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8.6.6 Multivariate Prüfung der Hypothesen zur Motivstruktur Freiwilliger unterschiedlicher Organisationsformen

Im Folgenden wird multivariat untersucht, ob sich die Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationsformen durch die Motivstrukturen der Freiwilligen erklären lassen. Dazu wird überprüft, ob die Clusterzugehörigkeit unter Kontrolle anderer Merkmale signifikant dazu beiträgt, in einer der drei Organisationen tätig zu sein.

Das erste Modell der multinomialen logistischen Regressionsanalyse ist in Tabelle 43 abgetragen. Die abhängige Variable ist die Zugehörigkeit zu den Organisationsformen. Die Freiwillige Arbeit in solidarischen Organisationen stellt die Referenzkategorie dar, deren Modelle aufgrund ihrer Redundanz nicht dargestellt werden. Zunächst wurde ausschließlich der Faktor Motivcluster mit der Referenzkategorie Selbstwert- und Kompensationscluster eingeführt (Modell 1). Die Güte der Anpassung kann im ersten Modell ausschließlich mit dem Likelihood-Ratio-Test überprüft werden, da die Devianz nur im Falle von mehr als einer unabhängigen Variablen dargestellt werden kann bzw. sich von Likelihood-Ratio-Test unterscheidet. Dessen Wert von x² = 31,9*** zeugt von einer guten Übertragbarkeit auf die Grundgesamtheit. Zunächst wurde ausschließlich die Variable Motivcluster eingeführt. Die erklärte Varianz beträgt im ersten Modell R²=0,08.

Die Wahrscheinlichkeit, zweckorientiert christlichen statt solidarischen Organisationen anzugehören, ist 3,1-mal höher, wenn die Freiwilligen sozialreligiös motiviert sind als wenn sie von Selbstwert- und Kompensationsmotiven angetrieben sind. Die anderen beiden Motivcluster tragen nicht signifikant zur Trennung zwischen Freiwilligen solidarischer und christlicher Organisationen bei. Bei den Freiwilligen der zweckorientiert türkisch-islamischen Einrichtungen ist dieser Effekt besonders stark. Durch sozial-religiöse Motive ist die Wahrscheinlichkeit 7,3-mal höher, in türkisch-islamischen Einrichtungen freiwillig zu arbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, in solidarischen Einrichtungen zu arbeiten, ist für Freiwillige mit sozial-religiösen Motiven demnach signifikant geringer und für solche mit Selbstwert- und Kompensationsmotiven signifikant höher als für die beiden anderen Gruppen[1].

Das sozial-religiöse und das Selbstwert- und Kompensationscluster sind folglich die beiden einzigen Cluster, die die Wahrscheinlichkeit, sich in einer bestimmten Organisation freiwillig zu engagieren, statistisch relevant beeinflussen. Werden die beiden zweckorientierten Organisationen unterschiedlicher religiöser Ausrichtung miteinander verglichen, ist die Effektstärke nur auf einem 6,1 %Niveau signifikant. Sozial-religiöse Motive erhöhen die Wahrscheinlichkeit, in türkisch-islamischen Vereinen freiwillig tätig zu sein, also mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von p = 0,061 um den Faktor 2,35 im Vergleich dazu, in christlichen Vereinen freiwillig zu arbeiten (nicht gezeigt).

Das Einführen von sozidemographischen Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Haushaltstyp und Erwerbsstatus sowie Merkmale des Humankapitals wie Einkommen, Bildungsabschluss Migrationshintergrund und des kulturellen Kapitals wie Konfession ergeben das sogenannte Gesamtmodell (Tabelle A 38), dass die aufgeklärte Varianz auf R² = 0,50 erhöht. Der Chi²-Test der Devianz ist nicht signifikant. Es kann also von einer guten Modellanpassung gesprochen werden, was auch der Likelihood-Ratio-Test mit x² = 261,3*** bestätigt. Doch zeigt der Likelihood-Quotient-Test, dass einige der Variablen nicht notwendigerweise in der Analyse verbleiben müssen (Tabelle A 39). Um ein besseres, nicht überspezifiziertes Modell zu erhalten, wurden die Variablen, die nur wenig zur Trennung der drei Gruppen beitragen, aus dem Gesamtmodell entfernt und das sogenannte „optimale Modell“ berechnet (Tabelle 43). Dieses optimale Modell, ohne die Merkmale Geschlecht, Haushaltseinkommen, Bildung und Erwerbstätigkeit, zeigt nur eine kaum geringere aufgeklärte Varianz von R² = 0,49, einen signifikanten Wert für den Likelihood-Ratio-Test (x² = 249,7***) und keine signifikante Devianz (x² = 531,5 n.s.). Der Schwellenwert für eine überzufällige Klassifikation liegt in der vorliegenden Analyse bei 58,7 %. Die Klassifikationsmatrix zeigt jedoch einen Prozentwert von 69,9 %, was über dem Schwellen-wert liegt und somit die Trefferquote der logistischen Regression einer zufälligen Zuordnung deutlich überlegen ist (Tabelle A 40). Die Güte- und Anpassungskriterien sind damit als gut einzustufen.

Die Wahrscheinlichkeit, in zweckorientiert christlichen Vereinen freiwillig zu arbeiten, ist, unter Kontrolle anderer Merkmale, nach wie vor signifikant durch die sozial-religiösen Motive beeinflusst (b = 1,07**), wenn auch etwas geringer als in Modell 1. Konfessions-zugehörigkeit hat, wie zu erwarten war, einen hochsignifikanten Einfluss darauf, einer christlichen Organisation anzugehören (b = 1,76***). Der Migrationshintergrund ist nicht signifikant, ebenso wenig wie das Alter und der Haushaltstyp. Die Wahrscheinlichkeit, in türkischislamischen zweckorientierten Vereinen freiwillig zu arbeiten, ist unter Kontrolle der genannten Merkmale nicht von den Motiven beeinflusst. Vielmehr sind der Migrationshintergrund (b = -3,02) und die Konfessionszugehörigkeit (b = 3,61***) die relevanten Merkmale für die Zugehörigkeit zu türkischislamischen Vereinen. Das bedeutet, dass die türkisch-islamischen Migranten sich nicht unabhängig von ihrem Glauben in den religiösen Vereinen organisieren, sondern die Religion zusätzlich zu ihrer Herkunft eine wichtige Rolle für das Engagement spielt. Es lässt sich zwar erahnen, dass damit auch religiöse Motive einhergehen, doch sind diese hier – wie beschrieben – nicht von statistischer Relevanz. Die Varianz der Motive ist aufgrund der geringen Anzahl an Befragten, die außerdem ausschließlich den türkisch-islamischen Vereinen angehören, zu gering.

Berechnungen ohne die Merkmale Migrationshintergrund und Religionszugehörigkeit, die für die Freiwilligen türkisch-islamischer Vereine kaum variieren, zeigen, dass sich die Motive zwischen den Freiwilligen türkisch-islamischer und den anderen beiden Organisationsformen unterscheiden (nicht gezeigt). So tragen pseudo-altruistische Motive im Vergleich zu Selbstwert- und Kompensationsmotiven signifikant zur freiwilligen Tätigkeit in zweckorientiert christlichen (b = 1,17*) statt türkisch-islamischen Vereinen bei und sozial-religiöse Motive (b = -1,30*) verringern signifikant die Wahrscheinlichkeit, in solidarischen statt türkisch-islamischen Vereinen freiwillig zu arbeiten. Weiterhin hat das Alter einen signifikanten Einfluss auf die Zugehörigkeit zu türkisch-islamischen Vereinen. Mit dem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit in türkisch-islamischen Vereinen tätig zu sein, im Vergleich zu solidarischen Vereinen. Wird die Zugehörigkeit zu zweckorientiert christlichen Vereinen als Referenzgruppe gewählt und erneut eine multinomiale logistische Regression mit den Merkmalen des optimalen Modells berechnet, zeigen sich weiterhin Unterschiede zu den türkischislamischen Vereinen (nicht gezeigt). Doch tragen ausschließlich soziodemogra-phische Merkmale zur Trennung der beiden Gruppen bei. Allein der Haushaltstyp, der Migrationshintergrund und das Alter der Freiwilligen unterscheiden sich signifikant zwischen Freiwilligen christlicher und türkisch-islamischer Organisationen (nicht gezeigt): Ein fortgeschrittenes Alter (b = 0,09***), Kinder zu haben, verheiratet zu sein oder einen Partner zu haben (b = 1,54**) und deutscher Herkunft zu sein (b = 3,24***) trägt signifikant zur Wahrscheinlichkeit bei, freiwillig in christlichen Organisationen zu arbeiten. Die Interpretation der Ergebnisse im nächsten Kapitel nimmt Rückschlüsse auf die Hypothesen und die vorgestellten theoretischen Überlegungen der Kapitel 6 bis Kapitel 6.3.2 vor.

Tabelle 43: Multinomiale logistische Regression der Zugehörigkeit zu einer der drei Organisationen

  • [1] Im Vergleich zu den Freiwilligen türkisch-islamischer Organisationen b = -1,99***, im Vergleich zu zweckorientiert christlichen Organisationen b = -1,13*** (Berechnungen aufgrund der Redundanz nicht gezeigt)
 
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