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4.7 Männlichkeitskonzepte und Religion

Sind die oben dargestellten sozialen Umstände in Bezug auf schulische und berufliche Bildung und Gewalterfahrungen bei türkeistämmigen Jugendlichen problematisch, spielen andere Faktoren für die Selbstwertbildung eine entscheidende Rolle. So identifizieren sich viele Jugendliche beispielsweise nicht mehr über eine erfolgreiche Schul- und Berufsausbildung, sondern legen Wert auf ein ausgeprägtes Männerbild, das stark von religiösen Vorstellungen geprägt ist. Nach der Untersuchung von Baier et al. (2010) schätzen islamische Jugendliche die Bedeutung der Religion für Ihren Alltag als hoch ein (59,2 %), weshalb der Einfluss der Imame als religiöse Vorbilder sehr wichtig ist. Eine Ausbildung der Imame in Deutschland ist hier eine zentrale Forderung (vgl. auch Ceylan 2010).

In den Untersuchungen von Ahmet Toprak in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass gut ausgebildete junge Männer, die auch in der Gesellschaft einen hoch ange- sehenen Status haben, keinen Wert auf Jungfräulichkeit der zukünftigen Ehefrau legen (Toprak 2012). Die gewalttätigen Jugendlichen hingegen, die keine Schul- und Berufsausbildung haben, als Hilfsarbeiter tätig sind und in der Community keinen hohen Stellenwert haben, betonen ihre ausgeprägte Männlichkeit und wollen unbedingt eine Frau heiraten, die ihre Jungfräulichkeit bis zur Ehe bewahrt hat (Toprak und Nowacki 2012). Ausgeprägte Männlichkeit, bezogen auf Solidarität und Loyalität innerhalb des Freundeskreises, und bedingungslose Verteidigung der weiblichen Familienmitglieder werden rigide gehandhabt und spielen vor allem im Lebenskonzept der gewaltbereiten Jugendlichen eine zentrale Rolle. Im Folgenden sollen die beiden aufgeführten Bedingungen näher beleuchtet werden.

Solidarität und Loyalität gegenüber dem Freund

Zu den komplexen Ursachen für eine erhöhte Strafanfälligkeit männlicher türkischer, arabischer und albanischer Jugendlicher mit Migrationshintergrund in der dritten Generation gehört auch der Werte- und Normenkodex, mit dem die Jungen aufwachsen und über den sie ihre Identität definieren (Pfeiffer 2002; Baier und Pfeiffer 2007; Toprak 2010; in Bezug auf Homophobie unter deutschen, türkischen und Aussiedlerjugendlichen Simon 2008).

In den Anti-Aggressivitäts-Trainings mit straffälligen Jugendlichen wird festgestellt, dass nicht nur türkeistämmige Jugendliche, sondern auch die arabischen und albanischen Jugendlichen aufgrund ihres Ehrbegriffes zu Straftaten bereit sind. Dazu gehört ihr bedingungsloses Verständnis von Freundschaft. Sie setzen sich auch ohne die Situation zu hinterfragen und auf die Gefahr hin, dass sie verletzt werden, für den Freund ein. Sie ist eine tief verankerte Verhaltensnorm, über die nicht nachgedacht und die auch nicht in Frage gestellt wird. Wenn das geschähe, wäre nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Ehre und Männlichkeit des Jugendlichen gefährdet. „Ehre“ und „Männlichkeit“ sind Begriffe, die die türkeistämmigen Jugendlichen in den Anti-Aggressionskursen immer wieder artikulieren.

Um ihre Denkweise besser verständlich zu machen, sollen im Folgenden diese zentralen Begriffe kurz erläutert werden.

Ein (ehrenhafter) Mann steht zu seinem Wort. Er muss dies klar und offen tun und darf niemals mit „vielleicht“ oder „kann sein“ ausweichen, weil diese Antworten nur von einer Frau zu erwarten sind. Darüber hinaus muss ein ehrenhafter Mann in der Lage und willens sein zu kämpfen, wenn er dazu herausgefordert wird. Die Eigenschaften eines ehrenhaften Mannes sind Virilität, Stärke und Härte. Er muss in der Lage sein, auf jede Herausforderung und Beleidigung, die seine Ehre betrifft, zu reagieren und darf sich nicht versöhnlich zeigen. Der andere wichtige Begriff ist „Männlichkeit“. Traditionell werden muslimische Jungen zu körperlicher und geistiger Stärke, Dominanz und selbstbewusstem Auftreten – im Hinblick auf die Übernahme von männlichen Rollenmustern – erzogen. Wenn ein Jugendlicher diese Eigenschaften nicht zeigt, wird er als Frau und Schwächling bezeichnet. Auch Homosexualität ist mit der traditionellen Männerrolle nicht vereinbar, insbesondere dann nicht, wenn dabei die Rolle des Passiven übernommen wird. Diese ist mit der Frauenrolle und damit mit Schwäche assoziiert. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass, wie weiter unten ausgeführt wird, es zwei unterschiedliche Bewertungen von Homosexualität bei türkeistämmigen Männern gibt.

Die wichtigsten Begriffe im Kontext der Männlichkeit – Stärke, Dominanz, selbstbewusstes Auftreten sowie Homosexualität – sollen im Folgenden näher betrachtet werden.

Stärke Das wichtigste Indiz für eine ausgeprägte Männlichkeit ist die geistige und körperliche Stärke eines Mannes. Bereits im Kindesalter werden die Jungen zum Ringen, Boxen und anderen Kampfsportarten ermutigt und darin gefördert, während bei den Mädchen dies kategorisch abgelehnt wird. Wenn sich die Jungen beim Spielen verletzen und dabei weinend zur Mutter gehen, werden sie unter Umständen bestraft, da das Weinen die weibliche Rolle und damit Schwäche impliziert. Darüber hinaus wird oft von Jugendlichen zum Ausdruck gebracht, dass Schläge zum Erziehungsauftrag der Eltern gehören, damit aus dem Jungen ein richtiger Mann wird.

Homosexualität Die Bezeichnung „schwul“ ist sowohl im Mittelmeer-Raum als auch im Deutschen in bestimmten Kontexten negativ besetzt. Aber bei türkeistämmigen Männern gibt es zwei unterschiedliche Bewertungen von Homosexualität. Die aktive Rolle beim Geschlechtsverkehr wird mit den Begriffen Stärke, Dominanz, Potenz und Männlichkeit in Verbindung gebracht. Die passive Rolle wird dagegen mit den Begriffen „Schwuchtel“, „Frau“ und „Schwächling“ abgewertet und ist verpönt. Bei den Jugendlichen wird man nur dann als „schwul“ bezeichnet, wenn man die Rolle des Schwächeren übernimmt, weil diese in der Regel die Frauenrolle impliziert und nicht in das beschriebene Männerbild passt.

Dominanz und selbstbewusstes Auftreten Türkeistämmigen Jungen treten im Gegensatz zu Mädchen sehr dominant und selbstbewusst auf. Sie werden zu diesem Verhalten erzogen und ermuntert. Ein Junge muss in der Lage sein zu entscheiden, was für die später zu gründende Familie das „Richtige“ und „Vorteilhafte“ ist. Dies kann er u. a. dadurch unter Beweis stellen, indem er seine Position selbstbewusst verteidigt und auf Meinungen, die von außen an ihn herangetragen werden, keine Rücksicht nimmt. Dies könnte ihm sonst als Schwäche ausgelegt werden, was eher von Frauen zu erwarten ist.

Dominanz und selbstbewusstes Auftreten werden jedoch nur in bestimmten Grenzen gefördert. Wenn die jungen Männer mit 18 Jahren oder später den Wunsch äußern, das Elternhaus zu verlassen, ohne dass sie geheiratet haben, wird dies von den Eltern in der Regel missbilligt.

Die Ausführungen machen deutlich, dass der Zusammenhalt, hier Loyalität, in der Gruppe bzw. unter Freunden eine große und ganz zentrale Rolle spielt und dem Begriff der Freundschaft eine entscheidende Bedeutung zugesprochen wird. Freunde tun alles füreinander: Es wird geteilt, was man hat, z. B. Geld, Essen und Kleidung. Massenschlägereien können deshalb zu Stande kommen, weil der Freund nicht allein gelassen werden darf. Der Wert der Freundschaft spielt auch in der Gruppendynamik eine zentrale Rolle. Aus einer Dreier-Gruppe kann schnell eine Großgruppe werden, wenn diese drei Jugendlichen Freunde haben, die sich mit ihnen solidarisieren.

Die Freundschaft wird verletzt,

• wenn die Mutter und andere weibliche Familienmitglieder (Freundin, Frau, Schwester, Ehefrau des Bruders etc.) beschimpft, beleidigt oder angeschaut werden,

• wenn die Männlichkeit oder die Potenz angezweifelt werden und

• wenn man als „schwul“ beschimpft wird.

 
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