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II Randomisierte Kontrollgruppenstudien außerhalb Europas

Eine der vier randomisierten kontrollierten Studien aus der bereits erwähnten Metaanalyse verglich ein intensives Überwachungsprogramm für männliche Jugendliche in Detroit (Michigan) mit der staatlichen Heimeinweisung. Nach einer zweijährigen Nachbeobachtung lag eine gemischte Bilanz vor, das Gesamtfazit ergab jedoch, dass die Versuchsgruppe unter intensiver Überwachung in Bezug auf Rückfälligkeit nicht schlechter abschnitt als die Kontrollgruppe von eingewiesenen Jugendlichen. In der zweiten experimentellen Studie wurden Zweittäter schwerwiegenderer Straftaten (felony) in Oakland County (Michigan) einem Be-währungsprogramm im Vergleich zu einer Haftstrafe zugewiesen. Während die Gefängnisgruppe eine Rückfälligkeitsquote von 33 Prozent aufwies, fielen bei denjenigen, die dem umfangreichen Bewährungsprogramm zugeteilt wurden, nur 14 Prozent mit einem Rückfall auf. In einer weiteren Studie wurden Jugendliche in Boise (Idaho) einer Gruppe, die eine Wiedergutmachung leisten musste, und im Vergleich dazu einer Gruppe, die eine traditionelle Strafe (Bewährungsstrafe oder Haft) verbüßen musste, zugeteilt. Hierbei wies die Wiedergutmachungsgruppe eine geringere Rückfallquote, sowohl in Hinblick auf die Prävalenzals auch auf die Inzidenz auf, die Differenzen waren jedoch statistisch nicht signifikant.

III Natürliches Experiment in den Niederlanden: Freiheitsstrafe im Vergleich zur Bewährungsstrafe

Eine weitere Studie, die von Villettaz et al. in ihrer Campbell-Review berücksichtigt haben, ist ein – schon älteres – natürliches Experiment aus den Niederlanden.[1] Anstelle einer Zufallszuweisung nutzten die Forscher dafür eine Situation, die aus königlicher Begnadigung resultierte und verglichen in ihrer Studie die Rückfälligkeit verschiedener verurteilter Personen, die eine nicht zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe von bis zu 14 Tagen erhalten hatten. Aufgrund der königlichen Begnadigung wurde die Strafe von Personen, die ihre Tat vor einem bestimmten Stichtag begangen hatten, ausgesetzt, während die Strafen für Taten, die nach diesem Tag begangen wurden, nicht ausgesetzt wurden. Unterschiede zwischen den beiden Gruppen wurden folglich nur bezüglich des Zeitpunktes der Tat erwartet. Nach dem Ablauf einer Nachbeobachtungszeit von sechs Jahren wiesen die beiden Gruppen ähnliche Rückfallquoten in Bezug auf Verkehrs- und Eigentumsdelikte auf. Im Hinblick auf Gewaltstraftäter wurden jene, deren Strafe aufgrund der königlichen Begnadigung zur Bewährung ausgesetzt worden war, signifikant weniger rückfällig als diejenigen, die eine Haftstrafe verbüßt hatten. Während sich die Haftstrafe bei Gewaltstraftätern also als schädlich erwies, bewirkte die Bewährungsstrafe bei keiner der untersuchten Gruppen negative Effekte hinsichtlich der Rückfälligkeit.

  • [1] van der Werff 1979
 
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