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5 Dient die Rente als Kapitalanlage?

5.1 Von der Generationensolidarität zur Sandwichgeneration?

Noch vor wenigen Jahrzehnten war den meisten nicht bewusst, dass es mit der Rente Probleme geben könnte. Es galt die sogenannte Umlagefinanzierung, die 1957 eingeführt wurde. Diese gilt auch heute noch, aber unter geänderten Bedingungen. Die Bestandteile dieser Formel (1957) sind:

• Anrechnungsfähige Versicherungsjahre (VJ)

• Steigerungssatz je Versicherungsjahr (abhängig von Rentenart)

• Persönlicher Vomhundertsatz (PSBM)

• Rentenwert/Werteinheiten (aRW)

Zur Ermittlung der Werteinheiten wurde der individuelle Verdienst jedes Jahres ins Verhältnis zum Durchschnittsentgelt aller Versicherten gesetzt. Dabei wurden Pflichtbeiträge, Ausfallzeiten, freiwillige Beiträge und Ersatzzeiten berücksichtigt. Es war nicht nötig, dass der Versicherte über jedes Jahr Nachweise erbrachte (Deutsche Rentenversicherung 2011, S. 279–384). 1957 wurde die Rente zu dem an die Entwicklung der Bruttolöhne angepasst. Beim umlagefinanzierten Rentensystem werden die eingezahlten Beiträge unmittelbar zur Finanzierung der Leistungsberechtigten genutzt. Dass dieses Rentensystem stark von der Demografie abhängig ist, war den Machthabenden frühzeitig bekannt. Bereits 1987 erschien das erste Gutachten über die wirtschaftliche Entwicklung vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Bevölkerung (Deutsche Rentenversicherung 2011, S. 279–384).

Der Generationenvertrag basiert auf einem einigermaßen ausgeglichenen Verhältnis der Generationen. Dabei sind mehrere Erwerbstätige nötig, um die Rente eines Ruheständlers zu finanzieren. Die Jungen zahlen also für die Alten. Nur, letztere werden immer mehr. Dass die Lebenserwartung steigt, haben die pilzförmigen Bevölkerungspyramiden bereits gezeigt. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate. Im Jahr 2040 wird jeder Dritte älter als 65 und damit im Rentenalter sein, und bereits im Jahr 2030 kommen nur noch zwei Erwerbstätige auf einen Rentner (Gesellensetter 2011). In Ostdeutschland erfüllt sich das Szenario bereits 2020. Die Lasten für die Jungen steigen also stetig. Ein von der Bundesregierung beschlossenes Rentenkürzungsverbot tut das Übrige (Gesellensetter 2011). Die Bundesregierung handelt dabei nicht ohne Taktik. Das größte Wählerpotenzial befindet sich unter den (zufriedenen) Rentnern. Eine Rentenkürzung wäre politscher Selbstmord. Wer ginge dann noch wählen? Keiner. Die Politik wäre somit abgeschafft. Damit dies nicht eintritt, wird das Rentensystem am Laufen gehalten. Derzeit liegt der Rentenbeitrag bei 18,90 % des zu versteuernden Einkommens. Es ist davon auszugehen, dass der Beitragssatz steigen wird.

Erstaunlicherweise begannen die Arbeiten zum Rentenreformgesetz erst zehn Jahre nach Bekanntwerden der demografischen Situation (Deutsche Rentenversicherung 2011, S. 279 ff.). Dabei wurde erstmals die schrumpfende Bevölkerung in die Rentenformel einbezogen. Zudem bekam die Kindererziehung eine höhere Wertigkeit. Das Gesetz erfuhr bereits 1998 eine Korrektur: Der demografische Faktor wurde aus der Formel herausgenommen. Auf Einsparungen konnte dennoch nicht verzichtet werden. Deshalb fiel im Jahr 2000 die Erwerbsunfähigkeitsrente weg.

Der wirkliche Meilenstein wurde zukunftsträchtig im Jahr 2001 gesetzt. Mit dem Altersvermögensergänzungsgesetz wurde erstmalig ein kapitalgedecktes Altersvorsorgevermögen gefördert. Diese Förderung ging als Riester-Rente in die Geschichte ein. Es war der erste Schritt zur Umwälzung des umlagefinanzierten Rentensystems. Als im Jahr 2002 das Beitragssicherungsgesetz in Kraft trat, wurden die Beiträge auf 19,5 % angehoben. Die Beitragsbemessungsgrenze betrug ab sofort das Doppelte vom durchschnittlichen Bruttoverdienst. Dafür waren Minijobs von der Sozialversicherung befreit.

Ein weiterer Meilenstein wurde 2005 gesetzt. Die rotgrüne Regierung unter Gerhard Schröder bewegte sich mit Riesenschritten zur Agenda 2010. Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wurden zu Hartz IV zusammengelegt. Für Hartz-IV-Bezieher dauerte es von da ab nur noch wenige Jahre, bis die Rentenversicherungsbeträge aus den Bezügen genommen wurden. Steuerprivilegien wurden abgeschafft. Das Renteneintrittsalter wurde erstmals heraufgesetzt. So war die Rente mit Abschlägen erst ab dem 63. Lebensjahr möglich. Änderungen gab es auch bei der Anrechnung von Ausbildungsbeiträgen.

2007 wurde das Gesetz zur Anpassung der Regelaltersgrenze an die demografische Entwicklung beschlossen (Deutsche Rentenversicherung 2011, S. 279 ff.). Zwischen 2012 und 2029 soll die Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre steigen. Die Grenze zur Erwerbsminderungsrente wird zeitgleich von 63 auf 65 Jahre steigen.

Die im Jahre 2014 beschlossene Rente mit 63 hingegen war wiederum ein Bonbon der großen Koalition, getreu dem Motto: die SPD will auch mal was sagen. Sie kann erst beansprucht werden, wenn man 45 Arbeitsjahre absolviert hat. Besser gesagt: Beitragsjahre. Das bedeutet, man muss mehr oder weniger ab 18 eine lückenlose Arbeitsbiografie vorlegen können, wodurch in der Praxis vermehrt männliche Facharbeiter in den Genuss dieser Regelung kommen. Inwiefern die Rente mit 63 als richtiges Signal an eine älter werdende Bevölkerung verstanden werden kann, ist leider vage.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das umlagefinanzierte Rentensystem ausgedient hat. Für die Zukunft ist ein kapitalfinanziertes System sinnvoll. Hierfür stehen zwei Optionen zur Verfügung. So gibt es bereits jetzt zahlreiche Unternehmen, die für ihre Mitarbeiter eine private Rentenversicherung abschließen. Zudem sollte jeder privat vorsorgen. Das ist gleichzeitig ein weiterer Schritt in die Individualisierung. Das Wort „Generationensolidarität“ klingt dabei wie Hohn, denn angesichts der leeren Kassen schiebt der Staat die Verantwortung auf jeden Einzelnen ab. Das Problem dabei ist, dass nicht jeder die gleiche Chance hat, für sein Alter vorzusorgen. Zu groß ist die bereits erwähnte Schere zwischen Arm und Reich. Dazu kommen immense Unterschiede zwischen Ost und West. Nach der politischen Wende blieb vielen Menschen im Osten nur der Weg in die Arbeitslosigkeit. Dadurch fehlen Beitragsjahre. Zudem mangelt es im Osten an Privatvermögen. Viele Ostdeutsche halten den Garantiescheck für die Altersarmut bereits in der Hand.

Die Generation der Erwerbstätigen ist in den kommenden Jahrzehnten mehrfach belastet. In Forschungskreisen werden diese Personen als Sandwichgeneration bezeichnet, da sie zum einen die Elterngeneration und zum anderen die eigenen Kinder (wenn vorhanden) versorgen müssen. Transaktionen in Form von Sachwerten und Geldern fließen nach oben und nach unten. Die schrumpfende Anzahl Erwerbstätiger muss die Rente ihrer Eltern, die Ausbildung/Erziehung ihrer Kinder und die eigene Altersvorsorge finanzieren. Zu Recht fragt sich der eine oder andere nun, wie das funktionieren kann.

Wie in Kap. 4 erläutert, sind die Einkommen in den letzten 20 Jahren unverändert geblieben. Was sich verändert hat, ist die Belastung. Von den gleichbleibenden Einkommen müssen immer größere Kosten bestritten werden. Somit ist der Gedanke überhaupt nicht abwegig, dass der Weg in den Ruhestand mit Armut und Entbehrungen gepflastert ist. Es ist abzusehen, dass es sich beim Rentensystem der Zukunft um eine Mischung aus festen Beiträgen der Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Kapitalanlagen handeln wird.

Ob es überhaupt möglich ist, mit wenig Einkommen eine Altersvorsorge anzusparen, wird im folgenden Abschnitt erläutert.

 
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