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Funktionen der Topoi und Apologetik

Genie im Dienste des Islams

Elmalılı wurde nicht zum Religionsgelehrten sozialisiert, sondern ist als "Wunderkind" als Religionsgelehrter zur Welt gekommen. Die von Gott gegebenen Qualitäten sowie die bereits als Kind gelebte Frömmigkeit durchbrechen das Gewöhnliche, wodurch seine Gottesnähe demonstriert wird. Die angeborenen Fähigkeiten ermöglichen es ihm, nicht nur die traditionellen islamischen Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch die Naturwissenschaften zu beherrschen. In einer Zeit, in der die Religion immer mehr durch die positive Wissenschaft und materialistische Ideologien in Frage gestellt wird, liefern sowohl Nursi als auch Elmalılı Korandeutungen, welche die grundlegende Übereinstimmung von Koran und modernen naturwissenschaftlichen Entdeckungen belegen oder im Koran gar verschlüsselte Hinweise auf moderne wissenschaftliche Errungenschaften entdecken. Die moderne Naturwissenschaft wird somit in den Dienst des Islams gestellt.

Wessen Elmalılı?

Elmalılı verspürt ein Unbehagen gegenüber der Politik, übt aber dennoch seine öffentlichen Ämter gewissenhaft aus. Er verhält sich stets loyal gegenüber dem Staat. Deshalb kann er auch nicht vom Unabhängigkeitsgericht verurteilt werden. Das von Paksüt gezeichnete Elmalılı-Bild ist im Prinzip das eines "kemalistischen Vorzeige-İmams", der treuer Staatsbürger und Beamter ist, sich aber gleichzeitig aus politischen Belangen weitgehend heraushält. Der von den staatlichen Behörden diskriminierte Nursi hingegen, wird zum Sinnbild der Unterdrückung der wahren Gläubigen durch den gottlosen Staat, dessen Repräsentanten aber durch die Bezeugung seiner Huldwunder letztlich seine Gottesnähe anerkennen müssen. Elmalılıs zurückgezogene Lebensweise während der Republikzeit, die auf seinen labilen gesundheitlichen Zustand zurückzuführen ist, wird von Autoren des islamischen Spektrums dagegen zum politischen Protest gegen den laizistischen Staat umgedeutet. Durch die bewusste Nichteinhaltung des Hutgesetztes und die Vernachlässigung der religiösen Pflicht des gemeinschaftlichen Freitagsgebets erkennt er die Herrschaftsform nicht an und wird für islamische Kreise zum Symbol des gewaltfreien Widerstandes gegen den autoritären gottlosen Staat. Elmalılı werden keine Huldwunder zuteil, wie etwa den Gottesfreunden. Er hat anders als Said Nursi keine feste Anhängerschaft, die immer wieder von seiner Gottesnähe überzeugt werden müsste. Dies mag in der fehlenden Nähe zum ṣūfī-Milieu begründet liegen, die bei den Nurcus gegeben ist. Ihm gelingt es aber, das zentrale Beglaubigungswunder des Islams, den Koran, in seiner sprachlichen Unnachahmlichkeit im Vergleich zu anderen Koranübersetzern am angemessensten wiederzugeben. Hak Dini Kur'an Dili wird somit in der höchst umstrittenen Frage der Übersetzbarkeit des Korans zur einzig legitimen Koranübersetzung. In den alternativen Geschichtsdeutungen traditionell-islamischer Kreise symbolisiert Abdü'lHamîd II. etwa seit Mitte der 1940er Jahren den idealen muslimischen Herrscher, der von den religionsfeindlichen Jungtürken, die als Protokemalisten wahrgenommen werden und für die hier Mahmud Şevket Paşa und Talat Paşa stehen, auf unlautere Art abgesetzt wird. Elmalılı, der unbestritten das fetvâ zu dessen Sturz verfasst hat, muss daher retrospektiv "reingewaschen" werden. Er musste sich dem Druck des Komitees beugen und tat dies mit der noblen Absicht, das Leben des Sultans zu retten. Er wird dadurch trotz seiner Staatsnähe auch für islamischkonservative Kreise, die Abdü'l-Hamîd II. einen idealtypischen islamischen Herrscher sehen, zu einer annehmbaren religiösen Autorität.

 
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