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8.6.2 Unterschiedliche Motive der Freiwilligen solidarischer und zweckorientiert christlicher und türkisch-islamischer Organisationen

Die Hypothese H1 besagt, dass sich die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer und zweckorientierter Organisationen unterscheidet. Tabelle 35 zeigt die genannten Motive unterteilt nach den Freiwilligen der drei verschiedenen Organisationsformen. Die am häufigsten genannten Motive der Freiwilligen solidarischer Einrichtungen sind, dass sie ihre Tätigkeit für wichtig halten und der Hilfebedarf bei der Zielgruppe oder Einrichtung besteht (27,8 %). Gefolgt wird dies von Motiven, dass sie die Gesellschaft verbessern wollen und eine Verantwortung verspüren, sich als Bürger zu engagieren (23,9 %), dass sie die sozialen Kontakte und den Umgang mit den Menschen (21,6 %) schätzen, Menschen helfen wollen (20,5 %), Spaß an der Arbeit (18,8 %) haben und aufgrund der eigenen privilegierten Stellung etwas zurückgeben möchten (17,0 %).

Bei den Freiwilligen der zweckorientiert christlichen Einrichtungen ist die Reihenfolge der häufigsten Nennungen von Motiven eine andere. Menschen helfen (26,1 %) steht bei den Freiwilligen christlicher Einrichtungen an erster Stelle vor etwas aufgrund der eigenen privilegierten Stellung zurückgeben zu wollen (25,2 %) und Spaß an der Arbeit (22,3 %) zu haben. Dass es sich um eine wichtige Arbeit handelt und der Bedarf besteht, nennen 21,4 %, die positiven sozialen Kontakte 21,4 % und die Bürgerverantwortung, die Gesellschaft zu verbessern 20,2 %.

Tabelle 35: Motive freiwilliger Arbeit (Frage 10) der Freiwilligen unterschiedlicher Organisationsformen, in %

Solidarisch N (max.) = 176, zweckorientiert christlich N (max.) = 337, zweckorientiert türkischislamisch N (max.) = 85. Nur „trifft zu“ angegeben. Motive, die in allen Gruppen unter 5,0 % ausmachen, nicht dargestellt.

Tabelle 36: Motive freiwilliger Arbeit (Frage 11) der Freiwilligen unterschiedlicher Organisationsformen, in %

Motive

Solidarisch

Zwecko. christlich

Zwecko. türkischislamisch

Chi²-Test/ Cramers V

Bedarf besteht/ Wichtige Arbeit

Identifikation mit Zielgruppe/

30,7

26,7

24,3

19,0

22,4

7,1

x²=3,1/ CV=0,07 n.s.

x²=14,2/ CV=0,15***

Organisation

Kompetenz nutzen und wei-

23,3

22,0

4,7

x²=14,5/ CV=0,16***

tergeben

Menschen helfen/ Hoffnung,

19,3

27,0

30,6

x²=5,1/ CV=0,09 n.s.

Zuwendung geben

Spaß bei der Arbeit/ Ziel-

17,6

24,0

17,6

x²=3,6/ CV=0,08 n.s.

gruppe

Arbeitsreferenz/ Erfahrung

11,9

9,5

8,2

x²=1,1/ CV=0,04 n.s.

sammeln/ Weiterentwickeln Interesse an Arbeit

10,2

11,6

4,7

x²=3,5/ CV=0,08 n.s.

Wurde gefragt

6,8

7,4

3,5

x²=1,7/ CV=0,05 n.s.

Schon lange tätig

6,8

8,3

2,4

x²=3,7/ CV=0,08 n.s.

Mit Engagierten zusammen

6,3

7,7

3,5

x²=2,0/ CV=0,06 n.s.

Pragmatische Gründe

6,3

6,5

3,5

x²=1,1/ CV=0,04 n.s.

Soziale Kontakte

6,3

10,1

7,1

x²=2,5/ CV=0,06 n.s.

Etwas zurückbekommen

6,3

6,8

8,2

x²=0,4/ CV=0,02 n.s.

Beitrag Gesellschaft Politik

5,7

8,3

14,1

x²=5,3/ CV=0,09 n.s.

Zurückgeben/ selbst privilegiert

Zufall

5,7

5,1

11,0

9,5

14,1

0,0

x²=5,7/ CV=0,10 n.s.

x²=10,8/ CV=0,13**

Ausgleich/ Erfüllung

5,1

11,3

12,9

x²=6,2/ CV=0,10*

Organisation/ Kultur erhalten

3,4

5,0

7,1

x²=1,7/ CV=0,05 n.s.

Religiöse Gründe

0,6

19,9

30,6

x²=49,1/ CV=0,29***

Solidarisch N (max.) = 176, zweckorientiert christlich N (max.) = 337, zweckorientiert türkischislamisch N (max.) = 85. Nur „trifft zu“ angegeben. Motive, die in allen Gruppen unter 5,0 % ausmachen, nicht dargestellt.

Damit sind die ersten sechs Motive der Freiwilligen solidarischer und zweckorientiert christlicher Organisationen identisch, wenn sie auch unterschiedlich häufig genannt werden. Bei den Freiwilligen der solidarischen Einrichtungen folgt an siebter Stelle mit 14,2 % das Motiv, den Tag strukturieren zu wollen, weil im Rentenalter oder im Alltag viel Zeit zur Verfügung steht. Kompetenzen nutzen und weitergeben (13,1 %) folgt an achter Stelle. Auch bei den Freiwilligen der christlichen Einrichtungen steht die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten einzusetzen (11,9 %) an achter Stelle. Doch werden mit 12,5 % religiöse Motive genannt, die bei den Freiwilligen solidarischer Einrichtungen (2,8 %) so gut wie keine Rolle spielen. Bei den Freiwilligen der zweckorientiert türkischislamischen Organisationen unterscheidet sich die Häufigkeit der Nennungen der Motive von den anderen Freiwilligen. Während die Bürgerverantwortung und die Gesellschaft zu verbessern (29,4 %) auch bei den anderen Freiwilligen sehr häufig genannt wird, werden die religiösen Gründe mit ebenfalls 29,4 % unter den islamischen Freiwilligen mit Abstand am häufigsten genannt.

Mit 27,1 % ist Menschen helfen zu wollen wie bei den anderen Freiwilligen unter den meistgenannten Motiven, gefolgt von der Erfüllung und dem guten Gefühl (25,9 %), dass die freiwillige Tätigkeit vermittelt. 21,2 % nennen, dass ihr Engagement eine wichtige Arbeit ist und der Bedarf besteht, 12,9 % erwähnen den Spaß an der Arbeit. Kompetenzen nutzen und weitergeben (11,8 %) sowie die sozialen Kontakte (9,4 %) folgen an siebter und achter Stelle.

Statistisch relevante Unterschiede der Häufigkeitsauszählungen getrennt nach Organisationsformen werden bei acht Motiven deutlich. Reziprozitätsgedanken drücken sich im Motiv „Zurückgeben/ selbst privilegiert“ aus. Während 25,2 % der Freiwilligen zweckorientiert christlicher Organisationen angeben, aufgrund der eigenen privilegierten Stellen freiwillig zu arbeiten und damit etwas zurückgeben wollen, sind es bei den Freiwilligen solidarischer (17,0 %) und zweckorientiert türkisch-islamischer Einrichtungen (8,2 %) deutlich weniger (x² = 13,8/ CV = 0,15***).

Die Strukturierung des Tages und der freien Zeit, die vor allem Personen haben, die in Rente sind, bildet ebenfalls einen Unterschied zwischen den Freiwilligen der unterschiedlichen Einrichtungen (x² = 10,5/ CV = 0,13**). Während unter solidarischen (14,2 %) und zweckorientiert christlichen (11,3 %) Freiwilligen viele Ältere sind, die sich im Rentenalter engagieren, spielt dieses Motiv für die wesentlich jüngeren Freiwilligen der türkisch-islamischen Organisationen (1,2 %) keine Rolle. Ähnlich verhält es sich mit dem Motiv „Ausgleich/ Fit bleiben“ (x² = 6,9/ CV = 0,11*). Auch dieses Motiv nennen eher die Freiwilligen solidarischer (12,5 %) und zweckorientiert christlicher (9,8 %) als die Freiwilligen türkisch-islamsicher Organisationen (2,4 %).

Ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben wie die Zielgruppe und sich daher in Form von freiwilliger Arbeit einbringen zu wollen, wird von den Freiwilligen solidarischer Einrichtungen mit 6,8 % etwas häufiger genannt als von den anderen beiden Gruppen (christlich = 2,7 % und türkisch-islamisch = 1,2 %) (x² = 7,4/ CV = 0,11*). Insgesamt ist das Motiv aber nicht unter den am häufigs-ten genannten Motiven und kann aufgrund der geringen Fallzahlen nicht adäquat interpretiert werden.

Erfüllung zu erlangen und ein gutes Gefühl zu haben, wird signifikant häufiger von den Freiwilligen der türkisch-islamischen Einrichtungen (25,9 %) genannt, als von den anderen Freiwilligen (solidarisch = 5,7 %, christlich = 11,0 %) (x² = 23,2/ CV = 0,20***). Es könnte also sein, dass gottgefälliges Handeln ein gutes Gefühl bei den Freiwilligen erzeugt. Weiterhin sind die Angaben hinsichtlich der religiöse Gründe zwischen den Freiwilligengruppen signifikant unterschiedlich (x² = 38,3/ CV = 0,25***).

Tabelle 36 zeigt die auf Frage 11 genannten Motive der Freiwilligen solidarischer und zweckorientierter Organisationen. Die Freiwilligen soli-darischer Organisationen geben am häufigsten an, dass der Bedarf bei der Zielgruppe oder der Einrichtung besteht und die Arbeit dementsprechend wichtig ist (30,7 %). Es folgen die Motive, sich mit der Zielgruppe oder der Organisation zu identifizieren (26,7 %), die Kompetenzen zu besitzen, die Tätigkeit auszuüben (23,3 %), Menschen helfen zu wollen und Hoffnung und Zuwendung geben zu wollen (19,3 %). Es folgen Spaß bei der Arbeit und mit der Zielgruppe haben (17,6 %), Arbeitsreferenzen und Erfahrungen sammeln und sich insgesamt weiterentwickeln (11,9 %), die Arbeit interessant finden (10,2 %) und gefragt worden zu sein und deshalb mitzumachen (6,8 %). Mit den Motiven der Identifikation mit der Zielgruppe, die vorhandenen Kompetenzen, Arbeitsreferenzen und das Interesse an der Arbeit sowie gefragt worden zu sein, nennen die Freiwilligen solidarischer Einrichtungen Gründe, die in der Frage 10 nicht zu den meistgenannten Motiven gehören.

Die Freiwilligen der christlich zweckorientierten Einrichtungen nennen wie bei Frage 10 am häufigsten das Motiv Menschen helfen zu wollen (27,0 %). Es folgt der bestehende Bedarf (24,3 %), Spaß bei der Arbeit und Freunde am Umgang mit der Zielgruppe (24,0 %), dass die Kompetenzen vorhanden sind (22,0 %), religiöse Gründe (19,9 %), die Identifikation mit Zielgruppe oder Organisation (19,0 %), das Interesse an der Arbeit (11,6 %) und der Ausgleich und die Erfüllung, die die Arbeit bietet (11,3 %). Die vorhandenen Kompetenzen, die Identifikation mit der Zielgruppe sowie das Interesse an der Arbeit und der Ausgleich sind Motive, die im Rahmen der Frage 10 weniger häufig genannt wurden.

Menschen zu helfen, ihnen Hoffnung und Zuwendung zu geben (30,6 %) und religiöse Gründe (30,6 %) sind bei den Freiwilligen der türkisch-islamischen Einrichtungen wie auch bei Frage 10 unter den meistgenannten Motiven. Dass die Arbeit wichtig ist und der Bedarf bei der Zielgruppe oder bei den Einrichtungen besteht (22,4 %), steht an dritter Stelle. Es folgen der Spaß bei der Arbeit und mit der Zielgruppe (17,6 %), einen gesellschaftlichen und politischen Beitrag zu leisten (14,1 %), privilegiert zu sein und daher etwas zurückgeben zu wollen (14,1 %), einen Ausgleich und Erfüllung zu finden (12,9 %), Arbeitsreferenzen und Erfahrung zu sammeln sowie etwas zurückzubekommen (jeweils 8,2 %).

Fünf Motive werden signifikant unterschiedlich häufig genannt. Während die Freiwilligen der zweckorientierten Einrichtungen häufiger angeben, dass sie die freiwillige Tätigkeit erfüllt und einen Ausgleich schafft, ist dieses Motiv für Freiwillige solidarischer Einrichtungen seltener relevant (x² = 6,2/ CV = 0,10*). Ähnlich verhält es sich mit den religiösen Gründen (x² = 49,1/ CV = 0,29***). Wie zu erwarten war, ist dieser Unterschied am deutlichsten. Die Identifikation mit der Zielgruppe oder Organisation dagegen ist signifikant häufiger von den Freiwilligen solidarischer Einrichtungen genannt worden (x² = 14,2/ CV = 0,15***). Der Unterschied zu den Freiwilligen zweckorientiert türkischislamischer Einrichtungen ist jedoch noch deutlicher als zu jenen christlicher Einrichtungen. Freiwillig zu arbeiten, weil man über die Kompetenz verfügt, wird von den Freiwilligen islamischer Einrichtungen signifikant seltener genannt als von den beiden anderen Gruppen (x² = 14,5/ CV = 0,16***). Einige Freiwillige geben an, dass es Zufall ist (x² = 10,8/ CV = 0,13**), dass sie gerade mit jener Zielgruppe zusammen arbeiten. Zwar werden auch hier unterschiedliche Häufigkeiten festgestellt, doch kann der Zufall nicht als Motiv gewertet werden, da er rein unwillkürliche Situationen beschreibt.

Wie in Kapitel 6.3.2 dargestellt, wird vermutet, dass der kulturelle Bereich, der Kontakt zu Personen der eigenen Herkunft und auch das Sprechen der Muttersprache sowie das Bewahren von Traditionen und Bräuchen wichtige Motive Freiwilliger zweckorientiert türkisch-islamischer Organisationen sind. Auch die Interessen der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe zu vertreten, wurde in der vorliegenden Literatur als wichtig für Freiwillige in Migrantenvereinen beschrieben (Carabain und Bekkers 2011, S. 3). Da dieses Motiv „Organisation/ Kultur erhalten“ nicht zu den am häufigsten genannten Motiven der vorliegenden Untersuchung zählt und insgesamt nur 28-Mal genannt wurde, ist es nicht separat in die Auswertungen eingegangen, sondern in der Kategorie „Anderes“ der Frage 11 in Kapitel 8.6 mit anderen selten genannten Motiven zusammengefasst worden. Es soll dennoch im Folgenden aufgrund der vorliegenden Themenstellung näher betrachtet werden.

Insgesamt nennen 7,1 % der Freiwilligen türkisch-islamischer Einrichtungen, 4,6 % christlicher und 3,5 % solidarischer Einrichtungen dieses Motiv. Bei der erstgenannten Gruppe liegt das Motiv damit auf dem zehnten Platz der meistgenannten Motive. Die Freiwilligen der zweckorientiert türkisch-islamischen Ein-richtungen machen Aussagen wie „Ich bin in einer Glaubensgemeinschaft, da ich selbst den Glauben habe und nicht will, dass er verloren geht“ (Befragter-ID 650, Freiwilliger im religiösen und kulturellen Bereich einer alevitischen Einrichtung), oder „Ich bin Mitglied der Gemeinde. In der Mehrheitsgesellschaft besteht die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Werte/ Gewohnheiten verloren gehen. Dagegen möchte ich meinen Beitrag leisten. Ich möchte auch den Menschen in Deutschland, sowie in der Türkei durch mein Engagement helfen“ (BefragterID 378, Freiwilliger im religiösen und kulturellen Bereich sowie in der Jugendarbeit einer alevitischen Einrichtung) oder „Ich versuche den jüngeren Menschen den Islam näher zu bringen, da der Islam von vielen falsch verstanden wird. Das heißt ich versuche gegen islamischen Terror und sonstige islamische Konflikte zu arbeiten“ (Befragter-ID 795, Freiwilliger im Bereich Sport, Kultur und Religion einer sunnitischen Einrichtung). Es zeigt sich also, dass nur wenige Befragte türkisch-islamischer Vereine die von Carabain und Bekkers (2011, S. 3) beschriebenen Gründe für ihr Engagement angeben. Andere Motive sind also wesentlich wichtiger.

 
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