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4.1.4 Auswirkungen der Bindungsstile auf das weitere Leben

Bereits Bowlby betonte, dass Bindungsbeziehungen für das ganze Leben von Bedeutung sind und Bindungsverhalten von der Geburt bis zum Lebensende charakteristisch für den Menschen ist. Die entwickelten inneren Arbeitsmodelle würden auch im späteren Leben bei der Ausformung von emotional wichtigen Beziehungen zum Tragen kommen, da Menschen häufig wieder auf vertraute beziehungsweise erlernte Verhaltensweisen zurückgreifen würden, wenn sie in ähnliche Situationen geraten.102

Sicher gebundene Kinder hätten mehr Einfühlungsvermögen und könnten daher leichter und schneller befriedigende, stabile und glücklich machende Beziehungen zu anderen Menschen eingehen als unsicher gebundene Kinder. Unsicher gebundene Kinder hätten nicht nur in der späteren Beziehungsgestaltung mehr Schwierigkeiten, sie hätten auch oft eine falsche Selbsteinschätzung und Hemmungen, wenn sie andere um Hilfe bitten müssen, da sie dies aufgrund ihrer bisher gemachten Erfahrungen mit Hilflosigkeit und Schwäche gleichsetzen würden.103

Ebenso wirke sich die Bindungsqualität sehr stark auf die Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit aus, da sicher gebundene Kinder nicht so sehr auf ihre eigene Bedürfnisbefriedigung konzentriert seien und somit mehr Rücksicht auf andere nehmen könnten. Kinder mit unsicher-ambivalentem Bindungsstil hätten damit Schwierigkeiten, da sie eben zu sehr mit ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt seien und unsichervermeidende Kinder würden dazu neigen, ihre Bedürfnisse komplett hinten an zu stellen, da dies hinsichtlich der Beziehung zu den Eltern am zielführendsten war.104

Bowlby behauptet, dass stark vernachlässigte Kinder keine Persönlichkeit beziehungsweise kein Gewissen bilden können, da sie sehr impulsiv seien und eine schwache Selbstkontrolle besitzen würden.105

Die Entwicklungspsychopathologie ergänzt dies mit der Annahme, dass bei unsicher gebundenen Kindern das Risiko einer psychischen Störung größer ist als bei sicher gebundenen Kindern, da diese weniger gut mit Schwierigkeiten umgehen könnten und verletzlicher seien.106

Bowlby glaubte sogar zu beobachten, dass Kinder mit einer „gestörten“ Mutter-KindBeziehung später vermehrt zu kriminellen Handlungen neigen, den Eindruck erwecken für niemanden Gefühle zu empfinden und dass ihnen häufig auch zwanghaftes Stehlen, Gewalttätigkeiten, Selbstsucht sowie sexuelle Fehlverhalten zugeschrieben werden kann.107 Tatsächlich hätten diese Personen laut dem Bindungstheoretiker ein sehr starkes Verlangen nach Liebe, welches jedoch verdrängt werde aus Angst, beim Eingehen neuer Beziehungen wieder enttäuscht zu werden. Gerade diese Verdrängung der bestehenden Liebesbedürftigkeit würde dann eben zu häufig wechselnden Sexualpartner/innen bis hin zu Diebstahl und gewalttätigen Handlungen führen.108

Dies bedeutet also, dass sich die in der Kindheit entwickelten Bindungsstile und damit verbundenes Bindungsverhalten auch im späteren Leben auf die Gestaltung von Beziehungen auswirken. Was passiert aber, wenn Kinder beziehungsweise Jugendliche fremd untergebracht werden? Minderjährige welche nicht in ihrer Herkunftsfamilie mit den ihnen bekannten Bindungspersonen aufwachsen können, sind weiteren verschiedenen Arten von Beziehungsgestaltungen ausgesetzt, was den eben beschriebenen Ausführungen nach, zu noch größerer Unsicherheit aufgrund fehlender Vorhersagbarkeit der Reaktionen anderer führen müsste. Wie sich eine Fremdunterbringung verschiedenen Forscher/innen nach auf Kinder und Jugendliche und deren Bindungsverhalten auswirkt, wird nachfolgend erörtert.

 
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