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Lachen gegen den Ungeist?

Zum Potenzial des politischen Kabaretts am Beispiel der Thematisierung des NSU“-Diskurses

Frank Schilden

1 Einleitung

Eine rassistische Mordserie und Kabarett – passt das zusammen? Ja, sogar unbedingt! Es wäre sogar ein schlechtes Zeichen, wenn die rassistischen Morde des „NSU“ und der Umgang mit diesen in der Öffentlichkeit, der Politik und den zuständigen Behörden nicht vom zeitgenössischen Politischen Kabarett thematisiert und satirisch überformt werden würden. Ziel dieses Beitrags ist es, zu Beginn den Mythos der alles dürfenden Satire mindestens zu relativieren, zu erklären und in den entsprechenden Kontext zu rücken. Danach werden die Begriffe Kabarett und Politisches Kabarett kurz definiert und differenziert, bevor angedeutet werden soll, wie Kabarett, wenn es Politik und Öffentlichkeit thematisiert, funktioniert. Aus linguistischer Perspektive soll dann mit Verweisen auf Metasprachliches, vor allem auf die Thematisierung von Argumentationen aus dem öffentlichen Raum, eine besondere Spielart kabarettistischer Vorträge am Beispiel der Thematisierung des „NSU“ im Kabarett aufgezeigt werden. Eine Reflexion über das aufklärerische und didaktische Potenzial von Kabarett schließt den Beitrag ab.

2 Satire darf alles, wenn sie Satire ist.

Abhandlungen und Texte über Satire, Witz, Humor oder Kabarett beginnen häufig mit einem Zitat von Tucholsky. Auch im öffentlichen Diskurs zu Fragen der Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit beruft man sich gerne auf Tucholsky. Häufig zu Recht, manchmal aber auch nicht [1]. Tucholsky beantwortet seine Frage, „Was darf die Satire?“, zwar kurzum mit „Alles“ (Tucholsky, 1919a), aber ganz so einfach ist es bei Tucholsky nicht. Es kommt darauf an, was Satire überhaupt ist, und Tucholsky argumentiert vor allem aus der Warte der Funktion von Satire. Mit anderen Worten: Satire darf eben dann alles, wenn sie die Funktion satirischer Texte bzw. Überformungen erfüllt. Besonders bei der Annäherung an Tabuthemen manifestiert sich dieses Spannungsverhältnis im öffentlichen Diskurs: vermeintliche Mohammed-Karikaturen, den Papst herabsetzende Darstellungen der Titanic, Dieter Nuhrs Ausführungen zum Islam, vulgäre Aussagen von Serdar Somuncu. Satire im Sinne Tucholskys geht es nicht um bloße Provokation oder oberflächliche Beleidigung, „Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist“, sie kämpft „um des Guten willen“, sie hat „die Berechtigung, die Zeit zu peitschen“ (Tucholsky, 1919a, Hervorhebung von mir, F.S.). Auch mögliche Mittel benennt Tucholsky klar: Satire muss übertreiben, die Wahrheit aufblasen und dabei eben auch zum Ziele der Zeitkritik „ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht“ sein. Was soll der Effekt der Satire sein? Hier formuliert Tucholsky: „Die echte Satire ist blutreinigend“. Worum es Tucholsky hier geht, ist eine Abkehr von dem negativen Verständnis von Satire, dem bloßen Dagegen-Sein, hin zu einem positiven Verständnis: Ziel ist nicht das Dagegen, sondern das Für-etwas-anderes-Sein, „Politische Satire steht immer in der Opposition“ – Mittel ist wiederum die aufgeblasene Wahrheit (in den Augen des Satirikers). „[D]er Satiriker […] verallgemeinert und malt Fratzen an die Wand und sagt einem ganzen Stand die Sünden einzelner nach, weil sie typisch sind, und übertreibt und verkleinert“ (Tucholsky, 1919b) im Dienste dessen, was er, der Satiriker, oder sie, die Satirikerin, für richtig hält.

Wendet man diese etwas differenzierteren Ausführungen Tucholskys auf die oben beispielhaft benannten Satire-Beispiele an, dürfte klar sein, dass die Mohammed-Karikaturen, die noch immer auf rechten bzw. rechtsextremen Demonstrationen oder Kundgebungen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gezeigt werden, dem Anspruch „echter Satire“ im Sinne Tucholskys nicht gerecht werden können, es ist reines Dagegen. Sie ist dort eben nicht Mittel, die Zeit zu peitschen, sondern Effekthascherei. Eine ähnliche Karikatur kann in einem anderen Kontext aber sehr wohl „echte“ Satire zum Ziele der Zeitkritik sein. Vor allem die Karikaturen, die französische Karikaturistinnen und Karikaturisten nach dem schrecklichen Terroranschlag auf den Sitz des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris veröffentlicht haben, sind ein schönes Beispiel dafür – vor allem weil sie auch thematisieren, dass sich die Pegida [2] -Bewegung eben dieses Attentat politisch zu Nutze macht.

  • [1] Zum Verhältnis der Grundrechte im Kontext von Satire vgl. die interessanten Ausführungen von Schröder (2007) und Gärtner (2009).
  • [2] Abkürzungen der Gruppierung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.
 
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