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8.7.1.4 Multivariate Analyse des Einflusses kulturellen Kapitals auf die Motivstruktur

Im Folgenden werden die multivariaten Analysen zur Frage dargestellt, ob und in welchem Maße die Merkmale des kulturellen Kapitals die Zugehörigkeit zu den Motivclustern erklären. Zunächst wurden nur jene Merkmale verwendet, die für alle Befragten abgefragt wurden; die Fragen zur Religiosität und der religiösen rituellen Handlungen werden nachfolgend behandelt. Im ersten Modell der multinomialen logistischen Regression wird der Einfluss der Konfessionszugehörigkeit und der Werte gemeinsam betrachtet (Tabelle A 44). Die erklärte Varianz beträgt R² = 0,12 und die Güte der Anpassung gemessen durch den Likelihood-Ratio-Test beträgt x² = 49,1***. Die Devianz ist nicht signifikant. Als Referenzkategorie wird das pseudo-altruistische Cluster verwendet.

Die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft zeigt hochsignifikante Effekte. Im Vergleich zu den islamischen Glaubensgemeinschaften verringert keiner Glaubensge-meinschaft anzugehören (b = -2,53***), katholisch zu sein (b = 1,29***) oder evangelisch zu sein (b = -2,16***) hochsignifikant die Wahrscheinlichkeit, sozial-religiöse Motive zu haben. Entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit für Freiwillige mit alevitischem oder islamischem Glauben signifikant geringer, pseudo-altruistisch motiviert zu sein.

Für die Zugehörigkeit zum selbstzentriert-hedonistischen Cluster zeigen sowohl die Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention als auch die katholischer Religionszugehörigkeit signifikante Effekte. Im Vergleich zu Freiwilligen mit islamischem Hintergrund senkt die katholische Konfession (b = -1,34*) signifi-kant die Wahrscheinlichkeit, selbstzentriert-hedonistische Motive zu haben, und steigert die Wahrscheinlichkeit entsprechend, pseudo-altruistisch motiviert zu sein. Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention (b = 0,38**) dagegen erhöhen die Wahrscheinlichkeit um das knapp 1,5-fache, selbstzentriert-hedonistische Motive zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dem Selbstwert- und Kompensationscluster anzugehören, erhöht sich durch Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention ebenfalls signifikant um das 1,33-fache.

Für das sogenannte optimale Modell wurden soziodemographische Merkmale aufgenommen und jene beibehalten, die nicht zu einer Überspezifizierung der Analyse führen. Der Likelihood-Quotient-Test zeigt, dass die Merkmale Geschlecht, Migrationshintergrund, Haushaltstyp und Selbstentfaltungswerte sehr deutlich nicht zur Trennung der untersuchten Motivcluster beitragen (Tabelle A 45). Daher wurden diese Merkmale aus dem optimalen Modell entfernt [1].

Das optimale Modell steigert die erklärte Varianz auf R² = 0,18 und besitzt sehr gute Anpassungswerte. Die Klassifikationsmatrix in Tabelle A 46 zeigt, dass 46,2 % Fälle bei einem Schwellenwert von 38,9 % korrekt zugeordnet wurden. Während weiterhin die Wahrscheinlichkeit, sozial-religiös motiviert zu sein, ausschließlich durch die Konfessionszugehörigkeit erklärt wird, steigern unter Kontrolle des Alters und der Erwerbstätigkeit nur die Pflicht- und Akzeptanzwerte (b = 0,34*) der Konvention signifikant die Wahrscheinlichkeit, selbstzentriert-hedonistisch motiviert zu sein. Die katholische Konfession senkt die Wahrscheinlichkeit selbstzentriert-hedonistischer Motive (b = -1,17*) und auch erwerbstätig zu sein (b = -0,70*) senkt die Wahrscheinlichkeit selbstzentrierthedonistischer Motive im Vergleich zur Referenzgruppe.

Auch die Wahrscheinlichkeit, dem Selbstwert- und Kompensationscluster anzugehören, wird durch Erwerbstätigkeit (b = -0,91*) im Vergleich zum pseudo-altruistischen Cluster signifikant verringert. Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention (b = 0,51**) ist das einzige Merkmal kulturellen Kapitals, dass die Wahrscheinlichkeit, diesem Cluster anzugehören, beeinflusst. Konfessionszugehörigkeit hat keinen Effekt.

Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse der multivariaten Analyse zum Einfluss kulturellen Kapitals auf die Motive, freiwillig zu arbeiten, deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Motivclustern. Die sozial-religiösen Motive sind im Vergleich zu pseudo-altruistischen Motiven und unter Kontrolle von soziodemographischen Merkmalen ausschließlich durch die Religionszugehörigkeit beeinflusst. Freiwillige mit islamischem Glauben sind deutlich häufiger als andere durch religiöse und soziale Gründe motiviert, sich zu engagieren. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit pseudo-altruistischer Motive bei Konfessionslosen erhöht und bei Personen mit protestantischen und katholischen Glauben.

Mit den sozial-religiösen Motiven als Referenzgruppe zeigt sich, dass selbstzentriert-hedonistische Motive für Freiwillige ohne Konfession (b = 1,61**) deutlich wahrscheinlicher sind (nicht gezeigt), Selbstwert- und Kompensationsmotive sich jedoch nicht durch die Konfessionszugehörigkeit von sozialreligiösen Motiven unterscheiden (nicht gezeigt). Doch lässt es sich vor allem durch die Pflicht- und Akzeptanzwerte der Konvention (b = 0,45*) vom sozialreligiösen Cluster unterscheiden (nicht gezeigt).

Nur die Freiwilligen mit selbstzentriert-hedonistischen Motiven unterscheiden sich in ihren Werteinstellungen nicht von den Freiwilligen des Selbstwert- und Kompensationsclusters (nicht gezeigt). Außerdem senkt Erwerbstätigkeit signifikant die Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu allen anderen Clustern, durch Selbstwert- und Kompensationsmotive motiviert zu sein. So sind es vor allem die älteren Freiwilligen, die nicht erwerbstätig und/oder in Rente sind und eher Pflicht- und Akzeptanzwerten der Konvention zustimmen, die, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken oder die fehlende Berufstätigkeit oder den nicht erzielten Traumberuf auszugleichen, freiwillig arbeiten.

Freiwillige mit selbstzentriert-hedonistischen Motive unterscheiden sich von sozial-religiösen Motivierten ausschließlich durch die Religionszugehörigkeit. Keiner Glaubensgemeinschaft anzugehören steigert signifikant die Wahrscheinlichkeit, Motive zu haben, die sich auf die eigene Person beziehen und Spaß fokussieren. Weiterhin sind die selbstzentriert-hedonistisch Motivierten signifikant jünger als die Freiwilligen mit Selbstwert und Kompensationsmotiven (b = 0,03*). Es zeigt sich, dass unterschiedliche Motive unterschiedlich beeinflusst werden und nicht alle Motive gleichermaßen durch dieselben Merkmale beeinflusst sind.

Tabelle 52: Multinomiale logistische Regression der Zugehörigkeit zu einem der vier Motivcluster und der Einfluss kulturellen Kapitals, optimales Modell

  • [1] Auf die Darstellung des „Gesamtmodells“ mit allen Merkmalen wird verzichtet
 
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