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8.6.7 Interpretation der Ergebnisse

Die Frage, die im Rahmen der Hypothesen H1 bis H4 geklärt werden sollte, lautete: In welchen Kombinationen treten die Motive bei unterschiedlichen Gruppen Freiwilliger, genauer, bei Freiwilligen unterschiedlicher Organisationsformen auf (Wuthnow 1991, S. 59). Zur Klärung dieser Frage wurde auf anreiztheoretische Überlegungen zurückgegriffen, die darstellen, dass Freiwillige sich in solchen Organisationen betätigen, von denen sie glauben, dass sich dort ihnen wichtige Ziele erreichen lassen (Hau und Fromm 2011; Heckhausen 1989).

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der multivariaten Analysen unterschiedliche Einflüsse auf die freiwillige Tätigkeit in solidarischen und zweckorientierten Organisationen. Die Motive, sich zu engagieren, beeinflussen unter Kontrolle soziodemographischer Merkmale, Merkmalen des kulturellen, sozialen und des Humankapitals die Zugehörigkeit zu solidarischen und zweckorientiert christlichen Organisationen. Die erste Hypothese H1: Die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer und zweckorientierter Organisationen unterscheidet sich, kann also bestätigt werden.

Wie sich die Motivstrukturen unterscheiden, wurde anhand der Hypothesen H2 bis H4 überprüft. Die aufgeführten Motive ergaben sich aus den Anreizen, die solidarische Organisationen für freiwillige Arbeit bieten (Clark und Wilson 1961, S. 134; Nadai 1999, S. 71): Spaß an der Tätigkeit, Kompetenzen und Erfahrungen zu sammeln sowie Prestige durch eine klare Darstellung der Ziele und Grundsätze, der Tätigkeitsfelder und Engagementmöglichkeiten, so dass die soziale Anerkennung möglichst hoch ist. Die flexiblen Engagementangebote und das Zusammenarbeiten mit anderen an einer gemeinsamen Sache sollten vor allem für abenteuerlustige Personen interessant sein und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Daher wurde vermutet, dass die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer Organisationen, gemäß der Hypothese H2, mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch besteht, Ressourcen, Erfahrungen und Kompetenzen zu sammeln, Anerkennung zu erhalten, Spaß zu haben und etwas zu erleben, sich für ein bestimmtes Thema einzusetzen sowie soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, zusammensetzt.

Die multivariaten Analysen ergaben, dass zu den relevanten Motiven der Freiwilligen solidarischer Vereine pseudo-altruistische Motive zählen. Diese setzen sich aus dem Wunsch zusammen, Menschen zu helfen, die Arbeit auszuüben, weil sie wichtig erscheint und da der Bedarf bei der Klientel besteht, dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, gelobt und anerkannt zu werden, und der Identifikation mit der Zielgruppe oder Organisation. Außerdem integrieren die Freiwilligen solidarischer Vereine Anteile des selbstzentriert-hedonistischen Motivclusters, wie Spaß an der Arbeit zu haben, Lebenserfahrung zu sammeln und sich weiterzubilden. Vor allem sind aber Motive des Selbstwert- und Kompensationsclusters unter Freiwilligen solidarischer Vereine verbreitet: Lob, Anerkennung und Zuneigung, den Tag und die Zeit zu strukturieren und Kompetenzen zu nutzen und weiterzugeben.

Die Freiwilligen solidarischer Vereine unterscheiden sich nur bezüglich des sozial-religiösen und des Selbstwert- und Kompensationsclusters von den Freiwilligen zweckorientierter Vereine. Pseudo-altruistische und selbstzentrierthedonistische Motive sind in solidarischen und zweckorientierten Einrichtungen nicht signifikant unterschiedlich und wirken damit nicht auf die Zugehörigkeit zu den beiden Organisationsformen. Die Hypothese H2 kann insofern nur teilweise bestätigt werden: Zwar integrieren die Freiwilligen die in der Hypothese genannten Motive, jedoch nur solche mit größerer Wahrscheinlichkeit als Freiwillige zweckorientierter Organisationen, die sich auf ihren Selbstwert und die Kompensation bestimmter Lebenssituationen beziehen.

Die Anreize zweckorientiert christlicher Organisationen sind durch das Glaubens-bekenntnis vermittelte Normen und Werte und deren Einhaltungspflicht. Dazu gehört gottgefälliges Handeln wie z.B. Nächstenliebe, die sich in freiwilliger Arbeit ausdrücken kann. Außerdem bieten die zweckorientierten Einrichtungen die Integration in die religiöse Gemeinde. Aufgrund des protestantischen Ethos werden individualistische Anreize als Motive nicht ausgeschlossen (Anheier und Toepler 2002; Bühlmann und Freitag 2007, S. 88 f.; Wilson und Musick 1997; Musick et al. 2000). Die Hypothese H3 lautete:

Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen christlicher Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln im Sinne christlicher Nächstenliebe und durch ein Pflichtgefühl der Barmherzigkeit, aber auch soziale Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen und zu pflegen, Beiträge zum Gemeinwohl zu leisten aufgrund eines Bürgerpflichtgedankens, die Gesellschaft zu verbessern sowie einen eigenen Nutzen zu haben, als für Freiwillige solidarischer Organisationen.

Die multivariaten Analysen konnten zeigen, dass sich Freiwillige, die sozialreligiöse Motive haben, wahrscheinlicher in zweckorientiert christlichen Vereinen als in solidarischen Vereinen engagieren. Die Motive Freiwilliger zweckorientiert christlicher Vereine setzen sich vor allem aus dem Wunsch nach sozialen Kontakten, mögliche Einsamkeit auszugleichen und sich in die Gesellschaft zu integrieren, zusammen. „What's more, the social energy created by a congregation helps produce public goods that are beneficial to members and society alike“ (Cnaan und Curtis 2013, S. 12). Die Verbindung die aus der gemeinsam gelebten religiösen Überzeugung zu den anderen Freiwilligen entsteht, scheint hier ein starker Motor zu sein, sich zu engagieren. Die Freiwilligen wollen gottgefällig handeln, empfinden es als Pflicht eines Gläubigen, sich für Notleidende einzusetzen und hoffen dafür, von Gott belohnt zu werden. Gleichzeitig erhalten sie Anerkennung dafür in ihrer Gemeinde. Doch möchten sie auch Erfahrungen sammeln, um sich weiterzubilden, und empfinden ihre Arbeit als ausgleichend und erfüllend. Außerdem möchten sie ihre Dankbarkeit für ihre eigene (privilegierte) Situation ausdrücken sowie einen Beitrag für die Gesellschaft leisten und diese aus einem Bürgerpflichtgedanken heraus verändern und verbessern.

Die Konfessionszugehörigkeit hat, wie erwartet, einen sehr starken Effekt darauf, in welchem Verein sich betätigt wird, doch ist sie nicht allein ausschlaggebend für das Engagement in zweckorientierten Vereinen. Entscheidend ist auch, ob die Personen sozial-religiöse Motive haben. Sozial-religiöse Motive sind also zusätzlich zur Konfession ein wichtiges Kriterium, das zur Wahl des Vereins beiträgt. Die Hypothese H3 kann also bestätigt werden.

Zu den Anreizen der türkisch-islamischen Organisationen gehören, laut der

vorgestellten Literatur in Kapitel 6.3.2, zusätzlich zu den beschriebenen religiösen Motiven gottgefälliges Handeln und religiöse Pflichterfüllung auch, Kontakte zu Personen desselben Herkunftslands und mit ähnlicher Migrationsgeschichte aufrechtzuerhalten, die Bewahrung der Herkunftstraditionen und -kultur sowie die Muttersprache zu pflegen und sich auch für die Rechte und gegen die Nachteile der eigenen Gruppe einzusetzen (Berger 2006, S. 118; Handy und Greenspan 2009, S. 957). Carabain (2011, S. 3) und auch Handy (2009, S. 957) bezeichnen dies als Bewahren der „ethnischen Identität“. Gemäß Wuthnows (1991) Gemeinschaftsaspekt der „Conviction and Community Theory“ war davon auszugehen, dass die religiöse Bindung und die Einhaltung der religiösen Pflichten in noch stärkerem Maße für Freiwillige türkisch-islamischer Einrichtungen zutrifft als für die christlichen Freiwilligen. Auch Bekkers und Schuyt (2008) sowie Van Tubergen (2005) gehen davon aus, dass Mitglieder von „more cohesive religious groups“ wie nicht-westliche Religionsgemein-schaften eine stärkere Bindung an die Gemeinde haben und daher auch deutlich stärker normenkonform handeln. Weiterhin sind die Organisationen meist kleiner, was die Verpflichtungen für ihre Mitglieder bindender macht (Finke et al. 2006, S. 623). Außerdem richtet sich die Hilfe eher auf die eigene Gruppe und führt zu weniger Engagement außerhalb der eigenen Gemeinde (Carabain und Bekkers 2011, S. 7; Finke et al. 2006, S. 624; Wehr und Kropfitsch 1998, S. 704). Die Hypothese H4 lautete:

Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen türkisch-islamischer Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln, soziale Kontakte zu Gleichgesinnten derselben Herkunft und Kultur zu knüpfen und zu pflegen, die Muttersprache zu sprechen, Nachteile der eigenen Gruppe zu bekämpfen, die Gesellschaft zu verbessern, die eigene Kultur zu bewahren, als für Freiwillige zweckorientiert christlicher und solidarischer Organisationen.

Für die Freiwilligen türkisch-islamischer Organisationen sind die Effekte des Migrationshintergrunds und der Konfession deutlicher als die Effekte der Motive, was daran liegt, dass die Zahl der Freiwilligen mit türkischem Migrationshintergrund in den anderen beiden Organisationsformen zum einen deutlich unterrepräsentiert ist, weshalb der Vergleich mit türkischen Migranten, die in anderen Vereinen tätig sind, nicht möglich ist. Daher kann keine Aussage darüber getroffen werden, welche Relevanz die Motive für türkische Migranten haben, sondern nur über die Motive türkischer Migranten in zweckorientiert türkischislamischen Organisationen. Außerdem ist die Auswahl der türkischen Vereine „religiös verzerrt“. Wie in Kapitel 4.2 beschrieben, sind die in der vorliegenden Arbeit betrachteten türkischen Vereine gleichzeitig religiöse Dienstleister, während die christlichen Wohlfahrtsverbände in den meisten Fällen deutlicher zwischen Kirche und Verein trennen. Daher sind diejenigen, die sich in den türkisch-islamischen Vereinen betätigen, auch enger an ihre Glaubensgemeinschaft gebunden und von dieser geprägt (Kapitel 6.3). In der vorliegenden Analyse wurden keine säkularen türkischen gemeinnützigen Vereine einbezogen, was dem Vorgängerprojekt FACIT und seiner religiösen Thematik geschuldet ist, jedoch auch, dass bereits in jenem Projekt keine säkularen türkischen Organisationen für die Kooperation gewonnen werden konnten (Dierckx et al. 2009; Friedrichs und Klöckner 2009).

Es zeigt sich deutlich, dass die Zusammensetzung der Freiwilligen in den zweckorientiert türkisch-islamischen Vereinen eine andere ist als in Vereinen der Freien Wohlfahrtspflege. Sie setzen sich aus Personen zusammen, die sich zur islamischen Glaubensgemeinschaft bekennen und der ersten und zweiten Migrantengeneration angehören, aber die auch unverkennbar jünger sind als die anderen Freiwilligen, häufiger Kinder haben und verheiratet sind bzw. einen Partner haben. Das junge Alter der Freiwilligen spricht deutlich für den in der Literatur berichteten Wandel der Generationen in den türkischen Migrantenvereinen (Kapitel 4).

Ohne die kaum variierenden Merkmale Migrationshintergrund und Religionszugehörigkeit, zeigen sich mit türkisch-islamischen Vereinen als Referenzkategorie leichte Effekte der Motive auf die Zugehörigkeit zu den Vereinen. Freiwillige christlicher Vereine sind etwas häufiger pseudo-altruistisch motiviert und Freiwillige solidarischer Vereine sind seltener sozial-religiös motiviert und häufiger durch Selbstwert- und Kompensationsmotive als Freiwillige türkischislamischer Vereine. Hinsichtlich ihrer sozial-religiösen Motive sind keine Unterschiede zwischen Freiwilligen zweckorientiert türkisch-islamischer und christlicher Organisationsformen festzustellen, was dem Vorurteil der Bildung von „Parallelgesellschaften“ entgegenspricht, wie bereits Halm und Sauer (2007, S.10) oder Schiffauer (2004, S. 92) berichten. Im Gegenteil sind die Motive deutlich mit denen Freiwilliger christlicher Einrichtungen zu vergleichen, wenn auch mit unterschiedlich häufiger Nennung (Kapitel 8.5.2). Es konnten nur in Ausnahmefällen Motive dokumentiert werden, die sich auf die Erhaltung von Traditionen, kulturellen Aspekten oder auf ihr Herkunftsland bzw. jenes ihrer Eltern richten (Kapitel 8.5.2).

Fraglich ist jedoch, ob die beschriebenen kulturellen Motive tatsächlich nicht vorhanden sind, den Befragten nicht bewusst oder gar so tief internalisiert sind, dass sie als selbstverständlich empfunden und deshalb nicht genannt werden. Diese Frage lässt sich in der vorliegenden Analyse nicht klären. Doch kann davon ausgegangen werden, dass freiwillige Arbeit in einem Verein nur dann geleistet wird, wenn ein Mindestmaß an Übereinstimmung mit den Werten herrscht, ein vergleichbarer kultureller Hintergrund oder zumindest ein gemeinsames Thema vorhanden ist, das eine Gemeinschaft oder Gemeinsamkeit erzeugt. Zumindest sind die Kontaktbarrieren geringer, je ähnlicher sich Personen sind (McPherson et al. 2001). So wird ein überzeugter Muslim unwahrscheinlich bei der Heilsarmee freiwillig Missionsarbeit leisten und ein religiöser Katholik eher unwahrscheinlich Cems in alevitischen Einrichtungen organisieren. Hier fehlt es i.d.R. sowohl an Wissen über die Sitten und Gebräuche als auch an einer kulturellen Sozialisation und gemeinsamen Wertüberzeugungen, die gerade in zweckorientierten Vereinen von hoher Bedeutung sind. Für solidarische Vereine, in denen eine gemeinsame religiöse Wertebasis eine untergeordnete Rolle spielt, mögen kulturelle Aspekte dagegen tatsächlich wenig ausschlaggebend sein.

Gründe dafür, dass die Motive sich zwischen den Freiwilligen der beiden zweckorientierten Organisationsformen kaum unterscheiden, könnten sein, dass sich zwar die religiösen Inhalte unterscheiden, weniger aber die Wege, wie sich sozial-religiöse Motive ausbilden: Aufwachsen in einem religiösen Umfeld, die religiöse und kulturelle Sozialisation, die Vermittlung von kulturellem Wissen und religiösen Traditionen sowie eine enge Bindung an eine Gemeinschaft und das Treffen von Gleichgesinnten. Der Ablauf des Ausbildens und Erlernens sowie die Effekte kultureller Eigenschaften, religiöser Überzeugungen und Wertvorstellung unterscheiden sich zwischen den abrahamitischen Glaubensgemeinschaften nicht, auch wenn sich die religiösen Inhalte unterscheiden.

„Although, (…) congregations differ significantly from one another regardless of the faith tradition, they serve the same function. They are the societal mechanism by which people of faith come together to form a collective that sets organized and accepted means to jointly express religiosity“ (Cnaan und Curtis 2013, S. 12).

So scheint die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft bei den Freiwilligen aller betrachteten Glaubensgemeinschaften ein wichtiges Motiv zu sein, auch wenn sich die Gemeinschaften ihrer Zweckorientierung nach unterscheiden. Auch gottgefällig zu handeln motiviert viele religiöse Freiwillige gleichermaßen, auch wenn sich die Vorstellungen von Gott zwischen den Glaubensgemeinschaften unterscheiden mögen. Die Hypothese H4 kann also im Vergleich zu den christlichen Vereinen nicht bestätigt werden. Die Unterschiede zu den solidarischen Vereinen entsprechen der Hypothese H4.

Doch wie lässt sich die Motivstruktur der Freiwilligen erklären, wodurch ist

diese beeinflusst und welchen Einfluss haben die Kapitalsorten auf die Zugehörigkeit zu einem der vier Motivcluster? Im Folgenden sollen die Fragen überprüft werden, die in Kapitel 6.4 gestellt wurden.

 
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