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6.1 Rationales Handeln

Um Beckers (1982) Theorie der ökonomischen Erklärung menschlichen Handelns zu verstehen, müssen vorab relevante Grundbegriffe erläutert werden: Eine zentrale Stellung nimmt dabei der Markt ein. Ein Markt ist ein „Ort“, an dem Personen zusammentreffen, die Güter tauschen möchten (Markt der Güter) (Freiling und Reckenfelderbäumer 2010, S. 91). Wobei der Begriff des Ortes weniger als physische oder räumliche Beschreibung eines Platzes zu verstehen ist, sondern vielmehr als Plattform für den Tausch von Gütern, der zu unterschiedlichen Gelegenheiten, Zeitpunkten und Orten stattfinden kann, durch persönlichen Kontakt oder auch virtuell, z.B. beim Onlinehandel oder auch im Supermarkt (Beck 2011, S. 35; Freiling und Reckenfelderbäumer 2010, S. 91).

Auf dem Markt treffen sich Anbieter und Nachfrager. Die Anbieter verkaufen Güter verschiedenster Art. Das Angebot sind dementsprechend die Güter, die von den Anbietern zu einem bestimmten Preis verkauft werden (Stiglitz und Walsh 2010, S. 75). Die Nachfrager haben sowohl den Wunsch als auch die Möglichkeit, diese Güter zu erwerben. Die Möglichkeiten sind ihr Kapital, das sie für den Erwerb der Güter einsetzen können, z.B. Geld (Beck 2011, S. 35). Dieses Kapital ist in der Regel beschränkt (ebd., S. 37). Die Nachfrage ist die

Menge an Gütern, die Käufer auf Märkten erwerben wollen“ (Beck 2011, S. 37). Der Markt der Güter informiert über die Möglichkeiten des Tauschs, er bietet die Plattform, Regeln und Vereinbarungen für den Tausch festzuhalten und schließlich ist er der Ort, an dem die Tauschgeschäfte geschlossen werden (Freiling und Reckenfelderbäumer 2010, S. 94).

Der Markt wird weiterhin durch den Preis beeinflusst, also den „Tauschwert eines Gutes“, was den Kosten, die aufgewendet werden müssen, um das Gut oder Einheiten des Gutes zu erwerben, entspricht (Beck 2011, S. 37). Der Preis orientiert sich an dem Angebot und der Nachfrage. Die Anbieter möchten möglichst hohe Preise erzielen, um die eigenen (Produktions-) Kosten zu decken und selber einen Nutzen, z.B. einen monetären Gewinn, vom Tauschgeschäft zu haben. Je höher der Preis ist, desto höher ist also zunächst das Angebot der Anbieter, da diese einen höchstmöglichen Gewinn erzielen möchten (ebd., S. 45 f.). Kosten umfassen die Mittel und Ressourcen und Anstrengungen aller Art, die zum Erreichen der Güter eingesetzt werden (ebd.).

Je „teurer“ das Gut ist, desto kleiner ist jedoch die Nachfrage, weil damit die Anzahl derjenigen sinkt, die genügend Mittel und Ressourcen besitzen oder einsetzen wollen, die für den Erwerb des Gutes benötig warden[1](Beck 2011, S. 37, 54; Becker 1982, S. 4). Die Nachfrage ist also i.d.R. von den Mitteln und Ressourcen der Nachfrager abhängig. An dem Punkt, an dem ein Nachfrager nicht mehr investiert, um das Gut zu erwerben, ist der individuelle Grenznutzen überschritten (Beck 2011, S. 43; Marshall 1997 [1922], S. 93). Dieser Grenznutzen kann dadurch erreicht sein, dass der Nachfrager bereits eine ausreichende Menge des Gutes erworben hat und eine zusätzliche Einheit keinen weiteren Nutzen erbringt (Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen). Dem Nachfrager ist das Gut also nicht (mehr) so viel wert, wie der Preis, den er bezahlen müsste, um es zu erwerben. Je höher der Grenznutzen eines Gutes ist, also je mehr eine Person Einheiten des Gutes erwerben kann ohne, dass die Kosten den Nutzen übersteigen, „desto mehr ist ein Konsument bereit zu zahlen“ (Beck 2011, S. 44).

Damit ein Tauschgeschäft unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Wünsche der Nachfrager und Anbieter stattfinden kann, müssen Angebot und Nachfrage sich aneinander annähern. Der Preis muss unter dem Grenznutzen des Nachfragers bleiben und über den Kosten liegen, die der Anbieter hat (Marktgleichgewicht) (ebd., S. 54)[2].

Nach Becker (1982, S. 286) erfolgt die Abwägung, ob ein Gut erworben wird oder nicht, anhand solcher rationaler Entscheidungen. Diese Entscheidungen orientieren sich an einer „Berechnung“ der Kosten und Nutzen, die der Erwerb des Gutes mit sich bringt. Diese sog. Nutzenfunktion[3] drückt die Nutzenmaximierung als das Ziel menschlichen Handelns mathematisch aus. Dabei unterstellt Becker (1982, S. 6, 286) nicht, dass die Abwägung vollständig bewusst und objektiv abläuft. Im Gegenteil ist die Abwägung höchst selektiv, individuell, wird teils ohne ausreichende Informationen getroffen und zuweilen durchaus unbewusst und emotional. Die Kosten und Nutzen, die dabei in die Berechnungen und damit die Entscheidung eingehen, sind demzufolge der Person, die sie trifft, selbst oft nicht klar. Daher handelt es sich vielmehr um erwartete Kosten und Nutzen, die auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Informationen, Ressourcen und Präferenzen getroffen werden. Die Präferenzen sind dabei in allen Gesellschaften stabil und beziehen sich auf „grundliegende Aspekte des Lebens, wie Gesundheit, Prestige, Sinnesfreude, Wohlwollen, oder Neid[4](ebd., S. 4).

Becker (1982, S. 2) erweitert jedoch den Begriff der Güter, deren Erforschung sich die Ökonomie widmet, um „immaterielle Güter“. Diese immateriellen Güter umfassen für Becker 1982, S. 2) alles, für das oder gegen das sich Personen entscheiden können, sei es z.B. in Bezug auf familiäre Angelegenheiten, den Arbeitsplatz oder die Aufnahme freiwilliger Arbeit. Er überträgt damit die Idee der rationalen Entscheidungen auf alle möglichen Formen des menschlichen Handelns (ebd., S. 3; 1959). Im Folgenden wird rationales Handeln am Beispiel freiwilliger Arbeit dargestellt.

  • [1] Die Erläuterungen beziehen sich auf sog. „normale Güter“. Zu anderen Formen von Gütern siehe Beck (2011, S. 35, 37 ff.)
  • [2] Für eine ausführlichere Betrachtung siehe u.a. Beck (2011), Marshall (1997 [1922], S. 93), Stiglitz und Walsh (2010) oder Freiling und Reckenfelderbäumer (2010)
  • [3] Ui = (Zi,…,Zm); Zj = f ij(xj, tj, Ei, R1j,…, Rrj) mit U = Nutzen; Z = Bedürfnisse; i = Person; x = Mengen verschiedener Marktgüter und Dienstleistungen; ti = Zur Verfügung stehende Zeit der Person; Ei = Ausbildung, Erfahrung und Umwelt; R1j = Eigenschaften anderer Personen, die das Output an Gütern beeinflussen
  • [4] Diese Grundbedürfnisse gehen vornehmlich auf Bentham (2007 [1789]) zurück, der 15 dieser Bedürfnisse beschrieb, die durch Lust und Unlust determiniert sind. Die Personen verhalten sich so, dass diese Präferenzen so gut wie möglich befriedigt werden können und der Einsatz, um sie zu erreichen, möglichst gering gehalten wird (ebd.)
 
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