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Teil II: Forschungsstand

Das Untersuchungsfeld, zu welchem es keinen klar abzugrenzenden Forschungsstand gibt, kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Eine Orientierungshilfe bieten Mosse / Lewis (2006) sowie ihnen folgend Campregher (2008), die eine idealtypische Unterteilung der anthropologischen Entwicklungsethnografien in drei Ansätze vorschlagen. Zum einen gibt es demnach eine praxisnahe, aktionsbezogene und instrumentelle Forschung, deren Ziel es ist, Entwicklungsvorhaben effektiver zu gestalten oder grundlegend zu verbessern. Der zweite Forschungsansatz ist hingegen kritisch-dekonstruierend ausgerichtet und versucht, Entwicklungsvorhaben als post-koloniale Herrschaftspraxis zu hinterfragen und dabei als eine Art ›Anwalt der Armen‹ zu argumentieren. Als weiteren, dritten Forschungsansatz sehen die Autoren die interaktionsbezogene und um Objektivität bemühte Forschung, die das Zusammenspiel verschiedener Akteure in der Entwicklungspraxis untersucht.

Der vorliegende Teil der Arbeit wird sich hinsichtlich der Erarbeitung des Forschungsstandes an der von den genannten Autoren vorgeschlagenen idealtypischen Unterscheidung orientieren. Zu Beginn wird ein kurzer Einblick in die praxisnahe Forschung gegeben. Daran anknüpfend werden Studien zur kritischen Forschung zu communities vorgestellt. In einem letzten Kapitel wird dann ein Überblick über die für die vorliegende Arbeit besonders bedeutenden Forschungsarbeiten der Interaktionsforschung gegeben. Hierbei werden im Speziellen Arbeiten mit einem Fokus auf Organisationen besprochen. Abschließend werden die zentralen Ergebnisse nochmals im Hinblick auf die Forschungsfrage zusammengefasst.

4. Praxisnahe Studien zu gemeindebasierter Unterstützung von Kindern

Forschungsergebnisse zur Situation von vulnerablen Kindern im Kontext von HIV und AIDS sind im Wesentlichen auf Aspekte der Lebenssituation der Kinder und ihrer Familien sowie auf die praktische Bearbeitung des Phänomens ausgerichtet oder werden in Bezug zu Hilfeprogrammen eher evaluativ hinsichtlich der Wirkung ausgewertet. Solche Studien sind es auch, die aktiv zur Konstruktion und Etablierung der "Problemkategorie" (Groenemeyer 2010) des AIDS-bedingten Waisenkindes beigetragen haben und Forderungen nach Interventionen vorantrieben. Einen sehr guten Überblick über den Forschungsstand praxisnaher Untersuchungen und die Entwicklungen der Forderungen nach Interventionen für Waisen und vulnerable Kinder bieten Foster et al. (2007) in ihrem Sammelband zur Generation at Risk. Hervorzuheben ist zudem insbesondere der Children on the Brink-Bericht, der von UNICEF, UNAIDS und USAID (2004) herausgegeben wurde und die Verbesserung der Lebenssituation von Kindern in Zusammenhang mit HIV und AIDS auf die Agenda internationaler Organisationen gerufen hat. Ebenso ist der Framework for the Protection, Care and Support of Orphans and Vulnerable Children Living in a World with HIV and AIDS (2004) zu nennen, der in Zusammenarbeit zwischen UN-Organisationen sowie anderen Regierungs- und internationalen Nichtregierungsorganisationen als Strategie zur Verbesserung der Lebenssituation der von HIV- und AIDS-betroffenen Kinder ausgearbeitet wurde. Zudem ist auf die Berichte der eigens zur Zusammentragung der Forschungsergebnisse und zur Ausarbeitung von Handlungsempfehlungen eingerichteten Arbeitsgruppen der Joint Learning Initiative on Children and HIV / AIDS (JLICA) (Foster et al. 2008; Irwin et al. 2009) hinzuweisen.

Generell wird in der Fachliteratur die Auffassung vertreten, dass die Kinder bevorzugt in ihrem gewohnten sozialen und kulturellen Umfeld innerhalb bestehender (erweiterter) Familien- und Gemeindestrukturen gelassen werden sollten. Zugleich wird betont, dass diese Strukturen bereits die Hauptlast der Versorgung von Kindern und kranken Menschen übernehmen. In den Arbeiten wird überdies hervorgehoben, dass Familien und Gemeinden mit der Versorgung der Kinder sehr stark belastet sind, sie mittels Unterstützung jedoch durchaus adäquat für die Kinder sorgen können und es folglich einer verstärkten staatlichen und nichtstaatlichen finanziellen, materiellen und technischen Unterstützung und Organisation dieser Strukturen bedarf (vgl. z. B. Foster et al. 2008; Phiri / Tolfree 2007; Williamson 2007).

Vor diesem Hintergrund scheinen der Einbezug und die Unterstützung von Gemeinden durch transnationale soziale Unterstützungsprogramme zur sozialen Sicherung von betroffenen Kindern und der Bekämpfung von HIV und AIDS aus Sicht dieser Forschungsrichtung höchst sinnvoll und werden aktiv gefordert. Eine solche Kooperation kann auf mehreren Ebenen ansetzen. So können die Gemeinden als Bindeglied und Mittler zwischen Unterstützungsprogrammen und Unterstützungsempfänger wirken. Sie können dabei als Informanten und Multiplikatoren über die Möglichkeit der Unterstützung agieren sowie dazu beitragen, besonders hilfsbedürftige Kinder und Familien für Unterstützungsprogramme zu identifizieren. Zudem können Gemeindemitglieder als erweitertes soziales Sicherungs- und Versorgungsnetz die traditionellen Sicherungsformen der erweiterten Familie direkt unterstützen, indem sie etwa regelmäßige Hausbesuche abstatten, bei der Pflege von kranken Menschen mithelfen oder Aufgaben bei der Kinderbetreuung und Versorgung übernehmen. Außerdem können die Gemeinden als Plattform für Aufklärungs- und Präventionsarbeit in Hilfsprojekten eingesetzt werden und dadurch einen aktiven Beitrag im Kampf gegen HIV und AIDS leisten. Letztlich ist es möglich, sie als Basis für die Förderung von Selbsthilfegruppen und Solidaritätsgemeinschaften heranzuziehen (vgl. z. B. Richter et al. 2004; Mathambo / Richter 2007; Phiri / Tolfree 2007; Williamson 2007; Schenk 2009).

 
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