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2.3.1 Kindeswohlgefährdung

Der Begriff Kindeswohl und dessen Gefährdung beziehungsweise Gewährleistung sind Kernpunkt der Arbeit in der Jugendwohlfahrt. Dennoch ist dieser Begriff gerade im Rechtsbereich nur schwankend definiert und nicht präzise beschrieben. Zwar findet er sich in sämtlichen Paragraphen des Jugendwohlfahrts- und Familienrechts wieder, jedoch ohne genaue Definition. Lediglich §178a ABGB nennt einige Aspekte, welche helfen den Begriff zu konkretisieren:

„§178a ABGB Berücksichtigung des Kindeswohls:

Bei Beurteilung des Kindeswohls sind die Persönlichkeit des Kindes und seine Bedürfnisse, besonders seine Anlagen und Fähigkeiten, Neigungen und Entwicklungsmöglichkeiten, sowie die Lebensverhältnisse der Eltern entsprechend zu berücksichtigen.“33

Dies bedeutet, dass bei der Einschätzung des Kindeswohls, immer auf die Individualität eines jeden Kindes, auf sein Umfeld und seine Familie geachtet werden muss.

Aus fachlicher Richtung versuchte sich eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Praktiker/innen der Jugendwohlfahrt, eine Checkliste zu erstellen, welche es erleichtern soll, das Kindeswohl individuell zu überprüfen. Es wurden fünf Standards beschrieben, welche je mit eigenen „Indikatoren“ ausgestattet wurden. Diese sollen dabei helfen zu beurteilen, ob die angegebenen Richtmaße erfüllt werden oder nicht und anschließend an diese Beurteilung soll dadurch entschieden werden, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.34

Für ein besseres Verständnis werden im Folgenden die einzelnen Standards wörtlich aus der „Checkliste Kindeswohl“ übernommen und kurz aufgelistet, jedoch nicht näher beschrieben.

1. Die Befriedigung der physisch-materiellen Grundbedürfnisse der Familienmitglieder ist sichergestellt.

2. Die Familienmitglieder sind in der Lage, förderliche Beziehungen zu entwickeln und zu leben.

3. Das Kind kann seine physischen, emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten altersgemäß entwickeln.

4. Die erziehenden Personen verfügen über ausreichend Handlungskompetenz zur Bewältigung des Alltags.

5. Die erziehenden Personen nehmen für die Kinder ausreichend Verantwortung wahr.35

Diese Checkliste soll der Arbeitsgruppe zufolge lediglich helfen einen Überblick über die Situation einer Familie beziehungsweise eines Kindes zu erhalten und kann nicht zur Erstellung einer Diagnose verwendet werden. Es gibt bei der Überprüfung dieser Standards keine zu erreichende Punktezahl welche die Sicherheit gibt, dass keine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Wohl aber kann die Anwendung dieser Checkliste eine einseitige Einschätzung vermeiden und den Blick für das ganze (Familien-)System öffnen.36

Aus beruflicher Erfahrung wie auch aus theoretischer Auseinandersetzung mit dem Thema Kindeswohlgefährdung, lässt sich beobachten, dass bei jeder Gefährdungsabklärung subjektive Ein- und Vorstellungen sowie eigene Erlebnisse, immer auch einen wesentlichen Teil zur Beurteilung der Situation beitragen. Daher wird es als umso wichtiger erachtet, dass Sozialarbeiter/innen der Jugendwohlfahrt sich ständig mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dem gesellschaftlichen Wandel, kulturellen Gegebenheiten sowie Weiterbildung in fachlicher Hinsicht, auseinander setzen. Supervisionen sowie Fallbesprechungen mit Kolleg/innen beziehungsweise Vorgesetzten, gewinnen durch diese Tatsache vermehrt an Bedeutung und Wichtigkeit.

Endet eine Gefährdungsabklärung mit der Feststellung, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, muss zusätzlich noch abgewogen werden, wie dringend der Handlungsbedarf ist. Darauf beruht die Entscheidung welche Methoden der Jugendwohlfahrtssozialarbeit angewendet werden. Zur Verfügung stehende Möglichkeiten der Sozialarbeiter/innen werden im nächsten Abschnitt genauer erklärt.

 
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