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4.2 Bindungstheorie und Fremdunterbringung

Schleiffer ist der Ansicht, dass „die wichtigsten Problembereiche von Kindern und Jugendlichen, die in einem Heim zu leben haben“ in den Kernaussagen der Bindungstheorie zu finden sind. Kinder und Jugendliche welche fremd untergebracht werden, haben nämlich die Trennung von ihren primären Bezugspersonen zu verkraften und zu verarbeiten.109

Es wird angenommen, dass es für Kinder mit jüngerem Alter (Babys) weniger stressvoll ist von ihren Eltern getrennt zu werden als für ältere Kinder zum Beispiel im Kleinkindalter. Dies soll deshalb so sein, da Säuglinge noch keine spezifische Bindung zu den Eltern entwickelt haben und auch die Trennungssituation kaum begreifen können. Mit steigendem Alter scheint die Stressanfälligkeit in Trennungssituationen ebenfalls wieder zu sinken, da diese Kinder schon besser in der Lage seien, die Umstände und Notwendigkeit einer Trennung zu verstehen.110

Bowlby kritisierte generell die Erziehung in Heimen, da diese aufgrund der Abwesenheit einer konstanten Bindungsperson und der Befriedigung ausschließlich körperlicher Bedürfnisse, schädlich und pathologisch für die gesamte Entwicklung von Kindern sei.111 Des Weiteren betonte er auch das Risiko einer Bindungsstörung bei Kindern und Jugendlichen, welche in Heimen aufwachsen müssen, da ihnen dort keine Möglichkeit geboten werde, mit einer Bindungsperson eine sichere Bindungsbeziehung einzugehen.112 Seiner Meinung nach waren Kinder sogar in schlechten Familienverhältnissen besser aufgehoben als in guten Heimen, da sie in der Familie, so schlecht die Eltern auch seien, immer noch mehr Bindung erfahren würden als in Einrichtungen zur vollen Erziehung.113

Bowlbys Aussagen ernteten in den Folgejahren viel Kritik und sorgten für Diskussionen. 1972 zeigte der englische Kinderpsychiater Michael Rutter auf, dass nicht nur die Heimunterbringung aufgrund des Betreuungsschlüssels, den unterschiedlichen Betreuungspersonen mit den wechselnden Arbeitszeiten und vor allem aufgrund der Trennung von der Mutter nachteilig für Kinder und Jugendliche ist. Er wies ebenfalls auf die Lebensverhältnisse der Kinder vor der Fremdunterbringung hin. Es kann angenommen werden, dass die Kinder bereits vor der Heimunterbringung in ihrer Herkunftsfamilie unter einer fehlenden Beziehung zu einer konstanten Bindungsperson litten und so keinen sicheren Bindungsstil entwickeln konnten.114

Da es nicht nur Heime als Einrichtungen zur Fremdunterbringung gibt, muss auch erörtert werden, welche Annahmen die Forscher/innen zur Unterbringung in Pflegefamilien hinsichtlich des Aspekts der Bindungstheorie aufweisen.

Laut Schleiffer bestehe eine allgemeine Ansicht, dass es für Säuglinge und Kleinkinder von vornherein günstiger wäre sie in Pflegefamilien oder in Adoptivfamilien unter zu bringen. Dazu gibt es aber auch Gegenargumente. Der Verband katholischer Einrichtungen weist zum Beispiel auf die negativen Folgen hin, wenn ein Kind aus schlechten Familienverhältnissen sofort in eine Pflegefamilie gebracht wird. Es brauche hier eine angemessene Distanz zur Herkunftsfamilie bevor das Kind wieder in einen Familienverband integriert werden kann. Dies sei daher so wichtig, da das Kind vorerst eine Struktur brauche, die nicht einem Familiensystem gleich kommt, um sich sicher fühlen und von sich aus in neue Beziehungen treten zu können, ohne den Anforderungen von Pflegeeltern gerecht werden zu müssen.115

Außerdem ist es oft sehr unklar für welche Dauer ein Kind fremd untergebracht werden muss. Für die Pflegeeltern stelle es eine enorme Herausforderung dar, unter diesen unklaren Umständen konstante und verlässliche Bindungspersonen zu sein, welche gerade dem fremd untergebrachten Kind eine sichere Basis bieten sollten. Auch sei es für Pflegeeltern oft schwieriger, Bindungen des Kindes zum Herkunftssystem zu wahren und ihnen bei Schwierigkeiten trotzdem liebevoll zu entgegnen, als für fachlich professionelles Personal einer Einrichtung. 116

Manche Kinder würden es aufgrund ihrer bisher gemachten negativen Bindungserfahrungen auch gar nicht schaffen sich in eine Pflegefamilie einzugliedern, da diese Kinder eine solche Beziehungsintensität nicht aushalten könnten.117

Fremd untergebrachte Kinder, unabhängig davon ob sie in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht werden, würden laut Schleiffer mit steigendem Alter häufig dissoziale Verhaltensweisen, aufgrund der gemachten Bindungserfahrungen in den Herkunftsfamilien, an den Tag legen. Vor allem vernachlässigte Minderjährige würden deutliche Bindungsunsicherheiten zeigen und diese in auffälligem Verhalten ausdrücken. Die Kinder und Jugendlichen würden nur ihre erlernten inneren Arbeitsmodelle kennen und diese auch auf die neuen Bindungspersonen anwenden, auch wenn sie nicht passend erscheinen.

Laut dem Autor fordern sie mit provokantem Verhalten eine Kommunikationsform heraus, welche sie bereits kennen und dessen Folgen für sie vorhersehbar sind, was ihnen Sicherheit verleiht, auch wenn dies mit Nachteilen für sie selbst verbunden ist. Oft sind die Konsequenzen dann ein erneuter Beziehungsabbruch, wobei dies für die betroffenen Minderjährigen auch wieder vertraut ist.118

Schaffen es die Betreuungspersonen in Heimen oder Pflegefamilien allerdings, den Kindern und Jugendlichen über eine ausreichende Dauer eine Bindungsperson zu sein, so könne es durchaus zu einer Veränderung der inneren Arbeitsmodelle der untergebrachten Minderjährigen kommen. Dies stelle sich häufig jedoch als recht schwierig heraus, da die Minderjährigen aufgrund ihrer meist sehr schlechten Erfahrungen nicht damit rechnen, dass mit ihnen liebevoll umgegangen wird und sie ausreichend versorgt werden. Diese neuen Erfahrungen wirken verunsichernd, auch wenn sie positiv sind.119

Diese Ausführungen zeigen also, dass sich das, in der Herkunftsfamilie erworbene Bindungsverhalten, auch auf Fremdunterbringungen auswirkt und Kinder nur sehr schwer, trotz positiver Reaktion auf sie, von ihren inneren Arbeitsmodellen abweichen können. Neue Situationen verunsichern Kinder und Jugendliche – natürlich nicht nur in Hinblick auf ihr Bindungsverhalten.

Im nächten Abschnitt soll erörtert werden, in wie weit sich die Fremdunterbringung auch auf die Bindung zur Herkunftsfamilie auswirkt.

 
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