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8.7.5 Interpretation der Ergebnisse

Zur Erläuterung der Motivstruktur freiwilliger Mitarbeiter, die sich in den vier Motivclustern widerspiegelte, wurde das Modell zur Erklärung freiwilliger Arbeit von Wilson und Musick (1997, S. 705) herangezogen (Kapitel 6.4). Demnach wird freiwillige Arbeit durch exogene Faktoren und endogene Faktoren in Form der vorgestellten Kapitalsorten beeinflusst. Die Ergebnisse der vorangegangenen Analysen zeigen, dass eine Vielzahl der Merkmale, denen Wilson und Musick (1997, S. 705) einen Einfluss auf freiwillige Arbeit bescheinigen, auch auf deren Motive wirken.

In der im Forschungsstand präsentierten Literatur (Kapitel 5.1.2 und 5.1.4) zeigte das Alter als exogener Faktor einen kurvilinearen Zusammenhang mit freiwilliger Arbeit. Jüngere Freiwillige fokussieren häufiger Motive, die sich an Spaß und Abenteuern orientieren (Bierhoff et al. 2007, S. 25; Gleich 2008, S. 141 f.; Wallraff 2010, S. 135). Rentner fokussieren nach Steinfort (2010, S. 214) eher Motive der Selbstverortung, wie die Gestaltung des Alltags nach dem Renteneintritt und weiterhin aktiv zu bleiben. Krankheiten oder Handicaps sowie die Einschätzung, dass es für ihre Altersgruppe keine adäquaten Engagementangebo-te gäbe, führen jedoch zu einem Rückgang der Engagierten mit fortschreitendem Alter (More-Hollerweger und Rameder 2009, S. 134). Die Analysen der vorliegenden Arbeit zeigen für die Merkmale, fortgeschrittenes Alter und Erwerbsstatus, ähnliche Effekte wie in der vorgestellten Literatur berichtet wird. Ältere Personen haben häufiger als andere Motive, die sich auf die Strukturierung des Tagesablaufs und ihrer zur Verfügung stehenden Zeit nach dem Renteneintritt beziehen. Im Rahmen ihrer freiwilligen Arbeit suchen sie die Anerkennung, die sie einmal in ihrem Berufsleben erhalten haben, und eine Bestätigung ihrer Fähigkeiten.

Rentner und Hausfrauen/ -männer sind weiterhin eher pseudo-altruistisch motiviert als Studierende, Arbeitslose und Sonstige. Sie wollen Menschen und der Gesellschaft helfen, weil sie dies für wichtig halten. Dabei erlangen sie ein gutes Gefühl, weil ihnen die Zielgruppen mit ihrer Dankbarkeit etwas zurückgeben. Sie identifizieren sich stark mit der Gruppe und Einrichtung und machen sich ihre Tätigkeit zur eigenen Sache.

Doch auch die Kapitalsorten beeinflussen die Motive. Bereits Wilson und Musick (1997) berichten von Effekten kulturellen Kapitals auf freiwillige Arbeit. Doch verwenden sie nicht nur den herkömmlichen Begriff kulturellen Kapitals nach Bourdieu (1983, S. 185), der sich vornehmlich durch Wissen und den Besitz von Gütern auszeichnet, sondern erweitern diesen um einen sogenannten

moralischen Aspekt der Kultur“ (Iannaccone 1990, S. 299 f.; Lamont 1992; Lamont und Lareau 1988; Park und Smith 2000; Wilson und Musick 1997). Diese moralische Komponente des Kulturkapitals, die sich als religiöse und andere Werte äußert, wurde auch in die vorliegende Analyse einbezogen.

Außer auf Selbstwert- und Kompensationsmotive hat kulturelles Kapital auf alle Motivcluster einen signifikanten Einfluss. Die Religionszugehörigkeit beeinflusst pseudo-altruistische Motive insofern, als dass diese häufiger unter Freiwilligen christlicher Religionszugehörigkeit vorkommen als unter Muslimen und Aleviten (Ref.). Aber auch Konfessionslose zeigen häufiger pseudo-altruistische Motive als die Referenzgruppe. Im Fokus liegt hier das Motiv, anderen helfen zu wollen. Wie beschrieben impliziert die propagierte Nächstenliebe christlicher Gemeinschaften, Fremden zu helfen. Da sich Zakat eher auf die Hilfe innerhalb der islamischen Gemeinde bezieht, verwundern die Unterschiede zwischen den Glaubensgemeinschaften nicht (Carabain und Bekkers 2011, S. 7; Wehr und Kropfitsch 1998, S. 704).

Selbstverständlich ist, dass auch Muslime Menschen helfen wollen, allerdings weniger unspezifisch und eher in Form einer Bürgerverantwortung, die Gesellschaft zu verbessern sowie sich für ihre eigene Gemeinde einsetzen zu wollen (Wilhelm und Bekkers 2010, S. 17). Ein Indiz dafür ist, dass sozial-religiös Motivierten, wie den türkisch-islamischen Freiwilligen, die sozialen Kontakte erheblich wichtiger sind als pseudo-altruistisch Motivierten. Es handelt sich um soziale Beziehungen zu Personen des gleichen religiösen und kulturellen Hintergrunds. Pseudo-altruistisch motivierten Freiwilligen ist die Dankbarkeit der Zielgruppe und die Zuneigung und Anerkennung sowie das gute Gefühl, das der Helfende erfährt, wichtiger. Diese warm-glow-Aspekte sind unter muslimischen und alevitischen Freiwilligen nicht so stark ausgeprägt (Andreoni 1989).

Sozial-religiöse Motive sind deutlich positiv durch die Zugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften beeinflusst. Zwar vermuten Wilson und Musick (1997,

S. 700), dass freiwillige Arbeit eher durch die Handlungsebene der Religion und Religiosität beeinflusst wird, doch zeigt sich für die Motivstruktur Freiwilliger, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft bereits stark auf Motive wirkt. Mitglied einer islamischen oder alevitischen Glaubensgemeinschaft zu sein, steigert signifikant die Chance sozial-religiöser Motive. Dabei unterscheiden sich Protestanten nicht signifikant von Muslimen und Aleviten hinsichtlich sozial-religiöser Motive. Wobei bei in der vorliegenden Analyse Personen enthalten sind, die aktiv in einem religiösen Verein tätig sind. Das heißt, dass die Konfessionszugehörigkeit, nicht wie in einer unabhängigen Stichprobe, aus Personen besteht, die auch rein „passiv“ einer Glaubensgemeinschaft angehören, sondern, die bereits eine Aktivität in den Vereinen ausüben.

Neben sozialen Kontakten und religiösen Gründen ist die Gesellschaft aufgrund einer Bürgerverantwortung zu verbessern besonders wichtig sowie etwas zurückzugeben, weil man selbst privilegiert ist. Weiterhin engagieren sich sozialreligiös Motivierte, weil sie (Lebens-) Erfahrung sammeln wollen und sich weiterbilden möchten. Außerdem bietet die Tätigkeit eine Form der Selbstbestätigung und Ausgleich und Erfüllung zum Beruf oder Alltag. Wie stark die sozialreligiösen Motive jedoch einer sozialen Erwünschtheit ihrer religiösen Gruppe entsprechen, kann in der vorliegenden Arbeit nicht geklärt werden. So wäre zum Beispiel denkbar, dass es nicht gut angesehen ist, die freiwillige Arbeit aus anderen als religiösen Gründen zu leisten.

Wilson und Musick (Wilson und Musick 1997, S. 709) konnten starke Effekte für Beten und den Besuch von Gottesdiensten auf freiwillige Arbeit finden. Die moralische Komponente der Nächstenliebe zeigte keinen Effekt auf freiwillige Arbeit. Daher wurden auch in der vorliegenden Analyse die Handlungsebene der Religion in Form von Beten und Kirchgangs- und Moscheebesuchshäufigkeit sowie Merkmale der Religiosität wie Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft, selbsteingeschätzte Religiosität und die Skala des Einflusses des Glaubens auf das Alltagsleben, untersucht.

Doch sollten, wie beschrieben, die Ergebnisse mit äußerster Vorsicht interpretiert werden und hier nur ihrer Tendenz nach interpretiert werden: Für alle betrachteten Merkmale zeigten sich in der vorliegenden Analyse signifikante Einflüsse auf die sozial-religiösen Motive. Das Merkmal der Kirchgangs- und Moscheebesuchshäufigkeit, welches nicht nur in Wilsons und Musicks (1997, S. 709) Studie starke Effekte auf freiwillige Arbeit zeigt, wies die geringsten Effekte für die Motive freiwilliger Arbeit auf. So ist zu vermuten, dass die Kirchgangs- und ggf. auch die Moscheebesuchshäufigkeit zwar ausschlaggebend dafür sind, freiwillig tätig zu werden, weil man häufiger gefragt wird, ob man sich engagieren möchte. Die Motive jedoch scheint der Besuch von Gotteshäusern weniger stark zu beeinflussen. Dies leuchtet jedoch ein, da eine bewusste gedankliche Auseinandersetzung mit Religion, wie z.B. die Zustimmung zu dem Einfluss religiöser Erfahrungen im Alltag, vermutlich eher auch andere Einstellungen, Bedürfnisse und Motive prägt als reines Handeln wie der Kirchen- und Moscheebesuch. Man könnte auch von prädisponierten Einstellungen sprechen, die vorhanden sein müssen, bevor sich freiwillig engagiert wird.

Außer dem kulturellen Kapital sind die sozial-religiösen Motive tendenziell auch noch durch Humankapital beeinflusst. Wilson und Musick (1997, S. 697) verwendeten hier die Definition Colemans (Coleman et al. 1957; Coleman 1988, S. 100), der unter Humankapital die angeeigneten Fähigkeiten, Bildung und Wissen versteht. Die Autoren stellten fest, dass Personen mit stark ausgeprägtem Humankapital eher freiwillig arbeiten, und begründeten dies damit, dass hohes Humankapital besonders wertvoll für alle möglichen Organisationsformen ist und diese daher häufiger rekrutiert werden. Ihnen wird aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Bildung und ihres Wissens unterstellt, verantwortungsvollere Aufgaben besser übernehmen zu können (Clary und Snyder 1991, S. 126; Smith 1994, S. 248). Die Autoren fanden heraus, dass Humankapital starke Effekte auf freiwillige Arbeit hat und indirekte negative Effekte auf Religiosität (Weisbrod-Frey 2001, S. 710). In der vorliegenden Analyse ist aber der Effekt des hohen Humankapitals auf die sozial-religiösen Motive so gering, dass dieser eher als Artefakt zu bewerten ist und nicht weiter interpretiert wird, zumal dieser Befund Studien zur Religiosität, die ergaben, dass niedrigere Bildungsabschlüssen Gläubigkeit begünstigen, widersprechen würde (u.a. Diehl und Koenig 2009; Fleischmann und Phalet 2012).

Selbstzentriert-hedonistische Motive sind jene, zu dessen Verständnis durch die vorliegenden Daten am wenigsten beigetragen werden konnte. Nur kulturellem Kapital in Form von Pflicht- und Akzeptanzwerten der Konvention kann ein leicht signifikanter Einfluss auf das Motivcluster zugeschrieben werden. Dabei spielen die Werte Fleiß und Ehrgeiz, hoher Lebensstandard, Macht und Einfluss haben, sich durchsetzen, genießen und Sicherheit die entscheidende Rolle für die Wertedimension. Die Motive des selbstzentriert-hedonistischen Clusters, wie Lebenserfahrung zu sammeln und sich weiterzubilden, aber auch stolz auf die eigene Leistung zu sein, könnten mit den Werten Fleiß und Ehrgeiz, Macht und Einfluss sowie Wert auf einen hohen Lebensstand zu legen einhergehen. Die Wertedimension und das Motivcluster spiegeln beide wider, dass die Freiwilligen bereit sind, etwas für sich und das Erreichen ihrer Ziele zu tun. Der Fokus liegt hier deutlich auf dem eigenen Status. Doch ist der Effekt, gering, weshalb von weiteren Interpretationen Abstand genommen wird.

Wie die ersten beiden Motivcluster ist auch das letzte Selbstwert- und Kompensations-cluster durch Humankapital beeinflusst. Personen mit überdurchschnittlichen Einkommen sind häufiger durch Selbstwert- und Kompensationsmotive motiviert als andere. Zum einen bedeuten, mehr Ressourcen ein größeres Interesse der Organisationen an der Person. Das Motivcluster integriert Personen, die angegeben haben, helfen zu wollen, weil es ihnen selbst gut geht und sie sich dafür revanchieren möchten. Daher ist davon auszugehen, dass es sich um einen Reziprozitätsgedanken von Bessergestellten handelt, der in Form der freiwilligen Arbeit ausgelebt wird.

Weiterhin wird das Motivbündel vom Alter signifikant beeinflusst. Bereits in der Beschreibung des Motivs, den Tag und die freie Zeit strukturieren zu wollen, weil man nicht, oder nicht mehr berufstätig ist, ist der Hinweis auf das Alter gegeben. Für viele ältere Personen und Rentner scheint die freiwillige Arbeit eine Betätigung zu sein, die als Ersatz für die frühere berufliche Tätigkeit dient. Eine längere Lebenserwartungen durch die verbesserte gesundheitliche Versorgung haben dazu geführt, dass Personen auch nach dem Renteneintritt sowohl in der körperlichen Verfassung sind als auch den Wunsch haben, weiterhin aktiv zu sein (u.a. Hank und Erlinghagen 2008, S. 10; Munz et al. 2008, S. 16; Statistisches Bundesamt 2011, S. 69 f.; Wahrendorf und Siegrist 2008, S. 69). Diese Personen verbinden den Wunsch, aktiv zu bleiben, etwas für sich selbst und ihren Selbstwert zu tun, damit, anderen zu helfen. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass gerade für Ältere die freiwillige Arbeit deutlich zum Wohlbefinden beiträgt und soziale Kontakte aufrechterhält:

Volunteering […] is viewed […] as an indicator of successful aging and a key to wellness in later life“ (Caro 2006, S. 75 ff.; Hank und Erlinghagen 2008, S. 10; Klie 2003, S. 109 ff.; O'Neil et al. 2011, S. 334).

 
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