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2 Gru¨ ndungsmythen der Vereinigten Staaten

Im Gegensatz zu soziologischen und politologischen Analysen „spezifisch amerikanischer“ Werte haben sich die Geschichtswissenschaft und die Kulturwissenschaften auf Selbstbeschreibungen konzentriert, die einen in der US-amerikanischen Gesellschaft bis heute weithin gultigen Konsens begrundet haben und daher als wesentliche Quellen einer „exzeptionellen“ nationalen Identitat angesehen werden. Aufgrund der zentralen Rolle, die sie in der amerikanischen Politik, Gesellschaft und Kultur von Anfang an gespielt haben, spricht man von amerikanischen Grundungsmythen. Zu ihnen geho¨ren die puritanische Vision des Aufbruchs in ein gelobtes Land, durch den die Besiedlung des neuen Kontinents zum Teil eines go¨ttlichen Heilsplans wird und die Siedler zum „auserwahlten Volk“ (chosen people), die pastorale Vision eines neuen Garten Eden (agrarian myth), das Versprechen unbeschrankter sozialer Aufstiegsmo¨ glichkeiten (success story), das Versprechen einer von staatlicher und gesellschaftlicher Seite uneingeschrankten individuellen Selbstentfaltung (individualism), der Vorstoß in eine unbekannte neue Welt jenseits bisheriger Grenzen ( frontier) und die Vorstellung eines Schmelztiegels der Vo¨lker (melting pot), die spater durch den Multikulturalismus als ethnische Vielfalt rekonzipiert wurde. Anfang der 1930er Jahre, in denen di wirtschaftliche Depression zu einer nationalen Selbstbesinnung auf spezifisch amerikanische Werte fuhrte, wurde fur dieses Bundel von Grundungsmythen die Sammelbezeichnung des „amerikanischen Traums“ (American dream) geschaffen. Sie hat sich eingeburgert als Begriff fur das Versprechen einer individuellen Selbstverwirklichung unabhangig von Geburt, Stand und ethnischer Zugeho¨rigkeit.

Mythen sind ursprunglich „Go¨ttergeschichten“ und haben als solche die Freiheit einer U¨ berho¨hung von Wirklichkeit. Es geht den amerikanischen Grundungsmythen daher nicht um die Beschreibung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, sondern um die Beschreibung eines nationalen Potentials. Diese Erzahlungen uber „Amerika“ haben sich gegenuber Versuchen der Kritik und ideologiekritischen Entlarvung als außerordentlich resistent erwiesen, weil sie Hoffnungen und Wunsche artikulieren, die selbst noch in der kritischen Widerlegung eine utopische Kraft bewahren. Die kollektiven Wunschvorstellungen haben Ausdruck gefunden in Erzahlungen und Bildern, durch die ein Fundus geschaffen worden ist, auf den in immer neuer Variation zuruckgegriffen werden kann. Ein Mythos kann nicht wirklich widerlegt werden, denn wenn eine Version ihre Plausibilitat verloren hat, kann dieselbe Geschichte in neuer Fassung wieder auferstehen.

Auf die Geschichte und die mannigfaltigen Variationen einzelner Mythen kann hier nicht naher eingegangen werden. (Siehe dazu Fluck 2008). Zum Teil stellen sie konkurrierende Visionen dar: Der agrarisch-pastorale Mythos vertragt sich nicht mit der success story; die gewalttatige Selbstbehauptung an der frontier ist oft gegen den ethnisch Anderen gerichtet. Man ist daher heute davon abgeruckt, Entwurfe einer nationalen amerikanischen Identitat mit einem dieser Mythen gleichzusetzen und begreift sie als Erzahlungen uber Amerika, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass sie allesamt zur Idee eines amerikanischen Exzeptionalismus beitragen. Was sie miteinander verbindet, ist das Versprechen eines grundlegenden Neuanfangs, der durch die amerikanische Gesellschaft mo¨glich wird, oft im Ruckgriff auf puritanische Rhetorik als Wiedergeburt (rebirth) beschrieben. Die Puritaner, eine radikale Reformbewegung innerhalb der Anglikanischen Kirche, uberho¨ hten ihre Besiedlung New Englands zu einem Akt grundlegender religio¨ ser Erneuerung, die zum leuchtenden Vorbild fur eine vom Scheitern bedrohte Reformation werden sollte. Und wahrend das puritanische Sendungsbewusstsein angesichts der praktischen Herausforderungen des Lebens in der neuen Welt einer Reihe von Prufungen und Belastungen unterworfen wurde, denen es sich bald nicht mehr gewachsen zeigte, blieb die Idee eines historischen Neuanfangs, auf dem "die Augen der Welt ruhen", in sakularisierter Form im amerikanischen Denken bewahrt und wurde insbesondere im politischen Kampf um die eigene politische Unabhangigkeit wiederbelebt. Damit wurde eine zentrale Legitimationsstrategie amerikanischer politischer Rhetorik etabliert. Das Bild der "city upon a hill" wird noch heute von US-Prasidenten gebraucht, wenn es darum geht, die historische Einzigartigkeit des amerikanischen Experiments zu betonen und der amerikanischen Gesellschaft eine weltgeschichtliche Vorbildfunktion zuzuschreiben.

Das Versprechen einer „Wiedergeburt“ bildet auch den imaginaren Kern anderer Grundungsmythen. Im agrarisch-pastoralen Mythos ermo¨glicht Amerika dem common man, dem einfachen Mann, der in Europa nach wie vor in o¨konomischer und sozialer Abhangigkeit befangen ist, zum ersten Mal die Mo¨ glichkeit einer selbstbestimmten Existenz auf eigenem Land. Im success myth erscheinen die USA als das erste Land, in dem ein von Klassenschranken unbehinderter sozialer Aufstieg „vom Tellerwascher zum Millionar“ ( from rags to riches) mo¨glich wird und damit auch eine Form individueller Selbstverwirklichung, die lange Zeit den Kern des „amerikanischen Traums“ bildete. In einem einflussreichen, selbst mythenbildenden Aufsatz wurde die frontier vom amerikanischen Historiker Frederick Jackson Turner als Ort eines U¨ bertritts aus der Welt zivilisatorischer Ordnung in eine Welt der Gesetzlosigkeit beschrieben, in der das Individuum in der erfolgreichen Selbstbehauptung die Chance einer „Wiedergeburt“ als starkes, autarkes Individuum erfahrt und damit auf exemplarische Weise das nationale Regenerationspotential der frontier verdeutlicht. Die Idealisierung der frontier als Ort eines standigen Neuanfangs steht als Appell an den Pioniergeist der Amerikaner auch heute noch zur Verfugung, wo es um die Bewaltigung einer neuen nationalen Aufgabe geht – man denke beispielsweise an John F. Kennedys Charakterisierung des Weltalls als neuer frontier Amerikas. Das Versprechen ungeahnter neuer Mo¨glichkeiten individueller Selbstermachtigung bildet auch den Kern des Mythos vom freien, radikal selbstbestimmten Individuum, der heute uber die Romane von Ayn Rand eine neue politische Resonanz gefunden hat. Und schließlich geho¨ rte es lange zum Versprechen des Mythos des melting pot, dass im Vo¨lkergemisch Amerikas ein neuer Mensch entsteht, eine Vorstellung, die heute durch die Idee multikultureller Austausch- und Vermischungsprozesse ersetzt worden ist. Im nationalen Selbstverstandnis zeichnen alle diese Mo¨glichkeiten die USA vor anderen Gesellschaften aus und tragen zu einem gesellschaftlichen Konsens bei, in dem nach wie vor von der Besonderheit und Einzigartigkeit der amerikanischen Gesellschaft ausgegangen wird. In diesem Sinne stellen die amerikanischen Grundungsmythen einen unerscho¨pflichen und unverzichtbaren kulturellen Fundus fur die Idee des amerikanischen Exzeptionalismus dar.

 
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