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1 Vielfalt des ökonomischen Wertbegriffs

Unter Bewertung wird die Zuordnung eines Wertes zu einem Bewertungsobjekt durch das jeweilige Bewertungssubjekt verstanden (vgl. Sieben et al. 1974).

Das Bewertungssubjekt ist derjenige, aus dessen Sicht und für dessen Zwecke die Bewertung durchgeführt wird. Es wird auch „Entscheidungssubjekt“, „konfligierende Partei“ oder „Konfliktpartei“ genannt.

Das Bewertungsobjekt ist das „Unternehmen“, wobei häufig vom „Unternehmen als Ganzes“ oder von „abgrenzbaren Unternehmensteilen“ gesprochen wird. Dies ist kein Widerspruch, denn mit dem Begriff „abgrenzbare Unternehmensteile“ werden regelmäßig komplexe Untereinheiten eines Unternehmens wie Betriebsstätten, Geschäftsbereiche oder Gliedbetriebe, seltener Unternehmensanteile mit besonderen Gestaltungsrechten für das Unternehmen als Ganzes („Beteiligungen“) bezeichnet.

Mit dem Terminus „als Ganzes“ wird ausgedrückt, daß das Bewertungsobjekt „Unternehmen“ als Realphänomen ein komplexes, einmaliges Konglomerat materieller und immaterieller Güter darstellt. Die Nutzenstiftung dieses Güterkonglomerats für das Bewertungssubjekt erwächst aus der möglichst effizienten Kombination dieses Güterbündels im Interesse des Bewertungssubjekts. Erfolgreiches Handeln bewirkt dabei, daß das Ganze mehr wert ist als die Summe seiner Teile. Diese wertsteigernden Effekte für das Ganze (Kombinationsvorteile, Synergieoder Verbundeffekte, originärer Goodwill) gehen verloren, wenn das Ganze in seine Teile zerlegt wird.

Die Erschließung von Wertsteigerungspotentialen beruht auf einer ganzheitlichen Analyse von Vor- und Nachteile sowie Chancen und Risiken bezogen auf die strategischen Unternehmensplanungen des Bewertungssubjekts, so daß der Wert eines Unternehmens stets planungsabhängig ist. Jede Planung ist zukunftsbezogen, mit Ungewißheiten verbunden und zugleich subjektiv. Bei Ungewißheiten gibt es keine von der Risikopräferenz des Bewertungssubjekts unabhängigen objektiv „richtigen“, sondern nur individuelle „subjektive“ Entscheidungen. Daher ist der Wert des Unternehmens eine subjektive Größe.

Die Erkenntnis der Subjektivität ist eine alte, oft indes vergessene ökonomische Erkenntnis. Der Wert als subjektive Größe hängt vom Ziel- und Präferenzsystem als Ausdruck des Wollens und Strebens des Bewertungssubjekts sowie von seinem Entscheidungsfeld als Ausdruck seines gegebenen Könnens ab und resultiert aus dem individuellen Nutzen des Bewertungsobjekts für das Bewertungssubjekt im Vergleich zur besten Alternative.

Daher läßt sich der ökonomische Wertbegriff als dreistellige Relation, d. h. als Subjekt-Objekt-Objekt-Beziehung charakterisieren. Der Wert drückt aus, welchen Nutzen sich das Bewertungssubjekt zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort künftig aus dem Bewertungsobjekt unter Bezug auf die ihm zur Verfügung stehenden alternativen Vergleichsobjekte verspricht. Das Bewertungsobjekt hat daher nur mit Bezug auf ein Bewertungssubjekt einen Wert, zugleich kann es so viele verschiedene Werte haben, wie sich dafür Bewertungssubjekte interessieren. Es gibt keinen „Wert an sich“, sondern nur einen „Wert für jemanden“.

In der Literatur (Sieben et al. 1974) werden fünf verschiedene Inhalte des subjektiven Wertbegriffs unterschieden, die sich jeweils in Abhängigkeit von bestimmten Aufgabenstellungen ergeben:

1. Wert im Sinne von Nutzwert,

2. Wert im Sinne von Entscheidungswert,

3. Wert im Sinne von Argumentationswert,

4. Wert im Sinne von Tauschwert,

5. Wert im Sinne von Normwert.

Der Nutzwert ist das Resultat der Beurteilung von Entscheidungsalternativen im Hinblick auf die Zielerfüllung für ein Bewertungssubjekt. Im Nutzwert drücken sich die Eignung und der Beitrag der jeweiligen Alternative zur Bedürfnisbefriedigung aus, so daß sie nach ihrer Vorziehenswürdigkeit geordnet werden können.

Der Entscheidungswert (Matschke 1972; Matschke 1975) ist eine kritische Wertgröße, die Vorziehenswertes von Nichtvorziehenswertem trennt. In den für Unternehmensbewertungsanlässen typischen interpersonellen Konfliktsituationen stellt der Entscheidungswert die Grenze der Konzessionsbereitschaft des Bewertungssubjekts dar. Er grenzt das bei einer Konfliktlösung vom Bewertungssubjekt gerade noch Akzeptable von dem Nichtakzeptablen ab. Die gerade noch akzeptablen Konfliktlösungen bilden den Entscheidungswert des Bewertungssubjekts. Der Entscheidungswert ist daher subjektiv und situationsabhängig.

Der Argumentationswert (Matschke 1976) ist alles, was eine Konfliktpartei in einer Konfliktsituation vorbringt, um die eigene Position zu begründen und zu unterstützen oder die gegnerische Position zu schwächen. Argumentationswerte sind daher nicht bloß subjektive und situationsabhängige, sondern zugleich parteiische und interessengeleitete Werte, die sich in Abhängigkeit vom Konfliktverlauf ändern werden.

Der Tauschwert ist als Austauschverhältnis (Preis, komplexe Gegenleistung) das Ergebnis eines konkreten Konfliktlösungsprozesses zwischen mehreren Konfliktparteien. Er bringt Angebot und Nachfrage bezogen auf das Bewertungsobjekt durch Einigung zwischen den Tauschpartnern zum Ausgleich. Als Einigungswert gilt er zwar für alle involvierten Tauschpartner, aber nur für diese sowie für das jeweilige Tauschobjekt, so daß auch er eine subjektive und situationsabhängige Kategorie darstellt. Einen Tauschwert ohne konkreten Tausch gibt es nicht. Der Arbitriumwert (Matschke 1979) soll eine Einigung zwischen konkreten Konfliktparteien erleichtern oder bewirken. Es ist ein von einem Unparteiischen vorgeschlagener Wert, auf dessen Basis der Unparteiische eine Konfliktlösung für möglich hält. Akzeptieren die Parteien ihn oder ist er als Schiedsspruch des Unparteiischen für die Konfliktparteien verbindlich, dann wird der Arbitriumwert zum Tauschwert.

Der Normwert stellt einen Wert dar, welcher der Übertragung von Informationen über das Bewertungsobjekt dient. Hierfür werden kodierte Informationen über das Bewertungsobjekt auf Basis von Normen abgeleitet und einem Adressaten zur Verfügung gestellt, der nach Ansicht des Normgebers an den normierten Informationen über das Bewertungsobjekt ein berechtigtes Interesse hat. Normwerte sind ebenfalls subjektive Werte – wegen der stets gegebenen Spielräume bei der Kodierung, aber auch bei der Deutung des Kodierten.

Thema der weiteren Betrachtung sind Entscheidungs-, Argumentationssowie Arbitriumwert als zentrale Wertgrößen der funktionalen Unternehmensbewertung.

 
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