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6.4 Ergebnisse

Um einer Strukturierung zu folgen orientieren sich die folgenden Interpretationen an den Unterfragen der Forschungsfrage. Somit wird zunächst der Prozess der Fremdunterbringung mit den theoretischen Ausführungen dazu verglichen und interpretiert. Des Weiteren werden die Zeit während und nach der Fremdunterbringung, vor allem hinsichtlich Kontakt zur Herkunftsfamilie sowie zum/zur Sozialarbeiter/in, erörtert. Abschließend werden die persönlich erlebten Auswirkungen der grundlegenden Theorie gegenübergestellt.

Für den Prozess der Fremdunterbringung wurde im theoretischen Teil sowohl aufgrund der gesetzlichen Basis aber auch gemäß den wünschenswerten Arbeitsweisen der Jugendwohlfahrtssozialarbeiter/innen darauf hingewiesen, dass betroffene Personen so weit als möglich in die Maßnahme mit einbezogen werden sollen. Bei zwei der Interviewten kann angedacht werden, dass diese aufgrund von Gefahr in Verzug untergebracht wurden, wobei dies nur Vermutungen sind, basierend auf den Schilderungen der Betroffenen über den damaligen Ablauf. Einer der Befragten erzählte zum Beispiel, dass die Polizei, der Doktor und das Jugendamt beschlossen, dass er nicht bei seiner Mutter bleiben kann und ihn somit vorerst in ein Heim brachten, von wo aus er dann in eine Pflegefamilie kam. Ähnlich war es bei demjenigen, der mit drei Jahren nach einer kurzen Zeit im Heim in eine Kinderdorffamilie kam. Der heute 73-Jährige wurde zwar ebenfalls im ersten Lebensjahr fremd untergebracht, jedoch deuten seine Erzählungen eher darauf hin, dass seine Mutter ihn freiwillig in eine Pflegefamilie gab, da sie aufgrund der prekären Verhältnisse als alleinerziehende Frau eines ledigen Kindes zur damaligen Zeit wahrscheinlich größere Chancen für sich selbst und den Minderjährigen sah, wenn dieser nicht bei ihr leben würde.

Somit konnten diese drei Kinder, schon allein aufgrund ihres damals noch jungen Alters, nicht in die Entscheidung und Planung der Fremdunterbringung miteinbezogen werden. Bei zumindest jenen beiden Fällen, in denen von einer kurzfristigen Maßnahme aufgrund von Gefahr in Verzug ausgegangen wird, hatten wahrscheinlich auch die Mütter keine Möglichkeit den Prozess mitzugestalten und die Väter waren gemäß den Angaben der Befragten nicht zugegen. Aufgrund der lange zurückliegenden Fremdunterbringung des heute 73-Jährigen aus Interview 2, kann nur schwer nachvollzogen werden, ob und wie weit diese Kindesmutter damals ein Mitspracherecht bezüglich der Unterbringung ihres Kindes hatte. Basierend auf den Ausführungen Schreibers über früher herrschende Zustände im Fürsorgewesen278 kann jedoch vermutet werden, dass auch diese Frau eher akzeptieren musste, was unternommen wurde und wenig bis keinen Einfluss darauf hatte.

Die beiden Interviewten welche mit neun beziehungsweise 15 Jahren in Einrichtungen untergebracht wurden, erzählten von Einrichtungsbesichtigungen und Mitentscheidungen. Zwar konnte die Mitentscheidung, besonders im Fall des Neunjährigen, die Fremdunterbringung nicht verhindern, aber in beiden Fällen fand eine Vorbereitung hinsichtlich des künftigen Verbleibs statt und zumindest die Wünsche des damals 15Jährigen wurden berücksichtigt. Auch die jeweiligen Großeltern der damals Minderjährigen wurden in unterschiedlichem Ausmaß eingebunden und vor allem der mögliche Verbleib bei diesen hinterfragt, was jedoch bei beiden nicht vollziehbar war.

Die als Kinder fremd untergebrachten Interviewteilnehmer konnten allesamt verstehen, warum die Fremdunterbringungen notwendig waren. Auch wenn Interviewpartner 3 immer wieder betont, dass dies alles schlechter gemacht habe und die Verantwortung dafür bei der Jugendwohlfahrt sieht, so tätigte jedoch auch er die Aussage, dass es nicht anders gegangen wäre und vor allem seine Großeltern mit der Maßnahme einverstanden gewesen seien, da er nicht bei ihnen hätte bleiben können.

Nur zwei der fünf Befragten konnten sich an eine Unterstützung vor der Fremdunterbringung erinnern, welche einer Unterstützung der Erziehung im Rahmen der Hilfen zur Erziehung gleichkommt. Einer berichtet von regelmäßigen Besuchen zweier Personen mit welchen er spielte, was einer ambulanten Betreuung nahe kommt und eine stand ablehnend gegenüber einer Frau, welche Mittags zum Kochen gekommen wäre. Dies könnte eine Familienhelferin gewesen sein, um bei der Strukturierung des Alltags zu helfen. Andere erwähnte, rein finanzielle Beihilfen, fallen nicht unter Unterstützung der Erziehung. Somit kann angenommen werden, dass bei den anderen drei Familien, die Anwendung eines gelinderen Mittels nicht zum Tragen kam beziehungsweise aufgrund der angenommenen Gefahr in Verzug oder auch des freiwilligen Weggebens des Minderjährigen, wahrscheinlich nicht möglich war.

An den Abschied von der Herkunftsfamilie können sich drei Befragte erinnern, wobei einer in seinem Heimatort bleiben konnte und somit laut eigenen Angaben keinen Trennungsschmerz aufgrund der Fremdunterbringung, sondern wegen des Ablebens der Kindesmutter verspürte. Bei den beiden anderen waren die Wahrnehmungen unterschiedlich. Jener, der mit seinen Geschwistern ins Kinderdorf kam, habe sich gleich wohlgefühlt und keine Sehnsucht nach der Mutter oder dem Herkunftsort verspürt. Lediglich die neunjährige Schwester, welche bis zur Fremdunterbringung die Hauptbezugsperson des Betroffenen war, wurde vermisst. Dies kommt im Interview jedoch erst auf Nachfragen zur Sprache. Bowlby zufolge wäre dieser mit seinen drei Jahren etwa im Übergang von der dritten in die vierte Phase der Bindungsentwicklung gewesen. 279 Verknüpft man diese Aussage mit den Ausführungen im theoretischen Teil, so hätte die Trennung für diese Person sehr schmerzhaft sein müssen, da bereits eine starke Bindung zur Bezugsperson bestanden haben müsste. Da die Kindesmutter jedoch offensichtlich aufgrund ihrer Abwesenheit oder auch der fehlenden Reaktionen auf die Bedürfnisse des Betroffenen nicht als primäre Bezugsperson betrachtet werden kann, könnte dies eine Erklärung für die fehlende Sehnsucht nach dieser sein. Die Rolle der primären Bezugsperson hat den Beschreibungen nach die neunjährige Schwester eingenommen. Weil diese allerdings selbst noch ein Kind war, auf drei sehr junge Geschwister aufpassen musste und damit bestimmt überfordert war, wird auch sie nicht in der Lage gewesen sein, allen Bedürfnissen der kleineren Kinder gerecht zu werden. Somit könnte sie als nicht sehr stabile Bindungsperson betrachtet werden, deren Verhalten nicht immer nachvollzogen und verstanden werden konnte.

Entsprechend den Forschungen von Ainsworth kann dies zu einem unsichervermeidenden Bindungsstil führen, welcher dadurch gekennzeichnet ist, dass Kinder vom Verlassen oder einer Rückkehr der Bezugspersonen unbeeindruckt bleiben sowie den Kontakt mit Fremden nicht als unangenehm empfinden. 280 Dies kann ansatzweise auf den hier beschriebenen Fall übertragen werden, ohne dabei eine Aussage über einen eventuell entwickelten Bindungsstil tätigen zu wollen. Nimmt man dazu noch an, dass die Bedürfnisse der Kinder in der Kinderdorffamilie optimal erkannt und befriedigt wurden, wird besser nachvollziehbar, warum sich der Betroffene gleich zuhause und wohl gefühlt hat.

Interviewteilnehmer 3 berichtet von einer schmerzhaften Anfangsphase in der Einrichtung und empfand die Trennung als belastend. Dieser war damals neun Jahre alt, hatte das Ableben der Kindesmutter sowie die Trennung von den älteren Geschwistern und den Großeltern und den Umzug in einen 70 Kilometer entfernten Ort zu verkraften, wobei dieser eigentlich bei den Großeltern bleiben wollte und somit unfreiwillig seinen Heimatort verlassen musste. Er berichtet jedoch auch von netten Erzieher/innen und einer schönen Zeit, besucht diese Einrichtung und die Betreuer/innen auch aktuell noch und scheint eine Beziehung zu diesen aufgebaut zu haben. Somit trifft die Annahme Bowlbys, dass Kinder in Heimen keine Möglichkeit haben Bindungen zu Betreuer/innen aufzubauen281 im konkreten Fall nicht zu.

Rutter zufolge gelingt es älteren Kindern besser zu verstehen, warum sie die Familie verlassen müssen, wodurch dies auch leichter verkraftet werden kann.282 Interviewpartner 3 berichtet, dass er, heute wie auch damals schon, verstanden habe, dass ein Verbleib bei den Großeltern nicht möglich gewesen sei, obwohl dies sein Wunsch gewesen wäre und Interviewpartner 1, dessen Mutter starb als er 15 Jahre alt war, verstand nicht nur die Notwendigkeit einer Jugendwohlfahrtsmaßnahme, er war auch dankbar für diese Möglichkeit, zumindest drückt er dies heute so aus.

Rutter weist außerdem darauf hin, dass sehr junge Kinder (Babys) die Trennung von Bezugspersonen nicht begreifen können und aufgrund der noch fehlenden hauptsächlichen Bindung zu ihnen, können sie dieses oft traumatische Erlebnis stressfreier verarbeiten. 283 Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass einer der beiden Interviewten, welcher schon im ersten Lebensjahr von seiner Mutter getrennt wurde, eine ihm zufolge liebevolle und feste Bindung zu seinen Pflegeeltern aufbauen konnte und diese als seine Eltern betrachtet. Zu seiner Mutter habe er keine Bindung im Sinne einer MutterKind-Beziehung.

Bezüglich der Kontakte zu den Personen aus der Herkunftsfamilie ist auffallend, dass die Väter in sämtlichen fünf Fällen bereits vor der Fremdunterbringung kaum oder gar nicht präsent waren. Zwar konnte zu den vier Vätern, die nicht kurz nach der Jugendwohlfahrtsmaßnahme verstarben, nach und nach Kontakt aufgebaut werden, jedoch wurde dieser nur sporadisch aufgenommen und wird von den Betroffenen nicht als Ressource beschrieben. Einzig das Pflegekind welches erst mit 18 Jahren seinen Vater kennen lernte, trifft diesen auch aktuell noch und hat eine Beziehung zu diesem aufgebaut.

Besuche zwischen den Befragten und ihren Geschwistern wie auch ihren Müttern beziehungsweise in zwei Fällen den Großeltern, gab es auch nach der Fremdunterbringung bei vier Interviewpartnern, wobei jene beiden mit den Großeltern den regelmäßigeren Kontakt hatten und die Bindung zu diesen auch als wichtig und stark empfunden wurde. Die anderen beiden Befragten, welche ihre Mütter sehen konnten, schränkten die Zusammentreffen mit der Zeit ein und geben an, zu ihren Pflegeeltern oder im anderen Fall zur Kinderdorfmutter eine stärkere Bindung aufgebaut zu haben und diese als Eltern zu betrachten.

Hinsichtlich der Unterbringung des damals dreijährigen Minderjährigen treffen die Aussagen von Wintersperger zu. Dieser hat sich schnell an die neue Umgebung gewöhnt und konnte sich anpassen. Jedoch widerspricht sein Verhalten ihren weiteren Ausführungen. Demnach hätte die Bindung zur Kindesmutter weiterbestehen müssen und vor allem hätte die empfundene Loyalität der Mutter gegenüber, verstärkt durch das fehlende Einverständnis zur Unterbringung, zu einer Verteidigung dieser führen müssen, was die Anpassung an das neue System erschwert hätte. 284 Dem war jedoch nicht so. Der Betroffene konnte schnell eine Bindung aufbauen und betonte mehrmals die Uneinsichtigkeit der Kindesmutter, was ebenso ein Grund für die Einschränkung der Besuche seitens des damals Minderjährigen war. Jedoch ist nicht nachvollziehbar, ob der Interviewte dies im Nachhinein so wahrnimmt oder ob er tatsächlich ohne Trennungsschmerz bei der Kinderdorfmutter blieb.

Über die Kontakte zu den Sozialarbeiter/innen der Jugendwohlfahrten ließen sich interessante Erkenntnisse finden. So konnten sich drei Befragte kaum oder gar nicht an diese erinnern, wobei einer von diesen sehr wohl regelmäßig von dem Jugendwohlfahrtsmitarbeiter besucht wurde, nur nahm der Betroffene diesen nicht als Sozialarbeiter wahr. Er empfand die Besuche und Treffen als angenehm, verband mit dem „Freund der Familie“285 jedoch nicht die Jugendwohlfahrt. Jener Interviewpartner wel- cher mit seinen Geschwistern im Kinderdorf aufwuchs, ist der Meinung, dass immer „alles gepasst“286 habe und deshalb nie jemand kam. Ob dieser vielleicht auch nur zu wenig verstanden hat, beziehungsweise zu wenig darüber aufgeklärt wurde, wer von der Jugendwohlfahrt ist oder ob tatsächlich nie ein Kontakt stattfand, kann aufgrund des Interviews nicht bestimmt werden.

Jene beiden, welche die zuständigen Sozialarbeiter/innen kannten, berichteten von Anrufen, Postkarten zu bestimmten Anlässen und regelmäßiger Nachfrage ob alles in Ordnung sei. Da einer der beiden der Jugendwohlfahrt und somit der/dem zuständigen Sozialarbeiter/in die Verantwortung an der Fremdunterbringung, seinem immer noch bestehenden Heimweh und der gesamten, negativ beurteilten Situation gibt, war es ihm nicht möglich zu dieser/m ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Erst nach einem Wechsel der Sozialarbeiter/innen konnte er sich auf die Unterstützung durch die Jugendwohlfahrt einlassen, da die/der neue Sozialarbeiter/in nicht mehr direkt mit der Fremdunterbringung in Verbindung gebracht wird.

Die Frage nach den wahrgenommenen Veränderungen im Leben der Betroffenen war für diese schwer zu beantworten. Der heute 73-Jährige konnte trotz der vielen negativ erlebten Einrichtungs- und Familienwechsel das Gemeinschaftsgefühl im Kinderdorf schließlich als positiv erleben. Daraus lässt sich schließen, dass auch Kinder, welche diese Erfahrung nie gemacht haben, sich nach Zugehörigkeit sehnen. Bowlby führt dazu aus, dass aus dem Hass auf die Eltern, da diese einen verlassen haben und aus der Angst von anderen wieder verlassen zu werden, eine soziale Unangepasstheit entstehen kann, welche es verhindere, ernste und feste Beziehungen zu anderen aufzubauen. 287 Inwiefern die Entwicklung von beständigen Beziehungen dem Betroffenen tatsächlich gelungen ist, kann nicht nachvollzogen werden. Sehr wohl berichtet er jedoch von der Gemeinschaft im Kinderdorf, von den gemeinsamen Aktivitäten wie auch von späteren Erlebnissen mit Menschen, zu denen er sich zugehörig fühlte. Dies war für ihn eine positive Veränderung, vor allem aufgrund der Unterbringung im Kinderdorf. Nicht alle von den Interviewten wahrgenommenen Veränderungen können eindeutig auf die Fremdunterbringung zurückgeführt werden. Der Befragte aus Interview 3 berichtet zum Beispiel von dauerhaften Verschlechterungen hinsichtlich seines sozialen Herkunftsumfeldes aufgrund des Umstandes, dass er als Neunjähriger in einer entfernten Einrichtung untergebracht wurde. Dies sieht er auch als Auswirkung auf sein jetziges Leben. Er sehne sich danach wieder in seinem Heimatort zu leben, gehe aktuell nur zum Arbeiten und Einkaufen aus dem Haus und warte bloß, bis der andere Elternteil der gemeinsamen Tochter die Lehre beendet hat, um endlich umzuziehen. Er spricht davon, dass es ihm gar nicht gut gehe und dies auch vom Arzt bestätigt wurde. Fasst man dies zusammen könnte man annehmen, dieser Interviewpartner leide an Depressionen als Folge des Wohnortswechsels aufgrund der Fremdunterbringung. Dies erinnert an die mehrfach zitierten Forscher/innen welche Depressionen sowie weitere psychische Erkrankungen als Folge von traumatischen Trennungssituationen vom Herkunftssystem, vorwiegend von der primären Bezugsperson, beschrieben. Jedoch weist unter anderem auch Schleiffer darauf hin, dass die Entstehung psychischer Krankheiten ebenso auf schlechte Bindungserfahrungen an sich zurück geführt werden können.288

Da die Kindesmutter von Interviewpartner 3 vor ihrem Ableben an einer Suchterkrankung litt und die Familie Unterstützung durch die Jugendwohlfahrt im Rahmen der Unterstützung der Erziehung erhielt, kann angenommen werden, dass der Erziehungsaufgabe nicht ausreichend nachgekommen wurde und negative Erfahrungen in der Bindungsentwicklung gemacht wurden. Daher ist nicht klar abzugrenzen ob die Ursachen für aktuell erlebte depressive Verstimmungen des Betroffenen in der Fremdunterbringung an sich oder in den Erlebnissen hinsichtlich der Mutter-Kind-Beziehung liegen.

Interviewpartner 4 erzählt von positiven dauerhaften Veränderungen wie das Aufholen des früher vorliegenden Entwicklungsrückstandes in der Kinderdorffamilie. Der Betroffene nimmt an, dass dies in der Herkunftsfamilie nicht möglich gewesen wäre. Auch der Befragte aus Interview 1 ist der Meinung, dass die Fremdunterbringung zu einem günstigen Lebensverlauf beigetragen hat.

Vergleicht man diese Erinnerungen und die Beschreibungen der Situationen vor der Fremdunterbringung, so kann beobachtet werden, dass in einigen Bereichen positive Entwicklungen stattgefunden haben. Interviewpartner 3 hatte beispielsweise zu Beginn seiner Unterbringung in der Einrichtung wie auch vorher, Probleme sich an Regeln und Vorgaben zu halten. Kleinere Diebstähle bereits vor dem 10. Lebensjahr sowie fehlerhaftes Verhalten mit der Konsequenz eines Einrichtungswechsels, was ihn sehr bedrückte, tauchen in seinen Erzählungen auf. Überträgt man dies auf die Theorie von Bowlby, dass negative Bindungserfahrungen vor allem mit der Folge eines Heimaufenthaltes, zu kriminellem Verhalten führen,289 so ist die Verlockung groß, dies unmittelbar darauf zurückzuführen. Da der damals Minderjährige sich in seinem Verhalten jedoch nach und nach verbesserte und dies trotz des Umstandes, dass er weiterhin in Einrichtungen aufwuchs, ist dieser Rückschluss nicht zweifelsfrei möglich. Gegenwärtig lebt der Befragte mit seinem Kind und dem anderen Elternteil zusammen in einer Mietwohnung und geht einer regelmäßigen Arbeit nach. Somit kann nicht generalisierend behauptet werden, dass Fremdunterbringungen sowie schlechte Erfahrungen bezüglich Bindungsentwicklung zwangsläufig zu einem schlechten Lebensverlauf mit kriminellen Tendenzen und Isolationsverhalten führen.

Auch die anderen Interviewten haben alle eine Ausbildung abgeschlossen und stehen in einem Arbeitsverhältnis beziehungsweise kümmert sich einer darum nachdem er Bundesheerbedingt derzeit arbeitslos ist. Außerdem leben vier von fünf selbstständig in einer Wohnung und kümmern sich um ihre Lebenserhaltungskosten. Zwei der Interviewten leben in einer Partnerschaft mit Kind und alle berichten von einem guten sozialen Umfeld, wenn auch einer unter der Entfernung zu diesem leidet. Dies alles kann natürlich wiederum nicht kausal mit der Fremdunterbringung in Verbindung gebracht werden, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass dies bei einem Verbleib in der Herkunftsfamilie genauso möglich gewesen wäre. Es lässt sich somit aber sehr wohl zusammenfassen, dass sich eine Fremdunterbringung nicht zwingend negativ auf den Verlauf des Lebens von Betroffenen auswirken muss.

Bei der Frage nach der Beurteilung der Jugendwohlfahrtsmaßnahme aus der Retrospektive, welche im eigentlichen Sinn auch die übergeordnete Forschungsfrage darstellt, konnten überraschende Feststellungen gemacht werden. Alle Interviewteilnehmer, bis auf jenen aus Interview 3, beurteilen die Maßnahme durchwegs als positiv, hilfreich und für sie passend. Aufgrund bisher gemachter Erfahrungen im Bereich der Jugendwohlfahrtssozialarbeit wurde angenommen, dass mehr Kritik und Beanstandungen an diese Behörde laut werden würden. Einzig Interviewpartner 3 beurteilte die Fremdunterbringung als negativ, wobei er gleichzeitig von positiven Effekten, schönen Zeiten in der ersten Einrichtung, immer noch bestehende Kontakte zu Betreuer/innen aus der ersten sowie aus der letzten Institution und auch von Unterstützung durch die/den zuständige/n Sozialarbeiter/innen berichtete. Er gibt indirekt der Jugendwohlfahrt die Schuld am Ableben seiner Mutter, wodurch es ihm nicht möglich ist die positiven Seiten der Fremdunterbringung offen darzulegen, obwohl er diese auf Nachfragen sehr wohl erkennt.

Alle anderen waren dankbar für die Chance die ihnen die Maßnahme lieferte. Auch der heute 73-Jährige war schlussendlich froh ins Kinderdorf gekommen zu sein, trotz seinen ebenso negativen Erfahrungen im Rahmen der Fremdunterbringung.

Aus der Retrospektive gelingt es also beinahe allen Interviewteilnehmern die subjektiv erlebte Fremdunterbringung positiv zu beurteilen.

 
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