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4.8.3 Desintegration

Wie im Kap. 4.3 referiert gibt es viele Studien, die nachweisen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, vor allem aber Muslime, Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt sind (vgl. Baier et al. 2010; Jünschke 2003). Diesen Trend bestätigt auch die neue Studie von Mansel und Spaiser (2013), wonach Jugendliche mit muslimischem Migrationshintergrund am häufigsten Diskriminierungen und Benachteiligungen erfahren. Die Gruppe wird – sei es unter der Kategorie „Türken“, „Muslime“ oder „Deutsch-Türken“ – als eine homogene Gruppe wahrgenommen und stigmatisiert. Junge Muslime empfinden sich in ihrer kulturellen Verortung häufig als Hybrid, d. h., sie empfinden sich selber als halb deutsch und halb muslimisch. Daraus kann sich für junge Menschen ein Identitätsdilemma ergeben, wenn sie weder als Deutsche noch als Muslime Anerkennung erfahren. Als Konsequenz daraus kann Assimilierungsdruck entstehen, welcher einerseits die Normen, Werte und kulturellen Orientierungen der Elterngeneration in den Hintergrund rückt und auf der anderen Seite jedoch nicht die Anerkennung in die Mehrheitsgesellschaft garantiert. Aus diesem Spannungsverhältnis heraus kann es zur Bildung einer negativen Identität kommen: Minderwertigkeitsgefühle werden zu einem negativen Selbstbild verinnerlicht und abweichendes Verhalten wird zur Lösungsstrategie eines bewussten oder unbewussten Identitätskonfliktes. Zugespitzt kann das zur Abgrenzung von den – und zur Abwertung der – anderen und vermeintlich Schuldigen führen, in diesem Fall der Mehrheitsgesellschaft (Foroutan und Schäfer 2009, S. 13). Ergänzend hierzu ist anzumerken, dass auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund aufgrund der in Deutschland bestehenden engen Verbindung von sozialer Herkunft und sozialer Anerkennung Diskriminierungspraxen ausgesetzt sind und sich somit auch der Formen einer negativen Identität zur Problemlösung bedienen können. Wohin diese Form des Identitätsmanagements führt, ist nicht vorherzusehen. Möglich ist allerdings, dass die Jugendlichen in der salafistischen Szene auf Gleichgesinnte treffen, die Identität und Orientierung bieten.

4.8.4 Neubeginn durch Konvertierung

Nordbruch et al. (2014) beschreiben den Salafismus als Ausweg. Der Salafismus bietet die Möglichkeit eines radikalen Neubeginns. Innerhalb salafistischer Ideologien ist es unbedeutend, was vorher war: Es ist noch nicht zu spät, sein Leben zu ändern und den richtigen Pfad zu betreten. Die Ummah (Gemeinde) ist nahezu bereit, jeden Menschen aufzunehmen, sie kennt keine Herkunft, sie kennt kein Geschlecht, sie ist global strukturiert und findet für jeden einen Platz und eine Rolle. Der Eintritt in ein neues Leben erfolgt schnell und unbürokratisch, es setzt lediglich eine Konvertierung voraus, die im Schnellverfahren vor dem Infostand oder auf öffentlichen Veranstaltungen durchgeführt werden kann. Alles, was die Geläuterten dafür tun müssen, ist die vorgegebene Formel nachzusprechen. Die gesamte Prozedur der Konvertierung dauert, inklusive einer vorherigen Übersetzung der Formel, etwa 35 s. Mit der Konvertierung sind – symbolisch betrachtet – die herkunftsbedingten, geschlechtsspezifischen, sozialstrukturellen und gesellschaftlichen Benachteiligungen negiert. Zur Ausdifferenzierung des Phänomens hebt El-Mafaalani (2014) den Begriff der Prekarität hervor. Dieser kann als Sammelbecken diverser biografischer Bedingungen verstanden werden. Zum einen finden sich dort die sogenannten „Bildungsverlierer“ wieder, zum anderen betont er jedoch auch, dass es junge Menschen sind, die durchaus über eine gute Schulbildung verfügen, denen aber das Versprechen, dass sich aus einer guten Bildung heraus das gesellschaftlich formulierte Zukunftsversprechen einlösen wird, vorenthalten wurde.

Präziser formuliert bedeutet das Folgendes: Wenn Bildungsaufsteiger durch unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit nicht die notwendige Anerkennung und gleichberechtigte Partizipation an Ressourcen erlangen, sind sie ebenso anfällig für salafistische Ansprache. Hohe Bildung scheint doch nicht das Allheilmittel zu sein, wenn die politische und gesellschaftliche Anerkennung fehlen.

 
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