswesens und dann der Fabrik. Die in diesen Sog hineingezogenen Arbeiter-Bauern zahlen vorerst mit erhöhten Transaktionskosten. Ein sehr spätes Beispiel findet sich noch in Zolas Roman-Gemälde der nachts auf Paris zurollenden schwerfälligen Wagen mit Lebensmitteln und todmüden Bauern, die vermittels dieser hohen Transaktionskosten einerseits überleben, andererseits die „Hallen“ in Paris ermöglichen, das heißt ein Distributionssystem erheblich herabgesetzter Distributionskosten. Das geht nur, weil den Eliten eine noch traditional erzogene, aber unterdessen mehr und mehr auf sich zurückgeworfene Bevölkerung gegenübersteht: Nicht-Eliten, die im Begriff sind, den „innengeleiteten“ Charaktertypus auszubilden, das heißt, trotz aller noch an ihnen hängenden Fäden der alten Kultur und der alten Subkulturen nicht mehr auf die traditionalen äußeren Mechanismen sozial-kultureller Kontrolle zu achten. In diesem Klima verändert sich also nicht nur die Gesellschaft und wird Gesellschaft in bisher nicht gekanntem Ausmaß formbar; es verändern sich auch die Menschen; und das bedeutet für viele eine neue Unterwerfung, aber auch – in absoluten Zahlen gerechnet – für viele eine bislang ungeahnte Expansionsmöglichkeit. Die Menschen können sich in neuer Weise „ausdehnen“. Das bedeutet schon früh – wie Hendrik von Loon in seinem Rembrandt-Buch für 1620 plastisch schildert[5] –, dass der Gedanke der Machbarkeit gängig werden kann.

Um diese Zeit entwickeln sich Prozesse der Monopolisierung der Gewalt (der „Königsmechanismus“ nach Norbert Elias), durch die jene „befriedeten Räume“ entstehen, die „verlängerte Handlungsketten“ zulassen, wodurch jener Prozess der Rationalisierung befördert wird, dem Max Weber (und andere) so große Aufmerksamkeit in Verbindung mit der Erforschung der Beweggründe für die Entwicklung des Kapitalismus widmeten. Die Bedingungen für „Machbarkeit“ verbessern sich damit, und es vergrößern sich die Spielräume für „freies Denken“.

Versuche, sich im Denken über soziale Zwänge und Beengungen hinwegzusetzen, die als unangenehm und unangemessen empfunden wurden, hat es vermutlich immer und überall gegeben. Es kam darauf an, wie durchlässig eine Gesellschaft dafür war. Jetzt wird die Gesellschaft in hohem Maße durchlässig; daher bemächtigt sich das Denken der bisher tabuierten Fragen. Neben „theoretischen“ Äußerungen kann das am ehesten im praktischen Bereich der Prototechnik geschehen; Ergebnisse hier wirken wieder auf „Theorie“ zurück; die Empirie drängt vor. Und sie verbindet sich mit dem Protokapitalismus, in dem sich nun sozusagen technische Empirie und Handelsorientierung ineinander drehen und gegenseitig fördern. Es beginnt die Hoch-Zeit jener Basiserfindungen, die moderne Technikentwicklung erst ermöglichen – Ogburn zählt weit über zweitausend Erfindungen auf, die notwendig waren, damit die Lokomotive hergestellt werden konnte. [6]

Diese Bewegung kann wieder nicht gedacht werden ohne den Schub des Bevölkerungswachstums, der zum Zerreißen der alten Zusammenhänge und zu einer Kategorienkris[7]7führt, und zwar nicht nur im Hinblick auf religiöse Vorstellungen von Rang und Leistung. Diese Destabilisierung bringt mit den bekannten Spannungen einerseits schwere Auseinandersetzungen mit sich, die in vielfacher Hinsicht „Grenzüberschreitungen“ sind, andererseits aber auch jene Ausdehnungsmöglichkeiten, die neue Organisation zulassen und zu neuen Investitionen ermutigen. Dieses „spannende“ Klima neuer Offenheit und Rationalität führt zum praktischen Verhalten der Reduktion der Transaktionskosten in Produktion und Distribution – mehr und mehr mit Hilfe der praktisch eingesetzten Technik, so schwerfällig sie zu Anfang auch sein mochte. Theoretische Überlegungen über die Hintergründe des „Wohlstands der Völker“ folgen, wie auch alle sozialpolitischen Theorien den von „Machern“ produzierten Situationen und Erscheinungen folgen werden.

Der Markterweiterung folgt die genannte Verbindung von empirischer Forschung, dann Technik, zur Verbesserung des Transportwesens und zur Gründung von Fabriken, dem ersten wichtigsten Ort der Reduktion der Transaktionskosten, und der Fabrik folgt als zweiter Ort der Reduktion von Transaktionskosten das Kaufhaus („Magazin“). Theoretisch gestützt wird das System durch die Betonung der Bedeutung der Arbeitsteilung, sozusagen „von unten“ her, und „von oben“ her durch die Idee der „invisible hand“, sozusagen die Organisationsidee „an sich“ des Marktes bei freier Konkurrenz. Praktisch musste der moderne Markt aber erst durchgesetzt werden; und das war nun möglich, weil die aus den traditionalen Netzen der

„social control“ entlassenen Menschen einerseits nur noch nach „inneren Werten“ sich richten konnten (der Beginn der „inner-directedness“), andererseits aber in so prekärer Lage waren, dass man sie formen konnte. Das hieß nichts anderes, als sie unter Druck, wenn nicht Zwang mit den neuen Rhythmen des Arbeitens mit neuen Genauigkeits- und Ausdauernormen so bekannt zu machen, dass sie zwar nicht vertraut, aber routiniert wurden. Dies alles können die alten Eliten nicht ohne weiteres. Es rücken die neuen Eliten – voran die „Nonkonformisten“ – ein, die die Wende von der vor-newtonschen Wissenschaft und Technik zur praktisch angewandten nach-newtonschen Technik bewirken. [8] Dass diese Wende durch jene Zeit markiert wird, in der – nach der „Glorious Revolution“ im Übergang zum 18. Jahrhundert – das erste Mal in der menschlichen Geschichte ein Konsensus zwischen verfeindeten Eliten möglich ist, der zu bindenden Regeln führt, innerhalb deren ein Machtwechsel nun ohne Blutvergießen stattfinden kann (Popper!), sei nur angemerkt.

Aber es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass dieses neue politische Organisationsmodell mit steigender Produktion, dann Produktivität, das heißt Wohlfahrt von immer mehr Menschen (im Vergleich zu früher), zusammenhängt, dass sich aber – darin eingebettet ein „Motor“ des langsam immer besser funktionierenden Zusammengehens von Kapitalismus und Demokratie entwickelt. Denn mit steigender Produktivität nimmt zugleich in den technisch fundierten Gewerben die Anzahl der höher Geforderten zu: Betriebsleiter, Werkmeister, höher qualifizierte Arbeiter. Und mit den steigenden Ereignismassen wächst der Bedarf an Organisatoren aller Art und auf allen Ebenen in Verwaltung, Kauf, Verkauf, Distribution, überhaupt an Dienstleistungen: Positionen für Aufstieg und Profilierung. Dieser Prozess erreicht es, dass die Zahl der Zufriedenen weit über die Anzahl der Altprivilegierten steigt, so dass es keinen Elitenstau gibt. Und das ist eine Voraussetzung für die Entwicklung von Demokratie. [9] Dieses Ziel wird allerdings nur über die erwähnte „Selbstausbeutung“ der „Macher“ erreicht. Das heißt, es gibt einen Punkt, an dem die Mechanismen der Reduktion von Transaktionskosten nicht greifen: Die Arbeitswelt des „Kapitalisten“, des „Managers“. Es ergibt sich das seltsame Bild, dass die entschiedene Reduktion von Transaktionskosten durch neue Schichten von Organisatoren zu einem erheblichen Teil deren freiwilliger Selbstbelastung zu verdanken ist. Dies ist offenbar ein wichtiger Anteil jenes „Kapitals“, das zum Ingangsetzen und Verflüssigen protoindustrieller Zustände eingesetzt werden konnte. Max Webers Protestantische Ethik weist dazu beeindruckende Beispiele auf, obwohl Rostow zuzustimmen ist, dass dieses „Kapital“ aus den unterschiedlichsten Quellen floss.

Die neuen Techniken der Reduzierung von Transaktionskosten entwickelten sich in der Phase, in der durch höhere Produktion und dann Produktivität der „Reichtum der Nationen“ (= Industrienationen) wuchs und zugleich ein unerwartetes Bevölkerungswachstum die Arbeitskraft verbilligte, das heißt vermehrt anbot. Diese in sich gegenläufige Entwicklung verlangsamte zeitweise das Tempo der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung. Daher formierte sich nach der Entstehung der Fabrik als erster Stufe der Reduzierung von Transaktionskosten (Prototyp waren natürlich der Markt und das Verlagswesen) die zweite Stufe der Reduktion, das heißt die Entstehung von Warenhäusern, nur langsam.

Wohl erst in derjenigen Zeit, die Hans Achinger in Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik so vorzüglich schildert[10], war die nächste Stufe reif: als nämlich das Realeinkommen der Arbeiter und Angestellten so gestiegen war, dass eine Abschöpfung zur Umverteilung in „Sozialpolitik“ möglich war und akzeptiert wurde. In dieser Phase (ca. 1900) entstanden die Versandhäuser als weitere Stufe der Reduzierung von Transaktionskosten, Vorläufer des – technisch bedingt – viel späteren „Teleshopping“.

  • [1] Douglas North, Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen 1992.
  • [2] Ebd., S. 41
  • [3] Ebd., S. 43
  • [4] H. Field und L. Higley, Eliten und Liberalismus, 1983.
  • [5] Hendrik von Loon, Der Überwirkliche, 1931.
  • [6] W. Ogburn, Social Change with Respect to Culture and Original Nature, New York 1923.
  • [7] Hier nach Majorie Garber, Verhüllte Interessen, Frankfurt am Main 1993, S. 31 ff.
  • [8] Ich beziehe mich hier auf Walt Rostow, Stadien wissenschaft n Wachstums, Göttingen 1960.
  • [9] Siehe hierzu vom Verfasser, Kapitalismus und demokratische Kultur, Frankfurt am Main 1993, sowie Field und Higley, Eliten und Liberalismus, a.a.O.
  • [10] Hans Achinger, Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik, Hamburg 1958.
 
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