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1 Prozesse biografischen Aufbaus rechtsextremer Haltungen und pauschalisierender Ablehnungskonstruktionen (PAKOs)

Der biografische Aufbau von rechtsextremen Haltungen und anderweitigen pauschalisierenden Ablehnungen erfolgt – meist fußend auf Vorläufern in der Kindheit – im Regelfall im Verlaufe der Jugendphase. Auf sie ist daher primär zu fokussieren (vgl. detaillierter als im Folgenden möglich: Möller, 2000; Möller & Schuhmacher, 2007; Möller u. a., 2015).

1.1 Spezifika pauschalisierender Ablehnungskonstruktionen bei Jugendlichen

Zwei Kennzeichen sind bei pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) bei Jugendlichen, unabhängig von ihren Gegenständen und Adressierungen im Einzelnen, besonders auffällig:

Zum ersten zeigen sich Ablehnungen bei Jugendlichen insgesamt selten ideologisch konsolidiert. Noch stärker als Erwachsene operieren sie mit stilistischen Distinktionen, (unbewussten) Aversionen, mentalitären Beständen, Ressentiments, affektiv verwurzelten Vorurteilen und Abwertungssemantiken. Dies betrifft beispielsweise auch antisemitische und fremdenfeindliche Haltungen, sogar dann, wenn diese rassistisch gewandet auftreten. „Du dreckiger Jude!“, „Kanake, Du Ratte!“ und ähnliche Schimpfworte stellen unter Jugendlichen häufig vorkommende Äußerungen dar, in denen sich weniger antisemitische Ansichten oder rassistische Denksysteme nach außen kehren als unreflektierte Parolen und andere nicht oder wenig systematisierte Gefühle, Gedanken und Stimmungen des Alltagsdiskurses. Zum zweiten ist bemerkenswert: Jugendliche mit persönlicher oder nicht mehr als zwei Generationen zurückliegender familiärer Migrationsgeschichte weisen zum Teil dieselben, zum Teil aber auch andere Ablehnungskonstruktionen als sog.

‚autochthone' Jugendliche auf. Eine Binnendifferenzierung dieser Großgruppierungen lässt zudem derart bedeutsame Spezifika und partielle Kongruenzen von Teilgruppierungen hervortreten, dass es analytisch unzulässig erscheint, weiterhin von der gängigen Kategorisierung in ‚Jugendliche mit Migrationshintergrund' und ‚Jugendliche ohne Migrationshintergrund' auszugehen. Auch eine Einteilung „migrantischer Jugendlicher“ nach Staatsangehörigkeit oder Religion ist viel zu grob, um die Vielzahl an Faktoren fokussieren zu können, die die Entstehung und Entwicklung bzw. die Abstandnahme von ablehnenden Haltungen beeinflussen. Beispielsweise werden ablehnende Orientierungen und Gewalt viel stärker von Genderaspekten als von Migrationsspezifiken geprägt. So sind etwa männliche Jugendliche, die hegemonialen Männlichkeitsvorstellungen anhängen und sie im Muster interpersonaler Dominanz zur Geltung bringen (wollen), weitaus gewaltnäher als anders orientierte Jungen – ganz unabhängig davon, ob sie einen sog. ‚Migrationshintergrund' haben oder nicht. Auf der anderen Seite stellt sich die Konstruktion antisemitischer Haltungen bei muslimischen Jugendlichen, insbesondere bei türkischund arabischstämmigen, ganz anders dar als bei nicht-muslimischen Jugendlichen, insbesondere aus deutschen Herkunftsfamilien. Erwartungsgemäß spielt für ihre politisch-soziale Orientierung der Palästina-Konflikt eine hochgradig bedeutsame Rolle, während für die herkunftsdeutschen Jugendlichen der Nationalsozialismus und die Shoah wichtige Orientierungsmarken darstellen (vgl. auch Mansel & Spaiser, 2013).

Ungeachtet solcher und weiterer wichtiger Differenzierungen lassen sich grobe Angaben zur Herstellung von Affinität zu rechtsextremen wie auch in anderer Weise pauschalisierenden ablehnenden Haltungen machen, die mehr oder minder übergreifend gelten.

1.2 Muster und Stadien

Es gibt nicht den einen Weg, der (zumeist junge) Menschen in die extrem rechten Orientierungsund Szenezusammenhänge bzw. zu pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen führt. Und es gibt auch nicht einige wenige benennbare Wirkfaktoren, die eine solche Hinwendung zwangsläufig werden lassen oder auch nur nahelegen. Stattdessen existiert eine Vielgestaltigkeit an Mustern, die auf ein spezifisches Zusammenwirken von verschiedenen Einflüssen hinweist. Diese Muster wiederum lassen typische zeitliche Abfolgen erkennbar werden, die sich als Stadien bzw. ‚Karrierestufen' begreifen lassen.

Insgesamt können im Affinisierungsprozess vier Muster voneinander abgegrenzt werden:

• das Muster interethnischen Konkurrenzerlebens, das in einer unmittelbaren, alltagsweltlich basierten, aber auch unabhängig davon in einer von Beginn an nur abstrakten Form auftreten kann und die selbst vorgenommene natio-ethno-kulturell geprägte politische Positionierung als unausbleibliche Folge eines in subjektiver Sicht ungerecht ablaufenden (Verdrängungs-)Wettbewerbs in der (Post-)Migrationsgesellschaft deutet,

• das Muster kultureller Hegemonie pauschalisierender Ablehnungshaltungen, also der Vorherrschaft von Auffassungen wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit u. a.m. im sozialen Umfeld,

• das Muster der politischen Supplementierung jugendkultureller Partikularintegration, d. h. der nachträglichen politischen Aufladung einer vorerst nur jugendkulturellen, stilistisch-habituellen und noch nicht unbedingt politisch verstandenen Einbindung in natio-ethnisch auf Vereindeutigung und Abgrenzung drängende Gruppen-, Communityund Szenekontexte,

• das Muster gesinnungsgemeinschaftlicher Rebellion, bei dem es sich jedoch weniger um ein selbstständiges Muster als um ein Begründungsfragment handelt.

Oft treten im individuellen Fall mehrere dieser Muster gleichzeitig auf, dies allerdings in unterschiedlicher Mischung und Gewichtung. Zum Teil bauen diese Muster in der zeitlichen Abfolge der Affinisierung auch aufeinander auf. Sie teilen darüber hinaus bestimmte Gemeinsamkeiten, die sich im fortschreitenden Prozess der politischen Affinisierung immer deutlicher herauskristallisieren. Zu unterscheiden sind zudem zwei Stadien: zum einen das Stadium der Kenntnisnahme, Identifikation und praktischen Annäherung; zum anderen ein fortgeschrittenes Stadium des Affinitätsaufbaus, das zwar noch nicht in eine konsolidierte Haltung gemündet ist, sich aber schon deutlich vom Anfangsstadium durch Verstetigungen und Verknüpfungen zwischen kulturellen und politischen Aspekten wie auch von einzelnen Einstellungssegmenten unterscheidet.

Bis dahin mehr oder weniger unverbunden nebeneinander stehende Motive, Gestimmtheiten, Orientierungen und Absichten werden im Rahmen neu erworbener (Cliquen-)Kontakte zunehmend gebündelt, auf Dauer gestellt und systematisiert. Der Affinisierung wird in einem stetigen und mehr oder minder kontinuierlich verlaufenden Deutungsund Aushandlungsprozess mit ähnlich orientierten Gleichaltrigen – manchmal auch mit Erwachsenen aus der einschlägigen Szene – individueller und sozialer Sinn verliehen. An die Stelle bis dahin oft noch vorherrschender allgemeiner Identifikationen tritt also zusehends die konkrete Assoziation, also die unmittelbare personelle, über Verhalten und Handeln reproduzierte und (auch daher) sinnlich erfahrene Einbindung.

1.3 Sozialisationserfahrungen im Affinisierungsprozess

Konstellationen der objektiven Lebenslage vermögen letztlich wenig bis gar nichts an Erklärungen für die Konstruktion pauschalisierender Ablehnungen und für Einstiege in rechtsextreme Denk-, Verhaltensund Sozialkontexte zu liefern. Es zeigt sich vielmehr, dass es eher die Art und Weise ihrer jeweils subjektiven Wahrnehmung und Bewertung bzw. des Umgangs mit ihnen und weiteren anderen lebensrelevanten Faktoren ist, die die politische Orientierung prägt. Eine wichtige Rolle kommt dabei den konkreten Erfahrungen in zentralen Sozialisationsbereichen zu. Als erster wesentlicher Bereich kann hier der Kontext der Familie genannt werden. Vier verschiedene Szenarien lassen sich in Bezug auf sie voneinander unterscheiden: ein auf Seiten der Eltern vorhandenes relatives Desinteresse bei gleichzeitiger partieller Einstellungsüberschneidung (1), mangelnde elterliche Durchsetzungsfähigkeit (2), Konflikte um Nähen zu rechtsextremer oder andere Ablehnungskonstruktionen propagierender Jugendkultur bei gleichzeitiger politischer Toleranz (3), dauerhafte Konflikte im familiären Kontext (4).

Im Gesamtüberblick der verschiedenen Muster und Kontexte können einige Ähnlichkeiten und Spezifika festgehalten werden.

• Gleichwohl das Familienleben als zentraler Wert begriffen wird und – zumindest in den ersten drei Kontexten – die eigene Familie oft idealisiert wird, erweisen sich die Beziehungen faktisch oft als emotional oberflächlich, wenig verlässlich und teilweise sogar als höchst problematisch.

• Mitunter agieren Eltern, häufig auch Großväter, als inhaltliche Stichwortgeber. Insgesamt zeigt sich jedoch nicht durchgehend ein Kausalzusammenhang zwischen ihren Ansichten und den sich entwickelnden Einstellungen des Nachwuchses.

• Auch eigenen Negativerfahrungen zum Trotz werden oft die aus den eigenen Familien bekannten und nicht immer unproblematischen Strukturen, hier vor allem eine starke Dominanz des Vaters über die Mutter und eine gewisse Härte und emotionale Leere im Umgang miteinander, in die eigene Konzeption einer ‚normalen' Lebensführung integriert.

• Insgesamt scheinen auf Seiten der Eltern nur selten gut durchdachte Strategien zu existieren, mit den Kindern die inhaltliche Auseinandersetzung über ihren Affinitätsaufbau zu führen. Entweder herrscht ein sich unterschiedlich begründendes relativ großes Desinteresse vor oder es wird vor allem negativ sanktionierend agiert, was in der Regel von den Betroffenen als ebenso ungerecht wie hilflos, auf jeden Fall aber als wirkungslos wahrgenommen wird.

• In allen Mustern finden sich Jugendliche, die zudem massive Erfahrungen mit biographischen Brüchen gemacht haben. Dies reicht von Umzügen von einem Elternteil zum anderen, also der nachhaltigen Unsicherheit der Lebenssituation, über den Verlust eines Elternteils durch Tod bis hin zu psychischen Problemen, Sucht(anfälligkeit) und der Information, adoptiert worden zu sein. Immer gingen diese Erfahrungen im Kontext mit den o. g. Erfahrungen mit identitären Erschütterungen und/oder beginnenden Verhaltensauffälligkeiten einher.

• In der Affinisierung werden bei männlichen Jugendlichen bestimmte im familiären Kontext erworbene Sichtweisen eher fundiert als aufgelöst. Die Vorstellung von der Geschlechterdichotomie wird durch die Zuordnung von weiteren Merkmalseigenschaften ergänzt und vereindeutigend zugespitzt, so dass im Resultat ein männliches Prinzip von Handeln und Durchsetzungsfähigkeit einem weiblichen Prinzip von Passivität und Schützsowie Hilfebedürftigkeit entgegengesetzt wird.

• Für Mädchen ist hingegen eine doppelte Gefangenschaft charakteristisch. Zum einen sind sie geprägt von gesellschaftlich und familiär erworbenen Geschlechterkonventionen, gegen die sie sich auch durch die Hinwendung zu einer betont maskulin auftretenden Jugendkultur zur Wehr setzen wollen. Zum anderen führt sie diese emanzipatorisch gedachte Hinwendung gerade in eine Szene, in der die erlebten Geschlechterbilder in noch stärkerer Weise vertreten werden. Die damit entstehende Form verquerer Emanzipation lässt sich vor allem im ersten, dritten und vierten Muster beobachten.

Zweiter relevanter sozialer Rahmen, in dem sich erste Schritte der Affinisierung vollziehen, ist die Schule.

• Vorherrschend ist ein bereits vor der Affinisierung ausgebildetes Gefühl, im schulischen Kontext nicht genügend Aufmerksamkeit und v. a. auch nicht ausreichende pädagogische Zuwendung zu erhalten. Während von (extrem) rechts orientierten deutschen Lehrpersonen in diesem Zusammenhang, besonders stark aber im ersten Muster, vorgeworfen wird, andere Gruppierungen von Schülerinnen und Schülern, nämlich vor allem jene mit Migrationshintergrund – und hier besonders die männlichen – zu bevorzugen, sehen Schülerinnen und Schüler aus Familien mit nicht-deutschen Wurzeln dies häufig genau umgekehrt.

• Spezifische Probleme bestehen allerdings nicht nur zwischen den Jugendlichen und den Lehrkräften, von denen deutlich mehr – möglicherweise sogar etwas völlig anderes – erwartet wird als die bloße Vermittlung von Lernstoff. Als problematisch erweisen sich zumindest im ersten, im dritten und im vierten Muster auch die Beziehungen zu den Mitschülerinnen und Mitschülern. Weit verbreitet ist das Empfinden, ein dichtes Netz freundschaftlicher Beziehungen zu entbehren.

• Wenn auch zwischen individuellen Leistungsproblemen und der Affinisierung durchaus Zusammenhänge bestehen, so handelt es sich hier doch nicht um ein Kausalverhältnis, zumal das zu Grunde liegende persönliche Wertemodell den Leistungsaspekt und die Erfolgskultur eigentlich anerkennt und bejaht.

Den lebensweltlichen Mittelpunkt von Affinisierungsprozessen bilden auch im Abgrenzungsbemühen gegenüber den genannten Sozialisationsinstanzen freiwillige Referenzbeziehungen, also Cliquen und andere Gesellungen von Jugendlichen. Unabhängig vom jeweilig dominierenden Muster gibt es diesbezüglich Gemeinsamkeiten zwischen den sich affinisierenden Jugendlichen:

• Stark verbreitet ist bis hin zur Affinisierung, zum Teil noch in ihrer Frühphase, das Gefühl, nicht über verlässliche Peer-Netzwerke zu verfügen. Wo solche Netzwerke doch existieren, herrschen häufig Handlungsorientierungen vor, die sich nicht fundamental von den Handlungsorientierungen der (extrem rechten oder andere Ablehnungskonstruktionen propagierenden bzw. auslebenden) Szene unterscheiden und eine Hinwendung damit erleichtern.

• Die Cliquen und Gruppen finden in Gewaltausübung zur Austragung territorialer Konflikte und z. T. im Alkoholkonsum zentrale Vergemeinschaftungsfaktoren. Keinesfalls sind sie aber auf solche sozialen Praxen zu reduzieren, denn sie nehmen daneben auch alle anderen für Peergroups üblichen Aufgaben wahr, also vor allem eine gemeinsame Freizeitgestaltung zu gewährleisten, die durchaus auch – vielleicht sogar in erster Linie – aus gänzlich ‚harmlosen' jugendtypischen Aktivitäten bestehen kann. Dies gilt in besonderem Maße für das zweite und das dritte Muster.

• Der Cliquencharakter impliziert bei aller unterschiedlichen Form, die ein Verband annehmen kann, auch eine gewisse strukturelle Offenheit. Die Jugendlichen steigen nicht in verfestigte und hierarchisch durchstrukturierte ‚Kameradschaften' bzw. ‚Kampfgruppen' ein, sondern in Gruppen mit niedrigem Formalisierungsgrad sowie entsprechend hoher Fluktuation und inhaltlicher Indifferenz.

• Dennoch unterscheiden sich sowohl die Gruppen als auch die ihnen angehörenden Jugendlichen von vergleichbaren Cliquen anderen Hintergrunds, vor allem weil bei einem Großteil eine der Affinisierung vorangehende Nähe zu gewaltförmigen Konfliktlösungsmustern vorherrscht, die mit einer verbalen Sprachlosigkeit einhergeht und entsprechende auf Körperlichkeit basierende Kommunikationsstrukturen nahelegt. Dies schlägt sich auch in einer signifikanten Überzahl männlicher Mitglieder nieder.

• Kaum ausgeprägt sind Interessen nach Entfaltung von Individualität und persönlicher Unverwechselbarkeit. Angestrebt wird eher die Teilhabe an einem größeren Zusammenhang, mit dem die Generierung von Macht und Selbstwertgefühl im Kollektiv – später in der Konsolidierung dann explizit der „Masse“, des „Mobs“, der „Horde“ oder des „Rudels“ – assoziiert wird.

Neben diesen bereits genannten Sozialisationsbereichen spielen Erfahrungen in Partnerschaften eine eher untergeordnete Rolle. Insgesamt bestehen zwischen der Art der Affinisierung und der Form der Beziehungsführung keine engeren Zusammenhänge. Allerdings finden sich quer durch alle Muster bestimmte Sichtweisen auf partnerschaftliche Beziehungen und geschlechtsabhängiges Rollenverhalten, die in einem engen Zusammenhang mit der politischen und kulturellen Affinisierung stehen.

• Bei männlichen Jugendlichen dominieren Beziehungsmuster und -vorstellungen, die ihre Vorbilder anscheinend vor allem in den ihnen bekannten Traditionen heterosexueller Partnerschaften und in ihren eigenen familiären Strukturen finden. Die Jungen sind dabei die aktiveren Beziehungsteile, die für die Artikulation und aktive Durchsetzung von Meinungen und Zielen zuständig sind, während den Mädchen eine deutlich passivere Rolle zugewiesen wird.

• Diese zugewiesene Passivität reicht so weit, dass die Mädchen zwar des Öfteren als Gleichgesinnte dargestellt, aber im Regelfall alltagsweltlich aus den Szenestrukturen herausgehalten werden. Es wird also weniger auf Übereinstimmung und Verknüpfung verschiedener Lebensbereiche gesetzt als auf deren Parzellierung: die Trennung zwischen dem Privaten, in dem Momente klassischer Zweisamkeit vorherrschen und dem Öffentlichen, in dem der Gestus des Rebellischen und vor allem auch des Männerbündischen gepflegt wird.

• Allerdings liegen die Anfänge weiblicher Affinisierung ganz offenbar nicht regelhaft in Beziehungen mit dominanten männlichen Partnern. Entgegen einer weit verbreiteten Klischeevorstellung sind für sie sehr wohl zum Teil auch eigene Überlegungen, Vorstellungen und Zielsetzungen ausschlaggebend.

Erfahrungen bzw. Nicht-Erfahrungen mit Jugendund Sozialarbeit sind für den Affinisierungskontext aus verschiedenen Gründen von potentieller, zum Teil auch von ganz praktischer Bedeutung. Zum einen können Angebote Sozialer Arbeit integrierende Funktionen haben und Erfahrungen ermöglichen, die einer Affinisierung Grenzen setzen. Zum anderen können aber soziale Einrichtungen auch den Rahmen darstellen, innerhalb dessen Affinisierungsprozesse eine Verstetigung finden.

• Zumindest für das erste, dritte und vierte Affinisierungsmuster kann resümiert werden, dass die Bereitschaft zur politischen und kulturellen Affinisierung bzw. die Bereitschaft, sich einer entsprechenden Gruppe anzuschließen, vor allem Jugendliche erfasst, die nicht von Angeboten Sozialer Arbeit angesprochen werden oder bereits angesprochen worden sind. So wie sie in anderen sozialen Kontexten kaum auf verlässliche soziale Netzwerke zurückgreifen können oder meinen zurückgreifen zu können, sind auch sozialarbeiterische bzw. -pädagogische Angebote nicht in der Lage, sie anzusprechen oder werden schlichtweg nicht gemacht.

• Anders stellt sich das Bild dort dar, wo die Affinisierung im Kontext herrschender Hegemonialverhältnisse stattfindet. Hier zeigt sich zwar eine zum Teil außerordentlich große individuelle Problembelastung der Jugendlichen, sie sind aber gerade nicht von institutionellen Hilfsangeboten alleine gelassen und fühlen sich – zumindest was Angebote der Jugendarbeit angeht – in der Regel auch nicht ausgeschlossen. Allerdings zeitigen die Angebote nicht unproblematische Wirkungen, wenn Deutungsangebote aus herrschenden Hegemonialverhältnissen gleichsam von außen in die Einrichtungen schwappen und diese von der Sozialarbeit nicht fachlich-(selbst)kritisch thematisiert werden.

1.4 Personale Kompetenzen

Bei allen biographischen Unterschieden und voneinander abweichenden sozialisatorischen Einflüssen ergibt sich gerade hinsichtlich der zur Verfügung stehenden personalen Kompetenzen der Lebensbewältigung ein oft außerordentlich homogenes Bild, das bereits für die Zeit vor ihrer beginnenden Affinisierung gültig zu sein scheint. Zusammengefasst stellt es sich wie folgt dar: Die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Selbst-, Verhältnisund Sachre.ftexion sind insgesamt kaum entwickelt. Nur schwach entfaltet ist auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Zwar soll durch die Einnahme der Haltung des sich nunmehr gegen konkrete Gefahr oder undurchschaubare Lebensumstände Wehrenden suggeriert werden, dass ab jetzt und zukünftig für sich und andere Schutz sowie jene eindeutigen Verhältnisse organisiert werden, die als anderenorts versagt wahrgenommen werden. Allerdings handelt es sich hier eher um eine Pose, die an die Institutionen adressiert bleibt, die nach Ansicht der Jugendlichen originär für ihren Schutz zuständig sind, also vor allem Schule und Elternhaus, was auch einer Delegierung von Verantwortung gleichkommt. Auch die Hinwendung zur Ausgrenzung betreibenden, vor allem rechtsextremen Gruppe ist in diesem Sinne ein weiterer Versuch, innerhalb einer schützenden hierarchischen Gemeinschaft Verantwortung abgeben zu können. Die Bereitschaft und Fähigkeit zum Perspektivenwechsel sind defizitär entwickelt. Andere Standpunkte können kaum anders als kalkulatorisch wahrgenommen und nachvollzogen, zumindest nicht oder nur in Ansätzen diskursiv verhandelt werden. Empathie fehlt nicht völlig, wird aber in erster Linie Angehörigen der In-Group entgegengebracht, also Familienangehörigen, Mitgliedern des Gruppenverbandes und Angehörigen des nationalen Kollektivs, dem man sich selber zurechnet. Die verbale Kon.ftiktfähigkeit ist vor allem bei männlichen Jugendlichen deutlich unterentwickelt. Der Vorstellung, sich immer und überall verteidigen zu müssen, entspricht die Neigung, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder sie mit dem Einsatz personaler Gewalt lösen zu wollen. Die Akzeptanz gegenüber Gewalt ist durchgehend hoch, die praktische Anwendung bleibt jedoch eher eine Sache der (jungen) Männer, wenngleich sich auch manche Mädchen und Frauen durchaus als willens und fähig erweisen, selber Gewalt anzuwenden. Zahlreiche Jugendliche mit Abund Ausgrenzungstendenzen gegenüber zu Anderen Gemachten, kurz: Geanderten (vgl. Reuter, 2002), zeigen mehr oder weniger große Probleme mit ihrer Affektregulierung. Die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ist grundsätzlich niedrig und wird nicht selten durch den exzessiven Konsum von Alkohol weiter gesenkt. Kaum entwickelt sind Ambiguitätsund Ambivalenztoleranz sowie Rollendistanz. Im Gegenteil geht es vor allem um Vereindeutigungen undurchschaubar erscheinender Situationen und darum, eine Rolle zu finden und einzunehmen, mit deren Hilfe individuelle Bedürfnisse nach Stärke und Gemeinschaft generiert werden können. Entsprechend leitet sich Selbstwertaufbau weniger aus erworbenen Eigenschaften und Kompetenzen der eigenen Person ab, sondern aus dem Umstand der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Szene, in der die eigene Handlungsorientierung kultiviert und die Vorstellung entwickelt werden kann, über den Einsatz von Gewalt und die Darstellung kollektiver Stärke Macht und Einfluss zu erhalten.

 
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