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5.2 Forschungsmethodik

Zu Beginn einer empirischen Studie stellt sich für Forscher/innen stets die Frage, ob sie quantitativ oder qualitativ vorgehen sollen beziehungsweise ob eine Mischung beider Formen sinnvoll erscheint. Um dies zu entscheiden, braucht es vorab eine Auseinandersetzung mit beiden Forschungsmethoden, um anschließend zu beurteilen, welche Methode zur Beantwortung der vorliegenden Forschungsfrage besser geeignet ist.143

Quantitative Forschung wird als jene Methode beschrieben, welche meist mit großen Mengen an Daten und Fallzahlen arbeitet. Es bestehen hierbei meist bereits Theorien und Hypothesen, welche mit Hilfe des quantitativen Vorgehens überprüft werden sollen. Dabei spielt die Fallzahl eine erhebliche Rolle, da geringe Mengen an messbaren Daten meist nicht ausreichen um Hypothesen zu falsifizieren oder zu verifizieren.144

Qualitative Forschung ermöglicht Theoriebildung mithilfe der, aus der Forschung gewonnen, Erkenntnissen. Hierfür genügen kleine Fallzahlen.145 Forschung in qualitativem Sinn ermöglicht es, neue und unbekannte Antworten auf Forschungsfragen zu zulassen und benötigt keine „feste Vorstellung über den untersuchten Gegenstand“.146 Laut Mayring ist jedoch zu beachten, dass es kaum möglich ist, einer Forschung ohne Vorurteile gegenüber zu stehen, da immer mindestens ein „Vorverständnis“ über den zu erforschenden Bereich bestehen muss. Dies bedarf es zu erkennen und bei der Auswertung zu berücksichtigen.147

In Anbetracht der vorliegenden Forschungsfrage und den zu beantwortenden Unterfragen, scheint eine qualitative Forschung sinnvoll. Aufgrund des Themenschwerpunktes kann davon ausgegangen werden, dass keine großen Mengen an Datensätzen erhoben werden können, wobei der intime Charakter der Forschungsfrage eine Erhebung mittels Fragenbögen, um möglichst große Mengen an Daten zu gewinnen, ohnehin ausschließt.

Dass die empirische Studie dieser Masterarbeit nicht die Überprüfung von vorgefertigten Hypothesen zum Ziel hat, sondern neue und durchaus individuelle Antworten zulässt, aus welchen dann wiederum Theorien abgeleitet werden können, spricht ebenfalls für eine qualitative Vorgehensweise.

Dieser Vorgang, Theorien aus den empirisch erhobenen Informationen heraus zu entwickeln, bezeichnet man als „Induktion“. Dabei werden diese Theorien als „vorläufige Versionen oder Perspektiven“ verstanden. Sie entstehen aus wiederkehrenden Erfahrungen kausaler Zusammenhänge. Dies bedeutet, dass wiederholt beobachtet wird, wie eine bestimmte Begebenheit eine andere zur Folge hat und daraus entwickelt der/die Forscher/in eine Theorie. 148

Bei der Beschreibung qualitativer Forschung wird betont, dass die Bildung und Überprüfung von Hypothesen, wie auch im quantitativen Vorgehen, nicht auszuschließen, jedoch nicht grundlegend ist.149 Laut Brüsemeister können bei der Auseinandersetzung mit dem Thema aus „alltäglichen Phänomenen“ „Zwischenhypothesen“ gebildet werden, von welchen aus man weitere Hypothesen bildet beziehungsweise welche die Forschung in eine bestimmte Richtung lenken können.150

Bei der Beobachtung wiederkehrender Begebnisse, wodurch eine Theoriebildung möglich wird, müssen nun die von Mayring erwähnten Vorurteile berücksichtigt werden. Aufgrund eigener Erfahrungen in der Jugendwohlfahrtssozialarbeit wie auch weit verbreiteter Erfahrungsberichte in diversen Aufarbeitungswerken wie jenes von Horst Schreiber,151 besteht durchaus ein gewisses Maß an Vorwissen über die Maßnahme der vollen Erziehung und Ahnungen über mögliche Auswirkungen sowie Bewertungen durch Betroffene. An dieser Stelle ist Brüsemeister zu zitieren, der das Fehlen jeglichen Vorwissens als Gefahr sieht einem „naiven Empirismus aufzusitzen“.152 Bei der Auswertung und Interpretation der Ergebnisse sind diese Ahnungen und Annahmen jedoch reflexiv aufzuarbeiten, damit sie die Forschung nicht in eine bestimmte Richtung beeinflussen.

 
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