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2.2 Interkulturelle Kompetenz in der Arbeit mit türkeistämmigen Jungen

Langjährige Erfahrungen des Autors in der Arbeit mit türkeistämmigen Jungen haben gezeigt, dass die beiden Kompetenzen (kognitive Kompetenzen und Handlungskompetenzen), bis auf die Teilkompetenz Sprachkenntnisse, von immenser Bedeutung sind. Die oben aufgezählten und definierten Kompetenzen werden anhand von 30 Interviewergebnissen[1] mit türkischstämmigen Jungen und mittels eines Fallbeispiels aus der Praxis diskutiert.

2.2.1 Interkulturelle Handlungskompetenzen

Empathie Junge Männer in der dritten Migrantengeneration wollen von pädagogischen Fachkräften mit ihrem hybriden kulturellen und religiösen Hintergrund ernst genommen und verstanden werden. Auch wenn die dritte und vierte Generation der türkeistämmigen Jugendlichen die Heimatländer ihrer Großeltern lediglich aus den Medien, Erzählungen und von Urlaubsaufenthalten kennt, unterscheiden sich deren Sozialisationsbedingungen in wesentlichen Punkten (Ausländerstatus, unterschiedlicher Erziehungsstil, anderer religiöser Hintergrund, unterschiedliche Wert- und Normvorstellungen, Idealisieren der Herkunftsländer etc.)[2] von denen ihrer bio-deutschen Altersgenossen. Die speziellen Sozialisationsbedingungen dieser Zielgruppe müssen in der sozialen Arbeit besondere Beachtung finden und können nicht mit denen der deutschen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund gleichgesetzt werden. Ayhan (19 Jahre, Interview 2001) beantwortet die Frage, ob er einen deutschen Pass beantragen möchte: „Ich will den deutschen Pass nicht. Was soll ich damit? Ich bin doch Türke!… Ich denke nicht wie Deutsche. Ich will auch keinen deutschen Pass. Ich kann nicht wie Deutsche denken und reden.“ Ayhan ist in Deutschland geboren und ist der dritten Migrantengeneration zuzuordnen. In Bezug auf Einbürgerung ist er in seiner Denkweise als rigide und konservativ zu bezeichnen und betont insbesondere seine Andersartigkeit, indem er immer wieder sagt, dass er nicht wie die deutschen Jugendlichen denkt. Deniz (20 Jahre, Interview 2010) argumentiert ähnlich, als er konkret einige pädagogische Fachkräfte kritisiert. „Also, wenn man mich fragt, was bist Du? Dann sage ich Türkei, aber manchmal sage ich auch Moslem. Weißt Du ich möchte auch Türke bleiben, auch wir in Deutschland leben oder geboren sind. Mein Lehrer in der Schule hat das nicht verstanden. Wir sind nun mal Türken und sind halt anders. Aber es gibt auch andere, so Sozialarbeiter, weiß Du. Die sind meistens okay. Die fragen nicht was du bist. Die machen einfach coole Sachen.

Aus den beiden Interviewpassagen wird deutlich, dass bei dieser Zielgruppe die unterschiedlichen Wert- und Normvorstellungen stark zum Vorschein kommen. Der Lehrer, der – aus Sicht des Interviewpartners – sich nicht in „das Anderssein“ des Jugendlichen einfühlen kann und sie verurteilt, wird abgelehnt.

Rollendistanz Unabhängig von Interkultureller Kompetenz ist Rollendistanz in der Sozialen Arbeit, insbesondere in der Arbeit mit jungen Menschen, eine der wichtigsten Kompetenzen, die die professionellen Fachkräfte verinnerlicht haben sollten. Rollendistanz gelingt in den Fällen erfolgreich, wenn die Rollen unabhängig von der sozio-kulturellen Herkunft beschrieben und wenn die Betreuten als Individuen wahrgenommen werden, ohne „kategorisiert“ und „kulturalisiert“ zu werden.

Einige Fachkräfte sozialer Einrichtungen neigen dazu, einen erlebten Fall mit einem türkeistämmigen Jugendlichen zu verallgemeinern und auf alle Jungen zu projizieren. Zwei Interviewaussagen sollen die unterschiedlichen Meinungen zweier Jugendlicher, die auf dieselbe Frage antworten, nämlich, ob die Jungfräulichkeit bei der Wahl der zukünftigen Ehefrau eine entscheidende Rolle spielt, verdeutlichen. „Natürlich, Mann! Das ist sehr wichtig, eh. Ich heirate doch nicht eine Frau, ne, wie soll ich sagen, na ja, die mit einem anderen Typen bereits im Bett war. Weißt du, ich will eine Frau haben, die noch sauber ist.(…) Mit niemandem was hatte. Solche Frauen, weißt du, haben Ehre, na ja die vor dem Heiraten mit niemandem was hatten.“ (Metin, 21 Jahre, Interview 2001)

Ja viele türkische und andere Moslems legen Wert darauf weißt Du. Eigentlich ich auch. Aber wenn man eine Frau liebt. Dann ist das mir egal. Aber ich würde darüber mit Freunden nicht reden. Sonst denken die, ich wäre blöd. Aber ich hab kein Problem damit.“ (Fatih18 Jahre, Interview 2006)

Hier wird deutlich aufgeführt, dass radikale denkende Jugendliche durchaus gibt: aber auch Jugendlich wie Fatih, die differenzierter denken und handeln. Bei Fatih ist zudem der soziale Druck in den Peers zu betonen, weil das nicht mit seinen Freunden besprechen würde.

Migrantenjugendliche, die schlechte und negative Erfahrungen mit der Polizei oder Justiz hatten, haben sehr radikale und von Vorurteilen geprägte Meinungen gegenüber diesen Institutionen. Sehr viele sind der Meinung, dass sie nur aufgrund ihrer Hautfarbe schlecht behandelt, sogar schwerer bestraft werden als die bio-deutschen Jugendlichen. Ein Jugendlicher äußert sich zum Thema „Ausländerfeindlichkeit“ folgendermaßen: „Natürlich gibt es Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Schau mal die Polizei. Weißt du, die sind alle Nazis…. Die haben etwas gegen Ausländer. Am Bahnhof, ne, werden nur die Türken und Neger kontrolliert…. Ja weiß ich doch nicht, ob die Hasch haben oder Waffen, ne. Auch die Staatsanwälte sind Nazis. Der wollte, dass ich für zwei Jahre in Knast gehe, ne…. Bei einem deutschen Kartoffel, ne, hätte er doch keine zwei Jahre verlangt, ne…. Ja, ne, weil er ein Deutscher ist, ne. Deutsche halten doch zueinander, ne.“ (Hakan 18 Jahre, Interview 2001)

Solche subjektiven Wahrnehmungen der Jugendlichen müssen ernst genommen, mit großer Sorgfalt überprüft, aber an geeigneter Stelle mit Fingerspitzengefühl relativiert und in den richtigen Kontext gerückt werden.

Ambiguitätstoleranz Bei der dritten und vierten Migrantengeneration fällt stark ins Auge, dass viele Jugendliche das Heimatland ihrer Eltern bzw. Großeltern enorm idealisieren, weil für sie Deutschland oft mit negativen und diskriminierenden Erfahrungen behaftet ist. Viele Jugendliche, die ähnlich sozialisiert sind, zeigen identische Muster, um für sich eine „Strohhalm-Strategie“ des „Überlebens“ zu entwickeln. Solche Jugendliche kennen die Türkei, wie oben erwähnt, aus den Medien, von Erzählungen der Eltern/Großeltern oder aber von Urlaubsaufenthalten, und sie werden sehr schnell aggressiv, wenn die Türkei kritisiert wird. Denn die Kritik an die Türkei wird als persönlicher Angriff interpretiert und die latent und unbewusst zurechtgelegte „Strohhalm-Strategie“ wird außer Kraft gesetzt. Der gebürtige Dortmunder Yusuf (18 Jahre, Interview 2010) äußert sich zur Türkei wie folgt: „Türkei mag ich schon. Schönes Land, weißt Du. Nicht so spießig wie hier. Da ist alles lockerer und cooler. Schönes Wetter, schönes Essen und so weiter. Ich bin sehr gerne da. Wenn ich da bin, geht es mir einfach besser als hier in Dortmund.“ An einer anderen Stelle des Interviews widerspricht sich der Jugendliche, indem er über „sein“ Heimatland negativ spricht: „Ich mag Türkei schon. Aber es ist bisschen chaotisch weißt Du. Ich bin ja an diese deutsche Ordnung gewöhnt. Dann wann das nicht sofort klappt bin ich sauer auf die Türkei. Ehrlich gesagt, halte ich maximal drei Wochen aus. Danach habe ich kein Bock mehr.

Menschen mit Migrationshintergrund scheinen sich immer wieder dann zu widersprechen, wenn sie kontext- und ortsgebunden argumentieren. Dieser Widerspruch ist kein bewusst eingesetzter Schachzug, sondern ein in der Migration intensiv beobachtbarer Automatismus: Negative Erfahrungen im „Einwanderungsland“ werden mit dem „Heimatland“ verglichen bzw. idealisiert und umgekehrt die negativen Erfahrungen im „Heimatland“ werden kritisiert und mit dem „Einwanderungsland“ verglichen und positiv bewertetet. Pädagoginnen und Pädagogen sollten diese widersprüchlichen Argumentationsstränge kennen, aushalten können, mit Respekt behandeln und ihnen mit Neugier und Offenheit begegnen.

Kommunikative Kompetenz Verbunden mit der Ambiguitätstoleranz ist es von entscheidender Bedeutung, dass die pädagogischen Fachkräfte Sprach-, Aushandlungs- und Dialogfähigkeit besitzen. Denn Jugendliche, insbesondere Migranten, argumentieren in bestimmten Sachverhalten nicht nur subjektiv, sondern auch bewertend und fühlen sich ungleich behandelt. Wenn die Fachleute diese Basiskompetenz nicht beherrschen, können komplexe multifunktionale Konflikte erst gar nicht erhellt werden.

  • [1] Diese Interviews wurden im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte zum Thema „Gewalt“ in den Jahren 2001, 2006 und 2010 durchgeführt (vgl. ausführliche Toprak und Nowacki 2012)
  • [2] vgl. Kap. 3 und 4
 
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