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4.3 Mögliche Auswirkungen einer Fremdunterbringung auf die Bindung zur Herkunftsfamilie

Kinder und Jugendliche werden außerhalb der Herkunftsfamilie untergebracht, da ihnen dort nicht (mehr) ausreichende Möglichkeiten zur Entwicklung und Entfaltung geboten werden können. Dies kann mehrere Ursachen haben wie zum Beispiel Krankheit oder Ableben der Eltern, finanzielle Schwierigkeiten, mangelndes Interesse oder Überforderung der Erziehungsberechtigten mit unterschiedlichen Auswirkungen sowie noch weitere andere Gründe.120

Wie sich diese Trennung der Kinder von ihren Bezugspersonen auf die Beziehung zu diesen auswirkt, wird von verschiedenen Autor/innen unterschiedlich beschrieben und hier kurz zusammengefasst.

Minderjährige werden bei einer Fremdunterbringung in einem neuen System untergebracht – unterschiedlich zu ihrem Herkunftssystem. Laut Wintersperger schaffen es Minderjährige recht schnell sich an dieses neue System anzupassen, vor allem aufgrund des Wunsches dazu zugehören, was die Autorin als Grundbedürfnis beschreibt. Dadurch würden Kinder auch innerhalb kürzester Zeit die Regeln und notwendigen Verhaltensweisen des neuen Systems erlernen. Trotzdem bestehe meist fortwährend eine starke Verbundenheit zur Herkunftsfamilie, was sich manchmal durch Auffälligkeiten im Verhalten der Kinder ausdrücke. Wintersperger beschreibt dies als „Bindungsliebe“, welche auch aufrecht bleibe, wenn die Beziehung nicht ausgelebt werden kann. Dabei spiele es keine Rolle wie die Familie von der Gesellschaft bewertet wird, wie es dem Kind selbst dabei ergeht oder ob die Eltern die Beziehung zum Kind überhaupt wünschen. Aufgrund der empfundenen Loyalität würden sich Kinder häufig dazu verpflichtet fühlen, die Eltern zu verteidigen, zu ihnen zu stehen und sie würden sich auch Sorgen um diese machen. Verstärkt werde dies durch eine fehlende Zustimmung der Eltern zur Fremdunterbringung. Diese kann verbal wie auch nonverbal ausgedrückt werden. Kommt es nicht zu diesem Einverständnis, sei es für untergebrachte Minderjährige noch viel schwieriger sich auf ein neues System richtig einzulassen und somit neue Beziehungen und Bindungen anzunehmen, da nun jede positive Erfahrung auch mit Schuldgefühlen gegenüber den Eltern verbunden sei.121

Auch Ahnert beschreibt die Beziehung zur Mutter beziehungsweise zur ersten Bindungsperson als grundlegend und nicht mit nachfolgenden vergleichbar. Auf ihr basiere jedes weitere Sozialverhalten wie auch die Fähigkeit Bindungen einzugehen und aufrecht zu erhalten. Sie sei ausschlaggebend für die „emotionale Sicherheit und das Selbstbewusstsein“.122

Forschungen hinsichtlich Fremdunterbringungen von Geschwistern ergaben ebenfalls, dass die Bedeutung der Herkunftsfamilie für fremduntergebrachte Kinder auch bei fehlendem Kontakt über längere Zeit hinweg nicht weniger wird.123

Studien von Bowlby, Ainsworth und Heinicke ergaben, dass sich nach einer Trennung oft Aggression und Wut bei Kindern zeigt, welche sich primär gegen die Eltern oder einen Elternteil richtet. Dies könne auf Verzweiflung oder auch darauf zurückgeführt werden, dass die Eltern nicht da waren als die Kinder es sich wünschten. In manchen Fällen würden Kinder nach Trennungen von ihren Bindungspersonen auch anderen gegenüber aggressives Verhalten aufweisen, vor allem wenn sie der Meinung sind, dass diese ebenfalls zur Trennung beigetragen haben oder eine Wiedervereinigung abwenden. Das eigentliche Ziel dieser Wut sei es, eine erneute Trennung zu verhindern, wenn angenommen wird, dass die Trennung nur auf bestimmte Zeit ist und eine Wiedervereinigung bevorsteht.124

Hrdina wiederum beschreibt ein „passives Geschehenlassen“ unmittelbar nach dem Erleben einer Trennungssituation. Seinen Erfahrungen nach werden Gefühle wie Trauer und Wut kaum offen gezeigt. Auch das Loyalitätsgefühl gegenüber den Eltern sowie Hoffnung und Schuldgefühle treten laut Hrdina erst später in Erscheinung. Vor allem bei Fremdunterbringungen aufgrund von Missbrauch in der Familie würden die Kinder die Schuld für die Trennung bei sich selbst suchen.125

Aus dem Forschungsbericht eines Qualitätsforschungsprojektes zur Fremdunterbringung geht hervor, dass Jugendliche es als äußerst wichtig empfanden, während des Prozesses der Fremdunterbringung von Personen des Herkunftssystems unterstützt und begleitet zu werden. Auch berichten manche fremduntergebrachten Minderjährigen, dass sich das Verhältnis zu den Eltern nach der Trennung durch den entstandenen Abstand verbesserte.126

Besteht bei eher kleineren Kindern nach der Trennung wenig oder kein Kontakt zur Ursprungsfamilie, so würden die Personen dieser Herkunftsfamilie oft durch idealisierte Bilder ersetzt werden. Die Kinder würden dann sehnsüchtig hoffen, dass diese perfekten, liebevollen Menschen endlich zu ihnen kommen und es komme zur Vermischung des Wunsches und der Wirklichkeit. Dies könne die Schuldgefühle gerade bei misshandelten Kindern verstärken, da sie aufgrund der Perfektion der Eltern erst recht den Grund für die Gewalterfahrung bei sich selbst suchen würden.127

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Herkunftsfamilie nach der Fremdunterbringung immer noch sehr bedeutend für die Minderjährigen ist und die vorher gemachten Erfahrungen, auch in Bezug auf die Beziehung zur primären Bindungsperson in der Familie, sich fortlaufend auf den Gefühlszustand und das Verhalten der Kinder und Jugendlichen auswirkt. Je nach erlebter Vorgeschichte und Ablauf der Fremdunterbringung, aber auch abhängig davon, wie man im neuen System mit der Herkunftsfamilie zusammenarbeitet, kann sich die Beziehung der Kinder zu den primären Bezugspersonen verbessern oder auch verschlechtern.

 
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