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4.1.2 Entstehung einer Bindung

Wie bereits beschrieben würden menschliche Säuglinge von Beginn an verschiedene Verhaltensweisen benutzen, um Kontakt und Nähe zur Bindungsperson, vorwiegend der Mutter, herzustellen. Laut Bowlby ist dieses Bindungsverhalten mit den jeweiligen Verhaltensmustern in vier Phasen einzuteilen.87 Diese vier Phasen werden nachfolgend zusammengefasst, beschrieben und in Bezug auf die Maßnahme einer Fremdunterbringung interpretiert.

1. Phase:

Bowlby beschreibt diese als Orientierungsphase mit Signalen ausgehend vom Baby, ohne dass es (uneingeschränkt) fähig ist Personen zu unterscheiden. Ab der Geburt bis zum Alter von acht bis 12 Wochen oder länger, vermag es im besten Fall durch seine auditive Fähigkeit Hörreize zu unterscheiden. Visuelles Nachfolgen, Greifen und Langen, aber auch Lächeln und Lautäußerungen gehören zu den Verhaltensweisen dieser Phase, welche den Kontakt zu einer Person verlängern sollen.88

Eine Trennung in dieser Phase hätte Bowlbys Ausführungen zufolge also noch keine gravierenden Auswirkungen auf das betroffene Kind und sein Bindungsverhalten. Eine Fremdunterbringung bis zum dritten Lebensmonat würde demnach kein traumatisches Ereignis für das Kind darstellen.

2. Phase:

In dieser Phase würden Orientierung und das Aussenden von Signalen mit bewusster Zielgerichtetheit auf Personen erfolgen, welche von anderen unterschieden werden. Hauptsächlich würden sich die Verhaltensweisen nun an die Mutter richten. Je nach Gegebenheiten, wobei auch die Familienstruktur eine Rolle spiele, dauere diese Phase etwa bis zum sechsten Lebensmonat.89

Um dies wiederum hinsichtlich einer Fremdunterbringung zu interpretieren, wäre das Kind in dieser Zeit schon in der Lage zu erkennen, dass die Mutter nicht mehr da ist. Ob die Trennung von der Mutter beziehungsweise von der primären Bezugsperson jedoch bereits als Trauma mit nachhaltigen Folgen erlebt wird, kann aus den Ausführungen Bowlbys nicht geschlossen werden.

3. Phase:

Das Baby wolle in dieser Phase die Nähe zur unterschiedenen Person aufrechterhalten und erweitere seine Verhaltensweisen daher um Nachfolgen, Begrüßen und Lautäußerungen. Außerdem wird nach Bowlby die Mutter, also die Bindungsperson, als sichere Ausgangsbasis für Erkundungen und Explorationen genutzt, zur welcher auch wieder zurückgekehrt werden kann. Es würden in diesem Abschnitt auch andere Menschen bereits als Bindungspersonen, jedoch in untergeordneter Funktion, gewählt werden können. Fremden gegenüber würden die Kinder eher Misstrauen und Vorsicht zeigen und zu Rückzugsreaktionen neigen beziehungsweise würden sie zu weinen beginnen. Diese Phase beginne meist zwischen sechs und sieben Monaten und dauere bis ins zweite oder dritte Lebensjahr. Bei Kinder, welche wenig Kontakt zu einer Hauptbezugsperson haben, könne es unter Umständen auch dazu kommen, dass sie erst nach Vollendung des ersten Lebensjahres diese Phase erreichen.90

Demzufolge ist dies nun jene Phase, in welcher die Trennung des Kindes von der Bezugsperson offensichtlich als schmerzhafte Erfahrung erlebt wird. Das Kind unterscheide die Personen in seinem Umfeld und habe bereits eine Beziehung zur Bezugsperson, häufig der Mutter, aufgebaut. Bei einer Fremdunterbringung werden Kinder mit fremden Personen und Situationen konfrontiert, ohne die Möglichkeit zu haben, die Bezugsperson als sicheren Ausganspunkt zu fixieren und in Momenten der Unsicherheit oder der Angst zu ihr zurückzukehren. Es kann angenommen werden, dass dies das Kind in unterschiedlichem Maße beunruhigt, erschüttert oder sogar traumatisiert. Somit werden diverse Vermutungen über Auswirkungen einer Fremdunterbringung nachvollziehbar.

4. Phase:

Dem Bindungstheoretiker zufolge sind hinsichtlich dieser vierten Phase keine Forschungsergebnisse bekannt, weshalb ihr Beginn nicht genau definiert ist und daher angenommen wird, dass diese um den zweiten, beziehungsweise dritten Geburtstag des Kindes oder gegebenenfalls noch später stattfindet. Dieser Abschnitt der Bindungsentstehung zeichne sich dadurch aus, dass das Kind lerne, die Handlungen der Mutter zu verstehen, nachzuvollziehen und somit in weiterer Folge auch zu erkennen, welche Einflüsse das Verhalten der Mutter bestimmen. Die Beziehung zwischen den beiden werde komplex und Bowlby bezeichnet sie außerdem als partnerschaftlich.91

Wird das Kind nun von der Bezugsperson, deren Verhalten es nachvollziehen und verstehen kann, getrennt und gerät in eine fremde Umgebung mit fremden Personen, verliert es die Sicherheit in Bezug auf die Handlungen seines Gegenübers. Dies stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine sehr beängstigende und verunsichernde Situation für ein Kind in diesem Alter dar. Außerdem wird angenommen, dass der Verlust der, laut Bowlby partnerschaftlichen, Beziehung zur Bindungsperson, vom Kind als schmerzhaft und irritierend erlebt wird.

Bowlby spricht hauptsächlich von der Bindung des Kindes zur Mutter. In seinen Ausführungen beschreibt er jedoch auch die Fähigkeit des Kindes, sein Bindungsverhalten auf mehr als nur eine Person zu richten. Dies könne geschehen sobald das Baby sein Unterscheidungsvermögen von Personen erlangt, meist komme es jedoch erst im zweiten Lebensjahr dazu. Diese Fähigkeit bedeute nicht nur, dass die Kinder auch zu anderen Menschen Kontakt suchen, zu diesen Personen entwickle sich ebenso eine Bindung, wobei die Kinder unterschiedliche Bindungspersonen auch unterschiedlich, je nach Intensität ihrer Bindung, behandeln würden. Zu welchen Personen diese äquivalenten Bindungen entstehen, hänge größtenteils davon ab, von wem das Kind versorgt wird und wer mit ihm zusammenlebt. Meist sind dies die Eltern, Geschwister und häufig auch die Großeltern. Aus diesem Personenkreis würden sich somit „Hauptbindungs- und Nebenbindungsfiguren“ bilden. Annahmen darüber, dass Kinder eine besonders intensive Bindung zur Hauptbindungsfigur haben je weniger Nebenbindungsfiguren existieren und im umgekehrten Fall, dass die Bindung zu jener Hauptbezugsperson schwächer ist je mehr Bindungen zu anderen entwickelt werden, konnten durch empirische Studien in Schottland, durchgeführt von Schaffer und Emerson, sowie in Afrika von Ainsworth, widerlegt werden. 92

Außerdem hat Bowlby, auch wenn er hauptsächlich von der Beziehung des Kindes zur Mutter spricht, darauf hingewiesen, dass diese Mutter-Kind-Beziehung durch die Betreuung anderer Personen wie eben dem Vater, den Geschwistern oder anderen Verwandten ergänzt werden soll.93

Die Entstehung einer Bindung verlaufe bei jedem Kind unterschiedlich und könne zeitlich nicht genau eingeordnet werden. Bei Kindern welche eine Verzögerung im Bindungsverhalten aufwiesen, konnte kausal dazu das Fehlen genügend sozialer Reize, ausgehend von der Hauptbezugsperson – laut Bowlby der Mutterfigur, beobachtet werden. Belegt wurden diese Erkenntnisse durch Forschungen in „unpersönlichen Institutionen“, in welchen Kinder aufwuchsen und deren Bindungsverhalten sich aufgrund dessen verzögert entwickelte.94 Dies bedeutet also, dass fremd untergebrachte Kinder in Einrichtungen mit wenig Betreuungspersonal, welches sich somit meist nicht ausreichend um die sozialen Bedürfnisse der Kinder kümmern kann, auch eine verzögerte Bindungsentwicklung aufweisen können.

 
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