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1 Einleitung

Immer wieder und vor allem immer noch, sind Schreckensgeschichten über das Aufwachsen in Heimen in der Vergangenheit aus Zeitungen, Berichten, Radio und anderen Medien zu entnehmen. Persönliche Erfahrungsberichte wie jener von Hartmut Winkler, der von „Schlägen mit dem Bambusstock“, „Essenszwang“ und „Unterhosenkontrolle“ in einer Einrichtung in Tirol erzählt1 oder stets neue Vorwürfe des Missbrauchs und der Misshandlungen in diversen Kinderheimen, werfen einen dunklen Schatten auf die Heimerziehung in Tirol. Dieser Schatten breitet sich zugleich auf die Jugendwohlfahrt aus, da diese die Fremdunterbringungen von Kindern seit jeher organisiert und bestimmt und außerdem dafür verantwortlich war und auch heute noch ist, dass das Wohl der Kinder auch in den Einrichtungen gewährleistet ist.2

Obwohl bereits in den 1970er Jahren in Tirol versucht wurde einiges an der negativ beschriebenen Heimerziehung zu ändern, indem sich immer mehr Sozialarbeiter/innen und Psycholog/innen in Führungspositionen der Jugendämter sowie in den Heimen selbst engagierten und somit Jurist/innen als Leitung ablösten, konnten nur schleichend Verbesserungen beobachtet werden.3 So gelang es diesen zum Beispiel offenere Betreuungsformen in manchen Einrichtungen und eine lebensweltorientierte Sichtweise zu schaffen, wodurch mehr Rücksicht auf die individuelle Situation des Einzelnen genommen wurde.4 Dennoch waren 1980 immer noch über 50% der Jugendlichen in Tirol, welche Unterstützung durch die Jugendämter erhielten, in Heimen untergebracht und nur 25% erhielten jene Hilfe, welche einen Verbleib in der Herkunftsfamilie ermöglichte.5

Dieser Schatten über dem Image der Jugendwohlfahrt ist bis heute größtenteils geblieben. Die Menschen reagieren verängstigt und erschrecken über die Kontaktaufnahme durch Sozialarbeiter/innen der Jugendwohlfahrt, aus Angst man nehme ihnen jetzt ihre Kinder weg. Liest man die Titel der Lebensgeschichten in Horst Schreibers Werk „Im Namen der Ordnung“6 und verbindet man diese Schicksale dann mit der Jugendwohlfahrt, ihrer Arbeitsweise und ihrer Machtposition, ist es kaum verwunderlich, dass diese Behörde nicht sehr beliebt ist. Aussagen wie „wir waren ja nur Fürsorgekinder“, „ich weiß nicht einmal, wer ich bin“, „für uns Fürsorgekinder war das Essen ein Grauen“7 und andere, führen zu der Annahme, dass die Jugendwohlfahrt nicht viel Gutes für Minderjährige in der Vergangenheit erreichte. Auch heute noch gibt es immer wieder öffentliche Diskussionen und Kritiken an der Arbeit der Jugendwohlfahrt. Eltern treten mit Hilfe der Medien an die Öffentlichkeit und berichten von dem Leid, welches ihnen diese Verwaltungsbehörde zugefügt hat. Man muss dabei jedoch beachten, dass alle aus der Tätigkeit in der Jugendwohlfahrt bekannt gewordenen Tatsachen der Verschwiegenheitspflicht unterliegen,8 wodurch die Behörde in konkreten Fällen keine Rechenschaft oder Erklärungen abliefern darf und sich somit nicht verteidigen kann.

 
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