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2 Fazit: Die KISSeS-Strategie – Grundlegende Orientierungen zur Bearbeitung von Rechtsextremismus und pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs)

Ziehen wir eine Bilanz des oben Ausgeführten, so ist zu konstatieren: Jugendliche sind zumeist dann besonders gefährdet, zu Trägern von ablehnenden Haltungen zu werden, wenn ihre Lebensgestaltungsinteressen in Gestalt von KISSeS-Ansprüchen unabgedeckt bleiben; d. h. wenn

• sie in ihrer Lebensführung gemessen an ihren Erwartungen Kontrollmängeln ausgesetzt sind – dies entweder als Kontrolldefizite im Hinblick auf das Management ihrer persönlichen Geschicke und/oder – eher fraternal – des Lebens jenes Kollektivs, dem sie sich zuordnen. Oder sie erfahren Kontrollmängel als Indifferenz und Inkonsequenz der sozialen Kontrolle jener jugendlichen Lebensvollzüge, die Ablehnungspraxen darstellen;

• sie Schwierigkeiten der Integration in demokratisch und gewaltfrei strukturierten Kontexten verspüren, weil sie mangelnde Zugehörigkeit, Teilhabe, Partizipationschancen und Identifikationsmöglichkeiten erleben, oder weil die Integrationsmodi, die sie für sich offenstehen sehen, Integration auf undemokratische und (potenziell) gewaltförmige Weise offerieren (etwa als Nationalismus, Maskulinismus, Islamismus u.ä.m.);

• ihnen sozial akzeptierte Formen sinnlichen Erlebens nicht zugänglich sind und damit genussvolle Befriedigung psycho-physischer Bedürfnisse im Alltag ausbleibt oder als unzumutbar beschränkt erlebt wird;

• sie Sinnerfahrung und -stiftung nicht hinreichend außerhalb von Ablehnungskontexten erleben, etwa in individuell befriedigender und sozial nicht schädigender Weise im schulischen und beruflichen Bereich, in Bereichen der privaten Lebensplanung oder auch in religiösen und weltanschaulichen Bezügen;

• Verarbeitungssymbole und Deutungsangebote für solche Erfahrungen in Gestalt von Ablehnungskonstruktionen einerseits im biografisch aufgebauten Speicher von erfahrungsstrukturierenden Repräsentationen, also von individuell vorhandenen bildhaften Vorstellungen, Symbolen und Kodes (vgl. Moscovici, 1973), bereits als Leitfiguren existieren und andererseits im realen oder virtuellen Sozialraum diskursiv präsent sind und dadurch Attraktivität entfalten können, dass sie in der Lage sind, sich angesichts der oben benannten Mangelerfahrungen als lebensbewältigungsund -gestaltungsfunktional darzustellen;

• Selbstund Sozialkompetenzen aufgrund von Mängeln in den Bereichen von Kontroll-, Integrations-, Sinnlichkeitsund Sinnerfahrung nicht so weit entwickelt werden, dass sie die Erfahrungsvollzüge in einer Weise aufsuchbar, beschreibbar, deutbar, bewertbar und einordbar erscheinen lassen, die in ausreichendem Maße Resistenzen gegenüber (diskursiven Angeboten von) Ablehnungskonstruktionen aufbauen könnte.

Zentrale Konsequenz für politische, zivilgesellschaftliche, pädagogische und sozialarbeiterische Strategien muss dementsprechend sein, den Herausforderungen adäquat zu begegnen, die durch die Beschränkung von KISSeS-Erfahrungen, insbesondere bei den nachwachsenden Generationen kulminieren. Zielführendes Handeln gegen Rechtsextremismus und andere Formen von Menschenverachtung kann dabei nicht sein, politisch-moralisierend auf der ‚richtigen' Seite Position zu beziehen. Es darf sich aber auch nicht darin erschöpfen, argumentativ-kommunikativ gegen pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen vorzugehen. Vielmehr gilt: Wer nachhaltig unund antidemokratische Bestrebungen abbauen will, kommt nicht umhin, für Lebensverhältnisse und insbesondere Strukturen des Aufwachsens zu sorgen, die für alle Gesellschaftsmitglieder Plattformen für Erfahrungen demokratischer Kontrolle, Integrationschancen und Sinnstiftungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Diese sollten eine positive sinnliche Valenz besitzen, die Entwicklung von Repräsentationen ermöglichen, die auf demokratische und gewaltferne Weise Erfahrungen strukturierbar machen, und die Selbstund Sozialkompetenzen befördern, mit denen individuell Handlungssicherheit bei Wahrung personeller Einzigartigkeit und Ermöglichung sozialer Anschlussfähigkeit erlebbar wird. [1]

Literatur

Mansel, J. & Spaiser, V. (2013). Ausgrenzungsdynamiken. In welchen Lebenslagen Jugendliche Fremdgruppen abwerten. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Möller, K. (2000). Rechte Kids. Eine Langzeitstudie über Aufund Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13-bis 15jährigen. Weinheim und München: Juventa.

Möller, K., Grote, J., Nolde, K. & Schuhmacher, N. (2015). „Die kann ich nicht ab!“ – Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der Migrationsgesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Möller, K. & Schuhmacher, N. (2007). Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungsund Szenezusammenhänge – Einstiegs-, Verbleibsund Ausstiegsprozesse von Skinheads. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Moscovici, S. (1973). Foreword. In C. Herzlich (Ed.), Health and Illness: A Social Psychological Analysis (pp. IX–XIV). London: Academic Press.

Reuter, J. (2002). Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden. Bielefeld: transcript.

  • [1] Was sich in der hier gebotenen Abbreviatur reichlich abstrakt anhören mag, wird gegenwärtig in einem Wissenschaft-Praxis-Kooperationsprojekt umgesetzt, das an der Hochschule Esslingen gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Bosch-Stiftung durchgeführt wird (vgl. hs-esslingen.de/fileadmin/ medien/schulung/2013_11_12/Swantje_Kubillus/Möller_Rückgrat_140710.pdf (Zugriff am 20.01.2015)).
 
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