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4 Mögliche Auswirkungen einer Fremdunterbringung

Im Folgenden werden Forschungsergebnisse und Aussagen von diversen Wissenschaftler/innen zum Thema Fremdunterbringung beziehungsweise deren Auswirkungen zusammengefasst wiedergegeben.

Eine Fremdunterbringung stellt nach Leitner meist eine höchstbelastende, stressbesetzte und traumatische Krisensituation für alle betroffenen Personen dar. Eine Trennung beziehungsweise ein Verlust in diesem Ausmaß erschüttere das Selbst- und Weltbild von Kindern und Jugendlichen enorm und die Reaktionen der betroffenen Minderjährigen seien unterschiedlich.71 Karl Hrdina konnte aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Psychologe der heilpädagogisch-therapeutischen Station der SOSKinderdörfer in Österreich beobachten, dass viele fremduntergebrachten Kinder direkt nach der Trennung eine passive Haltung einnahmen. Ein „Geschehenlassen“ durch die Kinder sei häufiger erkennbar gewesen als etwa ein offenes Zeigen von Gefühlen wie Traurigkeit, Enttäuschung, Wut oder Erleichterung. Ihm zufolge ist es von großer Bedeutung, ob und wie Minderjährige während und nach der Unterbringung behandelt werden. Seiner Ansicht nach bedarf es ausreichend Erklärung in Bezug auf das bereits Geschehene, wie auch eine Vorausschau in die Zukunft, um mit dem Kind zu klären wie es weitergehen soll.72

Bogyi beschreibt im Zusammenhang mit Verlust und Trauer, dass es von verschiedenen Faktoren abhängt, ob ein Kind sich eher zurückzieht und den passiven beziehungsweise auch einen aggressiven Weg wählt, oder ob die Fähigkeit entwickelt werden kann, sich der Situation zu stellen und sich „aktiv mit dem Leben auseinanderzusetzen“. So würden dabei die Persönlichkeit des Kindes, Alter und Entwicklung, spezifische Gegebenheiten der Situation sowie angebotene Hilfestellungen eine große Rolle spielen. Bogyi bezieht sich dabei allerdings vor allem auf Verluste nach Todesfällen, wobei die Autorin jedoch auch immer wieder von Trennungen im Allgemeinen spricht.73

Thill sieht in einer Trennung, wie auch Leitner, ein traumatisches Erlebnis, welches enormen Einfluss auf die Lebensqualität sowie die Bindungsfähigkeit von Kindern hat. Für Kinder sei es kaum nachvollziehbar warum es zur Trennung von den Eltern kommen muss und auch die Eltern würden dies meist nicht verstehen können. Thill entsprechend bilden Kind und Mutter eine Einheit – unabhängig davon wie das Zusammenleben gestaltet wird. Das Kind kenne nichts anderes als den Umgang seiner Eltern mit ihm und empfinde diesen als normal, auch wenn er in den Augen manch Anderer schädlich für das Kind ist. Durch die Fremdunterbringung werden dem Autor zufolge die Minderjährigen aus ihrer selbstverständlichen Welt herausgenommen und in eine überaus fremde Welt, mit fremden Menschen, in eine fremde Umgebung, mit fremden Gewohnheiten und Regeln gebracht. Dass dies Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Bindungsfähigkeit des Kindes hat, sei nur verständlich.74

Um ein weiteres Beispiel zu nennen werden auch Nienstedt und Westermanns Ausführungen zur Fremdunterbringung kurz zusammengefasst. Sie beschreiben dieses Ereignis als Maßnahme der Kinder- und Jugendhilfe (Anm.: in Österreich die Jugendwohlfahrt), welches wie keine andere in das Leben einer Familie eingreift. Durch diese Maßnahme würden sich die Lebens- und Sozialisationsbedingungen von Kindern in radikalem Ausmaß verändern. Auch für die Eltern sei die Wegnahme ihres/r Kindes/r ein extremer Eingriff in ihr Leben, welcher Enttäuschung und den „Verlust ihres Selbstverständnisses als Eltern“ mit sich bringen würde.75

Auch Bindungstheoretiker/innen, allen voran John Bowlby, erkannten schon in den frühen 40er Jahren, dass sich die Trennung von Kindern und Müttern auf die Bindungsfähigkeit der Kinder bis ins Erwachsenenalter auswirkt. Bowlby beschrieb diese ersten Bindungen von Kindern als Basis für eine spätere Bindungsfähigkeit wie auch für das nachfolgende Sozialverhalten.76

Diese Aussagen postulieren allesamt, dass Trennungen von Kindern und Eltern vielfältige, meist traumatisierende Effekte nach sich ziehen. Um diese Annahmen und Erkenntnisse besser nachvollziehen zu können, wird im Folgenden näher auf die Bindungstheorie eingegangen. Dabei beziehen sich die Ausführungen hauptsächlich auf die Forschungen von Bowlby und Ainsworth, wobei jedoch auch Aspekte anderer Wissenschaflter/innen miteinbezogen und berücksichtigt werden.

 
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