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6.3.1 Anreize in den drei Organisationstypen

In Abgrenzung zu den beiden für die vorliegende Arbeit relevanten Organisationstypen wird zunächst der utilitaristische Organisationstyp vorgestellt. Zu utilitaristischen Organisationen zählen alle Wirtschaftsunternehmen (Clark und Wilson 1961, S. 138). Ihr Ziel ist es, durch den Verkauf von Gütern Gewinne zu erzielen. Wirtschaftsunternehmen erhalten sich durch finanzielle Mittel und binden ihre Mitarbeiter gleichfalls vor allem durch monetäre Anreize an sich. Die Mitarbeiter leisten die Arbeit, die die Unternehmen von ihnen fordern und die vertraglich vereinbart wurden. Die Wertebasen solcher Organisationen spielen für Mitarbeiter nur eine untergeordnete Rolle und sie erwarten ihrerseits kein Interesse der Organisation an ihren persönlichen Überzeugungen (ebd., S. 139). Im Gegenteil wird von den heutigen Unternehmen sogar erwartet, dass bei Einstellungen von Mitarbeitern das Geschlecht, das Alter, die politische Einstellung, die Herkunft, der religiöser Hintergrund u.v.m. keine Rolle spielen dürfen (Bundesministeriums der Justiz 2009). Hinsichtlich ihrer Ziele und Aktivitäten sind diese Organisationen flexibel und müssen sich meist nur dann um den Verlust ihrer Mitarbeiter sorgen, wenn deren Bezahlung ausbleibt. Freiwillige Arbeit wird jedoch in den seltensten Fällen in utilitaristischen Unternehmen ausgeübt, daher wurden diese nur der Vollständigkeit halber vorgestellt. Die vorliegende Arbeit richtet sich auf die beiden nachfolgenden Organisationstypen.

Zu den solidarischen Organisationen zählen z.B. Wohlfahrtsverbände, Schulen, Universitäten, soziale Einrichtungen oder Bürgerinitiativen und Vereine aller Art (Clark und Wilson 1961, S. 141). Sie haben andere – oder zumindest zusätzlich andere – Ziele als Gewinne zu machen, z.B. die Vermittlung von Bildung, politisches oder soziales Engagement. Vereine, die z.B. auf Freizeitaktivitäten ausgerichtet sind, „bezahlen“ ihre Mitglieder anders als die Wirtschaftsunternehmen nicht mit Geld, sondern u.a. mit dem Spaß bei der Tätigkeit und der sozialen Gemeinschaft, die vor allem durch eine regelmäßige Teilnahme erzeugt wird (Clark und Wilson 1961, S. 141). Materielle Anreize können daher nicht oder nur in selten Fällen in die Entscheidung, sich in einer solidarischen Organisation freiwillig zu engagieren, einfließen[1]. Folglich sind die nicht greifbaren Anreize, wie das Angebot an Aktivitäten, Ziele und Wertbasen, für die Organisationen wie die Freiwilligen besonders wichtig.

Formulieren solidarische Organisationen ihre Ziele und Leitbilder klar, kommunizieren sie damit potentiellen Mitarbeitern die Möglichkeit durch ihre Tätigkeit, eigene Interessen vertreten zu können, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen und gemeinschaftlich an den geteilten Zielen arbeiten zu können. Prestigeträchtige oder interessante Aktivitäten vergrößern den Anreiz durch die Möglichkeit für die Freiwilligen, etwas zu lernen, Erfahrungen zu sammeln, Anerkennung, Bestätigung, Lob und Bewunderung zu erhalten (Clark und Wilson 1961, S. 142; Nadai 1999, S. 71). Die Selbstdarstellung und Sicherstellung ihres „guten Rufs“ und attraktiver Engagementmöglichkeiten machen deshalb einen großen Teil der Aktivitäten solidarischer Organisationen aus. Exklusivität steigert ebenfalls die Anreize. Wenn solidarische Einrichtungen bestimmte Aufnahmekriterien haben, wie z.B. der Rotary Club einen hohen beruflichen und gesellschaftlichen Status, wird die Mitgliedschaft zum kostbaren Gut. Wenn also nur bestimmte Personengruppen exklusiven Zutritt zu den solidarischen Organisationen haben, erhöht dies die Bewertung des Anreizes, also den Wert des knappen zu erwerbenden Gutes und damit den erwarteten Nutzen (ebd.). Große solidarische Organisationen wie z.B. das Rote Kreuz, in dem jeder eine Mitgliedschaft erhalten kann, müssen ihre Anreize daher eher durch vielfältige und interessante Tätigkeitsangebote steigern. Die Abhängigkeit des Vereins von Mitgliedern und Freiwilligen ist dadurch größer als bei utilitaristischen Organisationen und sie müssen flexibel auf deren Wünsche reagieren.

Aber auch die geringere Profitorientierung solidarischer Organisationen macht diese von ihren freiwilligen Mitarbeitern in größerem Maße abhängig, da sie sich ohne Freiwillige nicht erhalten könnten. Daher werden Organisationsziele und Arbeitsbereiche häufiger an den Interessen der Mitarbeiter ausgerichtet und verändert (Clark und Wilson 1961, S. 144). Diese Abhängigkeit wird durch fehlende finanzielle Ressourcen verstärkt.

Aber auch die Bindung der Freiwilligen an die solidarischen Organisationen ist enger als zwischen Arbeitnehmern und Wirtschaftsunternehmen. Der Grund sind die vielfältigen Anreize, die sich in den Organisationszielen, dem Prestige, den Tätigkeitsangeboten, sozialen Kontakten und Leitbildern manifestieren und nicht (fast) ausschließlich in materiellen Anreizen (ebd., S. 145). So betreffen die Anreize verschiedene Lebensbereiche der Freiwilligen wie u.a. Freizeitgestaltung, Weiterbildung und die sozialen Kontakte.

Zu den zweckorientierten oder ideologischen[2] Organisationen zählen Wohlfahrtsverbände, gemeinnützige Vereine und soziale Einrichtungen. Sie haben viele Gemeinsamkeiten mit den solidarischen Organisationen, unterscheiden sich aber durch eine ausgeprägte ideologische oder religiöse Wertebasis (ebd., S. 146). Ebenso wenig wie für solidarische Organisationen zählt Geld (allein) als Anreiz. Vielmehr stellen ihre ideologischen Grundsätze und die Wertebasen selbst die Anreize dar. Wie solidarische bieten die zweckorientierten Organisationen z.B. einen Status und Platz in einer Gemeinschaft, die Gelegenheiten des Zusammentreffens, die Teilnahme an Gruppenangeboten und Aktivitäten, aber auch die Sozialisation der Kinder in einem z.B. religiösen Umfeld (ebd.).

Das gottgefällige Handeln und dessen Vorteile für Gläubige ist der zusätzliche Nutzen, den die Freiwilligen aus der Beteiligung an den religiösen Organisationen ziehen. Stark und Bainbridge (1987, S. 43) argumentieren, dass religiöse Organisationen reale Belohnungen, aber auch Kompensatoren anbieten, wobei mit Kompensatoren symbolische statt materielle Belohnungen gemeint sind. Zu den kompensatorischen Anreizen zählen die religiöse Lehre, die eine Erleichterung im Ertragen der alltäglichen Belastungen bietet, die Leitung und Führung gibt und nach dem Tode das Leben im Paradies in Aussicht stellt, außerdem die religiöse Erfahrung, als Erleichterung, Wegweiser oder Vision, das Gebet als Bitten um göttliche Hilfe, Führung und Trost sowie Partikularismus, der einer Person das Gefühl von Halt und Geborgenheit durch Gott in der Welt gibt (ebd.).

Die Freiwilligen arbeiten in der Organisation, weil sie deren Wertebasis teilen und gemeinsame Ziele erreichen möchten (Clark und Wilson 1961, S. 145). Diese gemeinsamen Ziele, die z.B. eine gewisse Lebensweise oder Veränderung der Gesellschaft umfassen können, binden die Mitglieder an die Organisationen und sind für diese von großer emotionaler Bedeutung, weil sie über die Akzeptanz und Ausgestaltung gesellschaftlicher Normen und Werte entscheiden. Daher können innerhalb der Gruppen starke Auseinandersetzungen über die Ziele entstehen. Gleichzeitig grenzen sich die Mitglieder zweckorientierter Organisationen nach außen stark von anderen Gruppen ab, was eine gewisse Exklusivität bietet. Nur wenn Personen sich zu den ideologischen Leitlinien der Organisation bekennen, können sie auch Mitglied dieser Organisation sein. Das kann z.B. durch das Annehmen einer Konfession und damit verbundenen Aufnahmeriten wie z.B. der christlichen Taufe erfolgen. Religiöse Wohlfahrtsverbände wie die Caritas und Diakonie z.B. sind solche zweckorientierten Organisationen, die ihre Mitglieder und Mitarbeiter hinsichtlich ihres Glaubensbekenntnisses im Gegensatz zu den utilitaristischen Organisationen sogar auswählen dürfen (Bundesministeriums der Justiz 2009; Friedrichs und Klöckner 21.01.09b).

Häufig gehört zu den Organisationszielen zweckgerichteter Einrichtungen auch, neue Mitglieder und freiwillige Helfer zu gewinnen, um die Macht oder das Prestige der Organisation und damit auch die Chance zu steigern, ihre Interessen zu erreichen (Clark und Wilson 1961, S. 146). Ein klassisches Beispiel ist das Missionieren der Kirchen. In ihrem Angebot sind zweckorientierte Organisationen weniger flexibel und können sich weniger nach den Wünschen ihrer Mitarbeiter richten, da sie stark an die ihnen zugrundeliegenden Ideologien und Offenbarungen gebunden sind. Daher müssen sie eher potentielle Mitglieder oder Interessierte überzeugen als dass sie die Angebote variieren können (ebd., S. 147). Folglich sind die Freiwilligen solcher Organisationen sich hinsichtlich ihrer Wertvor-stellungen ähnlicher als Freiwillige anderer Einrichtungen. Darüber hinaus bietet auch hier die Gemeinschaft von Personen mit gleichen Normen und Werten einen Anreiz.

Aber auch die Arbeit an sich ist ein Anreiz den christliche Organisationen bieten. Nach Weber (1975, S. 45, 59,117) schafft z.B. das protestantische Weltbild einen Anreiz zu arbeiten, da die mit diesem Weltbild verbundene Askese[3] und die damit einhergehenden Pflichtgefühle und Verzichtsgedanken mit beruf-lichem Erfolg befriedigt werden können (Winkler 1988, S. 53). Zeitvergeudung gilt als Sünde und die Arbeit als „von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens“ (Weber 1975, S. 168 f.). Dabei werden aber die individuellen Vorteile, die die Arbeit bietet, nicht abgewertet, denn die Verbindung von Erfüllung religiöser Pflichten und Eigennutzen schließen sich nicht aus (ebd.). Zwar hat die Arbeit einen Gemeinzweck, indem sie Güter für das Kollektiv produziert, individueller Gewinn aus der Arbeit ist jedoch nicht ausgeschlossen, sofern er nicht in Sünde endet oder anderen schadet (ebd., S. 172). Durch Arbeit erlangter Reichtum und Besitz sind Zeichen für den beruflichen Erfolg und gottgefälliges Handeln (ebd.). Es wird davon ausgegangen, dass das protestantische Weltbild sich auf alle Lebensbereiche über die Arbeit hinaus übertragen lässt, auch auf freiwilliges Engagement (Winkler 1988, S. 57 f.).

  • [1] Es können aber monetäre Kosten entstehen, die in die Abwägung, sich zu engagieren, einfließen können
  • [2] Im Folgenden synonym verwendet
  • [3]Die geistlichen Träger“ dieser Askese sind nach Weber (1975, S. 115) der Calvinismus, der Pietismus, der Methodismus und „aus der täuferischen Bewegung hervorgewachsene[n] Sekten
 
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