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6.3.4 Bewertung aus der Retrospektive

Um der Beantwortung der Forschungsfrage näher zu kommen, musste im Interview auch auf die persönliche Bewertung der Maßnahme aus der Retrospektive eingegangen werden. Dabei wurde vor allem erfragt was die Betroffenen im Nachhinein als positiv beziehungsweise negativ beurteilen und welche Veränderungen sie dadurch in ihrem sozialen Umfeld erlebten. Ebenso wurde besprochen, ob sie glauben, dass die Maßnahme der Jugendwohlfahrt sich auf ihr jetziges Leben auswirkt und was anders wäre, wenn sie nicht fremd untergebracht worden wären.

Die Bewertungen der Maßnahme waren bis auf eine allesamt positiv. Die Befragten gaben an, dass sie dies als Hilfe beziehungsweise Rettung sehen und empfanden das Aufwachsen außerhalb der Herkunftsfamilie nicht negativ. Für sie hätte es auch keine Alternativen gegeben, um in der Nähe der Familie zu bleiben. Nur die Person aus Interview 3 kann diese Meinung über die Jugendwohlfahrtsmaßnahme nicht teilen. Er habe nicht weg gewollt und daher beurteilt er die Fremdunterbringung als negativ. Als andere Möglichkeit im Herkunftsort aufzuwachsen kann er jedoch nur seine damals noch minderjährige Schwester oder eben die Großeltern nennen, wobei er diesbezüglich selbst einräumt, dass dies nicht funktioniert hätte.

„Ja es war schon eine Hilfe. Es war gut. Es wäre ja auch nicht anders gegangen. Also so wie es war hätte es ja nicht weiter gehen können.“261

„Also ich sehe das selber als Rettung so zu sagen, weil wie gesagt ich

kann meiner Mutter leider nicht viel abverlangen.“262

Aus der Retrospektive gibt es verschiedene Aspekte, welche die Betroffenen als gut oder schlecht bewerten. So werden die erlebte Erziehung, die Entwicklungsmöglichkeiten und freizeitpädagogischen Unternehmungen aber ebenso die Unterstützung durch die Jugendwohlfahrt wie auch durch die Betreuer/innen der Einrichtungen als durchaus positiv bewertet. Der als Kind unfreiwillig von den Großeltern weggebrachte Interviewte sah als positiven Effekt der Fremdunterbringung die Geburt seiner Tochter, da er den anderen Elternteil im Rahmen der Unterbringung kennenlernte.

„Ich hab eigentlich eine feine… Erziehung genossen. Man hat immer auf mich geachtet, auch wenn ich Scheiße gebaut hab.“263

„Sie helfen dir so viel, sie lernen dir einfach mit dem Geld umzugehen, schauen eigentlich, dass du, so gut es geht, ein normales Umfeld hast….“264

Neben Interviewpartner 3 fällt auch noch zwei weiteren Befragten etwas ein, was ihnen als besonders negativ in Erinnerung blieb. So hatte einer das Gefühl, dass ihn die/der Sozialarbeiter/in unter Druck setzte, indem diese/r wollte, dass der Betroffene eine Psychotherapie beginnt, obwohl dies selbst nicht erwünscht war und der heute 73Jährige fühlte sich generell allein gelassen und zu wenig unterstützt.

„Ich habe niemanden hinter mir gehabt der meine Interessen vertreten

hat… hab niemanden gehabt, der meine Interessen verfochten hätte.“265

Ansonsten machten die anderen auf die konkrete Frage nach besonders negativen Erlebnissen hinsichtlich der Fremdunterbringung keine Angaben, welche zwingend kausal mit dieser Maßnahme zusammenhängen. Einer hatte zum Beispiel das Gefühl, dass er in der Schule stets der Sündenbock war, führt dies aber nicht auf die Jugendwohlfahrtsmaßnahme an sich zurück und dem Fünften der Befragten fiel auf diese Frage keine Antwort ein, da er die gesamte Maßnahme ausschließlich positiv bewertet.

Wenn sich die Interviewteilnehmer vorstellen, was gewesen wäre, wenn sie in der Herkunftsfamilie geblieben wären, wird größtenteils befürchtet, dass es nicht gut ausgegangen wäre. Die Gefahren verschiedenen Süchten wie Alkohol oder Drogen zu verfallen, keine Ausbildung gemacht zu haben, Entwicklungsverzögerungen nicht mehr aufzuholen oder jetzt nicht so selbständig im Leben zu stehen, hätte gemäß den Interviewten bestanden.

„Ja Alkohol vielleicht, eher. Drogen nicht, aber Alkohol sicher. Weil es einfach… ja… ich habe eigentlich davor nie etwas getrunken aber… eben wo das mit meiner Mama war hätte ich schon… angefangen… also nichts von dem….“266

Der Befragte aus dem Interview 3 ist jedoch der Meinung, dass alles besser gewesen wäre als es jetzt ist, vor allem in Bezug auf seinen Freundeskreis.

„Es wäre alles zehnmal besser geworden wenn ich in X (Heimatort) geblieben wäre. […] Ja ich würde mich besser mit meinen Kollegen verstehen. Wenn ich dahin fahre kommen mir diese vor wie fremde Leute, weil ich nie mitreden kann oder so. Und mit denen bin ich aufgewachsen… die sind wie meine Familie.“267

Vier der Forschungsteilnehmer sind der Meinung, dass sich die Fremdunterbringung auf die (künftige) Erziehung ihrer eigenen Kinder auswirkt. Sie geben an, gute Eltern sein zu wollen, damit ihre Kinder nicht untergebracht werden müssen und wollen sich auch immer um diese kümmern und für sie da sein. Die Person aus Interview 5 meint auch, dass er später mit seiner Familie sicher auch einmal ein Pflegekind aufnehmen wird, da er selber weiß, wie wichtig dies sein kann. Der 73-Jährige aus Befragung 2 beschreibt als Auswirkung der Fremdunterbringung, dass das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit aufgrund der Fremdunterbringung und den vielen Einrichtungswechseln, bei ihm lange Zeit bestehen blieb.

„Ja wenn ich einmal Kinder habe, dann werde ich sie bestimmt nicht alleine lassen. Ich möchte nicht, dass sie im Kinderdorf aufwachsen müssen.“268

„Ja gewisse Sachen so wie… ja grad mit dem Kind… Partnerschaft jetzt nicht so aber Kind… schon… doch.“269

Auch den Abschluss einer Berufsausbildung bringen drei der Befragten mit der Jugendwohlfahrtsmaßnahme in Verbindung.

„Ja ich hab ja eine Lehre gemacht und da haben sie mir vom Kinderdorf

schon viel geholfen.“270

Die Interviewten wurden gebeten darüber nachzudenken, wie ihr soziales Umfeld gegenwärtig reagiert, wenn es um die Tatsache geht, dass sie als Kinder durch die Jugendwohlfahrt fremd untergebracht wurden. Dabei kam es zu den Aussagen, dass es eigentlich ganz normal und nichts Besonderes mehr sei. Es werde generell nicht viel darüber gesprochen und selten würde es zu stigmatisierenden oder bemitleidenden Reaktionen kommen.

„Ich fange einfach nicht an darüber zu reden und dann redet keiner darü-

ber.“271

„Ja für manche bist du immer noch „das Kinderdorfkind“ und die denken da halt so komische Sachen... aber die meisten kennen es….“272

 
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