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6.4.2 Das Erklärungsmodell freiwilliger Arbeit

Abbildung 1 zeigt das Erklärungsmodell freiwilliger Arbeit nach Wilson und Musick (1997, S. 705). Die Autoren unterscheiden „exogene“ und „endogene“ Faktoren. Exogene Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Ethnie[1] sind unveränderliche Merkmale der Person (Wilson und Musick 1997, S. 697). Die Überprüfung ihres theoretischen Modells[2] ergab, dass die exogenen Faktoren freiwillige Arbeit direkt beeinflussen: z.B. zeigten Ältere, Frauen und Schwarze weniger freiwilliges Engagement als Jüngere, Männer und Weiße (Abbildung 1, grauer Pfeil).

Auch der Forschungsstand der vorliegenden Arbeit konnte zeigen, dass die exogenen Faktoren mit freiwilliger Arbeit in Beziehung stehen: Frauen sind eher in sozialen Einrichtungen tätig, Männer häufig in Fußballvereinen, Frauen wird eher zugeschrieben, mitfühlend zu sein und daher freiwillig zu arbeiten, Männer bekleiden häufiger Ehrenämter als Frauen und vieles mehr (Kapitel 5.1.2). Hinsichtlich des Alters konnte zum einen der kurvilineare Alterseffekt gezeigt werden und auch unterschiedliche Engagementbereiche (Kapitel 5.1.2 und 5.1.4). Für Personen mit islamischem und Migrationshintergrund konnten unterschiedliche Beteiligungsraten an freiwilliger Arbeit ausgemacht werden und auch hinsichtlich der Zugangsbarrieren unterscheiden sie sich von Freiwilligen ohne Migrations- und christlichem Hintergrund (Kapitel 5.2.1).

Doch bedingen exogene Faktoren auch andere intervenierende endogene Faktoren wie die Kapitalausstattung (Abbildung 1, schwarze Pfeile) (Wilson und Musick 1997, S. 697): Das Alter hat einen indirekten Effekt auf freiwillige Arbeit, weil Ältere ein niedrigeres Bildungsniveau haben[3] und weniger minderjährige Kinder im Haushalt leben. Frauen haben ebenfalls etwas niedrigere Bildungsabschlüsse, haben ein geringeres Einkommen, häufiger Kinder, mehr soziale Kontakte, gehen häufiger zur Kirche, glauben eher an Gott und beten häufiger. Sie zeigen stärkere Zustimmung zu Werten der Nächstenliebe (ebd.). Der Indikator „race“, gemessen durch die Hautfarbe, zeigt ausschließlich indirekte Effekte über die endogenen Faktoren. Trotz des vermeintlich „höheren kulturel- len Kapitals“ aufgrund ihrer höheren Religiosität und mehr Sozialkapital aufgrund einer höheren Kinderanzahl zeigten Afroamerikaner insgesamt weniger soziale Beziehungen und einen niedrigeren sozioökonomischen Status als weiße Amerikaner und waren daher seltener freiwillig tätig[4] (Iannaccone 1990, S. 299 f.; Park und Smith 2000, S. 273; Wilson und Musick 1997, S. 707).

Abbildung 1: Erklärungsmodell freiwilliger Arbeit

Die meisten Studien zu freiwilliger Arbeit weisen darauf hin, dass das soziale Netzwerk in engem Zusammenhang mit Engagement steht. Einige der dargestellten Studien zu Motiven freiwilliger Arbeit konnten zeigen, dass Freiwillige durch den Kontakt zu anderen zu ihrem Engagement gekommen sind (Kapitel 5.3.1, Smith 1994: 253). So gehen auch Wilson und Musick (1997, S. 699, 708) davon aus, dass Personen umso häufiger gefragt werden, ob sie sich engagieren möchten, desto mehr Freunde sie in ihr Netzwerk integrieren. Ein wichtiger Aspekt des sozialen Kapitals ist die Anzahl der Kinder im Haushalt. Es wird argumentiert, dass die (institutionalisierte) Beteiligung von Kindern an sozialen Aktivitäten, wie Kindertagestätten, Sportvereinen oder Schulen, dazu führt, dass die Eltern häufiger gebeten werden zu helfen. Da dies den eigenen Kindern zugutekommt, wird dies selten abgelehnt (Smith 1994:250; Wilson und Musick 1997, S. 699). Wilson und Musick (1997, S. 708) stellten ebenfalls fest, dass soziales Kapital in enger positiver Beziehung zu freiwilliger Arbeit steht und sowohl die Häufigkeit privater sozialer Kontakte als auch die Anzahl der Kinder im Haushalt freiwillige Arbeit begünstigen (ebd.).

Die im Forschungsstand dargestellten angloamerikanischen Studien konnten zeigen, dass religiöse Personen häufiger freiwillig tätig sind (Kapitel 5.2). Wenn eine religiöse Sozialisation in der Familie stattfand, sind Personen ebenfalls eher freiwillig tätig als Personen ohne religiöse Sozialisation. Der wichtigste Indikator ist allerdings die Kirchgangshäufigkeit. Wenn Personen häufig Gottesdienste besuchen, sind sie eher freiwillig tätig, vor allem in den religiösen Gemeinden. Gottesglaube zeigte sich auch in den Studien zu Motiven freiwilliger Arbeit als relevanter Beweggrund, sich zu engagieren (Kapitel 5.3).

Wilson und Musick (1997, S. 700) verwenden Kirchgangshäufigkeit und die Häufigkeit zu beten sowie Nächstenliebe[5] als Konstrukt des kulturellen Kapitals. Sie weisen nach, dass kulturelles Kapital in Form von Beten und dem Besuch von Gottesdiensten stark positive Effekte auf freiwillige Arbeit hat (ebd., S. 709). Dabei hat die „Handlungsebene“ (Kirchgang) der Religiosität größeren Einfluss als die rein moralische Komponente, wie die Zustimmung zu religiösen Werten wie die Wichtigkeit von Nächstenliebe. Es zeigt sich, dass Religiosität keinen Effekt z.B. auf informelle Hilfe hat. Daher folgern sie:

More religious people are no more likely to offer help than are the less religious. Religiosity does, however, increase the likelihood that help will be provided through 'institutional' channels“ (Wilson und Musick 1997, S. 710).

Allerdings zeigen Frauen größere Zustimmung zur Nächstenliebe, was sie mit immer noch bestehenden Differenzen der Geschlechterrollen erklären (ebd.). Die stärkere Religiosität von Afroamerikanern führe jedoch nicht zu mehr freiwilliger Arbeit. Die Autoren vermuten, dass dies daran liegt, dass ihre schlechtere Ausstattung mit Humankapital (mehr bonding capital) dazu führt, dass sie seltener gefragt werden, ob sie mithelfen wollen (ebd.).

Wilson und Musick (2001, S. 695) gingen zunächst davon aus, dass Humankapital in Form des sozioökonomischen Status den größten Effekt auf freiwillige Arbeit hat. Höhergebildete haben mehr soziale Kontakte, allerdings weniger Kinder als Niedriggebildete. Da weniger Kinder jedoch auch weniger freiwillige Arbeit bedeutet, gingen sie davon aus, dass der indirekte Effekt der Bildung die Wahrscheinlichkeit, freiwillig tätig zu sein, reduziert. Der Effekt des sozioökonomischen Status sollte mit häufigeren Gottesdienstbesuchen, aber selteneren Gebeten einhergehen.

Das Humankapital erwies tatsächlich starke direkte Effekte auf freiwillige Arbeit. Weiterhin konnte ein negativer Effekt auf Religiosität, gemessen durch Beten und Kirchgangshäufigkeit, festgestellt werden, und auch Werte der Nächstenliebe waren unter Statushöheren nicht häufiger verbreitet. Die moralische Komponente des kulturellen Kapitals geht also nicht unweigerlich mit der Bildung einher (ebd., S. 710). Die Autoren vermuten, dass Statushöhere eher Werten der Selbstverantwortlichkeit zustimmen oder dem Staat die Verantwortung für soziale Arbeit zuschreiben.

  • [1] Wilson und Musick (1997) verwenden den Begriff „race“ und befassen sich mit der afroamerikanischen Bevölkerung. In der vorliegenden Untersuchung wird der Begriff durch „Ethnie“ ersetzt und befasst sich mit Personen mit Migrationshintergrund
  • [2] In das Erklärungsmodell wurde auch das informelle Helfen aufgenommen, dessen Ergebnisse in der vorliegenden Arbeit nicht referiert werden. Informelle Hilfe ist für die vorliegende Arbeit nicht relevant, da diese ausschließlich freiwillige Arbeit in Organisationen betrachtet
  • [3] Kohorteneffekt
  • [4] Die Autoren vermuten jedoch, dass die niedrigeren Werte für freiwillige Arbeit weniger dem niedrigen sozioökonomischen Status geschuldet sind, sondern vielmehr einer zynischen Haltung gegenüber Werten der Reziprozität. Schwarze sind sich nicht sicher, ob sie von freiwilliger Arbeit in ähnlicher Weise profitieren können wie Weiße (ebd., S. 708)
  • [5] Die Nächstenliebe wird durch die vierstufige Zustimmung auf die Frage „Life is not worth living if one cannot contribute to the well-being of other people” operationalisiert (Wilson und Musick 1997, S. 703)
 
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