Desktop-Version

Start arrow Betriebswirtschaft & Management arrow Korruption als wirtschaftliche Handlung

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.3. Einzelakteure und ihre Ziele in der Korruption

Aufgrund ihrer arbeitsrechtlichen Stellung muss zu aller erst zwischen Bediensteten der öffentlichen Verwaltung und Personen der Privatwirtschaft unterschieden werden. Zunächst soll daher die privatwirtschaftliche Seite beleuchtet werden, die sich im Wesentlichen aus zwei Gruppen zusammensetzt: Mitarbeiter von Unternehmen sowie inhabergeführte Betriebe, welche dem KMU – Sektor angehören.

3.3.1. Personen der Privatwirtschaft

Der Einstieg in die Tätertypologie erfolgt über eine Segmentierung, da prinzipiell nicht jede Person der Gesellschaft als Korruptionstäter auftreten kann. Da Korruption den Wirtschaftsstraftaten zugerechnet wird, gilt das Profil des Wirtschaftsstraftäters auch für Korruptionstäter. Entsprechende Analogien wurden bereits empirisch festgestellt. „Der typische Wirtschaftsstraftäter ist sozial unauffällig, er ist im Durchschnitt um die 40 Jahre alt, zu über 90% männlich, überdurchschnittlich gebildet und gehört seit vielen Jahren dem Unternehmen an.“ Diese Eigenheiten von Geschlecht und Alter bestätigen sich in weiteren Studien zur Tätertypologie bereits seit 1991. So ergaben mehrere Untersuchungen, dass bei Einzelpersonen mehr Bildung, mehr Berufserfahrung sowie eine höhere Beschäftigungsdauer sich positiv auf eine ethische Entscheidungsfindung auswirken. In der PwC-Studie

„Wirtschaftskriminalität 2011“ wird außerdem ein Zusammenhang zwischen der Verweildauer im Unternehmen und der Sozialisation hergestellt. Dabei wird zwar die primäre Sozialisation nach wie vor als Ergebnis des Reifeprozesses in der Familie gesehen, zur sekundären Sozialisation kommt zum Freundeskreis und der Schule jedoch auch der Beruf hinzu. Aufgrund der langen durchschnittlichen Verweildauer wird hier angenommen, dass Wirtschaftsstraftäter im eigenen Unternehmen sozialisiert wurden.

Abbildung 10: Täterprofile von Wirtschaftsstraftätern177

Die wichtigste Zielsetzung bei vorsätzlichen Korruptionsstraftätern ist die des finanziellen Anreizes. Aus Sicht des Korrumpierenden findet jedoch im Gegensatz zu dem Bestochenen zunächst kein Mittelzufluss statt. Die finanziellen Vorteile entstehen erst im Nachgang durch Provisionen beim Jahresgehalt bzw. leistungsabhängiger Vergütung, denn der Zugewinn an öffentlichen Aufträgen schlägt sich für gewöhnlich für den Bestechenden erst im Erreichen oder Überschreiten der Jahresziele nieder. An dieser Stelle erreicht der Mitarbeiter erst einen persönlichen finanziellen Zugewinn. Dabei erreichen bspw. Vertriebsleiter in Deutschland im Durchschnitt ca. 15 000 Euro an Provisionen, abhängig von der Berufserfahrung. Gleichzeitig stellt aber zu hoher Druck in den Zielvorgaben in Verbindung mit mangelnder Übereinstimmung zu den Unternehmenszielen den größten unternehmensbezogenen Faktor als Ursache für Wirtschaftsdelikte dar. Hier ist ein deutlicher Konflikt zwischen den Interessen einer Einzelperson erkennbar: Auf der einen Seite basiert das Jahreseinkommen auf leistungsabhängiger Vergütung, deren Erreichen von den Jahreszielen abhängig ist. Auf der anderen Seite wird durch das Unternehmen auf eine saubere Geschäftspolitik bestanden, welche jedoch nicht immer deutlich kommuniziert wird. Dieses Dilemma wird solange Fortbestand haben, als dass das finanzielle Einkommen der Mitarbeiter abhängig ist von deren erbrachten Zahlen – ohne zu überprüfen, ob diese rechtmäßig erlangt wurden. In der Praxis ist es nicht ohne weiteres möglich, finanzielle Einnahmen von Mitarbeitern, einem öffentlichen Auftrag, welcher durch Korruption erlangt wurde, zuzurechnen. Daher beruht eine Argumentation, welche Korruption als Mittel zur Verfolgung finanzieller Interessen bei Einzelpersonen der Privatwirtschaft sieht, letztlich nur auf dem Innenverhältnis, welches sich durch „Zielvereinbarung zu Jahreseinkommen“ definiert.

Zwei Aspekte führen im Vertriebswesen, trotz entsprechender Präventionsmaßnahmen, immer wieder zu Korruption: Zum einen kommt hier der direkte Kundenkontakt sowie der eigentliche Absatz zustande; Der Güterverkauf findet hier statt. Zum anderen ist besonders im Vertrieb das Jahresgehalt meistens an Zielvorgaben geknüpft. Die Siemens AG erstattete kürzlich Anzeige wegen des Verdachts der Bestechung gegen mehrere lokale Vertriebsmitarbeiter, welche in Kuwait tätig waren. Der Fall wurde durch das interne Compliance-System aufgedeckt. So nennt die Wirtschaftskanzlei Bormann Demant & Partner Interessenskonflikte, Bevorzugung von Lieferanten /Kunden, Abhängigkeit von Lieferanten/Kunden, sowie korrupte Geschäftspartner als größte Gefahren des Einkaufs/Verkaufs. Auch im Korruptionsprozess gegen den Nutzfahrzeughersteller MAN lag der Ursprung der Korruptionshandlungen im Vertrieb.

Finanzielle Interessen sind meist an andere Bedürfnisse oder Notwendigkeiten der korrumpierenden Personen gebunden: So gelten ein aufwendiger Lebensstil oder berufliche Enttäuschung als weitere Motive, die Absicht von finanziellem Zugewinn über das legale Maß hinweg, zu verfolgen. Insbesondere in der beruflichen Enttäuschung, bspw. eine übergangene Beförderung, intransparente Personalpolitik oder mangelnde Identifikation mit der Unternehmensleitung, findet sich einer der hauptsächlichen Motivatoren für Compliance-Verstöße. Weitere Umstände führen zur indirekten Verfolgung finanzieller Interessen unter Einsatz korrupter Mittel. Insbesondere mangelndes Unrechtsbewusstsein, in Verbindung mit der Leugnung von Konsequenzen für das Unternehmen, führt Wirtschaftsstraftäter dazu, ihre Interessen umzusetzen. Ein weiteres Phänomen erklärt eine eher allgemeine Zielsetzung: Äußerer Druck, welcher auf Personen ausgeübt wird, führt in der Folge zu Krisen, welche Anreiz, Zwang oder Druck erzeugen, die wiederum Auslöser für wirtschaftskriminelles Handeln darstellen.

Dabei muss nicht der materielle Anreiz im Vordergrund stehen; persönliche Konflikte oder verfehlte persönliche Zielsetzungen können dabei Ursache wirtschaftskriminellen Handelns sein. In einer Studie der Hochschule Pforzheim von 2009 wurde bei 7 von 13 Befragten (ca. 54%) festgestellt, dass, entgegen dem geläufigen Stereotyp, „[…] das Streben, etwas Besonderes zu schaffen […]“, sowie Ziele im ideellen und sozialen Bereich vorlagen. Diese prinzipiell ethisch vertretbaren Ziele scheitern jedoch in der Praxis oft an der Realität, was eine Zielerreichung auf legalem Wege erschwert bzw. unmöglich macht. Auf der Suche nach neuen Lösungsansätzen, auch jene, die Mittel der Korruption beinhalten, erfährt der Täter erste Erfolge, was zu einer inneren Akzeptanz von Bestechung zur Erreichung privater oder beruflicher Ziele führt. Darüber hinaus existieren Ziele, welche sich aus den inneren Werten und Prinzipien, kurz: dem Charakter einer Person ergeben. So können auch Akzeptanz bei Kollegen und Vorgesetzten, die Umsetzung jeglicher Maßnahmen ohne Reflexion aus Loyalität zum Unternehmen bzw. generell die Verfolgung kultureller Werte Zieldarstellungen bieten. Da eingangs festgestellt wurde, dass Wirtschaftstäter die gleichen Eigenheiten wie Korruptionstäter aufweisen, können diese Zielsetzungen auch für Korrumpierende angenommen werden. Folglich können mittels Korruption jegliche Ziele verfolgt werden, die als Motivation und Rechtfertigung im Fraud-Triangle ausreichen. Interessant ist dabei die Feststellung, dass in den verwendeten PwC-Studien keine Angaben zum Korruptionseinsatz im Bezug auf die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes vorliegen. Dies bedeutet, dass sich Wirtschaftsstraftäter entweder keine Sorgen um ihre Beschäftigung machen, was im Einklang mit der bereits langen Verweildauer im Unternehmen stehen kann, oder, dass dieses Element bereits unter dem Aspekt „finanzielle Interessen“ berücksichtigt wird. Ein Verfehlen der Jahresziele würde somit zum Beschäftigungsverlust und dem damit verbundenen Verlust des Einkommens führen.

Analog zu den Zielen von Unternehmen und Einzelpersonen können auch klein- und mittelständische Unternehmen Korruption als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen verwenden. Der Unterschied zu Konzernen liegt dabei meist in der Organisation; viele KMU sind inhabergeführt oder Familienbetriebe. Die damit verbundenen Strukturen machen KMU für Korruption besonders interessant: Die eher autoritäre Führung in Verbindung mit mangelnden Kontrollen bzw. fehlendem Kontrollsystem, dem Nichtverfolgen von Verdachtsmomenten sowie die ausbleibende Ahndung von Handlungen, welche als non-compliant eingestuft werden können. Das Umfeld im KMU – Bereich zeigt darüber hinaus oft lokal nahe und persönliche Verbindungen zwischen den Unternehmern und den öffentlichen Auftraggebern. Gerade hier versucht man bürokratische Mechanismen zu umgehen und setzt im Geschäftsalltag auf Vertrauen. Die Grenze vom Aufbau von „guten Beziehungen“ zu lokalen Amtsträgern und dem Phänomen des „Anfütterns“ verschwimmt hier sehr schnell. Dabei werden seitens des Unternehmers letztlich die gleichen Ziele verfolgt, die auch ein Großunternehmen verfolgt. Einen wesentlichen Unterschied dazu macht jedoch die Furcht vor dem Verlust der eigenen wirtschaftlichen Existenz aus. Die Befragung von 500 mittelständischen Unternehmen im Hinblick auf deren Nachhaltigkeitsstrategie ergab, dass die Bestandssicherung des Unternehmens deren wichtigste Zielsetzung darstellt. Öffentliche Aufträge stellen für KMU aufgrund ihres Volumens, sowie dem Staat als zahlungssicherem Auftraggeber, einen bedeutenden Punkt in der langfristigen Existenzsicherung dar. Ein Zusammenhang zwischen der öffentlichen Auftragsvergabe und Korruption ist somit hergestellt. Ähnlich zu Großunternehmen, wird Korruption zur Erlangung von Aufträgen verwendet, jedoch mit einer besonderen Gewichtung des Zwischenziels „Sicherung des Unternehmens“. Im nächsten Abschnitt sollen die Interessen des Konterparts eines Bestechenden untersucht werden, um dessen Ziele und Absichten zu definieren.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics