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2 Die politische Theorie in der US-amerikanischen Politikwissenschaft

Dass die politische Theorie in den Selbstverstandigungsdebatten der US-amerikanischen Gesellschaft traditionell eine wichtige Rolle spielt, zeigt schon ein Blick auf die beiden Texte, die als die zwei großen klassischen Werke bezeichnet wurden, welche die US-amerikanische Tradition politischen Denkens hervorgebracht hat (Wolin 2001, S. 3). Die Federalist Papers der Founding Fathers Alexander Hamilton, James Madison und John Jay (2007) vom Ende des 18. Und die Studie zur Demokratie in Amerika des Franzosen Alexis de Tocqueville (1984) aus der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts dienen bis in die aktuellen Debatten hinein als bevorzugte Projektionsflache des US-amerikanischen Selbstverstandnisses. In der sich wandelnden Rezeption dieser beiden Klassiker der politischen Theorie in den USA zeichnen sich daher „the vagacies of fashion and interpretation in (.. .) the culture at large“ (Villa 2008, S. 467) besonders deutlich ab. Das gilt fur breite o¨ffentliche Debatten ebenso wie fur den politischen oder auch den verfassungsrechtlichen Diskurs der politischen Funktions- und Entscheidungseliten, wie sich etwa in der wichtigen Rolle, welche die Referenz auf die Federalist Papers in den Entscheidungsbegrundungen des US Supreme Court spielt (Corley et al. 2005), oder auch in der Debatte um George W. Bushs Selbstcharakterisierung seiner politischen Grundposition mit Verweis auf Tocquevilles politische Theorie zeigt (Villa 2008, S. 466 f.).

Bei Tocqueville (1984, S. 487 ff. und S. 525 ff.) findet sich allerdings auch die These, dass demokratische Gesellschaften wie die US-amerikanische beinahe eine naturliche Abneigung gegen allzu abstrakte Formen philosophischen und theoretischen Denkens haben. Es sei dahin gestellt, wie plausibel diese provokante These Tocquevilles von der tendenziellen Theoriefeindlichkeit der politischen Kultur moderner Demokratien ist. Auf das Beispiel der US-amerikanischen Politikwissenschaft bezogen scheint es allerdings, als mache Tocquevilles These, der generell nicht nur fur seine Vorliebe fur Spannungen und Widerspruche, sondern auch fur die uberraschende Treffsicherheit seiner Langzeitprognosen beruhmt ist (vgl. Boesche 2006), auf eine Grundspannung aufmerksam, die in der historischen Entwicklung der Disziplin und der Stellung der politischen Theorie in ihr in der Tat eine Rolle spielt. Zumindest ist es unbestritten, dass „political theory's relationship to the discipline of political science has not always been a happy one.“(Dryzek et al. 2009, S. 64.)

Der Mainstream der Politikwissenschaft in den USA orientiert sich traditionell vor allem an der empirischen Erforschung der nationalen demokratischen Politik und leitet seine „basic identity“ und sein „normative purpose“ unmittelbar aus dem unhinterfragten „main practical task“ ab, die Etablierung und Stabilisierung „of a unitary national state accompanied by a virtuous national citizenry“ zu unterstutzen (Dryzek 2006, S. 487). Diese unmittelbar praktische Perspektive setzt den liberalen Grundkonsens des demokratischen Selbstverstandnisses, die geteilten Grundwerte eines auf private Eigentumsrechte konzentrierten Besitzindividualismus, sozialer Mobilitat, individueller Unabhangigkeit und Selbstverantwortung, religio¨ser Toleranz und fo¨deral und reprasentativ organisierter demokratischer Mitbestimmung, stillschweigend als gegeben voraus. Die Grundlagenreflexion in der Politikwissenschaft in den USA konnte sich demnach oft weitgehend auf die Explikation dieses Grundkonsenses und daneben auf die unmittelbar anwendungsorientierte Diskussion sozialwissenschaftlicher Methodenfragen konzentrieren.

Die politische Theorie hat in dieser Konstellation allerdings nicht durchgehend die Rolle einer Ziviltheorie der Demokratie in den USA gespielt, wie zum Beispiel explizit bei Richard Rorty (1988, 1994), sondern immer wieder auch die Rolle des disziplinaren Sto¨renfrieds eingenommen, indem sie gerade die stillschweigend

vorausgesetzte Einbettung der Politikwissenschaft in den Grundkonsens der nationalen Identitat einer historischen und philosophischen Kritik zu unterziehen und in seiner gleichsam vorreflexiven Geltung zu hinterfragen versucht hat. In der Entwicklungsdynamik der „American Political Science“ als einer „congenitally unsettled discipline“ (Dryzek 2006, S. 487) verbindet sich die Frage nach der Stellung der politischen Theorie somit von Beginn an mit der Kontroverse um die Frage, ob die Disziplin insgesamt als unmittelbar praktische und auf die nationale Politik fokussierte Demokratiewissenschaft verstanden werden oder eher einer philosophisch inspirierten und historisch weiter ausgreifenden Perspektive verpflichtet sein sollte, die potentiell auch eine Kritik der US-amerikanischen Moderne und ihres liberal-demokratischen Selbstverstandnisses ermo¨glichen musse.

Fur letzteres hat ein Teil der politischen Theorie zum Beispiel in den spaten 1960er Jahren unter dem Eindruck des Vietnamkriegs argumentiert (ebd., S. 490 f.). Zuvor hatte sich schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit unter dem Einfluss europaischer Emigranten wie etwa Herbert Marcuse, Leo Strauss, Hannah Arendt oder Eric Voegelin eine Stro¨mung in der US-amerikanischen Theoriedebatte gebildet, die fur eine kritische Reflexion des liberalen und dezidiert fortschrittsoptimistischen Selbstverstandnisses argumentierte und die der politischen Theorie der fruhen 1950er Jahre, so formuliert es John Dryzek, einen „decidedly antiliberal cast“ verliehen habe (ebd., S. 490). Aus der Perspektive der europaischen Emigranten, die ihre politischen Theorien vor dem Hintergrund der Erfahrung des modernen Totalitarismus formulierten, erschienen eine Reihe der unhinterfragten Grundannahmen des liberalen Konsenses als problematisch. Indem sie den Liberalismus selbst „either inherently or because of its degenerate condition ... at the core of a modern crisis“ verortete (Gunnell 1988, S. 73), stellte diese europaisch inspirierte politische Theorie auch den impliziten Grundkonsens der Politikwissenschaft in den USA als einer liberalen praktischen Demokratiewissenschaft in Frage.

Als besonders wirkungsvoll hat sich allerdings eine andere Theoriestro¨mung der Nachkriegszeit erwiesen. Die behavioral revolution, die sich ebenfalls in den 1950er Jahren gegen diese „wave of European thought that was appearing in political theory“ (ebd., S. 80) formierte, kann als unmittelbare Reaktion auf diese Infragestellung des liberalen Konsenses verstanden werden. Die bis in die spaten 1960er Jahre hinein bestehende Dominanz des Behavioralismus und seines wertneutralen Wissenschaftsverstandnisses revitalisierte auch den eigentumlichen „sense of liberal givenness“ und die „traditional values of U.S. political science“ (ebd. S. 73, 74). Sie lieferte damit in der Konsequenz die theoretische Grundlage, auf welcher der Mainstream der Politikwissenschaft in den USA weiterhin als unmittelbar praktische, am liberalen nationalen Selbstverstandnis orientierte Demokratiewissenschaft fungieren konnte, ohne fur diese normative Orientierung eigens eine politisch-theoretische Begrundung geben zu mussen. Die dieser Konstellation entsprechende politische Theorie konnte es sich leisten, „to embrace relativism and the idea of the separation of facts and values while remaining totally committed to definite political ideals“ (ebd., S. 74).

Erst mit der Erneuerung einer explizit normativen Theoriedebatte seit Anfang der 1970er Jahre, die vor allem von John Rawls angestoßen wurde, ruckte die konstitutive Bedeutung dieses stillschweigenden „commitment“ der US-amerikanischen Politikwissenschaft fur die politischen Ideale des American Creed wieder starker ins Bewusstsein. Im Unterschied zur Idee einer formal wertneutralen, faktisch aber den stillschweigenden Konsens geteilter „American values“ voraussetzenden empirischen Demokratiewissenschaft geht Rawls' Werk vom Faktum eines gesellschaftlichen Wertepluralismus aus und steht gleichzeitig stellvertretend fur den Anspruch des politischen Liberalismus, die normativen Grundlagen einer allgemein zustimmungsfahigen Idee gesamtgesellschaftlicher Gerechtigkeit (Rawls 1971) oder zumindest einer allgemeinen Form politischer Vernunft zu formulieren, die jenseits der religio¨sen, weltanschaulichen und kulturellen Differenzen zwischen den „umfassenden Lehren“ und Identitaten von Menschen eine Basis fur die Verstandigung auf gultige politische Werte bereitstellen kann (Rawls 1993). Zugleich ist bei Rawls aber auch das Bewusstsein der Verwurzelung seiner politischen Theorie in denjenigen Grunduberzeugungen und „considered judgments“ artikuliert (Rawls 1971, S. 47 ff.), die den Kern des gesellschaftlichen Selbstverstandnisses der USA, gleichsam die Grundprinzipien der besonderen umfassenden Lehre des American Creed bzw. des Amerikanismus (Gebhardt 1993) ausmachen. Rawls artikuliert diese liberalen Grunduberzeugungen auf neue, den intellektuellen Gegebenheiten seiner Zeit entsprechende Weise und befragt sie zugleich auf die Mo¨glichkeiten ihrer allgemeinen Begrundung und universalen Geltung. Er greift damit ein Grundmotiv auf, welches das politische Denken in den USA seit der Grundungsperiode Ende des 18. Jahrhunderts bestimmt (vgl. Vorlander 1997). Rawls' Werk kann so gesehen als reprasentative Artikulation der zwischen nationalem Exzeptionalismus und demokratisch-liberalem Universalismus oszillierenden Denkbewegung der politischen Theorie in den USA verstanden werden, die diese Denkbewegung der Liberal Tradition in America (mit der beruhmten Formel von Louis Hartz (1955) ausgedruckt) fur das spate 20. und fruhe 21. Jahrhundert erneuert und konzeptionell weiterentwickelt.

Rawlsn¸ politische Philosophie hat seit der Vero¨ffentlichung seines Hauptwerks A Theory of Justice den politischen Theoriediskurs in den Vereinigten Staaten und international dominiert und bestimmt ihn bis in die aktuellen Debatten hinein maßgeblich mit. Zugleich sind seit einigen Jahren aber auch grundsatzliche Fragen nach der Beziehung zwischen normativen und empirisch-analytischen Perspektiven, dem Verhaltnis der Politikwissenschaft zum Selbstverstandnis der US-amerikanischen Demokratie und vor allem nach der Stellung der politischen Theorie innerhalb der Disziplin erneut in den Fokus der Diskussion geruckt. In dieser jungsten Neuauflage der Debatte stehen sich insbesondere die Befurworter eines am Vorbild der Naturwissenschaften orientierten quantitativen und formalen Methoden- und Theorieverstandnisses und die Kritiker dieses dominanten Modells gegenuber. Zwar wird diese einfache Gegenuberstellung der Vielfalt der in der US-amerikanischen politischen Theorie tatsachlich vertretenen Konzeptionen sicherlich nicht gerecht. Allerdings zeigt sich in dieser Zuspitzung besonders deutlich, inwiefern sich in ihr Fragen der disziplinaren Identitat mit konkreten wissenschaftspolitischen Interessen, aber auch mit substantiellen inhaltlichen Grundfragen der politischen Theorie selbst vermischen. Insbesondere lassen sich anhand dieser aktuellen Kontroverse einige der methodologischen Grundprobleme exemplarisch verdeutlichen, die in der amerikanischen politischen Theorie aktuell diskutiert werden.

 
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