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6.4.3 Das Erklärungsmodell der Motive freiwilliger Arbeit

Im Folgenden soll überprüft werden, ob das Modell zur Erklärung freiwilliger Arbeit von Wilson und Musick (1997, S. 705) auch für die Erklärung der unterschiedlichen Motivstrukturen zutreffend ist. Abbildung 2 zeigt das Erklärungsmodell der Motivstruktur Freiwilliger in solidarischen und zweckorientierten Organisationen nach dem Vorbild des Modells von Wilson und Musick (1997, S. 705).

Die Ergebnisse der im Forschungsstand präsentierten Studien zu den Motiven freiwilliger Arbeit legen nahe, dass die von Wilson und Musick (1997) beschriebenen exogenen und endogenen Faktoren auch auf die Motive freiwilliger Arbeit wirken. So scheinen Jüngere häufiger durch den Wunsch motiviert zu sein, sich zu qualifizieren und weiterzubilden, seltener durch altruistische Gründe oder durch ihre Wertvorstellungen (Gleich 2008, S. 141 f.; Schüll 2004, S. 220). Ältere dagegen nennen häufiger religiöse Motive (ebd.). Frauen nennen häufiger altruistische Motive als Männer, aber seltener persönliche Wertvorstellungen (Wallraff 2010, S. 135).

Es wurden ferner Hinweise auf den Einfluss der endogenen Faktoren herausgearbeitet. Freiwillige mit hohem sozioökonomischem Status engagieren sich z.B. häufiger aufgrund ihrer Dankbarkeit für ihre privilegierte Stellung, was für den Einfluss von Humankapital auf die Motive spricht (Kapitel 5.3). Weiterhin nennen Personen, die hinsichtlich ihres Erwerbsstatus nicht zufrieden sind, in Rente sind oder keinen Beruf ausüben, vor allem Motive sozialer Anerkennung, die Strukturierung ihres Tagesablaufs sowie andere kompensatorische Motive. Hochgebildete nennen häufiger Motive wie das Erreichen persönlich wichtiger Ziele und das Erlernen von Kenntnissen und Fähigkeiten (Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a, S. 117).

Für den Einfluss des Sozialkapitals auf Motive spricht, dass die Familientradition häufig als Grund für die freiwillige Arbeit angegeben wird (Bekkers 2007; Nadai 1999, S. 177 ff.; Süßlin 2008, S. 31) sowie einsame und alleinstehende Personen häufiger das Motiv nennen, soziale Kontakte knüpfen zu wollen (Gaskin et al. 1996, S. 84; Paulwitz 1996, S. 251; Steinfort 2010, S. 214). Verheiratete oder solche, die mit ihrem Partner zusammenleben, sind weniger oft durch die sozialen Beziehungen als durch andere Beweggründe motiviert (Wallraff 2010, S. 135).

Für die in der vorliegenden Arbeit relevanten türkischen Migranten in Deutschland ist davon auszugehen, dass sie hinsichtlich des Sozialkapitals benachteiligt sind. Die Begründung für die geringere Ausstattung mit Sozialkapital, die Wilson und Musick (Wilson und Musick 1997, S. 697) für die Afroamerikaner in ihrer Studie liefern, reicht jedoch für die vorliegende Analyse nicht aus und ist außerdem nur schwierig auf Migranten in Deutschland zu übertragen[1]. Daher wird hier Granovetters (1973) Erläuterung zu starken und schwachen Beziehungen herangezogen.

Türkischen Migranten in Deutschland haben kleinere Netzwerke, also weniger soziale Beziehungen, die vor allem aus Verwandten bestehen und häufig durch intraethnische Kontakte geprägt sind (Blasius et al. 2008, S. 96; Gestring et al. 2006, S. 53; Janßen und Polat 2006, S. 52 f.). Zudem haben türkische Migranten in Deutschland im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund einen durchschnittlich niedrigeren sozioökonomischen Status, was dazu führt, dass die intraethnischen Kontakte häufiger aus Beziehungen zu ebenfalls sozial Benachteiligen bestehen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013, S. 97, 118). Zwar sind diese Beziehungen verlässlich, weil es sich bei diesen um dauerhafte Austauschbeziehungen handelt, doch verfügen die Tauschpartner über weniger Ressourcen, die sie für die Austauschprozesse einsetzen können, weil es sich um die beschriebenen starken Bindungen zwischen Perso-nen handelt, die sich ähneln (Granovetter 1973, S. 1362). Die Netzwerkpersonen leisten z.B. finanzielle Hilfe, emotionale Unter-stützung, sie geben Informationen weiter, unterstützen sich in verschiedenen Lebenslagen und helfen dabei, den Status zu sichern (Granovetter 1973; Greenbaum 1982; Friedkin 1982; Lin 1999, S. 18 f., 29; Liu und Duff 1972).

Granovetter (1973, S. 1361 ff.) unterscheidet „strong ties“ und „weak ties“ und unterteilt das Sozialkapital damit in eng verbundenes, wenig nach außen orientiertes („bonding“) und brückenbildendes („bridging“) Sozialkapital. Unter strong ties versteht er starke und enge Beziehungen, die sich aus dauerhaften, reziproken, intimen und intensiven Sozialkontakten zusammensetzen (Granovetter 1973, S. 1361):

The strength of a tie is a (probably linear) combination of the amount of time, the emotional intensity, the intimacy (mutual confiding), and the reciprocal services which characterize the tie”.

Weak ties, oder auch schwache Beziehungen, sind weniger eng verbundene Beziehungen zu Bekannten oder auch Personen, die man meist nicht persönlich, aber über andere Sozialkontakte erreichen kann (ebd., S. 1363). Zur Erklärung dieser schwachen Beziehungen verwendet er das Bild einer Brücke, ohne die eine Verbindung zwischen sonst nur über Umwege und großem zeitlichen Aufwand zu erreichenden Orten geschaffen wird (ebd., S. 1365). Daher wird auch von „bridging capital“ gesprochen. So können Ressourcen wie z.B. Informationen über große räumliche Distanzen zu verschiedensten Gruppen weitergetragen werden (Coleman et al. 1957; Rogers 1995). Granovetter (1973, S. 1371 f.) konnte zeigen, dass für die Jobsuche weak ties ausgesprochen nützlich sein können, da sie ihre Netzwerkpersonen über Stellenangebote informieren und sie Kontakte an Dritte weitervermitteln und -empfehlen.

Aufgrund der Freiwilligen türkisch-islamischer Organisationen im Sample werden in das Modell zusätzlich die Merkmale Migrationshintergrund, Integration und intraethnische Kontakte mit aufgenommen. Die Diskussion, dass das Engagement in Migrantenvereinen nicht zur Integration beiträgt (Halm und Sauer 2007, S. 10; Schiffauer 2004, S. 92), kann zwar in der vorliegenden Arbeit nicht geklärt werden, doch sollen Indikatoren zu den Deutschkenntnissen und Integration zunächst aufgenommen werden, um zu überprüfen, ob und welchen Einfluss diese Merkmale auf die Motive nehmen, sich zu engagieren. Die intraethnische Kontakte werden einbezogen, um zu überprüfen, ob diese engen Beziehungen zu Personen derselben Herkunft die Motive beeinflussen.

Darüber hinaus wird der Einfluss weiterer Werteinstellung untersucht, der bereits in Studien von Klages und Kollegen (1998, S. 190) oder Wallraff (2010, S.135) vermutet wurde. Sie stehen für das kulturelle Kapital. Für den Einfluss des kulturellen Kapitals in Form von Religionszugehörigkeit und Religiosität spre-chen die Befunde, der diversen Studien zum Thema freiwillige Arbeit und Religion (u.a. Braun et al. 1987; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a; Gleich 2008; Heinze und Keupp 1997; Mock 1992, S. 21; Nadai 1999; Wilson und Janoski 1995, S. 138). Sie zeigen, dass Personen, die sich in Kirchen und Religionsgemeinschaften engagieren, deutlich stärker durch Gemeinwohlorientierung und Nächstenliebe motiviert sind als andere (ebd.). Das folgende Kapitel 6.5 beleuchtet das Thema Religion, Religiosität und freiwillige Arbeit genauer.

Abbildung 2: Erklärungsmodell der Motivstruktur Freiwilliger in solidarischen und zweckorientierten Organisationen

Eigene Darstellung auf Grundlage von Wilson und Musick (1997, S. 705).

  • [1] Afroamerikaner in den USA sind keine Migranten, weshalb für türkische Migranten in Deutschland weitere theoretische Überlegungen notwendig sind
 
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