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9 Zusammenfassung und Ausblick

Die vorliegende Arbeit hatte zur Aufgabe, 1. über die Dienstleistungen der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sowie türkisch-islamischer Vereine zu informieren, 2. die Motive von Freiwilligen der Freien Wohlfahrtspflege aufzudecken sowie 3. über Motive von Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine Aufschluss zu geben, die bisher in der deutschen Literatur nur wenig berücksichtigt sind, und 4. die Rolle der Religionszugehörigkeit und Religiosität für freiwillige Arbeit zu klären. Bevor die Ergebnisse resümiert werden, soll zunächst jedoch auf einige Schwierigkeiten hingewiesen werden, die der vorliegende Datensatz sowie die Stichprobe aufweisen.

Die größten Einschränkungen sind im Bereich der Stichprobe und der Gewinnung der Befragten zu suchen. Es handelt sich nicht, wie wünschenswert gewesen wäre, um eine Zufallsstichprobe von Freiwilligen verschiedener Vereine, da leider keiner der betrachteten Vereine eine verlässliche Anzahl seiner Freiwilligen nennen konnte und auch keine Hinweise zu deren Sozialstruktur machte. Daher fehlt die Grundlage, um eine Zufallsstichprobe aus Freiwilligen der Vereine ziehen zu können. Vielmehr sind zunächst die Vertreter der Bundesverbände um ihre Mitarbeit gebeten worden und anschließend die Leitungspersonen der Vereine in Köln und Hamburg. Bei der Einwilligung erhielten die Leitungspersonen Fragebögen zur Weiterleitung an hauptamtliche und freiwillige Mitarbeiter. Nach welchen Kriterien die Leitungspersonen die Fragebögen verteilten, blieb diesen überlassen. Klar ist, dass eher solche Freiwilligen die Bögen ausgefüllt haben, die regelmäßig Kontakt zu diesen Leitungspersonen hatten und nicht nur z.B. sporadisch helfen.

Eine Befragung wie der Freiwilligensurvey, der eine geschichtete Zufallsstichprobe der deutschsprachigen Wohnbevölkerung bestehend aus 15.000 bzw.

20.000 Personen zur Verfügung hatte, kann Aussagen treffen, die sich auf die Grundgesamtheit der deutschsprachigen Wohnbevölkerung übertragen lassen. Daher beinhaltete der Fragebogen Fragen, die bereits der Freiwilligensurvey verwendet hat, so dass die Befunde der vorliegenden Arbeit immer wieder mit denen des Freiwilligensurveys verglichen werden konnten. Es zeigte sich, dass die Ergebnisse trotz der genannten Schwierigkeiten nicht maßgeblich von den Befunden der repräsentativen Befragung abweichen.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass die Befragten den Organisationen zugeordnet werdenkonnten, was notwendig war, um die anreiztheoretischen Thesen prüfen zu können. Dennoch besteht kein Zweifel, dass die Ergebnisse nur mit großer Vorsicht zu verallgemeinern sind.

Weiterhin sind die Fragebögen in den Wohlfahrtsverbänden ausschließlich auf Deutsch ausgegeben worden. Freiwillige mit geringeren Deutschkenntnissen wurden demnach mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Insgesamt ist die Übersetzung von Fragebögen mit einem großen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden sowie mit äußerster Sorgfalt vorzunehmen, um möglichen kulturellen Unterschieden der begrifflichen Interpretationen gerecht zu werden. Dieser Aufwand, um Befragte mit geringeren Deutschkenntnissen zu gewinnen, wird der kleinen Zahl an Befragten der türkisch-islamischen Vereine in der vorliegenden Stichprobe kaum gerecht. Insgesamt sendeten nur 91 Befragte der zweckorientiert türkisch-islamischen Vereine einen ausgefüllten Fragebogen zurück. Dennoch scheint eine Übersetzung der Fragebögen in die Muttersprache von Migranten unverzichtbar, da ein systematischer Ausschluss von Befragten insbesondere der ersten Generation und solchen mit schlechteren Sprachkenntnissen erhebliche Einbußen auf den Erkenntnisgewinn der sozialwissenschaftlichen Forschung zur Folge hat. Besonders Studien zu Themen der Integration von Migranten oder Religiosität sollten übersetzte Fragebögen verwenden, da ein selektiver Ausschluss von Migranten mit geringen Deutschkenntnissen eine Gruppe ausschließt, die zum einen vermutlich einen hohen Förderungsbedarf hat und zum anderen immer wieder Vorurteilen ausgesetzt ist. Das Praxisbeispiel des bisher vergeblichen Kampfes der Vereine um den Status als Körperschaft öffentlichen Recht bzw. Religionsgemeinschaft zeigt deutlich, dass das Ansetzen „deutsch christlicher“ Maßstäbe den türkisch-islamischen Migranten nicht gerecht werden kann. Daher können in der sozialwissenschaftlichen Forschung nur verallgemeinerbare Aussagen über die Bevölkerung mit Migrationshintergrund getroffen werden, wenn die gesamte Gruppe und nicht nur ihr deutschsprechender Teil betrachtet wird. Die vorliegende Arbeit hat den Versuch unternommen, diese Problematik zu berücksichtigen.

Ein weiteres Problem der vorliegenden Untersuchung ist der fehlende Vergleich von Freiwilligen solidarischer türkischer Vereine, der dem thematischen Bezug der vorangegangen Studie FACIT auf religiöse Organisationen geschuldet ist. Es können keine Aussagen darüber getroffen werden, wie sich Freiwillige mit türkischem Migrationshintergrund zweckorientierter türkisch-islamischer Vereine von säkularen Vereinen unterscheiden. Leider konnten im Anschluss der Vorgängerstudie FACIT keine weiteren türkischen Vereine dazu gebracht werden, sich an dem Forschungsvorhaben zu beteiligen [1]. Doch ist fraglich, ob säkular eingestellte türkische Migranten überhaupt spezielle Vereine für Wohlfahrtsleistungen benötigen oder auf Angebote der Freien Wohlfahrtspflege zurückgreifen. Zwar könnten konfessionslose türkische Migranten z.B. ein Interesse an Angeboten auf Türkisch haben oder für die Rechte von Migranten eintreten wollen, doch fallen alle Ansprüche aufgrund religiöser Vorschriften weg, was entsprechende Angebote hinfällig macht. Dies würde eine Erklärung dafür liefern, dass es bisher nur wenige solidarische türkische Vereine gibt, die ein ähnliches Spektrum an Wohlfahrtsleistungen anbieten wie die zweckorientiert türkisch-islamischen Vereine[2].

Aufgrund der geringen Rücklaufquote der Befragten der zweckorientiert türkisch-islamischen Vereine konnte eine Frage der vorliegenden Arbeit nicht geklärt werden: Sind kulturelle Motive nicht vorhanden oder sind sie nicht genannt worden, weil sie selbstverständlich sind? Spiegeln sich vermeintlich kulturelle Motive in den wichtigen sozialen und religiösen Motiven der Befragten wider oder sind diese unabhängig von dem kulturellen Hintergrund der Vereine zu interpretieren? Für jene kulturellen Aspekte der sozial-religiösen Motive spricht die vorliegende Literatur (vgl. Bekkers und Schuyt 2008; Carabain und Bekkers 2011; Finke et al. 2006; van Tubergen et al. 2005; Wehr und Kropfitsch 1998, S. 704). Doch kann diese Frage für Freiwillige türkisch-islamischer Vereine in Deutschland abschließend nur durch eine größere als die vorliegende Stichprobe geklärt werden. Außerdem würden qualitative Interviews zum Thema sicherlich weiteren Aufschluss geben können.

Die Vergleichbarkeit der Befragten untereinander ist weiterhin durch die Filterfrage der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft eingeschränkt. Es wurden ausschließlich Personen nach ihrer Religiosität und weiteren religiösen Merkmalen befragt, die angegeben haben, einer der aufgeführten Glaubensgemeinschaften anzugehören. Doch zeigen verschiedene Studien, dass auch ohne Bekenntnis Spiritualität oder säkulare Glaubensformen vorliegen können (u.a. Pollack 2009; Woodhead 1993; Zulehner et al. 2001). Diesen Befunden sollte zukünftig Rechnung getragen werden. Allerdings beschrieben nur 10 Konfessi-onslose sozial-religiöse Motive, was die Schlussfolgerung zulässt, dass der Informationsverlust im vorliegenden Falle gering ist.

Ein weiterer Aspekt, der in der kritischen Auseinandersetzung erwähnt werden muss, ist die Einteilung der Organisationen in solidarische und zweckorientierte Organisationen. Die Integration von Freiwilligen vieler verschiedener Einrichtungen erhöht die Generalisierbarkeit der Daten, da die Befragten Freiwillige ähnlicher Einrichtungen repräsentieren (Gazley 2012, S. 1263). Doch die Organisationen, die in der vorliegenden Analyse betrachtet wurden, sind sehr heterogen. Selbst innerhalb den zu drei Organisationsformen zusammengefassten Vereine gibt es enorme Unterschiede (Cnaan und Curtis 2013, S. 12 ff.). Die wichtigsten Unterscheidungskriterien der Organisationen sind ihre Größe, der ethnische Hintergrund und der sozioökonomische Status ihrer Mitglieder, ihre geografische Lage und nicht zuletzt der religiöse Hintergrund. Zur Einteilung der Organisationstypen nach Art des Anreizes wurden die Überlegungen Clarks und Wilsons (1961, S. 138 ff.) verwendet und ausführlich dargestellt. Diese Einteilung war notwendig, um die vorliegenden Fragen klären zu können.

Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass in säkularen Einrichtungen religiöse Dienstleistungen erbracht werden oder in religiösen Einrichtungen säkulare Tätigkeiten ausgeübt werden oder diese nicht im Sinne der Glaubensgemeinschaft erfolgen. Ein Beispiel, das zeigt, dass diese Problematik in den vorliegenden Vereinen durchaus besteht, ist die Hilfe für Prostituierte, für die der Sozialdienst Katholischer Frauen in Köln immer wieder in die Kritik geriet (Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e.V. 2014). Außerdem können Einrichtungen, die im Rahmen eines Wohlfahrtsverbands tätig sind, sich von der weltanschaulichen Ausrichtung ihrer Dachverbände unterscheiden. So sind die Vereine des Quäker Nachbarschaftsheims in Köln, der aus der englischen Erweckungsbewegung entstanden ist, und der Islamische Frauenverein Cemiyet-i Nisa e.V. Mitglieder des säkularen Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Für die vorliegende Arbeit musste dennoch angenommen werden, dass die Ausrichtung der Vereine eine Auswirkung auf die Motive der freiwilligen Mitarbeiter hat. Weitere Analysen, die z.B. den Einfluss der Tätigkeiten oder die Merkmale der direkt übergeordneten Einrichtungen in den Blick nehmen, würden einen weiteren Beitrag zum Erkenntnisgewinn leisten können.

Letztlich ist es möglich, dass sich die angegeben Motive der Freiwilligen nicht ausschließlich auf die Tätigkeiten innerhalb der betrachteten Vereine beziehen. Es zeigt sich, dass 30 Prozent der Freiwilligen noch in anderen Vereinen tätig sind als in denen, über die sie die Fragebögen erhielten. Diese Schwierigkeiten können für die vorliegenden Daten nicht ausgeräumt werden, auch wenn der Fragebogen explizit auf die Tätigkeiten hindeutet, die im Rahmen des Ver-eins ausgeübt werden, in dem sie den Fragebogen erhalten haben. Doch wurde, durch verschiedene offene Abfragen der Motive, die Möglichkeit gegeben, zum einen generelle Aussagen zu den Motiven freiwilliger Tätigkeit zu machen und noch einmal genauer zu spezifizieren, warum ausgerechnet die angegeben Tätigkeiten in dem Verein ausgeübt werden. Weil beide Motive relevant für die Tätigkeit sind, wurden die Angaben kombiniert. Interessant wäre aber ein Vergleich zwischen den Motiven einer Person in verschiedenen Vereinen. Den anreiztheoretischen Überlegungen zur Folge müssten sich die Motive nach den Nutzenerwartungen der Tätigkeiten in den Vereinen unterscheiden. Auch dies könnte jedoch nur in entweder qualitativen Interviews eruiert werden oder im Rahmen von standardisierten Interviews, die explizit den Vergleich unterschiedlicher Tätigkeiten und der entsprechenden Motive in den Fokus rücken.

Trotz der beschriebenen Defizite kann der interdisziplinäre Ansatz der vorliegenden Arbeit als notwendige Weiterentwicklung der Ehrenamtsforschung bezeichnet werden (Wilson 2012, S. 178). Es wurden sozialpsychologische Ansätze im Rahmen der Motiverforschung, soziologische Theorien zur Erklärung des Einflusses individueller soziodemographischer Eigenschaften der Freiwilligen und ihres Netzwerks auf die Motive und freiwillige Arbeit in verschiedenen Organisationen sowie ökonomische Theorien zur Erklärung des Einflusses von Anreizen der Organisationen auf die Motive freiwilliger Arbeit verwendet. Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden.

Es zeigte sich, dass die freigemeinnützigen Einrichtungsträger der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland mit ihren mehr als 100.000 Einrichtungen sowie über 1,6 Millionen Beschäftigten und geschätzten 3,0 Millionen Freiwilligen vielfältige Dienstleistungen im u.a. Gesundheits- und sozialen Bereich, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Altenhilfe und Hilfe für Menschen mit Handicap erbringen, die vor allem durch Steuern und Entgelte finanziert sind (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2012). Während die Leitungspersonen der christlichen Vereine betonen, ihr Handeln an der Kirche und der Bibel auszurichten und die Würde des Menschen schützen zu wollen, fühlen sich die solidarischen Vereine freiheitlich-demokratischen Werten und einem würdevollen Umgang mit allen Menschen verpflichtet (Friedrichs und Klöckner 2011).

Die analysierten religiösen türkisch-islamischen Vereine in Deutschland haben nach Schätzungen zusammen mehr als 470.500 Mitglieder (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst (REMID) 2012). Zwar gibt es keine verlässlichen Zahlen zu freiwilligen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern, doch zeigte sich auch für die türkisch-islamischen Vereine ein vielfältiges Betätigungsfeld zwischen Alten- und Jugendhilfe, Moscheebau, Rückführungen von Toten in ihr Heimatland, der Organisation von Pilgerreisen, Angebote von Koran- und Integrationskursen u.v.m., in welchem sie mit unbezahlten Kräften arbeiten. Zu ihren wichtigsten Zielen gehört die Bereitstellung religiöser Dienstleistungen für ihre Mitglieder und deren Unterstützung bei der Integration in und Partizipation an der deutschen Gesellschaft. Darüber hinaus engagieren sich die Vereine politisch für die Rechte ihrer Mitglieder, aber auch die Anerkennung als Religionsgemeinschaften und für die Aufnahme ihrer religiösen Lehre an Schulen und Universitäten. Die Finanzierung der Vereine unterscheidet sich grundlegend von den Vereinen der Freien Wohlfahrtspflege: größtenteils finanzieren sich die türkisch-islamischen Vereine aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen, selbständig erwirtschafteten Mitteln aus z.B. Lebensmittelgeschäften und Reisebüros und zu geringen Anteilen aus Projektmitteln des Bundes.

Die türkisch-islamischen Vereine sind aufgrund ihrer eigenständigen Finanzierung in besonderem Maße auf freiwillige Mitarbeiter angewiesen. Sie haben weiterhin nicht die Möglichkeit, z.B. auf Bundesfreiwilligendienstleistende zurückzugreifen. Deshalb müssen die Vereine zum einen mehr Arbeit durch Freiwillige erbringen lassen und zum anderen Mitglieder, die für sie arbeiten können, an ihre Organisation binden. Die Unterschiede der Wohlfahrtsverbände und Migrantenvereine auf Verbandsebene spiegeln sich in den Daten der vorliegenden Studie wider. Nur wenige Befragte der türkisch-islamischen Vereine sind hauptamtlich angestellt oder erhalten eine Aufwandsentschädigung für ihr freiwilliges Engagement. Gleichzeitig sind die Zahl der Engagementbereiche und der Stundenaufwand ihrer Freiwilligen pro Woche deutlich höher als jene der Freiwilligen der Freien Wohlfahrtspflege.

Die Betätigungsfelder der Freiwilligen der untersuchten Vereine der Freien Wohlfahrtspflege umfassen vor allem den sozialen und Gesundheitsbereich sowie Freizeit und Geselligkeit, Schulen und Kindergärten. Die Freiwilligen christlicher Vereine betätigen sich darüber hinaus häufig im religiösen Bereich. Die wichtigsten Betätigungsfelder der Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine sind ebenfalls der religiöse Bereich, aber auch die außerschulische Jugendarbeit, Freizeit und Geselligkeit. Die religiösen Dienstleistungen bieten sowohl für die christlichen als auch die türkisch-islamischen Vereine eine gute Möglichkeit, Freiwillige zu rekrutieren. Über die religiösen Angebote werden zum einen Wertvorstellungen vermittelt, zum anderen Gläubige zum Engagement in der Gemeinde gebracht (Wuthnow 1991, S. 121 ff.).

Dienstleistungen, die entgeltfinanziert sind, sind in den türkisch-islamischen Vereinen bisher unterrepräsentiert, z.B. Gesundheitsdienstleistungen, der Betrieb von Kindergärten und Altenheimen. Die Bemühungen, als Körperschaften öf-fentlichen Rechts und Religions-gemeinschaften anerkannt zu werden, waren vor allem für die sunnitischen Vereine bisher aussichtslos, was nicht zuletzt an Richtlinien liegt, die sich an christlichen Religions-gemeinschaften und dem deutschen Vereinswesen orientieren (z.B. Aufnahmeriten wie Taufen oder Mitgliedererfassung). Als Körperschaften würden sich jedoch viele weitere Möglichkeiten für die Vereine ergeben, sich an sozialen Dienstleistungen zu beteiligen, die bisher fast ausschließlich durch die Wohlfahrtsverbände abgedeckt werden oder auf die säkulare Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet sind. Es könnten z.B. Dienstleistungen speziell für die muslimische Zielgruppe angeboten werden, was sich noch immer für viele Wohlfahrtsverbände schwierig gestaltet. Im Gesundheitsbereich wäre dies z.B. aufgrund sich unterscheidender religiöser Vorschriften (z.B. Speisevorschriften oder Pflichtgebete), die nur unter großem Schulungsaufwand an nicht-muslimische Mitarbeiter vermittelt werden können, wünschenswert.

Die Zielgruppen unterscheiden sich ebenfalls zwischen den Vereinen: Ältere, arme und kranke Menschen sowie Kinder- und Jugendliche sind die meistgenannten Zielgruppen der Freiwilligen der Wohlfahrtsverbände. Die wichtigsten Zielgruppen der Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine sind Kinder und Jugendliche, Familien und Frauen. Kranke und Ältere werden seltener als Zielgruppen genannt, weil diese häufiger durch entgeltfinanzierte Dienste der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege versorgt werden (müssen). Der Grund dafür, dass Kinder und Jugendliche besonders häufig im Fokus der Tätigkeiten stehen, ist nicht zuletzt, dass über (Freizeit-)Angebote für Kinder und Jugendliche bereits früh eine Bindung an die Vereine erfolgt, was später in der dringend benötigten freiwilligen Arbeit münden kann. Aber für die zweckorientierten Vereine ist durch die Einbindung junger Menschen auch die Weitergabe kultureller und religiöser Traditionen sichergestellt. Darüber hinaus ist der Etat der Wohlfahrtsverbände für Kinder- und Jugendarbeit deutlich höher als für Randgruppen wie z.B. Obdachlose oder Drogenabhängige (Friedrichs und Klöckner 25.02.09, 21.04.09a).

Die „Frauenarbeit“ spielt in den sunnitischen Vereinen weiterhin eine besondere Rolle, weil muslimische Frauen zum einen seltener in die Moschee kommen, um ihr Freitagsgebet zu verrichten. Die Bindung an die Gemeinde muss daher durch zusätzliche Angebote erfolgen. Außerdem kommen im Rahmen der Familienzusammenführung immer wieder Frauen aus der Türkei nach Deutschland, für die spezielle Angebote gemacht warden[3], die z.B. den Sprachkenntnissen angepasst sind oder Hilfestellungen zur Integration liefern. Zum anderen ist das Frauenbild der religiösen sunnitischen Vereine immer wieder ein Reibungspunkt mit der Mehrheitsgesellschaft, der Politik und den Medien, wie z.B. die „Kopftuchdebatte“ der letzten Jahre gezeigt hat (Bundeszentrale für politische Bildung 2014). Durch die Frauenarbeit versuchen die sunnitischen Vereine zum einen, ihre weiblichen Mitglieder zu unterstützen und sie an die Organisation zu binden, aber zum anderen auch nach außen darzustellen, dass „Frauen am gesellschaftlichen Leben gestalterisch teilnehmen“ sollen und die Vereine ihre „aktive Beteiligung (…) ermöglichen“ (DiTiB 2014).

Die Inhalte der Tätigkeiten türkisch-islamischer Vereine richten sich vornehmlich auf das Organisieren von Treffen und Veranstaltungen, auf Öffentlichkeitsarbeit und Hilfsprojekte für das Ausland, während für die Wohlfahrtsverbände neben der Organisation von Treffen und Veranstaltungen, u.a. persönliche Hilfeleistung und Beratung im Vordergrund stehen. Die Öffentlichkeitsarbeit und das damit transportierte Image ist für alle Vereine wichtig. Für die Vereine außerhalb der Freien Wohlfahrtspflege ist es jedoch von besonderer Bedeutung, da sie in höherem Maße von einem erfolgreichen Einwerben von Spenden und dem Engagement freiwilliger Helfer abhängig sind. Für solidarische Vereine ist das transportierte Image durch ihre Öffentlichkeitsarbeit von besonderer Bedeutung, da ihnen die erkennbare Wertebasis der Religion fehlt (Clark und Wilson 1961, S. 142; Nadai 1999, S. 71). Sie müssen ihre Werte und Leitsätze durch Marketing verdeutlichen, um Freiwillige und finanzielle Ressourcen zu akquirieren.

Ferner zeigten die Daten der vorliegenden Studie hinsichtlich der Soziodemographie Unterschiede zwischen den Freiwilligen der Verbände. Die Freiwilligen solidarischer Einrichtungen zählen zu den älteren Personen, die häufiger konfessionslos sind, haben keinen Migrationshintergrund und sind entweder erwerbstätig oder bereits in Rente sind. Freiwillige zweckorientiert christlicher Einrichtungen zählen ebenfalls zu den älteren Personen, sind noch häufiger pensioniert oder verrentet als Freiwillige solidarischer Vereine, haben selten einen Migrationshintergrund und gehören den christlichen Kirchen an. Freiwillige zweckorientiert türkisch-islamischer Vereine gehören zu den jüngeren Personen, sind häufiger verheiratet, haben Kinder und sind erwerbstätig. Fast alle haben einen türkischen Migrationshintergrund und gehören islamischen oder aleviti- schen Glaubensgemeinschaften an. Vor allem das niedrigere Durchschnittsalter der Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine spricht für den bereits bei u.a. Halm und Sauer (2007, S. 10) und Schiffauer (2004, S. 92) beschriebenen Generationswechsel in der Führungsebene, aber auch bei den freiwilligen Mitarbeitern der Vereine (vgl. Kapitel 4.3). Freiwillige mit stark ausgeprägtem Humankapital sind für die türkisch-islamischen Vereine eine besonders wertvolle Ressource. Zum einen sind die Vereine weniger finanzkräftig als die Wohlfahrtsverbände und können so in geringerem Ausmaß gut ausgebildete Fachkräfte für ihre Bedürfnisse einstellen. Zum anderen haben die Migranten der ersten Generation niedrige Schulabschlüsse, verfügen über weniger finanzielle Mittel und haben im Durchschnitt schlechtere Sprachkenntnisse als Personen ohne Migrationshintergrund (Baumert et al. 2002; Haug 2008; Statistisches Bundesamt 2010b, S. 164). Die jungen Freiwilligen der zweiten und dritten Migrantengeneration sind besser gebildet und haben oft bessere Deutschkenntnisse als ihre Eltern und stellen damit eine wertvolle Ressource für die Vereine dar (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) 2014, S. 160). Sie werden daher von den türkisch-islamischen Vereinen in stärkerem Maße für ihre Zwecke rekrutiert und eingesetzt.

Die hohen Anteile von älteren Freiwilligen und geringen Anteile von jüngeren Freiwilligen der übrigen Vereine lassen sich auch in den Daten des Freiwilligensurveys finden (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. 29, 32). Begründet wird dies mit einem starken Rückgang des freiwilligen Engagements von Studierenden, die aufgrund der Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge in kürzerer Zeit mehr Stoff zu bewältigen haben und auch von jungen erwerbstätigen Personen, die ebenfalls beruflich stark eingebunden sind (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. 29). Der Anstieg von freiwilliger Arbeit älterer Personen wird mit einem besseren Gesundheitsstatus als Folge der verbesserten medizinischen Versorgung begründet, der mit dem Wunsch Älterer einhergeht, sich auch weiterhin aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen (u.a. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. 32 f.; Hank und Erlinghagen 2008, S. 10; Munz et al. 2008, S. 16; Statistisches Bundesamt 2011, S. 69 f.; Wahrendorf und Siegrist 2008, S. 69).

Der höhere Anteil der Verheirateten mit Kindern unter den Freiwilligen der türkisch-islamischen Vereine ist dem durchschnittlich niedrigeren Heiratsalter und durchschnittlich mehr Kindern türkischer Migranten in Deutschland verbunden (Schroedter 2013, S. 205; Hurrelmann 2008, S. 223). Zudem lassen sie sich seltener scheiden, weil dies mit erheblichen Sanktionen ihrer sozialen Netzwerke verbunden ist (Gründler 2012, S. 128, 198; Nauck et al. 1997). Daher ist unter Freiwilligen der türkisch-islamischen Vereine der Haushaltsstatus weniger heterogen als unter Freiwilligen der Wohlfahrtsverbände.

Geringere Anteile an Personen mit Migrationshintergrund der Vereine der Freien Wohlfahrtspflege können mit dem durchschnittlich niedrigeren sozioökonomischen Status von Migranten begründet werden, der diese weniger attraktiv für die Vereine macht. Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status haben häufiger niedrige Schulabschlüsse, was mit der Einschätzung einhergeht, dass sie den Anforderungen der freiwilligen Arbeit weniger gut gewachsen sind als Personen mit höheren Schulabschlüssen (Wilson und Musick 1997, S. 695; Winkler 1988, S. 100). Vor allem anglo-amerikanische Untersuchung führen diese Tatsache als Hauptgrund für geringere Beteiligungsquoten von Migranten an (Berger 2006, S. 125 f.; 2007, S. 15; Carabain und Bekkers 2011, S. 4; Handy und Greenspan 2009; Sundeen et al. 2009). Allerdings können selbst die großen Ehrenamtsstudien in Deutschland, wie der Engagementatlas und das Freiwilligensurvey, nur vermuten, dass dies ein Grund für die niedrigeren Beteiligungen der Migranten ist, da keine Untersuchung vorliegt, die Migranten, oder auch nur türkische Migranten, repräsentativ abbildet. Zwar sind z.B. im Rahmen des Freiwilligensurveys Zusatzbefragungen mit türkischen Migranten durchgeführt worden, doch ausschließlich in deutscher Sprache, so dass nur ein Teil der Bevölkerungsgruppe mit guten Deutschkenntnissen befragt wurde (Gensicke und Geiss 2011, S. 23). Auch der Fragebogen der vorliegenden Studie ist allein auf Deutsch zu den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege gegeben worden. Freiwillige mit schlechteren Deutschkenntnissen dürften daher unter den Befragten fehlen.

Weiterhin scheint die Engagementform bei türkischen Migranten häufiger informell zu sein, was in der vorliegenden Analyse wie in vielen anderen Studien keine Berücksichtigung gefunden hat (Halm und Sauer 2007, S. 50, 64, 131). Andere Studien zeigten, dass Personen, die „östlichen Religionsgemeinschaften“ angehören, zu denen Migranten häufiger als Personen der Mehrheitsgesellschaft gehören, stärkere Barrieren haben, sich zu engagieren (Berger 2006, S. 125 f.). Die Barrieren äußern sich darin, dass sie angeben, weniger oft gefragt zu werden, ob sie sich freiwillig engagieren wollen, und auch nicht zu wissen, wo sie sich engagieren könnten.

Ferner kann das kulturelle Kapital, das Migranten in Form von Fremdsprachen, Wissen über die Traditionen ihrer Herkunftskultur oder auch Religion u.v.m. besitzen, in den Wohlfahrtsvereinen nicht in derselben Weise eingesetzt werden wie es in den Migrantenvereinen genutzt werden kann. Zum einen setzt sich das Klientel der Wohlfahrtsvereine im Gegensatz zu Migrantenvereinen, die auf ihre eigene Gruppe spezialisiert sind, aus mehr als einer ethnischen oder religiösen Gruppe zusammen. Daher müssten die Migranten, um in Wohlfahrtsverbänden tätig sein zu können, zu ihrem kulturellen Kapital des Herkunftslands zusätzlich über kulturelles Kapital der Mehrheitsgesellschaft verfügen, was z.B. deutsche Sprachkenntnisse einschließt. Ist dies nicht vorhanden, erübrigt sich in vielen Fällen die Möglichkeit, sich in Wohlfahrtsvereinen zu engagieren. Freiwillige mit weniger guten Deutschkenntnissen haben es deshalb leichter, sich in Vereinen zu engagieren, die sich auf ihre Herkunftskultur richten. Zum anderen ist anzunehmen, dass bei den Rekrutierungsstrategien von Freiwilligen ähnliche Maßstäbe angesetzt werden wie auf dem Arbeitsmarkt (Wilson und Musick 1997, S. 695). Das bedeutet, dass vor allem die christlichen Vereine Wert darauf legen, dass nicht nur ihre hauptamtlichen Mitarbeiter derselben Religion angehören, zu der sich der Verein verpflichtet fühlt. Zumindest aber schränkt eine andere als die christliche Religionszugehörigkeit Tätigkeiten für verkündigungsnahe soziale Dienstleistungen ein, da die Aufgaben im Sinne der Kirche erbracht werden sollen.

Die sich anschließenden zentralen Fragen der vorliegenden Arbeit richteten sich zum einen auf die Motive der freiwilligen Mitarbeiter der Freien Wohlfahrtspflege solidarischer und zweckorientiert christlicher Organisationen und zum anderen auf die Motive Freiwilliger der zweckorientiert türkischislamischen Organisationen. Dabei wurde angenommen, dass Freiwillige Arbeit nicht nur aufgrund von bestimmten Motiven gleistet wird, sondern auch aufgrund adäquater Angebote und mit Unterstützung durch die Organisationen, die ihrerseits die Motive beeinflussen (Gazley 2012, S. 1246; Wilson 2000). Mit der ökonomischen Theorie zur Erklärung menschlichen Handelns von Becker (1982), Beispielen von Wilson und Musick (2000, S. 143 ff.) zum Nutzen freiwilliger Arbeit sowie weiteren Überlegungen zur Erstellung von Kollektivgütern wurde der Grundgedanke der vorliegenden Arbeit, dass die Motive entlang von Nutzenerwartungen zur freiwilligen Arbeit in bestimmten Organisationen führen, dargestellt (Olson 1968; Smith 1981). Die Motive wurden offen erhoben und zunächst durch eine Clusteranalyse in vier Motivbündel zusammengefasst.

Das pseudo-altruistische Cluster besteht aus Freiwilligen, die angegeben haben, dadurch motiviert zu sein, anderen Menschen helfen zu wollen. Die Arbeit wird als besonders wichtig empfunden und es wird wahrgenommen, dass die Zielgruppe und/ oder die Organisation Hilfe braucht. Es handelt sich um Arbeit für Personen, die schwer erkrankt oder Diskriminierung ausgesetzt sind. Die Themenfelder, für die sich die Freiwilligen einsetzen, sind zum Teil heikel oder sogar Tabuthemen, wie z.B. Geschlechtskrankheiten. Manche sehen in ihrer Arbeit einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft. Werte der sozialen Verantwortung finden auch Wilhelm und Bekkers (2010, S. 17) und bezeichnen sie als „principle of care”, dass das Verantwortungsgefühl beschreibt, Bedürftigen helfen zu müssen. Rein empathische Motive wirken laut der Autoren nur indirekt über die Norm sozialer Verantwortung auf freiwillige Arbeit.

Einige Freiwillige des pseudo-altruistischen Clusters möchten etwas zurückgeben, weil sie selbst Hilfe erfahren haben, oder weil sie ihre eigene Lebenssituation für privilegiert halten. Sie identifizieren sich mit der Organisation oder mit der Zielgruppe, der ihre Hilfe zuteilwird. Die Verbindung dieser beiden Motive spricht zum einen dafür, dass die Personen selbst einmal Hilfe benötigten, oder dass sie sich im Rahmen ihrer Tätigkeit für nahestehende Personen einsetzen, z.B. Eltern im Kindergarten ihrer Kinder. Auch der Organisation, für die sie arbeiten, stehen sie entsprechend nahe und sind z.B. selbst Mitglied im Verein. Zum anderen sind die Freiwilligen aufgrund ihrer Lebensbedingungen und ihrem sozialen Status in der Lage zu helfen und zeigen durch ihr Engagement ihre Dankbarkeit dafür. Sie freuen sich über das Lob und die Anerkennung, die sie erhalten. Das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun oder anderen zu helfen vermittelt den Freiwilligen ein Gefühl von Wohlbehagen und Zufriedenheit. Es macht die Freiwilligen stolz auf sich selbst im Sinne Andreonis (1989, S. 1449) „warm glow“.

Das sozial-religiöse Cluster dagegen besteht aus Freiwilligen, die sich aufgrund ihrer religiösen Überzeugung engagieren und denen es wichtig ist, soziale Kontakte durch ihre Tätigkeit zu knüpfen. Weithin ist ihnen sehr wichtig, Erfahrungen zu sammeln und sich weiterzubilden. Gleichzeitig empfinden sie ihre Tätigkeit als Ausgleich und Erfüllung, bei der sie sich verwirklichen können. Viele der Freiwilligen bewerten, wie auch beim pseudo-altruistischen Cluster, ihre eigene Lebenssituation als positiv und möchten ihre Dankbarkeit dafür durch die freiwillige Arbeit ausdrücken. Dabei möchten sie etwas für die Gesellschaft leisten, für die sie sich als Bürger verantwortlich fühlen.

Die religiösen Motive setzen sich daraus zusammen, gottgefällig handeln zu wollen, es als Pflicht eines Gläubigen zu empfinden, sich für Notleidende einzusetzen und von Gott dafür anerkannt und belohnt zu werden. Hier finden sich die von Stark und Bainbridge (1987, S. 43) beschriebenen religiösen Kompensatoren wieder, die für religiöse Freiwillige von Bedeutung sind. Die Freiwilligen wollen darüber hinaus durch ihre Arbeit gezielt mit Gleichgesinnten in Kontakt treten, Einsamkeit vermeiden und sich in die Gesellschaft integrieren. Die Kombination aus den wichtigen sozialen Kontakten und den religiösen Motiven wurde bereits implizit in Wuthnows (1991, S. 121 ff.) „Conviction and Community Theory“ aufgenommen: Die religiöse Gemeinschaft dient zum einen als Ort, wo der Glaube gelebt und die religiösen „Pflichten“ verrichtet werden können. Zum anderen dient die religiöse Gemeinschaft als soziales Netzwerk für ihre Mitglie-der, das zusätzlich die Möglichkeit für die Organisationen bietet, Freiwillige zu gewinnen.

Das selbstzentriert-hedonistische Cluster lässt sich durch das Motiv charakterisieren, Spaß an der freiwilligen Arbeit zu haben. Außerdem sind Lebenserfahrung zu sammeln und sich weiterzubilden für die Freiwilligen dieses Clusters besonders wichtig. Die so erworbenen Kompetenzen können wiederum beruflich eingesetzt werden. Das ausgeprägte Interesse an der Tätigkeit ist bei einigen der Freiwilligen jedoch dadurch entstanden, dass sie ihren eigentlichen Berufswunsch nicht verwirklichen konnten oder ihren Beruf nicht mehr ausüben (können). Für andere ist weiterhin die Möglichkeit wichtig, soziale Kontakte zu knüpfen, sich in eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu integrieren und nicht alleine zu sein. Die Tätigkeit gibt den Freiwilligen gleichzeitig einen Sinn im Leben, weil sie die Anerkennung und Dankbarkeit, die sie für ihr Engagement erhalten, stolz macht und als Bestätigung der eigenen Leistung dient. Das selbstzentriert-hedonistische Cluster spiegelt die Form von Engagement wieder, die in einigen Studien als „neues Ehrenamt“ bezeichnet wird (Gleich 2008, S. 141 f.; 1997). Der Fokus der Freiwilligen mit selbstzentriert-hedonistischen Motiven liegt mehr als bei allen anderen auf der eigenen Person.

Das Selbstwert- und Kompensationscluster erinnert an die Ergebnisse der Untersuchungen von u.a. Baines und Hardill (2008, S. 313), Kühnlein und Böhle (2002), Nadai (1999), Steinfort (2010, S. 214) oder auch der Enquete Kommission (2002a). In diesen Studien wurde herausgefunden, dass freiwillige Arbeit für Personen, die z.B. aufgrund von persönlichen Problemen, Erkrankungen oder ihres fortgeschrittenen Alters Schwierigkeiten hatten, einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachzugehen, eine kompensatorische und selbstverortende Funktion einnahm und als Ersatz für eine Arbeitsstelle und damit verbundene Anerkennung und Beschäftigung diente. Auch in der vorliegenden Analyse zeichnete sich das Selbstwert- und Kompensationscluster vor allem dadurch aus, dass die Freiwilligen ihren Tag und ihre Zeit strukturieren wollen, weil sie nicht oder nicht mehr berufstätig sind. Zudem dient die freiwillige Arbeit dazu, die beruflichen Kompetenzen weiterhin zu nutzen und weitergeben zu können. Dadurch erfahren die Freiwilligen Lob, Anerkennung und Zuwendung, die sie ohne diese Tätigkeiten nach der Verrentung bzw. ohne Arbeitsstelle sonst nicht mehr erhalten würden. Entsprechend sind die Freiwilligen mit Selbstwert- und Kompensationsmotiven sehr interessiert an der Arbeit und haben häufig eine hohe Kompetenz und langjährige Erfahrung in dem Bereich, in dem sie freiwillig arbeiten. Theorien wie z.B. der Disengagement-Ansatz, der davon ausgeht, dass das Älterwerden mit einem gewünschten sozialen Rückzug Älterer einhergeht, scheint zumindest den Freiwilligen diesen Motivclusters entgegenzustehen (Cumming und Henry 1961, S. 14 f.; Prahl und Schroeter 1996, S. 279).

Die multivariaten Analysen zur Prüfung der Hypothese H1 bis H4 zeigten, dass die Freiwilligen in unterschiedlichen Organisationen zwar teilweise unterschiedlichen Motivclustern angehören, doch konnten nicht alle Hypothesen verifiziert werden. Der Unterschied der solidarischen und zweckorientierten Organisationen nach Clark und Wilson (1961) liegt vor allem darin, dass u.a. die ideologischen Grundsätze und die religiösen Wertebasen selbst die Anreize der zweckorientierten Organisationen darstellen. Dies spiegelte sich in der vorliegenden Analyse darin wider, dass die deutlichsten Unterschiede zwischen den Motiven Freiwilliger solidarischer und zweckorientierter Organisationen tatsächlich die sozial-religiösen Motive sind. Freiwillige, die sich aus religiösen Gründen engagieren, tun dies ebenso in religiösen Vereinen. Die Konfessionszugehörigkeit allein kann nicht als Grund für die freiwillige Arbeit in zweckorientierten Vereinen gewertet werden, selbst wenn diese starke Effekte auf die Organisationszugehörigkeit hat. Unter Kontrolle der Konfessionszugehörigkeit spielen zumindest in den Wohlfahrtsvereinen religiöse Motive eine entscheidende Rolle, ob sich in zweckorientierten oder solidarischen Vereinen betätigt wird. Die Antworten der Befragten auf die offenen Fragen zu den Motiven konnten eindrucksvoll belegen, wie vielfältig, deutlich und differenziert religiöse Motive von den Freiwilligen genannt werden. Zitate wie „(…) Gott [hat] gesagt, dass dies mein Platz ist und mich berufen“ (Befragter-ID 542, Freiwilliger im Bereich Kultur, Religion und sozialer Bereich), „der Prophet sagte (…) einst: Menschen sind wichtig, den Menschen muss geholfen werden“ (Befragter-ID 873, Freiwilliger u.a. im Bereich Schule und Kindergarten und Religion), „Mein ev.-luth. Glaube umfasst den Anspruch, etwas für andere zu tun und seine Fähigkeiten so gut wie möglich einzusetzen“ (Befragter-ID 168, Freiwilliger im Kirchenvorstand) und „ich diene Gott und anderen Menschen“ (Befragter-ID 546, Freiwilliger u.a. in der Jugendhilfe und religiösen Bereich) konnten zeigen, dass das Merkmal der Konfessionszugehörigkeit allein wie es insbesondere in der deutschsprachigen Literatur verwendet wird, den vorliegenden Befund nicht gerecht werden kann (Stark und Bainbridge 1987).

Dagegen arbeiten Freiwillige mit Selbstwert- und Kompensationsmotiven häufiger in den solidarischen Vereinen. Clark und Wilson (1961, S. 142) und Nadai (1999, S. 71) weisen darauf hin, dass prestigeträchtige oder interessante Aktivitäten die Chance für die Freiwilligen erhöhen, etwas dazu zu lernen und Anerkennung für die Arbeit zu erhalten. Da solidarische Einrichtungen keine Wertebasis wie zweckorientierte Organisationen haben, die ihr Image prägen oder religiöse Kompensatoren als Anreize bieten können, verwenden diese erhebliche Ressourcen darauf, attraktive Engagementmöglichkeiten zu bieten und die Anerkennung ihrer Freiwilligen zu gewährleisten. Für Freiwillige, die Selbstwert- und Kompensationsmotive haben, ist das Engagement in solidarischen Vereinen deshalb besonders attraktiv, weil sie genau nach diesen Anreizen streben: Lob, Anerkennung und Zuwendung und interessante Tätigkeiten, die sie nie oder nicht mehr beruflich ausüben können. Pseudo-altruistische Motive und selbstzentriert-hedonistische Motive dagegen finden sich in allen Organisationsformen.

Ein unerwarteter Befund ist, dass weder signifikante kulturelle Motive unter Freiwilligen in türkisch-islamischen Vereinen noch unterschiedliche Motive in den beiden zweck-orientierten Organisationsformen gefunden wurden. Dies ist vor allem erstaunlich, weil die Leitungspersonen der türkisch-islamischen Verbände, mit denen im Rahmen des Projekts FACIT Experteninterviews geführt wurden, sehr deutlich kulturelle Ziele formulierten (Friedrichs und Klöckner 2009). Außerdem widersprechen die Befunde der vorliegenden Arbeit anderen Studien zu Motiven freiwilliger Arbeit von Migranten (z.B. Berger 2006; Carabain und Bekkers 2011; Handy und Greenspan 2009). Wie bereits beschrieben, lässt sich die Frage, ob die kulturellen Motive nicht vorhanden sind oder nicht genannt werden, weil sie selbstverständlich sind, nicht klären. Jedoch spiegelt vermutlich allein die Tatsache, in einem zweckorientiert türkischislamischen Verein freiwillig tätig zu sein, der sich auf die ethnische und religiöse Gruppe bezieht, die Nähe zur eigenen oder familiären Herkunftskultur wider. Auch die religiösen Motive der Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine beziehen sich auf den Islam oder das Alevitentum, was ihrerseits die Bewahrung der religiösen Kultur beinhaltet. Und auch wenn sich für soziale Dienstleistungen engagiert wird, die sich auf die Kultur beziehen oder Migranten als Zielgruppe haben, was in den türkisch-islamischen Vereinen mehr als doppelt so oft genannt wird wie in den anderen Vereinen, kann davon ausgegangen werden, dass dies mit entsprechenden „kulturellen Motiven“ einhergeht. Dies bleibt jedoch eine Vermutung. Andererseits sind Expertengespräche mit Personen geführt worden, die in der Funktion als Verbandsvertreter die Interessen ihrer Organisationen kommunizieren. Dass individuelle Ziele und Motive von Mitarbeitern von Organisationszielen abweichen, ist wahrscheinlich in allen Organisationen der Fall (Lam 2002, S. 408; Wuthnow 1991, S. 123).

Die fehlenden Unterschiede zu den Motiven Freiwilliger christlicher Vereine können, wie bereits beschrieben, verschiedene Ursachen haben: Zum einen, dass sich zwar die religiösen Inhalte und Traditionen unterscheiden, aber nicht die Mechanismen, wie sich sozial-religiöse Motive auswirken und entstehen (Cnaan und Curtis 2013, S. 12). Zum anderen könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass die vermeintliche „Parallelgesellschaft“ unter türkisch-islamischen Organisatio-nen nicht, wie vielfach befürchtet, häufiger auftritt als unter anderen Organisationen (Halm und Sauer 2007; Schiffauer 2004). Leider kann diese Frage in der vorliegenden Arbeit nicht abschließend geklärt werden.

Freiwillige Arbeit ist kein singulär zu begründendes Phänomen, das durch einen einzigen Prädiktor zu erklären ist. Vielmehr ist es ein Verhalten, dass durch persönliche Eigenschaften und Motive, soziale, familiäre und politische Umstände, aber ebenso Eigenschaften der Organisationen beeinflusst wird (Gazley 2012,

S. 1246; Hustinx et al. 2010). Das Erklärungsmodell freiwilliger Arbeit von Wilson und Musick (1997, S. 705) wurde in der vorliegenden Arbeit zur Erläuterung der Motive freiwilliger Arbeit herangezogen. Es zeigte sich, dass die verschiedenen Kapitalsorten einen Einfluss auf die verschiedenen Motivcluster nehmen. Kulturelles Kapital in Form von Religionszugehörigkeit beeinflusst pseudo-altruistische Motive. Pseudo-altruistische Motive kommen bei Konfessionslosen und Christen häufiger vor, als unter Muslimen und Aleviten. Eine Erklärung für diesen Befund könnte im beschrieben Unterschied der Zielgruppen der Hilfe von Gläubigen christlicher und islamischer Religionsgemeinschaften liegen. Während das Christentum den Fokus der Nächstenliebe und Hilfe auf Fremde legt, beinhaltet Zakat im Islam die Hilfe innerhalb der religiösen Gemeinde (Carabain und Bekkers 2011, S. 7; Wehr und Kropfitsch 1998, S. 704). Dies spiegelt sich sowohl im Selbsthilfecharakter der türkisch-islamischen Vereine wider, der in einigen Studien beschrieben wird, als auch in den Zielen, die die Verbandsvertreter der Vereine beschreiben (Friedrichs und Klöckner 2009; Halm und Sauer 2006, S. 21).

Weiterhin tendieren ältere Personen und solche mit niedrigeren Schulabschlüssen häufiger zu pseudo-altruistischen Motiven als Personen mit höheren Schulabschlüssen. Dies ist sicherlich der Sozialstruktur der Freiwilligen der unterschiedlichen Organisationen geschuldet. Auf den Generationswechsel in den türkisch-islamischen Vereinen wurde bereits mehrfach verwiesen (Kapitel 4.3). Zudem repräsentiert das pseudo-altruistische Motivcluster Gründe für freiwillige Arbeit, die in der vorliegenden Literatur zum „klassischen Ehrenamt“ zählen oder mit „Altruismus“ bezeichnet werden (Bierhoff et al. 2007; Gleich 2008; Hoof 2010; Kolland und Oberbauer 2006; Kühnlein und Böhle 2002; Schüll 2004; Wallraff 2010). Auch die Ergebnisse der vorliegenden Literatur zeigen, dass solchen Motiven eher ältere Personen zustimmen, die ihrerseits häufiger niedrigere Bildungsabschlüsse[4] haben (Bierhoff et al. 2007, S. 25;Schüll 2004, S. 220). Ein Grund könnte der vielfach beschriebene Wandel der Motive freiwilliger Arbeit von klassischen zu neuen egozentrierten Motiven sein (Amato 1985; Andeßner 2001, S. 36; Beher et al. 2000, S. 7; Berkowitz und Daniels 1964; Bierhoff et al. 1995; Engel 1994, S. 145; Heckhausen 1989, S. 286; Künemund 2006, S. 117; Küpper und Bierhoff 1999; Maennig und Schulz Hilke 1997; Prognos und AMB Generali 2009; Wilhelm und Bekkers 2010, S. 17 u.v.m.). Es ist davon auszugehen, dass dieser Wandel einem Generationswechsel von Freiwilligen geschuldet ist und nicht alle Freiwilligen ihre Motive verändern.

Sozial-religiöse Motive werden ebenfalls durch kulturelles Kapital beeinflusst. Die islamische und alevitische Religionszugehörigkeit begünstigt diese Motive, während Konfessionslosigkeit und die katholische Religionszugehörigkeit sozial-religiöse Motive eher verhindern. Viele der vorliegenden Studien sprechen von einem starken integrativen Charakter der Migrantenvereine in die ethnische und religiöse Gemeinde, der nicht zuletzt auf den vielfältigen Angeboten der Organisationen beruht (Bekkers und Schuyt 2008, S. 76 f.; Carabain und Bekkers 2011, S. 3; 2006, S. 624; Handy und Greenspan 2009, S. 957; van Tubergen et al. 2005). So besuchen türkisch-muslimische Gläubige ihre Vereine nicht nur, um dort gemeinsam zu beten, sondern auch, um viele weitere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Sie wollen in den Gemeinden zum einen ihren Glauben ausleben und zum anderen mit Gleichgesinnten der eigenen Kultur und Religion in Kontakt treten. Je mehr soziale Dienstleistungen die Gemeindemitglieder in Anspruch nehmen, desto mehr soziale Kontakte ergeben sich zwischen den Gemeindemitgliedern. In den Gemeinden können sie mit ihrem kulturellen Kapital in Austauschprozesse treten, was in anderen Organisationen nicht oder nur in geringerem Maße möglich ist. Die Kombination von religiösen und sozialen Anreizen ist daher für die Freiwilligen türkischislamischer Vereine besonders wichtig, da sich Freiwillige dort engagieren, wo sie sich den größten Nutzen versprechen. Die türkisch-islamischen Vereine nutzen eben diese Doppelfunktion, um Freiwillige zu attrahieren. Zwar arbeiten die Kirchengemeinden der christlichen Religionen ebenfalls eng mit ihren Wohlfahrtsverbänden zusammen, doch ermöglicht die föderalistische Struktur und die Größe der kirchlichen Einrichtungen, dass Angebote unabhängig von den Kirchengemeinden wahrgenommen werden können (Finke et al. 2006, S. 622, 625). Daher ist das sozial-religiöse Motiv nicht in derselben Weise durch christliche Konfessionszugehörigkeit und erst recht nicht durch Konfessionslosigkeit zu erklären.

Obschon die Effekte des religiösen Kapitals unter Berücksichtigung der selektiven Stichprobe betrachtet werden müssen, sollen die Befunde nicht uner-wähnt bleiben. Beten und Moscheebesuchs- und Kirchgangshäufigkeit sowie Religiosität, Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft, selbsteingeschätzte Religiosität und die Skala des Einflusses des Glaubens auf das Alltagsleben begünstigen sozial-religiöse Motive. Die unerwartet etwas geringeren Effekte der Moscheebesuchs- und Kirchgangshäufigkeit wurden damit begründet, dass die bewusste gedankliche Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und Religiosität eher Motive beeinflusst als reines Handeln wie der Kirchen- und Moscheebesuch. Wuthnows (1991, S. 121 ff.) „Conviction“ beeinflusst eher Motive freiwilliger Arbeit, während Wuthnows (1991, S. 121 ff.) „Community” beeinflusst, ob sich überhaupt engagiert wird.

Für selbstzentriert-hedonistische Motive wurde lediglich ein positiver Effekt der Akzeptanzwerte der Konvention gefunden. Freiwillige mit Werten, die sich auf den Lebensstandard und den Status, Macht, Einfluss und Ehrgeiz beziehen, versuchen diese durch ihr Engagement zu verwirklichen. Dies äußert sich klar in ihren Motiven, die sich auf die eigene Weiterentwicklung, Anerkennung und den Stolz auf die eigene Leistung beziehen. Insgesamt scheinen jedoch die in der vorliegenden Analyse abgefragten Werte nach Klages und Gensicke (1999, S. 144; Gensicke 1999, S. 33) nicht ausreichend zu sein, um belastbare Aussagen auf die Auswirkungen von Werteinstellungen auf die Motive freiwilliger Arbeit treffen zu können. Nur die Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention zeigten einen Effekt auf Motive freiwilliger Arbeit. Pflicht- und Akzeptanzwerte der Disziplin sowie Selbstentfaltungswerte zeigten keine Effekte.

Selbstwert- und Kompensationsmotive werden dagegen durch ein höheres Alter und niedrigeres Humankapital in Form von Einkommen begünstigt. Dieser Befund bestätigt die bereits beschriebene Funktion der freiwilligen Arbeit für Personen mit diesen Motiven. Vor allem für Personen mit geringen Ressourcen und fortgeschrittenem Lebensalter konnten in der vorliegenden Literatur Kompensationsmotive und solche, die sich auf den Selbstwert beziehen, gefunden werden (Baines und Hardill 2008, S. 313; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a; Kühnlein und Böhle 2002; Nadai 1999; Steinfort 2010, S. 214).

Für das Sozialkapital, gemessen durch die Anzahl der Kinder und Freunde insgesamt sowie verschiedene Merkmale der fünf engsten Freunde, konnte kein Einfluss auf Motive freiwilliger Arbeit gefunden werden. Fraglich bleibt, ob tatsächlich kein Einfluss der Freunde auf die Motive besteht, oder ob Freunde vielmehr die Kosten des Engagements reduzieren, ohne dass die Freiwilligen dies als Motiv für ihre Tätigkeit wahrnehmen (Iannaccone 1990, S. 303; Reitsma et al. 2006). Im Rahmen des sozial-religiösen Motivclusters zeigt sich jedenfalls deutlich, dass soziale Beziehungen ein Motiv freiwilliger Arbeit darstellen kön-nen. Daher bleibt zu vermuten, dass die egozentrierte Netzwerkanalyse im Rahmen einer schriftlichen Erhebung zu Schwierigkeiten führt. Nur 450 der 598 Freiwilligen machen Angaben zu ihren Netzwerkpersonen und es werden nur durchschnittlich zu 3,8 Freunden weitere Merkmale angegeben. Weiterhin erscheint die reine Abfrage der Gesamtzahl der Freunde als keine gute Variante, valide Messungen der Gesamtnetzwerkpersonen zu erhalten. Aufgrund der Länge des Fragebogens und der schriftlichen Erhebung der Daten mussten jedoch Abstriche hinsichtlich der Ausführlichkeit gemacht werden, die zu der Entscheidung führten, keine Analyse des Gesamtnetzwerks im Sinne Fischers (1982) vorzunehmen.

Die letzte und abschließende Frage der vorliegenden Arbeit bezog sich auf den Einfluss der Religion und Religiosität auf freiwillige Arbeit. Die Thesen lauteten zum einen, dass sich Personen, die religiös sind, eher freiwillig statt hauptamtlich in den gemeinnützigen Vereinen betätigen, und zum anderen, dass religiöse Freiwillige eher in zweckorientierten Organisationsform arbeiten. Der Teil von Wuthnows (1991, S. 121 ff.) Conviction Community Theory, der sich auf die religiöse Überzeugung von Personen bezieht, konnte für die vorliegende Stichprobe aus hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeitern bestätigt werden: Je religiöser Personen sind, desto eher arbeiten sie freiwillig. Begründet wurde dies mit den religiösen Produkten, die den religiösen Freiwilligen als Belohnung für ihre Tätigkeit dienen (Iannaccone 1990, S. 299; Stark und Bainbridge 1987, S. 43; Wuthnow 1991, S. 125). Dagegen tragen stark ausgeprägte religiöse Merkmale nicht dazu bei, beruflich in gemeinnützigen Vereinen tätig zu sein, was den anreiztheoretischen Überlegungen der vorliegenden Arbeit entspricht (Clark und Wilson 1961, S. 138). Hauptamtliche Mitarbeiter sind deutlich seltener religiös als ihre freiwillig arbeitenden Kollegen. Die Entlohnung der hauptamtlichen Mitarbeiter in gemeinnützigen Organisationen ist ebenso wie in Wirtschaftsunternehmen monetär. In der Regel spielen dort u.a. das Geschlecht, das Alter, die politische Einstellung, die Herkunft sowie der religiöse Hintergrund keine Rolle [5] (Bundesministeriums der Justiz 2009). Zwar ist den zweckorientierten Organisationen erlaubt, Mitarbeiter nach der Religionszugehörigkeit auszuwählen, doch scheint dies nicht notwendigerweise mit der Religiosität der Mitarbeiter einherzugehen. Ausnahmen mögen jedoch in Organisationen wie der z.B. Heilsarmee oder den türkisch-islamischen Vereinen bestehen, die sowohl als religiöse Gemeinden als auch gemeinnützige Vereine tätig sind. Vor allem Mitarbeiter, die gleichzeitig religiöse Ämter innehaben, wie Pfarrer oder Imame, sind sicherlich aus religiösen Gründen hauptamtlich in ihren Organisationen tätig.

Auch der zweite Teil von Wuthnows (1991, S. 121 ff.) Theorie, der Community-Ansatz, der den Gemeinschaftsaspekt der religiösen Gemeinden betont, konnte bestätigt werden. Die Teilnahme an Gottesdiensten sorgt für die Integration in soziale Netzwerke, die ihrerseits die Einhaltung religiöser Pflichten kontrollieren (Wilson und Janoski 1995, S. 139; Wilson und Musick 1997, S. 695). Darüber hinaus zeigte sich, dass häufig in die Kirche gehende Freiwillige sich öfter in zweckorientiert christlichen Vereinen betätigen als in solidarischen Vereinen. Auch dies ist ein Zeichen für die unterschiedlichen Rekrutierungsstrategien solidarischer und zweckorientierter Vereine. Zudem stellt sich die Frage, ob ein Engagement in einem anderen Kontext als im zweckorientierten Verein der eigenen Glaubensgemeinschaft dieselben Belohnungen nach sich ziehen würde wie Engagement innerhalb der Gemeinschaft. Es bleibt eine Vermutung, dass dies nicht in derselben Weise regelkonformes Verhalten abbilden würde.

Ein unerwarteter Befund ist, dass die Häufigkeit des Moscheebesuchs keinen Einfluss auf die freiwillige Tätigkeit in türkisch-islamischen Vereinen hat. Dies liegt zum einen an der geringen Heterogenität dieser Befragungsgruppe, zum anderen an der daraus folgenden geringen Varianz des Merkmals. Es bleibt zu prüfen, ob die Moscheebesuchshäufigkeit für Freiwillige säkularer türkischer Vereine im Vergleich zu zweckorientierten türkischen Vereinen ähnliche Ergebnisse liefern würde wie für die Freiwilligen der säkularen und religiösen Wohlfahrtsverbände.

Wichtig ist jedoch, die Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen in den Kontext der Konfessionen und der Gegebenheiten in Deutschland zu setzen und zu überprüfen, ob sich Effekte der Kirchgangs- und Moscheebesuchshäufigkeit tatsächlich aus z.B. der individuellen Religiosität oder unterschiedlichen Besuchstraditionen von z.B. muslimischen Männern und Frauen ergeben. Aufgrund dieser unterschiedlichen Kontexte konnte das Merkmal für Aleviten nicht verwendet werden, da die geringen Cem-Besuche der Aleviten in Deutschland nicht zwangsläufig mit geringerer Religiosität einhergehen. Vielmehr gibt es wenige alevitische Gemeinden in Deutschland, in denen Cems abgehalten werden können, und nur wenige Dedes, die die Zusammenkünfte leiten können. Somit bilden ähnliche Besuchshäufigkeiten in unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften längst nicht dieselbe Religiosität oder Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft ab. Dies zeigt sich auch an den unerwarteten Befunden, die sich aus der Unterscheidung der beiden zweckorientieren Organisationsformen ergeben haben. Die unterschiedlichen religiösen Kontexte müssen im Community-Ansatz von Wuthnow (1991, S. 121 ff.) berücksichtigt werden, vor allem wenn andere als christliche Glaubensgemeinschaften betrachtet werden.

Weiterhin wurde bestätigt, dass konfessionelle Freiwillige, die häufiger in die Moschee und Kirche gehen, auch häufiger über Personen aus der Gemeinde zu ihrem Engagement gekommen sind (Wuthnow 1991). Doch zeigte eine differenzierte Analyse, dass dieser Befund nur den konfessionellen Freiwilligen zweckorientierter Organisationen, die überdurchschnittlich oft in die Kirche oder Moschee gehen, geschuldet ist. Für Freiwillige solidarischer Einrichtungen, die überdurchschnittlich häufig in Gottesdienste gehen, konnte kein Effekt auf die Ansprache von Personen der Organisationen gefunden werden. Auch dieser Befund legte die Schlussfolgerung nahe, dass solidarische Vereine andere Rekrutierungsstrategien nutzen als zweckorientierte Organisationen. Während die religiösen Zusammenkünfte eine Plattform dafür bieten, die Besucher in die Aktivitäten der Gemeinde einzubinden, müssen solidarische Vereine Freiwillige z.B. über Werbemaßnahmen, Öffentlichkeitsarbeit und letztlich interessante Engagementmöglichkeiten attrahieren (Clark und Wilson 1961, S. 142; Nadai 1999, S. 71). Auch dies bestätigte die Annahmen der vorgestellten Literatur (ebd.).

Den Netzwerkpersonen derselben Religionszugehörigkeit konnte jedoch im Gegensatz zu den Thesen der vorliegenden Literatur zunächst kein Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, freiwillig zu arbeiten nachgewiesen werden (Bourdieu 1983, S. 192; Gaskin et al. 1996, S. 107; Iannaccone 1990; Park und Smith 2000,

S. 276; Reitsma et al. 2006; Stadelmann-Steffen 2010, S. 51; Wilson und Janoski 1995, S. 138; Wuthnow 1999, S. 334). Als Grund wurden die anhaltenden Säkularisierungsprozesse angeführt, die vor allem die christlichen Religionsgemeinschaften treffen und konfessionelle Unterschiede zwischen Freunden zunehmend irrelevant werden lassen (Lam 2002, S. 408; Wuthnow 1991, S. 123).

Stattdessen zeigte der Anteil der Freunde, die in demselben Verein freiwillig arbeiten, einen Effekt auf freiwillige Arbeit, jedoch ausschließlich unter konfessionslosen Befragten. Die Schlussfolgerung dieses unerwarteten Befunds lautete, dass die Institutionalisierungsarbeit von konfessionslosen Freiwilligen in derselben Weise wirkt wie unter konfessionellen Freiwilligen: Auch unter Freiwilligen solidarischer Vereine muss eine Investition in die Gruppe erfolgen, damit die sozialen Beziehungen von Dauer sein können und den Zugang zu Profiten ermöglichen (Bourdieu 1983, S. 192). Diese Institutionalisierungsarbeit, sich freiwillig in der Gemeinschaft zu engagieren, kostet Ressourcen und verpflichtet die Personen, sich für verlässliche Austauschbeziehungen einzusetzen. Werden die Kosten für Güter geteilt, indem gemeinsam z.B. freiwillig gearbeitet wird, erhöht sich der Nutzen der sozialen Beziehungen und ermöglicht erst die Austauschbeziehungen.

Weiterhin sind Freiwillige häufiger in zweckorientierten türkisch-islamischen Vereinen tätig, wenn der Anteil der Freunde mit derselben Konfession steigt. Befunde aus der Netzwerkforschung belegen, dass die türkischen Migranten in Deutschland insgesamt kleinere Netzwerke haben, die häufiger aus „bonding capital“ – also Verwandtschaftsbeziehungen und intraethnischen Kontakten[6] – bestehen (Blasius et al. 2008, S. 96; Gestring et al. 2006, S. 53; Granovetter 1973, S. 1362; Janßen und Polat 2006, S. 52 f.). Interessant wäre daher, eine Vergleichsgruppe aus Freiwilligen solidarischer türkischer Vereine zu betrachten. Ob die sozialen Beziehungen tatsächlich zu Engagement in zweckorientierten Vereinen führen oder in derselben Weise auch für Freiwillige solidarischer türkischer Vereine wirken, bleibt unklar. Es kann jedoch vermutet werden, dass die Netzwerke von türkischen Migranten, die in der Freien Wohlfahrtspflege freiwillig arbeiten, sich von den sozialen Beziehungen türkischer Migranten, die in Migrantenvereinen tätig sind, unterscheiden. Die Vereine bieten eine Opportunitätsstruktur sozialer Beziehungen. Da Migrantenvereine einen Selbsthilfecharakter haben und sich eher um die eigene Gruppe kümmern, ist die Möglichkeit „bridging capital” zu gewinnen außerhalb von Migrantenvereinen größer. Daher ist davon auszugehen, dass die Netzwerke von Migranten, die außerhalb von intraethnischen Vereinen freiwillig arbeiten, häufiger aus Personen der Mehrheitsgesellschaft bestehen und sich aus „bridging capital” zusammensetzen.

Entscheidend ist, dass der Anteil konfessionsloser Freunde nicht dazu führt, dass sich Konfessionslose in solidarischen Vereinen engagieren. Ob der negative Effekt geteilter Konfessionslosigkeit jedoch sinnvoll zu interpretieren ist, ist fraglich. Vielmehr scheint sich erneut zu bestätigen, dass die religiösen Werte der zweckorientierten Organisationen auf die Bindung der Freiwilligen an die Organisation, auf die Motive, die Rekrutierungsstrategien und die Tätigkeit wirken, während in solidarischen Vereinen andere Strategien verwendet werden und weitere Bindungsprozesse relevant sind. Dieser wesentliche Unterschied zeigt sich in fast allen vorgestellten Ergebnissen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass freiwillige Arbeit nicht ohne Grund als

Rückgrat“ der Gesellschaft bezeichnet wird. Die vorliegende Arbeit konnte

zeigen, dass den wohlfahrtsstaatlichen und den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, wie die Aussetzung des Zivildiensts und die Veränderung und Vermehrung der Klientel und deren Bedürfnisse, Rechnung getragen werden muss. Freiwillige Mitarbeiter der gemeinnützigen Vereine in Deutschland tragen wesentlich zur Umsetzung der Leitbilder und Ziele dieser Verbände bei und ermöglichen ein „Mehr“, das durch bezahlte Kräfte und regelfinanzierte Dienste allein nicht zu leisten ist. Die Arbeit konnte außerdem zeigen, dass Freiwillige aufgrund verschiedenster Anreize motiviert sind, denen nicht durch einen geschlossenen Fragenkatalog gerecht werden kann. Vielmehr ermöglichte die offene Fragestellung den „Mythos“ des Altruismus zu entkräften und zeigte, dass egozentrierte und selbstlose Motive miteinander einhergehen. Darüber hinaus konnte diese Vorgehensweise neue Erkenntnisse über religiöse Motive liefern, die keineswegs nur durch singuläre Items abgefragt werden können, wie in der bisherigen Forschungsstand weiterhin zumindest implizit angenommen wird. Im Gegenteil sind auch religiöse Motive vielfältig und eng mit sozialen Motiven verbunden. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass Freiwillige sich dort engagieren, wo sie einen Nutzen vermuten, was die Fehlanname des Altruismus weiter entkräftet. Dieser Aspekt ist für die Sicherstellung der freiwilligen Mitarbeiter von besonderer Bedeutung, da nur durch attraktive Angebote das Engagementpotential der Gesellschaft ausgeschöpft werden kann. Vor allem solidarische Organisationen, denen kein „weltanschaulicher Ruf“ vorauseilt, benötigen spezielle Rekrutierungsstrategien, um ausreichend freiwillige Mitarbeiter zu gewinnen. Aber auch zweckorientierte Organisationen sind in hohem Maße auf Freiwillige angewiesen, die sie in einer zunehmend säkulareren Gesellschaft attrahieren müssen.

Einen weiteren Beitrag um die Forschungslücke zur Engagementforschung zu schließen, konnte die vorliegende Arbeit durch die erstmalige systematische Integration von türkisch-islamischen Vereinen und deren Mitarbeiter mit deutschen und türkischen Fragebögen leisten. Zwar wären für zukünftige Erhebungen größere Stichproben und weitere Migrantengruppen und –organisationen wünschenswert, doch zeigte bereits der vorliegende Ausschnitt, dass die religiösen Vereine durchaus miteinander zu vergleichen sind, da der weltanschauliche Hintergrund in ähnlicher Weise auf die Rekrutierung und Motive der Mitarbeiter wirkt. Es konnten keine Hinweise auf parallelgesellschaftliche Tendenzen in den Aussagen der Mitarbeiter der integrierten türkisch-islamischen Vereine gefunden werden. Im Gegenteil streben diese Vereine eine Institutionalisierung und weitere Annäherung an die Wohlfahrtsverbände an, um dem Klientel gerecht zu werden, dem in der Freien Wohlfahrtspflege noch nicht ohne Einschränkungen geholfen werden kann. Für die zukünftige Forschung im Bereich Ehrenamt und freiwillige Arbeit wäre es erstrebenswert, die vorliegenden Erkenntnisse zu nut-zen und in bevorstehende Studien einzubringen. Insbesondere wenn Freiwillige von Organisationen mit verschiedenen weltanschaulichen Ausrichtungen und Zielen integriert werden, sind die Ergebnisse auf die Gesamtbevölkerung übertragbar und nicht ausschließlich auf Teile der Mehrheitsgesellschaft. Nur mit diesen Erkenntnissen kann das mannigfaltige, kulturelle und soziale Engagementpotential ausgeschöpft und den Ansprüchen unserer vielfältigen Gesellschaft Genüge getan werden. Denn nur durch die bessere Kenntnis der Motive freiwilliger Arbeit kann die Wahrscheinlichkeit des Engagements positiv beeinflusst werden.

  • [1] Sowohl der Islamrat als auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland sind eher mit dem Dachverband der BAGFW zu vergleichen und keine klassischen religiösen Vereine (Lemmen 2000, S. 29; Lemmen und Miehl 2001, S. 43). Vielmehr handelt es sich um Interessenverbände. Für die sog. Cross-Evaluierung des Forschungs-projekts FACIT wurden diese Vereine um ihre Beteiligung gebeten, die jedoch aus Zeitgründen abgelehnt wurden
  • [2] Am nächsten kommt diesem Profil die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD)
  • [3] Auf der Internetseite der DiTiB ist dies der erste Punkt, der als Dienstleistung unter „Frauenarbeit“ aufgeführt wird (DiTiB 2014)
  • [4] Kohorteneffekt der Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre (Statistisches Bundesamt 2011, S. 29)
  • [5] Mögliche Diskriminierungen sind hier ausgenommen
  • [6] Genauer haben die türkischen Migranten zwar häufiger Kontakt zu Deutschen als die Deutschen zu türkischen Migranten, doch sind die Kontakte von Deutschen zu Deutschen heterogener hinsichtlich des sozialen Status und integrieren weniger Verwandtschaftsbeziehungen (Blasius et al. 2008, S. 96 f.)
 
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