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5.3.10 Familienbande

Der Zusammenschluss als Familie sollte für Juan und Dorita im Ursprung den Zweck erfüllen, ihren individuellen Zielen näher zu kommen, ihre eigenen Träume wahr werden zu lassen. Das künstliche Konstrukt wandelt sich im Laufe der Zeit zu wahrhaftigen Beziehungen. Am Ende bilden sie eine familiäre Einheit, die durch Liebe zusammengehalten wird. Dem gegenüber steht die originale Familie Perez. Sie kann nicht bestehen, weil ihre Verbindungen sich am Ende als rein formal herausstellen. Für Carmela bedeutete das unbedingte Aufrechterhalten des familiären Rahmens entgegen allen anderen Bedürfnissen die Unterdrückung ihrer Lebendigkeit.

Nair, die sich in ihrem Werk schließlich immer wieder mit familiären Strukturen auseinandersetzt, stellt in The Perez Family zwei verschiedene Familienmodelle gegenüber. Wie so häufig in ihren Filmen werden alte Familienbande einer Prüfung unterzogen. Oft können sie dieser nicht standhalten; so auch nicht die zur reinen Form erstarrte Familie von Juan und Carmela. Am Ende des Films steht dieser Form ein familiäres System gegenüber, das durch Lebendigkeit zusammengehalten wird und das sich entgegen allen Konventionen gebildet hat. Damit weicht die Regisseurin auch in diesem Film von einem Grundverständnis ab, das in Indien nach wie vor weitverbreitete Geltung hat. Demnach, so Sudhir Kakar, stellt die Familienhierarchie in ihrer absoluten Verinnerlichung den zentralen Maßstab eines Einzelnen dar und wird „Famili- enintegrität höher bewertet als individuelle Entfaltung“. Nair zeigt in The Perez Family, dass die neu gewonnene Freiheit der Protagonistinnen und Protagonisten und der Zusammenbruch eines familiären Systems nicht zwangsläufig zur Zerstörung dessen führt, sondern dass eine Transformation stattfinden kann. Die neue Ordnung, die sich ergibt, erscheint endlich stimmig und stabil.

Auf diesem Hintergrund wirkt es wie ein ironischer Wink Mira Nairs, dass sie die Rolle des obersten Ordnungshüters des Immigranten-Camps mit einem Inder besetzte. Indem er die Regel aufstellt, dass Familien zu oberst auf der Liste derjenigen stehen, die das Stadion verlassen dürfen, vertritt er die traditionelle Sichtweise von dem hohen Wert einer Familie. So entsteht die groteske Situation, dass sich Individuen, die unabhängig voneinander auf der Suche nach ihrem individuellen Glücks sind, zu einer Familie zusammenschließen. Ranjit Chowdhry spielt seine Rolle als strenger, aufsichtführender Exilinders in äußerst komischer Manier. Schon in Mississippi Masala verkörperte er in der Rolle des jungen Bräutigams Anil einen traditionell denkenden Exilinder, der mit seiner starren, regelhaften Haltung für viel Witz sorgt.

5.3.11 Zum Schlussbild – Die Sehnsucht zurück

Zum Schluss des Films stehen Juan, Dorita und ihr Papi am Strand von Miami und schauen auf das Meer hinaus. Ihr Blick richtet sich gen Kuba, das zeigt die Kamerafahrt, die sich anschließend in einem simulierten Flug der Insel nähert, bis seine Dschungellandschaft zu erkennen ist. Diese Darstellung der Exilkubaner verdeutlicht noch einmal ihren Zusammenschluss als Schicksalsgemeinschaft sowie die Isolation, in der sie sich als solche befinden. Zum anderen wird deutlich, dass der Blick zurück dominant bleibt. Juans Worte, als er Carmela und Theresa nach all den Jahren endlich wieder gesehen hat, richteten sich an seine Tochter: sie sehe aus wie seine eigene Mutter. Diesen Satz wiederholt er zweimal. Es ist auffällig, dass keine große Ähnlichkeit zwischen Theresa und Carme-la besteht, stattdessen aber zwischen Theresa und Dorita. Sie haben eine ähnliche Physiognomie, vor allem auch eine sehr ähnliche Frisur. So scheint es, als bewahre Juan mit seiner Beziehung zu Dorita am Ende seine Wurzeln, die Verbindung zu seinem Heimatland, dem Mutterland. Doritas ursprüngliches Ziel, die alte Heimat und alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen und einen „american hero“ zu finden, hat sich ins Gegenteil verkehrt. „When I dreamed about coming here, I never dreamed about Juan. I wanted a man who is free, the way I thought the United States was free, inside of him free” erklärt sie in einer Szene Flavia, nachdem sie ihr ihre Liebe zu Juan gestanden hat. In ihren Worten steckt auch die Enttäuschung über die USA, in der sie das erträumte Freiheitsgefühl nicht finden kann. Während Juan und Dorita letztlich in einer, wenn auch nun gemeinsamen, Traumvorstellung von Heimat zurückbleiben, ist es Carmela gelungen, das Provisorium und die Künstlichkeit ihres Lebens zu überwinden. Carmelas neue Beziehung zu dem amerikanischen Staatsbürger und Polizisten, also einem offiziellen Vertreter der Staatsmacht, kann als Zeichen dieser Öffnung sowie ihrer Etablierung in der neuen Heimat gewertet werden.

Doch es ist der Blick zurück, der Mira Nairs eigener Bewegung im Anschluss an den Film entspricht, zumindest offenbart dies die Wahl des Sujets für ihren folgenden Film: Mit Kama Sutra kehrt sie zurück nach Indien, diesmal in das Indien eines vergangenen Jahrhunderts.

 
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