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5 Der Weg zu den Kunstaktionen

Im Rahmen der Künstlergruppe Grass Lifter wurden bisher vier Aktionen durchgeführt. Im Folgenden werden die Aktionen vorgestellt.

Tabelle 1 Überblick über die Aktionen

Aktion

06.05.2013

Das Gras, das über die Sache wächst

04.11.2013

War da was? Grass it up!

06.05.2014

Fragen fliegen

04.11.2014

Goldener Hase

Anlass

NSU Prozessbeginn

2. Jahrestag Aufdeckung NSU

1. Jahrestag des NSU-Prozessbeginns

3. Jahrestag Aufdeckung NSU

Maßnahmen

Symbolischer Spatenstich in die Grasfläche der Frühlingsstr. 26, Zwickau, Übergabe des Grases an die Oberbürgermeisterin von Zwickau

Figurenaufstellungen mit utopischen Themen an den Orten, wo die Täter lebten.

Luftballonperformance mit Fragen zum NSU-Komplex, die über Sachsen gestreut wurden.

Negativ-Preisübergabe „Goldener Hase“ an den Verfassungsschutz Sachsen und Online-Petition

Wir orientieren uns am Standardwerk des Kunstaktivismus „Beautiful Trouble – Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution” (Boyd & Oswald, 2014)(Boyd und Mitchell 2014). Darin werden Taktiken, Prinzipien und Theorien beschrieben, die für erfolgreichen Kunstaktivismus Bedingung sein können. Wir halten uns im Folgenden an die im Buch verwendete Terminologie.

5.1 Zielgruppe

Aus unserem Ansatz, das Umfeld des Umfeldes der Terrorzelle zur Reflexion anzuregen, leitet sich auch unsere Zielgruppe ab. Wir wollen Menschen erreichen, die im Sozialraum Zwickau und Chemnitz wohnen. Menschen, die die Welt vor allem über Massenmedien beobachten und nur bedingt im politischen System mitwirken. Bei diesen Menschen wollen wir Diskurse und Diskussionen auslösen, die Teil einer Haltungsänderung sein könnten. Da das Thema in der Stadt nicht besonders beliebt war und noch immer nicht ist, wussten wir, dass das, was wir machen nicht so interessant sein würde, dass diese Menschen zu uns strömen würden. Trotzdem wollten wir genau diese Menschen erreichen. Erst danach wollten wir die politisch Verantwortlichen ansprechen. Unsere Zielgruppe umfasste damit bis zu 327.000 Menschen (Landkreis Zwickau, 2015).

Abbildung 1 Mögliche Antwort auf die Frage: Wie gesellschaftlich reagieren auf die Terrorzelle NSU in Zwickau? (zweite Aktion: 04.11.2013 – War da was? Grass it up!)

Abbildung 2 und 3 Prophetische Intervention im öffentlichen Raum (zweite Aktion: 04.11.2014 – War da was? Grass it up?).

Wie können wir in Zukunft verhindern, dass solche Taten unter uns geplant werden? Wie gehen wir mit dem Geschehen um? Wie muss eine Gesellschaft aussehen, die solche Taten vermeiden kann?

Wir wissen als Künstler: Was die Menschen von der Gesellschaft und ihrer Welt wissen, ist geprägt von den Massenmedien (Luhmann, 2004). Also mussten wir unsere Geschichte in die Medien tragen, denn sie sind in der Lage, durch ihre Annahmen neue Weltkonstruktionen zu ermöglichen und damit eine öffentliche Meinung als Resultat ihrer eigenen Wirksamkeit zu verändern (Luhmann, 2006, S. 498). Diese Vorannahmen beeinflussten die Auswahl unserer Methoden, die wir zur Umsetzung der Ziele brauchten.

5.2 Taktiken

Den Begriff Taktik kennen wir vor allem aus dem Sport, Spiel oder Militär. Aber auch der Kunstaktivismus bedient sich verschiedener Taktiken, um zum Ziel zu gelangen. Taktiken sind bestimmte kreative Formen, die helfen das Ziel zu erreichen. Diese Taktiken reichen von Streiks über Besetzungen bis hin zu Flashmobs oder unsichtbaren Theatern. Einige dieser Taktiken haben sich im Laufe der Jahre bereits bewährt, andere Formen sind noch weniger bekannt. Nicht selten werden auch mehrere Taktiken miteinander kombiniert, abgewandelt oder es entstehen gar neue Formen innerhalb einer Künstlergruppe oder Aktion.

Eine unser Herangehensweisen war die Taktik der prophetischen Intervention (Boyd, 2014, S. 52). Damit versuchen Kunstaktivisten, eine gegenwärtige politische Situation in etwas Vergangenes zu transferieren, in dem sie durch eine Vision oder Utopie etwas Neues entstehen lassen. Durch die gezielte und überspitzte Ästhetisierung von gegenwärtigen Prozessen und Systemen werden diese in die Vergangenheit projiziert und ihrer aktuellen Bedeutung beraubt (Groys, 2014). Doch was kommt dann?

Uns ging es nie darum, Antworten auf gesellschaftliche Prozesse zu geben oder zu finden. Das überlassen wir der Gesellschaft vor Ort. Doch nachdem wir das Gras ausgegraben haben, trafen wir auf einen starken Widerstand von Seiten der Entscheidungsträger. Wir fühlten uns wie Nestbeschmutzer. Das wollten wir gar nicht sein, wir wollten nur Fragen stellen, aber selbst das erschien zu viel. Was also tun, dachten wir? Wir bastelten Minifiguren. Bei unserer zweiten Aktion am zweiten Jahrestag (04.11.2013) der Aufdeckung des NSU bauten wir alles so klein, dass, wenn man es nicht wusste, die Figuren auch nicht auffielen. Das Konzept haben wir uns beim Künstler Slinkachu (2012) abgeschaut. Weniger als Fragen stellen konnten wir nicht. Diese zu wiederholen, hielten wir auch nicht für zielführend.

Deswegen versuchten wir, mit Minifiguren Zukunftsszenarien darzustellen. Wir wollten damit ironisch die Angriffsfläche wegnehmen und uns als Personen der Öffentlichkeit entziehen. Inhaltlich ging es darum, die aktuelle Weltsituation aus der Perspektive der betroffenen Menschen zu betrachten. Das bestehende Problem wird nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft abgeleitet. Das Grundkonzept „von der Zukunft her führen“, das sich aus der „Theorie U“ (Scharmer, 2013) ableitet, findet sich im Kunstaktivismus (Boyd, 2014, S. 52) genauso wieder wie in der Persönlichkeitsund Organisationentwicklung. Nun hatten wir nicht die Zeit, mit mehr als 300.000 Menschen Reflexionsprozesse durchzudeklinieren und haben uns daher entschieden, positive Visionen erlebbar zu beschreiben. Wir nannten diese Szenarien „realisierte Utopien“ (Grass Lifter, 2013) und beschrieben mögliche Visionen, die aus diesem Gedankenexperiment entstanden. Diese sollten so attraktiv und unangreifbar sein, dass sie einfach übernommen werden könnten. Es ist umstritten, ob in der Frühlingsstr. 26 an die Taten erinnert werden soll.

Zudem wurde von den Stadtoberen die Angst geschürt, es könnte dort ein Wallfahrtsort entstehen. Wir entschieden wir uns dort eine Baustelle für einen „Raum für Dialog“ zu eröffnen (siehe Abbildung 1). In der Polenzstr. 2, wo das Trio ebenfalls wohnte, ließen wir symbolisch eine Flüchtlingsfamilie einziehen, die von ihren Mitbewohnern willkommen geheißen wird (siehe Abbildung 2). Damit spielten wir auf die Tatsache an, dass es in Zwickau über 7.000 leerstehende Wohnungen gibt und die Flüchtlinge vor Ort in einem abgewrackten Heim am Rande der Stadt untergebracht sind. Die in der Utopie vorgeschlagene dezentrale Unterbringung sollte Zwickau wiederbeleben, da die Stadt stark von Abwanderung und Überalterung betroffen ist. Sie soll zu einem lebendigen Ort gemacht werden, wo wieder Kinder auf der Straße spielen und unterschiedlichste Gerüche das Wohnen lebenswerter machen.

Taktisch wollten wir damit eine Identitätskorrektur (Bichlbaum, 2014a, S. 39) erzeugen. Hinter dieser Taktik verbirgt sich die Idee, über das Ansehen einer Institution in der Öffentlichkeit zu berichten bzw. aus einer neuen Perspektive zu beleuchten. Kunstaktivisten erfinden Botschaften und präsentieren diese der Öffentlichkeit. Dies funktioniert negativ wie positiv. So erließen beispielsweise erfundene Entscheidungsträger nach der Naturkatastrophe in Haiti die Schulden, die dem Land nach seiner Unabhängigkeit von Frankreich auferlegt wurden, um französische Sklavenbesitzer für „ihren verlorenen Besitz“ zu entschädigen (Bichlbaum, 2014a, S. 41). Diese neue Perspektive ist für die jeweilige Institution (hier: Frankreich) meist nicht schmeichelhaft, weshalb sie versucht, genau diese Perspektive zu vermeiden. Mit den Minifiguren zeigten wir alternative positive Utopien zum gesellschaftlichen Ist-Zustand der Stadt Zwickau und versuchten, die Diskussion von einer offenen Fragehaltung zu bestimmten Möglichkeiten zu bewegen.

In unserer vierten Aktion Goldener Hase wählten wir den Verfassungsschutz (VS) als Aufhänger und konkrete Institution für eine Identitätskorrektur. Gleichzeitig kombinierten wir die Aktion mit einer Online-Petition an die Oberbürgermeisterinnen von Chemnitz und Zwickau, sowie an den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen Stanislaw Tillich. Für uns hatte der VS in der Aufklärung der NSU-Morde versagt. Das Versagen fand sich in diversen Landesämtern und im Bundesamt wieder und füllt Ordner der Untersuchungsausschüsse. Da wir über Zwickau hinaus das Thema stärker fokussieren wollten, entschieden für uns das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen als Projektionsfläche. Wir zeichneten sie daher stellvertretend für den gesamten Verfassungsschutz mit dem Negativpreis „Goldener Hase” aus (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4 Preisverleihung „Goldener Hase“ an und vor dem Verfassungsschutz Sachsen (vierte Aktion: 04.11.2014 – Goldener Hase).

Der goldene Hase steht dabei symbolisch für den Ausspruch: „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts” und wurde z. B. für das Schreddern von Akten oder das plötzliche Auftauchen von Akten symbolisch vergeben (Spiegel Online, 2013). Am meisten entspricht der Preis jedoch der Grundhaltung und der Aussage des damaligen Vizepräsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Peter Fritsche:

„Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren“ (Aust & Laabs 2014, S. 805). Fritsche ist mittlerweile Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt (vgl. Beitrag von Laabs in diesem Band). Damit kehrten wir die Rolle des Verfassungsschutzes um. War er eben noch der wissende Geheimdienst, der beobachtet und Informationen sammelt, die er gezielt mitteilt, um die Verfassung zu schützen, wurde er zum nichtwissenden, schweigenden Akteur. Diese Rolle war für uns und viele andere die „gefühlte“ Wahrheit, die es auszusprechen galt. Nun lobten (ästhetisierten) wir ihn für seine gezielte Zurückhaltung von Informationen und die anscheinende Ohnmacht bezüglich der Aufklärungsarbeit und skandalisierten damit den mangelnden Aufklärungswillen. Eine weitere Funktion erfüllte der Preis als Aufhänger. Zu einer Preisverleihung kann eingeladen werden und kommt man auch gern. Dem MDR reichte allein das Bild vor Ort, inhaltliche Interviews wurden woanders erstellt. Der MDR Sachsenspiegel berichtete ausführlich, die DPA und viele regionale Medien übernahmen die fertige Story. Obwohl der Verfassungsschutz nicht zu der eigentlichen Preisverleihung erschien, lud er uns daraufhin zu einem Gespräch ein.

5.3 Prinzipien

Während die Taktik das Vorgehen einer Aktion bestimmt, sind es die Prinzipien, die bestimmte Werte und Regeln beeinflussen, die für eine erfolgreiche Umsetzung von Aktionen beitragen. Insbesondere heterogene und dezentrale Gruppen, wie es die Grass Lifter sind, bedienen sich gemeinsamer Prinzipien, die ein kollektives Handeln überhaupt erst ermöglichen und langfristige Zusammenarbeit sichern. Transparente Prinzipien ermöglichen es auch Außenstehenden, Aktionen und deren Hintergründe besser nachvollziehen zu können. Wir schildern in diesem Abschnitt Prinzipien, die wir für unsere Arbeit wichtig halten.

Das sicherlich relevanteste Prinzip für unseren gruppendynamischen Prozess war Konsens statt Kompromiss. Als Künstler wollten wir möglichst klar eine Botschaft senden. Wie auch immer der Empfänger damit umging, die Botschaft musste klar sein. „Das Gras über der Sache symbolisch auszugraben“ war eine Redewendung, die jeder sofort begriff. Schwieriger wurde es bei unserer zweiten Aktion War da was? Grass it up!. Wir stellten an drei Orten utopische Szenarien mithilfe von Minifiguren nach. Damit wurden das Gesamtbild und die Ideenfindung komplexer.

Abbildung 5 Symbolischer Spatenstich, um das Gras, das in der Frühlingsstraße 26 über die NSU-Sache wächst, auszugraben (erste Aktion: 06.05.2013 – Das Gras, das über die Sache wächst).

Jeder in der Gruppe brachte seine eigene Idee und Vorstellung ein. Geübt in gewaltfreier Kommunikation (vorausgesetzte gruppendynamische Technik), brauchte es neben Moderationsmethoden immer die Einsicht der Gruppe, einen kompromisslosen Konsens für eine Idee zu finden. Denn nur dann konnten wir „eine” möglichst unmissverständliche Botschaft senden. Das unterscheidet Kunstaktivismus vom reinen politischen Handeln. Kunstaktivisten suchen die ästhetische Idee, um politisches Handeln zu irritieren, während das Politische den Kompromiss zum Machterhalt sucht.

Eine Umsetzungsform als mögliches Design ästhetischer Ideen ist die Möglichkeit, in Geschichten zu denken (Canning & Reinsborough, 2014a). Menschen lieben und erinnern sich an Geschichten. Sie vermitteln komplexe Sinnzusammenhänge schneller als abstrakte Erzählungen.

Unser Name Grass Lifter bedeutet so viel wie die, die das Gras ausgraben. An der Frühlingstraße wächst im wahrsten Sinne des Wortes eine Graswiese über die NSU-Sache. So konnten wir mehr Aufklärung fordern, indem wir unseren Spaten nahmen und das Gras an diesem Ort ausgruben. Diese Metapher war so eindeutig wie klar. Wir versuchten auch in den darauffolgenden Aktionen, dieses Bild immer wieder zu benutzen und verankerten es in unserem Gruppennamen. Die zweite Aktion erschuf realisierte Utopien mittels Miniaturfiguren, über die diskutiert werden konnte.

Abbildung 6 Fragen über den NSU-Komplex fliegen symbolisch vom Zwickauer Hauptmarkt über ganz Sachsen (dritte Aktion: 06.05.2014 – Fragen fliegen).

Bei der dritten Aktion ließen wir das ausgegrabene Gras und Fragen, die sich bei der gesellschaftlichen Aufklärung des NSU ergeben, symbolisch an Luftballons über Sachsen fliegen. Bei der letzten Aktion, der Übergabe des goldenen Hasen, dekonstruierten wir die Rolle des Verfassungsschutzes, indem wir ihm eine Metapher zuschrieben und diese mittels einer Preisübergabe unterstützten. Die Funktion solcher Bilder ist es, für Journalisten die Geschichten vorzubereiten und damit eine Grundintention in die Medienbotschaften zu bauen. Diese können von den Rezipienten leicht und schnell aufgefasst werden. Jede neue Geschichte erweitert oder beschreibt die bestehende Geschichte der politisch Handelnden. Es gilt, dem jeweiligen gültigen Narrativ eine bessere Erzählung gegenüberzustellen. Wir wollen mit unseren Geschichten Sinn erschaffen, der emotional verstanden wird.

Um Geschichten zu richtig zu erzählen hilft uns das Prinzip Zeigen ist besser als erklären (Canning, Reinsborough & Buckland, 2014). Geschichten leben von Bildern und Metaphern. Bilder sind sprachunabhängig und je nach Kontext und Hintergrundwissen kann der Betrachter unterschiedliche Bedeutungen aus ein und demselben Bild erfahren. Unsere Bilder sollten die Botschaft des Gesagten zusätzlich vermitteln. Gummistiefel und der Spaten unterstützen die Metapher, das Gras über der Sache auszugraben. Dem Verfassungsschutz vorzuwerfen, dass er nicht genug bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen mithilft, zeigte ein goldener Hase für die Redewendung: „Mein Name ist Hase – Ich weiß von nichts”. So wurde der jeweiligen Geschichte ein unterstützendes Bild bereitgestellt und eine vertraute Situation kreiert, die sofort das Ziel einer Aktion erkennen lässt. Ein weiteres Beispiel ist unsere zweite Aktion. Durch die Aufstellung und Ablichtung von unseren Miniaturfiguren in verschiedenen Schauplätzen, konnten wir Situationen aufzeigen und brauchten nur noch wenige Wörter benutzen. Wir ließen Bilder erzählen, um das Unsichtbare sichtbar zu machen (Bloch, 2014, S. 115ff). Zusätzlich wurden weitere Informationen zu den Situationen in Form von Reden für Interessierte auf unserer Homepage zur Verfügung gestellt.

Das Prinzip Mach das Unsichtbare sichtbar will Zusammenhänge sichtbar machen, die unmittelbar nicht sichtbar sind oder die tatsächlich unsichtbar bleiben sollen. So ist beispielsweise die Gletscherschmelze auf Grund des Klimawandels für Stadtbewohner erst einmal nicht sichtbar. Noch schwieriger wird es bei „kommunikativen“ Problemen wie Rassismus. Die Verbrechen des NSU sind in Sachsen nicht weiter öffentlich sichtbar. Es gibt selten Ausstellungen, geschweige denn Dauerausstellungen, noch feste Orte der Erinnerung oder Aufarbeitung. Wir versuchen daher, dieses Prinzip so wörtlich wie möglich umzusetzen. Das Gras in der Frühlingstraße auszugraben und symbolisch ein „Bauloch“ zu hinterlassen oder Fragen, die im NSU-Komplex entstehen, symbolisch mit Luftballons aufsteigen zu lassen, sind Versuche das Unsichtbare für die Bevölkerung sichtbarer zu machen.

Abbildung 7 Preis „Goldener Hase“ mit Polizei: Dieses Bild wurde besonders gern von Medien genutzt (vierte Aktion: 04.11.2014 – Goldener Hase).

Die Prinzipien Zeigen ist besser als erklären und das Unsichtbare sichtbar machen, werden unterstützt durch ein weiteres Prinzip: Nimm den Medien die Arbeit ab (Bichlbaum, 2014b, S. 118ff). Viele Medien leiden unter Redakteur-, Zeitund Geldmangel. Für zivilgesellschaftliche Akteure kann es daher hilfreich sein, wenn den Journalisten ein Großteil der Arbeit abgenommen wird. Dazu zählt eine Pressemitteilung mit fertigen Zitaten, Bilder der Aktion machen und die Aufbereitung der Texte auf einer Homepage. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Bilder und Texte, die Online sofort zur Verfügung standen, auch gerne rezipiert wurden. Daneben gilt aber auch hier, den Journalisten nicht nur eine Geschichte, Texte und Bilder zu liefern, sondern vor allem anlassbezogen zu agieren (-7 Agenda Setting, siehe unten). Bei der zweiten und vierten Aktion wurden wir als Akteur dann bereits nachgefragt, ohne selbst einladen zu müssen.

5.4 Theorien

Theorien helfen, die Welt übersichtlicher zu beobachten und ihre Komplexität zu verringern. Sie sind Grundlage für unser Handeln. Eine der zentralen Theorien ist das sogenannte Agenda Setting. Dabei wird versucht, ein Thema auf die politische Tagesordnung (policy-cycle) zu setzen. Das Problem wird benannt, formuliert und als entscheidungsrelevant markiert. Eine besondere Rolle haben die Medien. Sie selektieren in der Rolle der „Gate-Keeper“ Informationen und beeinflussen mit ihren Botschaften die politischen Akteure und Empfänger in ihrer Meinungsbildung. Will man politische Entscheidungen herbeiführen, ist Agenda Setting, der erste Schritt im policy-cycle (Bogumil & Jann, 2009, S. 25).

Dabei ist die Wahl des optimalen Zeitpunkts entscheidend. Es stehen folgende Fragen im Vordergrund: Wann wird die Botschaft am besten gehört? Wann sind die Medienbeobachter bereit, die Botschaft im Einklang mit ihren Relevanzkriterien weiterzutragen? Dafür eignen sich insbesondere Jahrestage und symbolische Daten, an denen relevante Ereignisse passiert sind. Das können Todestage, Unglücke, Eröffnungen (Fall der Mauer), Unterzeichnungen (Friedensvertrag) oder Veröffentlichungen von medienrelevanten Büchern und Studien sein.

In unserem Fall haben wir uns den Beginn des NSU-Gerichtsprozesses in München als symbolisches Datum für unsere erste Aktion ausgesucht. Nachdem am ersten Jahrestag der Aufdeckung des NSU in der Frühlingsstraße 26 in Zwickau, wo die NSU-Terroristen zum Schluss wohnten, ein Kamerawagen einer Agentur stand und das Gras filmte, wussten wir, der letzte Wohnort und damit die Stadt Zwickau bleiben von überregionaler Bedeutung. So kam es dann auch. Am 06.05.2013, dem Tag des Prozessbeginns in München, informierten wir die Presse,dass wir das Gras, das über die NSU-Sache wächst, symbolisch ausgraben werden. Wir zogen uns Gummistiefel an und gewappnet mit einem Spaten zogen wir zur Wiese, um Spuren der Aufklärung zu hinterlassen. Der MDR Sachsen richtete eine Live-Schaltung ein und regionale Pressevertreter waren vor Ort. Auch alle anderen Aktionen fanden entweder am Jahrestag der Aufdeckung der Terrorzelle oder am Jahrestag des Prozesses statt. Das Medieninteresse an den Jahrestagen der Aufdeckung der NSU-Terrorzelle war generell größer, als an den Jahrestagen des Prozessbeginns. Der richtige Zeitpunkt half uns ungemein, unsere Botschaft an die Medien zu vermitteln und ihre Relevanz-Hürden für eine Berichterstattung zu überspringen.

Neben dem richtigen Zeitpunkt stellt sich die Frage nach dem geeigneten Interventionspunkt (Canning & Reinsborough, 2014b, S. 170ff). Damit sind „neuralgische Punkte“ gemeint, die ein System irritieren und destabilisieren können. Für uns stellte sich also die Frage, wo wir den Hebel ansetzen sollten, um eine möglichst größte Wirkung erzielen zu können. Wir entschieden uns bei den ersten beiden Aktionen die Orte zu nehmen, an denen die NSU-Terroristen zuletzt wohnten. Für uns symbolisierten sie genau das, was wir kritisierten: die Geschehnisse wurden in der Frühlingsstraße 26 bewusst unkenntlich gemacht. So rief uns am 06.05.2013, als wir das Gras ausgraben wollten, die von öffentlicher Hand geführte Wohnungsgesellschaft an und fragte was wir dort vorhaben. Als wir es ihnen erzählten, meinten sie erschüttert, dass sie das Gras doch genau deswegen gesät haben. Auch beim Verfassungsschutz wussten wir, dass er den Negativpreis nur ungern öffentlich entgegennehmen würde. Also mussten wir nach Dresden fahren, um Originalbilder vom Schauplatz (vgl. Abbildung 4) erzeugen zu können. Interventionspunkte müssen nicht nur Orte sein, es können auch bestimmte Personen, ideologische Vorstellungen oder Entscheidungspunkte sein (Canning & Reinsborough, 2014b, S. 170), die den Schwachpunkt eines Systems präsentieren.

Doch selbst wenn Zeitund Interventionspunkt richtig gesetzt sind, kann es sein, dass die Botschaft nicht verstanden wird. Nur wenn die Logik der Aktion (Boyd & Russel 2014, S. 170ff) richtig dargestellt ist, hat sie überhaupt eine Chance beachtet und wahrgenommen zu werden. Die Logik einer Kunstaktion sollte für einen Unbeteiligten, z. B. zufällig vorbeilaufenden Passanten, sofort zu erkennen sein. Das war in unseren Aktionen nicht sofort der Fall, aber auch nicht notwendig, da wir meist an wenig frequentierten Orten aktiv wurden. Die Logik der Aktion wurde deswegen für die medialen Beobachter so gebaut, dass diese die Botschaft schnell kontextualisieren und ihren Beobachtern (Zuschauer, Leser) weitervermitteln konnten.

Zum Schluss stellt sich die Frage, welchem ethischen Ansatz folgen wir als Künstlergruppe? Für die Autoren dieses Artikels steht fest, dass jede Handlung und Entscheidung dem ethischen Imperativ folgen sollte: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“ (Foerster & Pörksen, 2008, S. 36). Denn da jede Entscheidung ein „Massenmord an Möglichkeiten“ ist (Grebe, 2011), so muss die getroffene Entscheidung danach mehr Möglichkeiten zulassen als davor. Das Gras, das über eine Sache gesät wird, folgt dem nicht, es schließt Entscheidungsräume. Die Entscheidung, sich aktiv mit dem NSU in Sachsen auseinanderzusetzen, folgt dagegen dem ethischen Imperativ.

 
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