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6.3.3 Situation nach der Fremdunterbringung

Um auch auf die Zeit nach Beendigung der Jugendwohlfahrtsmaßnahme einzugehen, wurden eigene Fragen im Leitfaden formuliert und mit den Interviewteilnehmern besprochen. Für die Forschung interessant waren vor allem die Beziehung zur Herkunftsfamilie nach der Fremdunterbringung, die Nachbetreuung durch die Einrichtung beziehungsweise die Pflegefamilie aber auch durch den/die Sozialarbeiter/in sowie die Wohn- und Lebenssituation der Betroffenen.

Bei den Betroffenen war das Erreichen der Volljährigkeit der ausschlaggebende Grund für die Beendigung der Fremdunterbringung. In einem Fall wurde die Maßnahme bis zum 21. Lebensjahr verlängert. Der Kontakt zu den Sozialarbeiter/innen war bei allen unterschiedlich. Jene beiden aus dem Kinderdorf organisierten und erledigten den Auszug laut ihren Angaben nur mit den Kinderdorfmüttern und dem Einrichtungsleiter. Der Befragte aus Interview 4 meint auch, dass er heute noch die Kinderdorfmutter besucht und sieht dies als Art Nachbetreuung. Die beiden Interviewten deren Mütter verstarben, wurden sowohl von den Einrichtungsbetreuer/innen als auch von den Ju-gendwohlfahrtssozialarbeiter/innen begleitet und unterstützt. Sie berichten, dass sie sich auch aktuell noch an diese wenden können und würden, wenn der Bedarf dazu gegeben sei. Die Person aus Interview 2 lebt aktuell, nach offizieller Beendigung der Jugendwohlfahrtsmaßnahme, noch bei der Pflegefamilie, trifft sich immer wieder mit dem/der zuständigen Sozialarbeiter/in und gibt an, dies gut zu finden. Es bestehe der Wunsch die eigene Wohnsituation zu verändern, es fehle im Moment jedoch das nötige Geld um auszuziehen.

„Ja, so wie wenn ich Fragen hätte oder so würde ich schon anrufen.“253

„Ja. Ja das ist jetzt auch noch. Sie meldet sich nicht bei mir, aber wenn ich meine jetzt… ich hätte grad eine Frage oder es ist etwas Wichtiges, dann ruf ich sie an.“254

„Nein ich finde es ganz gut, dass man mit ihm immer reden kann und dass er nicht einfach sagt: „So jetzt bin ich nicht mehr für dich zuständig“.“255

Der Kontakt zur Herkunftsfamilie war unmittelbar nach Beendigung der Maßnahme bei allen Interviewteilnehmern ähnlich wie schon zur Zeit während der Unterbringung. Jene beiden, welche aufgrund des Ablebens der leiblichen Mütter von der Jugendwohlfahrt fremd untergebracht wurden, hatten weiterhin eine starke Verbindung zu den Großeltern und den Geschwistern. Bei einem der beiden verstarb der Kindesvater ja kurze Zeit nach der Kindesmutter, der andere sah seinen Vater jedoch nach der Unterbringung auch nur sehr selten bis gar nicht. Beide in den Kinderdorffamilien aufgewachsenen Personen hatten kaum Kontakt zu ihren Ursprungsfamilien, auch nicht zu den Müttern. Es kam nur zu wenigen Treffen.

Der damals Dreijährige, welcher in der Vergangenheit von seiner neunjährigen Schwester beaufsichtigt wurde, berichtet davon, dass regelmäßige, gegenseitige Besuche bei dieser und bei dem Betroffenen selbst auch nach der Unterbringung stattfanden. Einzig jener Gesprächspartner, welcher in der Pflegefamilie aufwuchs, baute vor allem nach Erreichen seiner Volljährigkeit die Verbindungen zu den Verwandten aus seiner Herkunftsfamilie aus und lernte seine Halbgeschwister wie auch seinen leiblichen Vater kennen. Der Kontakt zu diesen, wie auch der monatliche zu seiner leiblichen Mutter, hält immer noch an.

„Meine leibliche Mama hat... ich glaub... nur hin und wieder mal angerufen. Aber ich ruf sie ja auch nicht an.“256

„Der ist gut. Ja an Weihnachten sind wir jetzt bei der Schwester und beim Bruder. Silvester kommen sie her und schlafen hier, dann gehen wir eben hoch ins Heim. Ja und zur Oma geh… ich fahr… ich versuch… so oft wie es geht versuche ich nach X (Heimatort) zu fahren, wenn es halt möglich ist. Und dann gehe ich auch zur Oma oder so.“257

Alle Interviewteilnehmer haben eine Berufsausbildung abgeschlossen, wenn auch manche verspätet oder verzögert. Außer dem Befragten der weiterhin bei der Pflegefamilie wohnen blieb, bezogen die anderen vier eine Mietwohnung und drei davon leben auch aktuell dort. Der 73-Jährige kam nach seiner Fremdunterbringung nach Deutschland wo er eine Lehre absolvierte, lebt aber gegenwärtig ebenfalls im Bundesland Tirol. Zur Zeit des Interviews war einer der Gesprächspartner nach Abschluss der Pflichtzeit beim Bundesheer gerade arbeitslos, jedoch mit Jobaussicht.

Bei der Beschreibung des sozialen Netzes kam es zu verschiedenen Aussagen. Zwei berichten von vielen Freund/innen und Personen in ihrem Umfeld auf welche sie immer zählen können, einer fühlte sich nie irgendwo dazugehörig und ein weiterer Befragter gibt an, nie viele Freund/innen gehabt und auch gebraucht zu haben. Die Person, welche mit etwa neun Jahren in einer sozialpädagogischen Einrichtung untergebracht wurde, beschreibt das eigene soziale Netz im aktuellen Wohnort als nicht gut. Bezugspersonen seien alle im ursprünglichen Heimatort, wobei diese Freundschaften unter der Fremdunterbringung sehr gelitten hätten und einige seien auch dauerhaft verloren gegangen.

„Ja die vom Kinderdorf sowieso alle noch. Also alle mit denen ich aufgewachsen bin... ich bin da ja nicht weit weg gezogen. Und sonst halt so die Leute die man kennt.“258

„Ja es hat mich auch nicht interessiert. Ich habe meine gewissen Freundinnen gehabt und… ja und mehr wollte ich auch nicht und brauche ich auch heute noch nicht.“259

„Nein… nein… Meine Freunde sind alle in X (Heimatort). Hier in Y (jetziger Wohnort) hab ich… drei… wenn es hinkommt. Mit den Arbeitskollegen hab ich nichts zu tun. Das sind alles nur Ausländer und… das interessiert mich alles nicht.“260

 
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