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8.7.1.5 Multivariate Analyse des Einflusses religiösen Kapitals auf die Motivstruktur

Die folgenden Auswertungen zum religiösen Kapital können nur unter Vorbehalt durchgeführt und interpretiert werden. Zum einen ist dies der geringen Fallzahl von Aleviten und Muslimen geschuldet. Zum anderen sind die Merkmale Bethäufigkeit und Häufigkeit des Kirchen- und Moscheebesuchs zusammengefasst worden. Die traditionelle Häufigkeit des Betens und des Besuchs der Gotteshäuser unterscheiden sich zwischen Christen und Muslimen, weshalb deren Frequenzen nicht in gleicher Weise die Religiosität bzw. religiöse rituelle Handlungen widerspiegeln. Zwar wurde, wie in Kapitel 7.2.1.4 beschrieben, entsprechend der religionsspezifischen Mediane zusammengefasst, doch liegen hier keine Erfahrungswerte aus der Literatur vor, die religiöse Merkmale von Muslimen und Christen in Deutschland in eine Analyse integriert haben.

Außerdem können nur Aussagen über Freiwillige getroffen werden, die angegeben haben, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören. Daher kann die vorliegende multivariate Berechnung höchstens als Indiz dafür dienen, wie sich religiöse Merkmale auf die Motive, sich freiwillig zu engagieren, auswirken, doch keinesfalls können gesicherte Aussagen getroffen werden. Ferner werden im Folgenden die Merkmale jeweils einzeln betrachtet, weil sie signifikant korrelieren (Tabelle A 47). Likelihood-Quotient-Tests für jedes einzelne Merkmal zeigen, dass, bis auf die Kirch- und Moscheebesuchshäufigkeit, alle Merkmale signifikant zur Trennung der Cluster beitragen (Tabelle A 48). Als Referenzcluster ist in allen Berechnungen das pseudo-altruistische Cluster verwendet worden. Insgesamt sind fünf Modelle, alle unter Kontrolle der soziodemographischen Merkmale Alter, Geschlecht, Haushaltstyp, Erwerbstätigkeit und Migrationshintergrund, berechnet worden. Ohne religiöse Merkmale beträgt die aufgeklärte Varianz der Modelle 1 bis 4 R² = 0,13, der Likelihood-Ratio-Test ist auf dem 1-%-Niveau signifikant (x² = 40,3**), die Devianz ist nicht signifikant.

Die Skala Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben unter Kontrolle der beschriebenen soziodemographischen Merkmale zeigt eine aufgeklärte Varianz von R² = 0,20 und eine gute Modellanpassung mit einem Likelihood-Ratio-Test von x² = 65,6*** (Tabelle A 49). Das Modell zeigt, dass hohe Werte auf der Skala signifikant die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sozial-religiöse Motive zu haben (b = 0,81***). Für Personen mit hohen Werten auf der Skala Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben steht die Chance 2,25 zu 1, sozial-religiös motiviert zu sein, im Vergleich zu pseudo-altruistischen Motiven. Werden die sozialreligiösen Motive als Referenzcluster betrachtet, zeigt sich, dass der Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben auch ein entscheidendes Kriterium für die Tren-nung von selbstzentriert-hedonistischen (b = -0,82***) und Selbstwert- und Kompensationsmotiven ist (b = -0,77***). Für beide Cluster senkt der Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben signifikant die Wahrscheinlichkeit, entsprechende Motive zu haben, im Vergleich zu sozial-religiösen Motiven (nicht gezeigt).

Das Modell 2 misst den Einfluss der Bethäufigkeit auf die Zugehörigkeit zu einem der vier Motivcluster. Alle berechneten Gütekriterien wiesen auf eine gute Modellanpassung hin: Die aufgeklärte Varianz beträgt R² = 0,21, der LikelihoodRatio-Test ist signifikant (x² = 68,5***), die Devianz (x² = 676,3 n.s.) nicht. Die Referenzkategorie ist das pseudo-altruistische Cluster. Unter Kontrolle von soziodemographischen Merkmalen, verringert eine unterdurchschnittliche Bethäufigkeit signifikant die Chance um 0,27 zu 1, sozial-religiöse Motive zu haben. Bei alternierenden Referenzclustern zeigt sich, dass auch die anderen beiden Cluster sich signifikant vom sozial-religiösen Cluster hinsichtlich der Bethäufigkeit unterscheiden. Unterdurchschnittlich häufiges Beten steigert im Vergleich zum sozial-religiösen Cluster signifikant die Wahrscheinlichkeit selbstzentrierthedonistischer (b = 1,76***) und selbstwert-kompensatorischer Motive (b = 1,92***) (nicht gezeigt).

Das dritte Modell integriert die Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft (Tabelle A 50). Die Modellanpassung ist ebenfalls gut. Die erklärte Varianz beträgt R² = 0,18, der Likelihood-Ratio-Test ist signifikant (x² = 59,7***), die Devianz (x² = 707,7 n.s.) nicht. Auch Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft trennt sozial-religiöse und pseudo-altruistische Motive signifikant. Verglichen mit stark bis sehr stark mit ihrer Glaubensgemeinschaft verbundenen Freiwilligen, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei solchen mit mittlerer (b = -1,37***) und geringer Ausprägung (b = -0,96*). Wie bei den beiden vorangegangenen Modellen trennt die Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft auch signifikant das Selbstwert- und Kompensationssowie das selbstzentriert-hedonistische Cluster vom sozial-religiösen als Referenzkategorie (nicht gezeigt).

Die Modellgüte des vierten Modells (Tabelle A 50), das den Einfluss der selbst-eingeschätzten Religiosität auf die Motivcluster misst, ist ebenfalls gut. Die aufgeklärte Varianz beträgt R² = 0,17, der Likelihood-Ratio-Test ist weiterhin mit x² = 56,0*** signifikant und die Devianz nicht. Eine als gar nicht oder wenig eingeschätzte Religiosität senkt signifikant die Wahrscheinlichkeit, sozialreligiöse Motive zu haben (b = -1,43***), im Vergleich zu pseudo-altruistischen Motiven. Sozial-religiöse Motive unterscheiden sich aber wiederum deutlich von selbstzentriert-hedonistischen Motiven und den Motiven des Selbstwert- und Kompensationsclusters. Im Vergleich zum sozial-religiösen Cluster steigert geringe bis gar keine Religiosität signifikant die Wahrscheinlichkeit, dem selbst-zentriert-hedonistischen (b = 1,23*) und dem Selbstwert- und Kompensationscluster (b = 1,65**) anzugehören.

Das letzte Modell 5 zeigt das multinomiale logistische Regressionsmodell mit der unabhängigen Variable Kirchgangshäufigkeit und Häufigkeit, die Moschee zu besuchen (Tabelle A 51). Wie beschrieben sind die Befragten alevitischer Glaubensgemeinschaften nicht in die Analyse integriert, weshalb die Fallzahl mit 309 Befragten etwas geringer ist als für die vorangegangenen Modelle. Die Modellgüte ist akzeptabel, die aufgeklärte Varianz liegt bei R² = 0,15; ohne das Merkmal Besuch von Gotteshäusern liegt der Wert bei R² = 0,13. Während das Merkmal Kirchgangs- und Moscheebesuchshäufigkeit nur auf einem 5,3 %Niveau zur Trennung von pseudo-altruistischen und sozial-religiösen Motiven beiträgt, können bei alternierender Referenzkategorie signifikante Effekte gefunden werden. Liegt die Häufigkeit der Kirchenoder Moscheebesuche maximal im Mittelfeld, steigert dies im Vergleich zum sozial-religiösen Cluster signifikant die Wahrscheinlichkeit selbstzentriert-hedonistischer (b = 0,87*) und selbstwert-kompensatorischer Motive (b = 0,95*) (nicht gezeigt).

Insgesamt geben die Analysen Hinweise darauf, dass konfessionelle Freiwillige, die häufig beten, sich ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden fühlen und sich für sehr religiös halten, wahrscheinlicher auch sozial-religiös motiviert sind als andere. Da die Merkmale hoch korrelieren, konnten diese jedoch nicht unter gegenseitiger Kontrolle überprüft werden. Die Ergebnisse des Einflusses religiösen Kapitals auf die Motivstruktur sind zwar keine Überraschung, können aber als Indiz dafür gewertet werden, dass nicht alle konfessionellen Freiwilligen automatisch religiös motiviert sind. Vor allem hochreligiöse konfessionelle Freiwillige, die häufig religiöse Praktiken ausüben, scheinen auch entsprechende Motive zu haben. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Einfluss des sozialen Kapitals auf die Motivstruktur freiwilliger Mitarbeiter.

 
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