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5.2 Grundlagen oder Module des Konfrontativen Ansatzes

Die Grundlagen der Konfrontativen Methode orientieren sich an der Sozialen Gruppenarbeit mit Mehrfachstraftätern in Form eines Anti-Aggressivitätsbzw. Coolness-Trainings: Diese gehören zu einer spezialisierten Form der Sozialen Gruppenarbeit, die nur bei Jugendlichen mit einem Gewaltproblem angewendet werden. Weidner und Gall setzen die Module (bzw. die Methoden) eines Coolnessbzw. Anti-Aggressivitäts-Trainings, das sechs Monate dauert (ein Mal pro Woche, ca. 5 h) und auf einem lerntheoretisch-kognitiven Paradigma basiert, folgendermaßen zusammen:

• Körperbetonte Spiele

• Rollenspiele

• Interaktionspädagogische Übungen

• Visualisierungstechniken

• Deeskalation – sinnvolles Verhalten in schwierigen Situationen

• Konfrontative Feedback-Runden – auch genannt heißer Stuhl

• Entwicklung von Opferperspektiven

• Entspannungs- und Vertrauensübungen (Gall 2011, S. 133 f).

Alleine aus der Aufzählung wird sehr deutlich, dass dazu eine spezielle Zusatzausbildung vonnöten ist. Allein die Durchführung des „heißen Stuhls“ verlangt sehr viel Erfahrung und pädagogisch-methodischen Background. Ein wichtiger Bestandteil der Konfrontativen und Provokativen Methode ist der „heiße Stuhl“. Er soll kurz vorgestellt werden, um die Komplexität der Anwendung und Umsetzung der Methode zu veranschaulichen.

Auch wenn bundesweit sehr viele regionale Anbieter existieren, wird die Ausbildung zum Anti-Aggressivitätsbzw. Coolness-Trainer vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Frankfurt am Main angeboten. Beide Begriffe hat sich das ISS beim Europäischen Marken- und Patentamt in München zur Einhaltung gewisser Qualitätsstandards schützen lassen. Der „heiße Stuhl“ wird in der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen als eine zentrale Methode der Konfrontativen Pädagogik vermittelt. Jahrelang wurde vor allem die Nachberei-tung des „heißen Stuhls“ in der Ausbildung vernachlässigt. In den hier vorgeschlagenen sechs Schritten wird besonderer Wert darauf gelegt, die Nachbereitung zu optimieren.

5.3 Die pädagogische Umsetzung des heißen Stuhls

Im Rahmen des „heißen Stuhls“ wird eine Gruppe gebildet, die aus Trainerinnen, Tutoren und anderen Tätern besteht. Ziel ist es, räumlich eng gehaltene Gegebenheiten zu schaffen, in denen der Kandidat – er sitzt in der Mitte, um ihn wird ein kleiner Kreis gebildet – physische und psychische Nähe spürt. Der in der Mitte sitzende Jugendliche soll mit seiner Tat konfrontiert und mit gezielten, teilweise kontroversen Aussagen provoziert werden. Bei der praktischen Durchführung des „heißen Stuhls“ gibt es zwei Regeln: 1. der auf dem „heißen Stuhl“ sitzende Teilnehmer darf sich nur mit verbalen Mitteln zur Wehr setzen und 2. darf er jederzeit die Sitzung abbrechen, muss aber mindestens einmal im Laufe des Kurses diese Sitzung erfolgreich abschließen. Eine Videoaufzeichnung für die anschließende Auswertung ist ratsam, aber nicht zwingend notwendig. Bei der Durchführung des „heißen Stuhls“ sollen die einzelnen Schritte, die aufeinander aufbauen, beachtet werden:

1. Eins-zu-eins-Interview Konfrontatives und provokatives Interview im Beisein der Gruppe, um den Jugendlichen auf den „heißen Stuhls“ vorzubereiten. Er soll bereits im Interview spüren, was ungefähr auf ihn zukommt. Es empfiehlt sich, während des Interviews den Raum durch eine Trennwand zu teilen, d. h. die übrigen Gruppenangehörigen dürfen keinen Blickkontakt zum Interviewpaar haben. Ein Leitfaden für ein Interview könnte – im Kontext von Migrantenjugendlichen – folgendermaßen aufgebaut sein:

2. Strategiebesprechung In Abwesenheit des Betroffenen bespricht die Gruppe eine Strategie, wie der „heiße Stuhl“ auszusehen hat. Der wichtigste Punkt soll die Straftat des Jugendlichen sein. Es soll z. B. konkret und beharrlich hinterfragt werden, wie die Tat zustande kam, ob er sie z. B. zu rechtfertigen versucht. Hier werden auch andere Themen an einzelne Jugendliche verteilt, die auf dem „heißen Stuhl“ angesprochen werden sollen. Denn die größte „Niederlage“ für die Gruppe ist es, wenn ihr die Argumente ausgehen und während des „heißen Stuhls“ große Pausen entstehen.

3. Durchführung des heißen Stuhls In einem Kreis wird der Betroffene gezielt, wie in der Strategiebesprechung vereinbart, (mit der Tat) konfrontiert und provoziert.

4. Auswertung Gemeinsame Auswertung mit allen Beteiligten. Bei der Auswertung muss die folgende Reihenfolge eingehalten werden:

I) Der in der Mitte sitzende Jugendliche setzt sich in den Kreis und gibt dem Teilnehmer ein Plus, der ihn am intensivsten getroffen bzw. zum Nachdenken gebracht hat und dem Teilnehmer ein Minus, der bei ihm nichts bewirkt hat. Das wird zunächst unkommentiert im Raum stehen gelassen.

II) In einem zweiten Schritt sollen alle im Kreis sitzenden Teilnehmer ihre subjektive Wahrnehmung wiedergeben, ob sie bei dem Jugendlichen etwas bewirkt haben bzw. ihn innerlich „zum Kochen gebracht“ haben – mit einer kurzen Begründung. Der betroffene Jugendliche darf zunächst zu den einzelnen Meinungen keine Stellung beziehen.

III) Danach sollen die Gruppenmitglieder, die beim „heißen Stuhl“ nicht aktiv mitgemacht haben und von außen (ohne Blickkontakt) die Sitzung verfolgt haben, ihre Wahrnehmung darlegen und kurz begründen.

IV) Im vierten und letzten Schritt soll der Kandidat zu all den ausgeführten Meinungen und Wahrnehmungen Stellung beziehen und schließlich erläutern, wie es ihm auf dem „heißen Stuhl“ ging. Wurde die Sitzung aufgezeichnet, ist es zu empfehlen, einige kurze und prägnante Ausschnitte mit dem Teilnehmer auszuwerten.

5. Einzelgespräch Nachdem die Kursteilnehmer den Raum verlassen haben, führt ein Kursleiter ein Einzelgespräch mit dem Betroffenen. Der andere Kursleiter betreut die übrigen Jugendlichen in der Pause. Hier sollen ggf. Dinge thematisiert werden, die bei der gemeinsamen Auswertung nicht zur Sprache kamen bzw. im Beisein der Gruppe nicht angesprochen werden konnten.

6. Die warme Dusche Um eine der Grundhaltungen nach Weidner und Gall, wie

z. B. Lobkultur (siehe oben die Module), methodisch umzusetzen, empfiehlt sich als sechster und letzter Schritt die „warme Dusche“: Nach dem Einzelgespräch mit dem Trainier setzt sich der Kandidat auf einen Stuhl und alle anderen heben ausschließlich seine positiven Seiten hervor, wie zum Beispiel „Ich finde an dir gut/schön/positiv etc., dass …“ Wichtig ist bei diesem Schritt, den „Ich-Bezug“ herzustellen.

 
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