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Einleitung: Strukturelle Evolution und das Weltsystem

Theorien, Sozialstruktur und evolutionäre Entwicklungen

Gerhard Preyer

„I do think one can be a first-rate interpreter of any current social situation without comparative and evolutionary perspective nor, vice versa, that one can be a good comparativist or evolutionist without the deepest concern for one's one society and the ›meaning‹ of its characteri-

stics and trends of change.“

Talcott Parsons

Die „kulturellen Orientierungen der Moderne und die Institutionen der modernen Gesellschaften, die eine kurze Geschichte haben, werden heute herausgefordert und geprüft. Die moderne Kultur und ihr Wertsystem ist in den USA, in England, in Frankreich, in Deutschland und in Nord- und Südeuropa unterschiedlich ausgeprägt worden. In diesen Gesellschaften haben sich die Institutionen der politischen Demokratie, der Wirtschaftsorganisation und ihrer Stile, des Wissenschaftssystems und der Erziehung in unterschiedlicher Weise entwickelt. Wir leben heute in den westlichen Ländern in einer neuen Art von Übergangsgesellschaft, in der die genannten Gesellschaften durch eine globale Interdependenz strukturell verändert werden. Durch die modernen Kommunikationstechnologien entstehen neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation und Organisation, der politischen Regelungen und der Kommunikationsstrukturen (Vernetzung). Wir sprechen heute nicht mehr nur von der Europäisierung und Amerikanisierung, sondern auch von einer Japanisierung und in einem ironischen Sinne von Brasilianisierung, einer Reemergenz von Festungsformationen und räumlichen Segregationen von verschiedenen sozialen Gruppen in globalen Städten.

Die Situation der evolutionstheoretischen Forschung und der Entwicklung von Gesellschaftstheorien stellt sich heute dahingehend dar, daß die klassische Theorie der strukturellen Evolution und Differenzierung, die unilineare Entwicklungstheorie von Gesellschaften, aber auch die Differenzierungstheorie des soziologischen Funktionalismus weitgehenden Einwänden ausgesetzt ist. Dies betrifft nicht nur ihre teleologischen und geschichtsphilosophischen Annahmen, sondern auch eine Infragestellung der angenommenen grundlegenden Einheiten (Gesellschaften), denen Sozialwissenschaftler evolutionäre Entwicklungen zugeschrieben haben. Von Interesse ist dabei auch, inwieweit die soziologische Evolutionstheorie, die auf H. Spencer zurückgeht, einer Überprüfung standhält. Sie besagt vereinfacht, dass die Entwicklung und Dynamik sozialer Systeme durch strukturelle Mechanismen zu erklären ist. Es stellt sich somit für die Gesellschaftstheorie die grundlegende Frage, ob und in welchem Ausmaß strukturelle Evolution die Rahmentheorie einer soziologischen Evolutionstheorie abgibt. Die durch die Ausbreitung des Weltsystems und durch die dadurch bedingte Komplexitätssteigerung des modernen Gesellschaftssystems veränderte Situation der soziologischen Theoriebildung wird in dem vorliegenden Band im Hinblick auf drei Schwerpunkte erörtert: „Zentrum und Peripherie – institutionelle Entwicklungen – askriptive Solidarität“, „Die Evolution politischer Ordnungen“ und „Zur Soziologie des Weltsystems“.

 
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