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6.2 Freiwillige Arbeit als rationales Handeln

Mildtätigkeit, zu der nach Becker (1982, S. 287, 291) auch freiwillige Arbeit zählt, ist auf den ersten Blick wenig nutzenmaximierend. Sie ist definiert als

Zuwendung an Zeit oder Marktgütern für nichtverwandte Personen oder Organisationen“ (ebd., S. 307). Ähnlich dem motivationspsychologischen Konzept (Kapitel 5.3), geht Becker (1982, S. 307) davon aus, dass vor allem in „synthetischen Familien“ Mildtätigkeit erfolgt, d.h. freiwillig Ressourcen an deren Mitglieder übertragen werden, was auf dem Ziel der Nutzenmaximierung der Gruppe als ein erstrebenswertes Gut beruht (ebd., S. 295, 306, Heckhausen 1989, S. 281; Hoof 2010, S. 41). Synthetische Familien sind Gruppen Gleichgesinnter, z.B. religiöse Gemeinden, Selbsthilfegruppen, Fußballvereine und vieles mehr.

In natürlichen Familien ist die Ressourcenübertragung durch z.B. Zuneigung zu den Familienmitgliedern, aber auch durch das Bestreben, die eigene Familie zu erhalten und damit die eigene Absicherung motiviert (Becker 1982, S. 307). Die Kosten für die Ressourcenübertragung sind gering, weil eine Investition in Familienmitglieder gleichzeitig auch eine Investition in eigene erstrebenswerte Güter darstellt (ebd., S. 296). Die Ressourcen bleiben so sprichwörtlich „in der Familie“, da ihre Mitglieder in einer Kosten-Nutzen-Gemeinschaft leben und gemeinsam ein Interesse an der Nutzenmaximierung der Familie haben. Daher ist die Ressourcenverteilung innerhalb der Gemeinschaft belanglos, die Kosten und Nutzen zur Gütergewinnung gleichen sich aus und ergänzen sich (ebd., S. 298). Würde sich der Ressourcenbeitrag eines Familienmitglieds z.B. durch eine Notsituation verringern, würde dies einer Nutzenreduktion der Familie gleichkommen. Die anderen Mitglieder sorgen aber für einen Ausgleich, indem sie ihre Beiträge steigern und so den Gemeinschaftsnutzen auf das Niveau vor der Notsituation zurückführen und so von ihrem Ressourceneinsatz profitieren. Es besteht also eine familieninterne Versicherung für Notsituationen. Der Eigennutzen des Ausstiegs aus diesem System (Defektieren) jedes einzelnen Mitglieds muss je-doch immer niedriger sein als der Gemeinnutzen der Kosten-NutzenGemeinschaft, damit die Mitglieder weiterhin in die Gemeinschaft investieren (ebd., S. 300). Die Zuneigung zu den Familienmitgliedern sorgt jedoch dafür, dass die Wahrscheinlichkeit des Defektierens geringer ist als in Kosten-NutzenAbwägungen, die sich nicht auf die eigene Familie beziehen (ebd.).

Freiwillige Tätigkeit im Sinne der vorliegenden Arbeit ist nicht wie in der Familie auf bestimmte Personen bezogen, sondern auf Fremde (Cnaan et al. 1996, S. 371). Diese Tatsache impliziert zwei Aspekte: Zum einen leuchtet ein, dass die Kosten, Fremden zu helfen, viel höher sind als die, der Familie zu helfen, da eine familiale Zuneigung fehlt und kein verlässlicher Gemeinschaftsnutzen erzeugt wird. Also muss diese Form der Mildtätigkeit durch andere Nutzen als einen gemeinschaftlichen ergänzt werden (Becker 1982, S. 316). Folglich spielen für freiwillige Arbeit im Sinne der vorliegenden Definition andere Motive eine Rolle als für die Hilfe innerhalb der Familie.

Zum anderen wollen die Freiwilligen versuchen, ihre Kosten so gering wie möglich zu halten, weil die Ressourcenverteilung außerhalb von Familien individuell unterschiedlich und daher nicht belanglos ist. Die freiwillige Arbeit findet nicht innerhalb einer verlässlichen Kosten-Nutzen-Gemeinschaft statt. Die Gefahr, dass die eingebrachten Mittel und Ressourcen den Nutzen übersteigen, ist viel größer als in der Familie, in der gewissermaßen das Verhältnis einer Zugewinngemeinschaft herrscht. Daher ist der Grenznutzen eher. Um die Kosten des Engagements jedoch gering zu halten, engagieren sich Freiwillige vornehmlich in den beschriebenen synthetischen Familien (ebd., S. 307). Die synthetischen Familien, die in der vorliegenden Arbeit betrachtet werden, sind die gemeinnützigen Vereine mit und ohne religiösen Hintergrund.

Es handelt sich ebenfalls um eine Investition in die eigene Gruppe und damit Absicherung der eigenen synthetischen Familie und letztlich sich selbst. Die Kosten werden als geringer empfunden, da bei einem Beitrag zur eigenen Gruppe der erwartete Nutzen höher erscheint. Es besteht eine Interessengemeinschaft, den Nutzen der Gruppe durch die Produktion von kollektiven Gütern zu maximieren. Die Mitglieder der synthetischen Familien stellen also ebenfalls eine Kosten-Nutzen-Gemeinschaft dar – wenn auch eine nicht ganz so verlässliche wie die der natürlichen Familien (ebd.).

Eine wichtige Frage ist jene nach dem Nutzen freiwilliger Arbeit. Verschiedene Autoren vertreten die These, dass Personen nur dann zur Erstellung von Kollektivgütern beitragen, wenn ihre Kosten durch höhere erwartete Nutzen aufgewogen werden (Becker 1982, S. 4; Olson 1968; Smith 1981; Wilson 2000, S. 222). Folglich ist freiwillige Arbeit nicht altruistisch, sondern erbringt auch immer ein gewisser Eigennutzen, sei es rein psychischer Natur, wie zumindest ein gutes Gefühl zu haben (Smith 1981, S. 23, 24).

Volunteers (…) are human beings, engaging in unpaid, uncoerced activities for various kinds of tangible and intangible incentives, with psychic or intangible incentives being especially important” (Smith 1981, S. 33).

In den vorgestellten Studien sind Motive eine teils diffuse Umschreibungen des höchst subjektiven, erwarteten Nutzens, der für Außenstehende oft nicht leicht zu erkennen ist (Becker 1982, S. 6; Nadai 1999, S. 213; Smith 1981, S. 33). Der erwartete Nutzen ist jener, der durch die Produktion bestimmter Güter wie Anerkennung, Kompetenzen, Beziehungen, Gefühlszustände und vieles mehr, abzüglich des eingebrachten Einsatzes (Kosten), erzielt werden kann (Becker 1982, S. 6; Smith 1981, S. 31; Wilson und Musick 1997, S. 695). Es kann hier nur von erwartetem Nutzen gesprochen werden, weil der Transfer des Nutzens, also ob und wie der Nutzen tatsächlich durch die freiwillige Arbeit erworben werden kann, nicht überprüft werden kann[1] (Nadai 1999, S. 219; Smith 1981, S. 31). Der Wert des Gutes ergibt sich aus der persönlichen Situation, den Präferenzen der Personen, der Zusammensetzung vorhandener Ressourcen und verschiedensten struktureller Restriktionen und Bedingungen (Nadai 1999, S. 130). Um den Nutzen zu steigern, treffen Personen die Entscheidungen, von denen sie sich am meisten versprechen (Becker 1982, S. 286). Freiwillige Arbeit wäre demzufolge also eine Aktivität, um erstrebenswerte Güter zu produzieren (Wilson und Musick 2000, S. 141).

Diese Güter sind knapp, also nicht für jeden im Überfluss vorhanden, was einen Wettstreit um diese mit sich bringt (Becker 1982, S. 3). So ist z.B. eine neue Arbeitsstelle ein knappes Gut, deren Erhalt durch nachgewiesene Erfahrungen und Kenntnisse wahrscheinlicher wird. Solche Kenntnisse können z.B. im Rahmen einer freiwilligen Tätigkeit erworben werden. In Bezug auf das angestrebte Gut des Sammelns von Berufserfahrung zeigt sich, dass die zunächst unlogische, da vermeintlich nur Kosten hervorrufende freiwillige Arbeit tatsächlich auch mit einem Nutzen für den Freiwilligen einhergeht.

Freiwillige Arbeit ist also ein Teil der Kosten, die erbracht werden könnten, um die Chance auf eine Arbeitsstelle zu erhöhen. Genauer betrachtet, handelt es sich bei diesen Kosten z.B. um die Aneignung von bestimmten Fertigkeiten, die für die Arbeit notwendig sind, oder auch die Auseinandersetzung mit Klienten und Kollegen, aber auch Fahrtkosten zum Arbeitsort und den Verzicht auf Frei-zeit. Zwar ist die genaue Berechnung von Kosten und Nutzen in der vorliegenden Arbeit nicht von Bedeutung, doch verdeutlicht das Konzept Beckers (1982,

S. 167), dass auch am Gemeinwohl orientierte Tätigkeiten wie freiwillige Arbeit durchaus dem Streben nach bestimmten Gütern unterliegen, also es bestimmte Motive gibt, freiwillig zu arbeiten.

Als strukturelle Bedingungen werden die Gegebenheiten bezeichnet, denen Freiwillige im Rahmen der Organisationen und Vereine unterliegen. Becker (1982, S. 4) bezieht diese aber vor allem auf die Opportunitätsstrukturen, die auf dem Markt herrschen und die die Person nicht beeinflussen kann: Arbeitslosenquoten, das vorhandene Angebot an Tätigkeiten und Bereichen, in denen Freiwillige benötigt werden, die Anzahl der Bewerber auf die Tätigkeiten, die Anzahl vorhandener Vereine und vieles mehr. Diese Faktoren wirken sich wiederum darauf aus, wie viel und in welcher Form Berufserfahrung gesammelt werden kann, aber auch mit wie vielen Kosten die Aneignung des Gutes verbunden ist. Die Kosten und strukturelle Bedingungen (Märkte) beeinflussen die Aneignung und Zuteilung des knappen Gutes, was den Wunsch nach ihrem Besitz und das entsprechende Handeln beeinflusst (ebd.).

Die Mittel und Ressourcen, die zum Erreichen der Güter eingesetzt werden können, sind ebenfalls begrenzt und in unterschiedlichem Maße vorhanden. Freiwillige haben z.B. unterschiedliche Zeitbudgets oder auch Fertigkeiten, die sie in die Arbeit einbringen können. Auch die Kosten können sowohl materieller (z.B. Geld) als auch nicht-materieller Natur sein (z.B. Zeit). Der der zeitliche Aufwand, der für „eine Einheit“ des gewünschten Gutes aufgebracht werden muss, wird z.B. als sog. Schattenpreis bezeichnet (ebd., S. 5). Die unterschiedlichen Ressourcen sind ebenfalls Bedingungen der Umwelt unterworfen. Andere äußere Gegebenheiten kann die Person durch ihr Verhalten beeinflussen, was aber ebenfalls Anstrengungen bedarf (mehr dazu ebd., S. 286). Deviantes Verhalten wird z.B. vom Umfeld negativ sanktioniert, konformes Verhalten nicht. Die Person kann also durch entsprechendes Verhalten Sanktionen vermeiden oder hervorrufen.

Weiterhin sind die Kosten und Nutzen unterschiedlicher Güter nicht unabhängig voneinander, sondern stehen in Beziehung zueinander oder konkurrieren sogar. So stehen reine Freizeitaktivitäten wie z.B. Fußballspielen oder Lesen durchaus in Konkurrenz zu freiwilligen Tätigkeiten, zum einen was den Zeitaufwand, zum anderen was die Präferenzen angeht (ebd., S. 9, 286) Zwar verkürzt das freiwillige Arbeiten die zur Verfügung stehende Freizeit (erstrebenswertes Gut), die ihrerseits von Personen im Allgemeinen möglichst maximiert werden will, allerdings nimmt der Freiwillige die Verkürzung in Kauf. Deutlich wird an diesem Beispiel, dass die Kosten-Nutzen-Abwägung durchaus unlogisch oder irrational erscheinen kann. Denn es leuchtet zunächst nicht ein, wieso es rational erstrebenswert sein soll, die Freizeit unbezahlt zu verkürzen und durch Stress und Arbeitsbelastungen zu ersetzen. Doch ist die Kosten-Nutzen-Abwägung von allen möglichen individuell zur Disposition stehenden Faktoren wie Ressourcen, Informationen, Überlegungen, Charaktereigenschaften, psychischen Komponenten und Emotionen abhängig sowie von strukturellen Bedingungen, Situationen und anderen Personen mit ihren Bedürfnissen. Rational daran ist die subjektive Nutzenmaximierung, die allen Abwägungen gemein ist (ebd., S. 167). In Bezug auf die freiwillige Arbeit kann dies zwar zunächst Stress und Arbeitsbelastungen sowie wenig Freizeit bedeuten, die aber geringer bewertet werden als das Gut Berufserfahrung, das die Chance auf die neue Arbeitsstelle erhöht.

Doch auch bei der freiwilligen Arbeit gilt, je größter die Anforderungen an die Freiwilligen sind, z.B. hoher zeitlicher Aufwand oder schwierige Aufgaben, desto größer muss der Nutzen sein, den die Freiwilligen von ihrer Arbeit haben (Olson 1968; Smith 1981, S. 32).

The greater the demands placed on volunteers (e.g., in terms of responsibility or time commitment), the greater the selective incentives need to be in order to attract and retain high quality volunteers“ (Smith 1981, S. 32).

Die Überlegungen sind hinsichtlich der Vermeidung der Überschreitung des Grenznutzens nur logisch (Marshall 1997 [1922], S. 93). Sind die Kosten wie

z.B. der zeitliche Aufwand höher als der erwartete Nutzen der Berufserfahrung, den sich die Person von der Tätigkeit versprochen hat, entscheidet sie sich gegen den Erwerb des Gutes, Berufserfahrung zu sammeln. Die Grenzkosten übersteigen den Grenznutzen.

Auch auf dem Markt der gemeinnützigen Organisationen besteht ein Wettbewerb, vor allem dann, wenn viele Anbieter eines Gutes existieren. Der Wettbewerb sorgt dafür, dass sich die Anbieter an den Wünschen der Nachfrager orientieren und die Angebote spezifiziert werden. Die Personen können durch die durch Wettbewerb entstehenden spezifischeren Angebote eher ihre Präferenzen befriedigen. Sie können sich den Anbieter aussuchen, der den Nutzen voraussichtlich am besten maximiert. So wird eine Person, die durch ihre freiwillige Tätigkeit Berufserfahrung im medizinischen Bereich sammeln möchte, auch eher Tätigkeiten z.B. bei Rettungsdiensten oder im pflegerischen Bereich übernehmen. In ihrer Literatur-übersicht zu dem Nutzen freiwilliger Arbeit führen Wilson und Musick (2000, S. 143 ff.) viele Beispiele dafür an, dass Freiwillige sich die Art der Tätigkeit entsprechend ihren Wünschen und Bedürfnissen aussuchen. So berichten sie darüber, dass Personen mit Interesse an Kommunalpolitik vielfältige Aktivitäten in der Nachbarschaft organisieren, durch diese Tätigkeiten relevante Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben, mit anderen gemeinwohl- orientierten Personen in Kontakt kommen und so ihre Chance auf politische aktive Teilhabe steigern (Wilson und Musick 2000, S. 143 ff.). Und auch der deutsche Forschungsstand konnte zeigen, dass politisch Interessierte seltener in Vereinen tätig sind, die explizit politisch neutral ausgerichtet sind (siehe Kapitel 5.3.1, Schüll 2004). Das folgende Kapitel 6.3 richtet sich auf die gemeinnützigen Organisationen, in denen Personen sich freiwillig betätigen können, und die verschiedene Anreize anbieten, um Freiwillige zu attrahieren.

  • [1] Es müsste eine quasi-experimentelle Situation vorliegen, um zu überprüfen, welche Veränderungen sich während freiwilliger Arbeit einstellen und welche tatsächlich auf diese erworbenen Güter zurückgeführt werden können (Nadai 1999, S. 219)
 
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