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5.3.2 Bündelung von Motiven

Einige Autoren der vorliegenden Studien gehen davon aus, dass freiwilliges Arbeiten durch mehr als ein Motiv bestimmt wird, und zwar durch sog. „Motivbündel“ oder „multiple prosocial motives” (Batson und Shaw 1991, S. 119; Cnaan und Goldberg-Glen 1991, S. 274; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002b, S. 113 f.; Gaskin et al. 1996, S. 88; Heinze und Keupp 1997, S. 24; Kühnlein und Böhle 2002, S. 270 ff.). Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Motiven, die aufgrund der häufigen gemeinsamen Nennung zusammengefasst und unter einem gemeinsamen Oberbegriff betrachtet werden.

Kühnlein und Böhle (2002, S. 270 f.) fassen auf Basis ihrer Literaturübersicht fünf Motivbündel zusammen, die sie anhand eines Vergleichs fünf „gesamtdeutscher repräsentativer Studien[1] ermittelten: altruistische, gemeinschaftsbezogene, gestaltungs-orientierte, problemorientierte und entwicklungsbezogene Gründe. Das Motiv Spaß läuft dabei „quer“ zu den anderen Motivbündeln, da es als Grundmotiv nahezu von allen Freiwilligen genannt wird (ebd.). Die Enquete Kommission (2002a, S. 117 ff.) fasst drei Motivbündel zusammen, die ebenfalls auf „vorliegenden[2] Studien basieren. Die Autoren sehen die Verwirklichung einer religiös oder weltanschaulich fundierten Grundüberzeugung, die Bewältigung von Lebenskrisen oder aktuellen Problemlagen und das Erreichen persönlich wichtiger Ziele als Grundmotive freiwilliger Arbeit. Dabei wird das erste Motivbündel als „altruistische Pflichterfüllung des traditionellen Ehrenamts“ gesehen (ebd., S. 118).

Altruismus ist dadurch definiert, dass von der Hilfeleistung ausschließlich die Person profitiert, der geholfen wurde, und nicht der Helfer selbst (Heckhausen 1989, S. 279; Macaulay und Berkowitz 1970, S. 3). Fraglich ist allerdings, ob nicht auch soziale Kontrolle und die erwartete Einhaltung von Normen und Werten der Gesellschaft zu jener Pflichterfüllung beitragen, statt Altruismus. Daher könnte das Motiv Pflichterfüllung auch die Vermeidung von Sanktionen sein. Die Autoren machen dazu keine weiteren Angaben (Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a, S. 117).

Das Erreichen persönlich wichtiger Ziele“ setzt sich zum einen aus dem Wunsch nach Weiterbildung und dem Erlernen von Kenntnissen und Fähigkeiten zusammen, zum anderen wird freiwillige Arbeit als Freizeitgestaltung gesehen (ebd., S. 119). Vor allem für Hochgebildete konnte dieses Motivbündel belegt werden. Das Kompensationsmotiv, das mit der „Bewältigung von Lebenskrisen und aktuellen Problemlagen“ einhergeht, wird häufig von Müttern ohne Erwerbstätigkeit oder Rentnerinnen angegeben. Arbeitslose nutzen freiwillige Arbeit selten als z.B. Wiedereinstieg ins Berufsleben (Düx et al. 2008, S. 40; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a, S. 119; Kopke und Lembcke 2005, S. 113; Winkler 1988, S.

100).

Heinze und Keupp (Heinze und Keupp 1997, S. 24) arbeiteten vier Motivbündel heraus. Das erste Motivbündel ist das traditions- und normengeleitete, dessen Bedeutung jedoch „angesichts pluralisierter Lebensformen und fortschreitender Individualisierung immer weiter“ schrumpfe. Freiwillige, die dieses Motiv nennen, sind von ihrem sozialen Netzwerk zu der Tätigkeit gebracht worden und arbeiten vornehmlich in kulturellen Einrichtungen[3]. Die problemorien-tierte Motivation herrscht bei Personen vor, die sich in Selbsthilfegruppen organisieren oder die versuchen, durch ihre Arbeit Schwierigkeiten oder Unzufriedenheit zu kompensieren (ebd., S. 25). Individualistische Motive bilden alle Beweggründe ab, die auf die freiwillig arbeitende Person selbst bezogen sind. Die Autoren nennen Spaß und Selbstverwirklichung, allerdings kann auch der Erwerb von Kompetenzen und Fertigkeiten hinzugezählt werden. Freiwillige mit gesellschaftsorientierten Motiven wollen mit ihrer Arbeit die Gesellschaft gestalten und verändern. Es ist vorstellbar, dass solche Freiwillige sich häufiger in Vereinen engagieren, die sich mit gesellschaftlichen Problemen und nicht mit Einzelschicksalen befassen (ebd.).

Im Rahmen seiner Befragung von Greenpeace-Mitarbeitern reduzierte Wallraff (2010, S. 114) eine Itembatterie von 22 Fragen zu den Motiven Freiwilliger auf drei Dimensionen. Die erste Dimension umfasste Items, die die Vorteile der Gruppenzugehörigkeit beschrieben. Dazu zählten Anerkennung erhalten, das Gefühl, involviert zu sein, die Akzeptanz der Persönlichkeit, dass die Tätigkeit aufregend ist und Spaß macht. Diese Charakteristika werden von dem Autor kurz als Streben „nach Sozial- und Humankapital“ beschrieben (ebd., S. 116, 193). Die zweite Dimension integrierte Items wie sich für die Natur einsetzen, Verantwortung übernehmen und auch die eigene Übereinstimmung mit den Organisationszielen. Wallraff (2010) nennt diese Dimension altruistisch, doch ist es durchaus zu kritisieren, dass der Einsatz für die genannten Tätigkeiten per se für altruistisch gehalten wird. Es wird nicht eruiert, warum sich z.B. für die Natur eingesetzt wird. Pflichtgefühl und Gewissensberuhigung basieren aber laut des Autors auf den persönlichen Wertvorstellungen und luden auf der dritten Dimension (ebd.).

Die Motive der zweiten und dritten Dimension diskriminieren nach den soziodemographischen Merkmalen der Freiwilligen (ebd., S. 135). Frauen stuften signifikant häufiger als Männer altruistische Motive als besonders relevant ein, dagegen aber seltener persönliche Wertvorstellungen. Freiwillige unter 30 Jahren waren deutlich häufiger durch die sozialen Kontakte und die sich daraus ergebenden Vorteile freiwillig tätig und seltener altruistisch oder durch ihre Wertvorstellungen motiviert (ebd., S. 137). Allerdings hatten auch Personen über 50 Jahre ein deutliches Interesse an sozialen Kontakten. Zusätzlich war diese Altersgruppe aber auch am stärksten „altruistisch“ und aufgrund von Wertvorstellung motiviert. Dieser Befund spricht für die Überlegungen des Strukturwandels freiwilliger Arbeit, der sich demgemäß über Generationen vollziehen würde. Verheiratete oder solche, mit ihrem Partner zusammenlebten, waren weniger oft durch die sozialen Beziehungen als durch andere Beweggründe motiviert (ebd.). Personen, die weniger als vier Stunden in der Woche für ihr freiwilliges Engagement aufwendeten, waren insgesamt weniger stark motiviert. Die dichotom abgefragte Religionszugehörigkeit spielte nur hinsichtlich der dritten Dimension eine Rolle. Personen ohne Konfession waren weniger stark durch Werteinstellungen motiviert als andere (ebd.). Personen mit einem Ehrenamt waren häufiger durch die Vorteile motiviert, die sie sich von ihrer Gruppenzugehörigkeit versprachen, und diese Personen nutzten auch signifikant häufiger Weiterbildungsangebote als andere (ebd., S. 135).

Kolland und Oberbauer (2006, S. 166 f.) fanden im Rahmen einer Faktorenanalyse[4] eine fünfdimensionale Lösung auf Grundlage mündlicher Befragung von 1.000 Bewohnern Wiens zwischen 60-75 Jahren. Dabei luden die Items teils auf unterschiedlichen Faktoren. Sozialer Kontakt und Sinnstiftung luden negativ, gesellschaftliches Verantwortungsgefühl und Selbstsorge[5] positiv auf dem ersten Faktor (ebd.). Freiwillige Arbeit als Freizeitaktivität und monetäre Anreize luden positiv, Mitgefühl für Bedürftige negativ auf dem zweiten Faktor. Ebenfalls negativ lud Mitgefühl mit Bedürftigen auf dem dritten Faktor, während Sinnstiftung und „um etwas Neues zu machen“ positiv auf demselben luden. Verantwortungsgefühl lud wieder negativ auf dem vierten Faktor, soziale Anerkennung positiv. Auf dem fünften Faktor lud (positiv) ausschließlich das Motiv monetäre Anreize.

Die zentralen, nur knapp dargestellten Ergebnisse der Untersuchung sind, dass es zunächst mehrdimensionale Motive freiwilliger Arbeit gibt, die auf verschiedenen Faktoren laden, aber auch solche, die unabhängig von anderen Motiven sind. Bildung hat weiterhin einen Einfluss auf die Motive. Personen mit höherer Bildung haben häufiger altruistische und kompetenzgeleitete Motivbündel, zu denen Wissensvermittlung gehört, aber auch Verantwortung gegenüber dem Staat und der Gesellschaft (ebd., S. 166 f.). Personen mit niedriger Bildung sind häufiger durch das vierte Motivbündel, dem Streben nach sozialer Anerkennung und monetäre Anreize, motiviert. Die Stichprobe der Untersuchung ist jedoch äußerst selektiv, da ausschließlich ältere Personen befragt wurden (ebd.).

In einer qualitativen telefonischen Erhebung der Caritas Köln wurden weiterhin 81 Freiwillige, die in sozialen Diensten und Einrichtungen sowie in den Gemeinden der Pfarreien tätig waren, zu den Motiven ihrer Arbeit befragt (Gleich 2008, S. 116 f.). Gleich (2008, S. 116 f.) erweitert die Idee der Motivbündel von Heinze und Keupp (1997) und entwickelt aufgrund der Analyse der Interviews eine Typologie freiwillig engagierter Personen. Die Freiwilligen des Typs „milieuorientiertes klassisches Ehrenamt“ gehören zu den älteren Personen, sind häufig weiblich und bereits nicht mehr erwerbstätig (Gleich 2008, S. 141 f.). Sie sind meist schon viele Jahre engagiert und ihre Hauptmotive sind altruistisch und stark religiös geprägt. Der Typ „modernisiertes Ehrenamt“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Freiwilligen vornehmlich weiblich, mittleren Alters und berufstätig sind (ebd., S. 148). Sie vereinen altruistische und religiöse Motive sowie den Wunsch, ihre freiwillige Arbeit selbst zu gestalten. Freiwillige, die dem „nichtmilieuorientierten klassischen Ehrenamt“ angehören, sind häufig jünger als die ersten beiden Typen (ebd., S. 154). Ihre freiwillige Arbeit steht zumeist in engem Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit, die oft den Einstieg für ihr freiwilliges Engagement bot. Zwar sind diese Freiwilligen altruistisch motiviert, Religiosität spielt jedoch keine entscheidende Rolle. Der letzte Typ ist das „neue Ehrenamt“ (ebd., S. 161). Der große Teil dieser Befragten ist weiblich, arbeitslos, in Ausbildung oder Hausfrau. Die Rentner machen den kleinsten Teil dieser Gruppe aus. Auch in dieser Gruppe lassen sich altruistische Motive finden, die kombiniert mit dem Wunsch nach sozialen Kontakten, persönlicher Weiterentwicklung und Kompetenzerweiterung angegeben werden (ebd., S. 162). Außerdem ist das Gefühl, gebraucht zu werden, für die Freiwilligen des Typs „neues Ehrenamt“ sehr wichtig (ebd.).

Der Schweizer Freiwilligenmonitor ließ die Befragten vorgegebene Items auf einer 11-stufigen Skala (0 = trifft überhaupt nicht zu, 10 = trifft voll und ganz zu) bewerten (Stadelmann-Steffen 2010, S. 88). Kreuzten die Befragten auf der Skala Werte über acht an, galt das Motiv als relevant. Am häufigsten erreichte das Motiv a) Spaß an der Tätigkeit (83,0 %) Werte über acht, gefolgt von b) mit anderen etwas bewegen (74,0 %), c) Anderen Menschen helfen (67,0 %), d) mit Menschen zusammen kommen (61,0 %), e) eigene Kenntnisse und Erfahrungen erweitern (61,0 %), f) Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten haben (52,0 %), g) das eigene Netzwerk pflegen (38,0 %), h) Anerkennung (25,0 %), i) Glaube (25,0 %) und j) Nutzen für berufliche Laufbahn (14,0 %) (ebd.).

Im Rahmen einer Hauptkomponentenanalyse wurden erlebnisorientierte Motive (a, b, d bis g), subjektive Orientierung (h und j) und Werte und Überzeugungen (c und i) zu Motivbündeln zusammengefasst (ebd., S. 90). Die Erlebnisorientierten arbeiten am häufigsten freiwillig in Freizeit-, Kultur- und Sportvereinen, subjektiv Orientierte in Interessenverbänden, politischen Parteien und im öffentlichen Dienst, und Personen der Gruppe Werte und Überzeugungen mit weitem Abstand am häufigsten in kirchlichen Organisationen, gefolgt von sozialen, karitativen und gemeinnützigen Organisationen[6] (ebd., S. 169). Personen ohne schweizerische Staatsbürgerschaft nannten häufiger Motive subjektiver Orientierung und Werte und Überzeugungen als die Einheimischen (ebd., S. 161).

Nadai (1999, S. 66) arbeitete drei Grundmotive freiwilliger Arbeit heraus: Integration, Kompensation und Gesellschaftsethos. Das Integrationsmotiv wurde hauptsächlich von einsamen oder alleinstehenden Personen genannt, die durch ihre freiwillige Arbeit versuchen, gesellschaftlichen Anschluss zu erhalten. Aber auch Frustrationen im Berufsleben können das Integrationsmotiv zentral werden lassen. Ein weiterer Aspekt des Motivs ist Anerkennung außerhalb der Erwerbsarbeit, nach dem vor allem Rentner oder Hausfrauen/-männer streben (ebd., S. 141). Die Anerkennung wird dadurch gesteigert, dass diese Personen zusätzlich zu ihrer Haus- und Familienarbeit und über das Erwerbsleben hinaus eine anerkannte Leistung erbringen. Weiterhin schaffen die Erwerbslosen so einen strukturierten Tagesablauf, der zudem auch noch öffentlich sichtbar ist (ebd., S. 142). Wichtig ist für diese Gruppe, dass das freiwillige Arbeiten keine anderen Aspekte des Lebens einschränkt (ebd.).

Das Kompensationsmotiv herrschte bei Freiwilligen vor, die ihr Leben grundlegend verändern wollten, weil sie unzufrieden mit ihrem Beruf waren oder sich in Lebenskrisen befanden. Für sie hatte die freiwillige Arbeit höchste Priorität und wurde genutzt, um sich neue Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen (ebd, S. 154). Dabei sollte die freiwillige Arbeit sinnstiftend sein, eigene Ideen berücksichtigen und einen leichten Zugang zu neuen Möglichkeiten der Persönlichkeitsentfaltung bieten. Außerdem sollten, wie der Name des Motivs bereits vermittelt, defizitäre Lebenssituationen und „Statusdefizite“ ausgeglichen werden. Wichtig ist deshalb auch, dass die Tätigkeit einen gewissen Schwierigkeitsgrad besitzt, der mit besonderer Anerkennung belohnt wird oder auch mit einem Ehrenamt verbunden ist. Typischerweise kompensierten weibliche Freiwillige, die z.B. durch eine Familiengründung aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, eine fehlende berufliche Anstellung durch ihr Engagement (ebd.). Dies fanden auch Klages und Gensicke (1998, S. 191) in ihrer Untersuchung des Speyerer Wertesurveys. Ostdeutsche geben häufiger kompensatorische Motive an als Westdeutsche, was sie mit mangelnder Infrastruktur und Freizeitmöglichkeiten in Teilen Ostdeutschlands, höherer Arbeitslosigkeit und höheren Armutsquoten begründen (ebd.).

Das Motiv Gesellschaftsethos hat im Gegensatz zu den anderen Motiven eine Form der Selbstverständlichkeit, die aus einem Bürgerpflichtgedanken heraus resultiert (Nadai 1999, S. 177 ff.). Die Freiwilligen empfinden sich als privilegiert und danken es der Gesellschaft durch ihr Engagement (ebd., S. 180). Oft wurde die freiwillige Arbeit aus Tradition z.B. der Familie fortgeführt (ebd., vgl. Bekkers 2007).

Schüll (2004, S. 195) fragte nach den Motiven freiwilliger Arbeit im Rahmen einer Liste von 34 Items, denen die Befragen auf einer sechsstufigen Skala[7] zustimmen konnten oder nicht. Bei den Items handelte es sich um eine Auswahl aus anderen Studien und eigenen Fragen. Schüll (2004, S. 197) betont hier die Abbildung des „vollständigen Spektrums theoretisch möglicher Tätigkeitsmotive“, was allerdings bezweifelt werden kann, da es sich um ausschließlich geschlossene Fragen handelt, und wie Schüll (2004) in seiner Interpretation an- schließend selbst anmerkt, explorativ hätten erhoben werden müssen. Wie auch in anderen Studien, ist das meistgenannte Motiv anderen Menschen in Not helfen zu wollen (x= 5,72), gefolgt von „weil ich einen kleinen Beitrag zu mehr Menschlichkeit in dieser Welt leisten möchte“ (x= 4,95) (ebd., S. 201). Weiter- hin folgen die Motive „weil ich die Organisation (…) unterstützen möchte“ (x= 4,85) und „(…) einen kleinen Teil seiner Freizeit dem Wohl anderer widmen (…)“ (x= 4,84) (ebd.). Die unwichtigsten Items sind solche, die sich auf die Steigerung von Anerkennung (x= 1,74, x= 1,60) beziehen und auf die berufli- che Weiterentwicklung (x= 1,58). Insgesamt konnte durch die Berechnung einer kategorialen Hauptkomponentenanalyse mit anschließender Berechnung einer Faktorenanalyse mit Varimax-Rotation eine fünfdimensionale Lösung, also fünf unterschiedliche Grundmotive, herausgearbeitet werden (ebd.).

Das Motivbündel „Unterschiedserleben und Sozialkontrolle“ beinhaltet individualistisch-egoistische Motive wie das Streben nach Anerkennung, Menschen oder auch sich selbst besser kennenlernen wollen, sich gut fühlen sowie Spaß haben wollen (ebd., S. 209). Das Motivbündel „Selbstentfaltung und Persönlichkeitsstärkung“ integriert sogenannte selbsttherapeutische und kompensatorische Motive wie z.B. besser mit eigenen Schwächen umgehen lernen, erfahren, dass die Fähigkeiten und Erfahrungen, die gesammelt wurden, noch etwas wert sind, Selbstbewusstsein steigern oder Neues lernen. Unter „Altruistische Gemeinwohlverpflichtung“ sind z.B. anderen Menschen helfen wollen, Mitleid, einen Beitrag leisten wollen, weil die Grundüberzeugung der Organisation der eigenen entspricht, und etwas bewegen wollen zusammengefasst (ebd., S. 210). Schüll (2004, S. 210) integriert in das altruistische Motivbündel weiterhin die Aussage „weil ein solches Engagement Teil meiner religiösen Überzeugung ist“. Er erhebt damit als einer der wenigen Autoren ein religiöses Motiv. Durch die Kombination mit den vermeintlich altruistischen Merkmalen jedoch, die auch das wenig variierende Merkmal „Menschen helfen wollen“ beinhaltet, kann hier keine zuverlässige Aussage zu religiösen Motiven getroffen werden (ebd.).

Sozialprestige“ ist der vierte Faktor und beinhaltet den Wunsch nach öffentlicher Anerkennung sowie Anerkennung von Freunden. „Politischer Gestaltungswille“ integriert die Motive politisch und sozial etwas bewegen zu wollen sowie seiner „weltanschaulich-politischen Einstellung“ Ausdruck zu verleihen. Die fünf Grundmotive sind allerdings nicht unabhängig voneinander. So laden die meisten Items nicht ausschließlich auf einem einzigen Faktor. Vor allem Unterschiedserleben und Sozialkontakte gehen mit Selbstentfaltung und Persönlichkeitsstärkung sowie Sozialprestige einher. Weiterhin korrelieren die Faktoren politischer Gestaltungswille und die altruistische Gemeinwohlverpflichtung hoch (ebd., S. 214). Für die Freiwilligen bedeutet dieses Ergebnis, dass sie mehrere Motive gleichzeitig haben, und auch wenn einige Motive häufiger zusammen genannt werden als andere, vielfältige unterschiedliche Beweggründe, sich zu engagieren, möglich sind.

Frauen (r = -0,25), jüngere Personen (r = -0,31) und solche mit einer schlechteren beruflichen Position (r = -0,27) gaben seltener an, durch Unterschiedserleben und Sozialkontakte motiviert zu sein als andere (ebd., S. 235).[8] Häufiger geben Personen dieses Motivbündel an, deren Umfang der Erwerbstätigkeit (r = 0,25) hoch ist. Des Weiteren sind der zeitliche Aufwand (r = 0,22) von Personen mit diesem Motiv größer und die Erfahrung aus aktueller (r = 0,23) und zurückliegender freiwilliger Tätigkeit (r = 0,32) gemessen durch die absolvierten Jahreswochenstunden größer (ebd., S. 245). Weiterhin wird gefragt, welche Wertüberzeugungen mit den Motiven freiwilliger Arbeit einhergehen. „Konventionelle Pflichtwerte“ beinhalten an Gott zu glauben, Gesetz und Ordnung zu respektieren, stolz auf die deutsche Geschichte zu sein, Sicherheitsstreben, Fleiß und Ehrgeiz. Unter „bürgerlichen Leistungswerten“ wird das Streben nach hohem Lebensstandard und Sicherheit verstanden sowie der Wunsch, Macht und Einfluss zu haben. „Selbstentfaltungswerte“ beinhalten gefühlsbetonte Aspekte, Toleranz, Kreativität, Genuss und soziale Kontakte (ebd., S. 220). Personen, die das erste Motivbündel angeben, sind alle genannten Werte (konventionelle Pflicht(r = 0,34) und bürgerliche Leistung (r = 0,39) sowie Selbstentfaltungswerte (r = 0,25) wichtig (ebd., S. 235).

Selbstentfaltung und Persönlichkeitsstärkung wird häufiger mit einem schlechten sozialen Status (r = -0,22) und einer weniger guten beruflichen Position (r = -0,30) genannt (ebd.). Die drei Wertüberzeugungen[9] stehen in einem hochsignifikant positiven Zusammenhang mit dem Motivbündel und ebenso mit dem zeitlichen Aufwand (r = 0,28) und der Erfahrung (r = 0,32) (ebd., S. 235, 245).

Das Motiv Sozialprestige wird häufiger von jüngeren Freiwilligen (r = -0,29) genannt und von Personen, die berufstätig (r = 0,22) sind, allerdings eine eher schlechtere berufliche Position (r = -0,26) haben und zudem auch noch viel arbeiten (r = 0,26). Auch den genannten Werteüberzeugungen stimmen die durch Sozialprestige motivierten Freiwilligen zu[10]. Durch altruistische Gemeinwohl-verpflichtung motiviert, fühlen sich vor allem Ältere (r = 0,35) und Verheiratete (r = 0,27), Personen mit höherem Haushaltsnettoeinkommen (r = 0,24) und solche, die konventionellen Pflichtwerten (r = 0,32) zustimmen. Dieses Motiv steht als einziges in Zusammenhang mit selbstberichteter Religiosität (r = 0,34). Allerdings beinhaltet das Motivbündel die Zustimmung zu einem religiösen Motiv, weshalb dieses Ergebnis wenig überrascht. Dennoch ist der Zusammenhang relativ gering, was dafür spricht, religiöse Motive nicht mit altruistischen Motiven gleichzusetzen. Auch das Wertekonzept konventionelle Pflichtwerte integriert eine Zustimmung zu religiösen Werten, was diesen Zusammenhang erklärt(ebd.).

Das Motiv politischer Gestaltungswille steht ausschließlich in positivem Zusammenhang mit dem Familienstand verheiratet (r = 0,24), einem hohen Haushaltsnettoeinkommen (r = 0,34) und daher einem hohen sozialen Status (r = 0,37) sowie mit der Erfahrung der ausgeübten Ehrenämter insgesamt (r = 0,28). Es lässt sich keine besondere Zustimmung oder Ablehnung von Wertekonzepten finden (ebd.).

Braun und Kollegen (1987, S. 80) konnten 20 Motive aus ihrer Befragung Freiwilliger und sogenannter „Interessierter“ in Göttingen, Karlsruhe, Worms und Würzburg herausfiltern, die sie in sechs Faktoren zusammenfassten. Die Autoren unterscheiden zwei Motivarten: solche, die für alle Freiwilligen von Bedeutung sind, und solche, die nur in bestimmten Lebenssituationen wichtig sind. Alle Befragten nennen „Freude an der Tätigkeit“ und den „Wunsch, anderen zu helfen“, was als „Belohnung in sich selbst“ der freiwilligen Tätigkeit im Allgemeinen verstanden wird (ebd.). Zu den Motiven zweiter Art gehören Betroffenheit, Selbsterfahrungs- und kompensatorische Motivbündel, aber auch sozialkritische und religiöse (ebd., S. 81 f.).

Das wichtigste Motiv der Studie war das Kontaktmotiv. Mehr als 60,0 % der Freiwilligen nannten soziale Beziehungen und die Unterstützung der Einrichtung als Grund für ihre Tätigkeit. Die, die (noch) nicht freiwillig arbeiteten, nannten dieses Motiv für potentielles Engagement etwas häufiger (66,0 %), was nahelegt, dass bereits freiwillig Tätige offenbar bereits eine soziale Integration in eine Gruppe erfahren haben (ebd., S. 82). Allerdings wurden jedoch keine Aussagen über die Netzwerkgröße der beiden Gruppen gemacht. Das Betroffenheitsmotiv nannten 38,0 % der Freiwilligen, die nicht notwendigerweise eigene Erfahrungen mit der Thematik der Tätigkeit gemacht hatten. Das bloße Bewusstsein, dass Hilfe für Betroffene von großem Nutzen für die Bewältigung von Schwierigkeiten sein kann, reichte aus, um diesem Motiv zuzustimmen. Die an freiwilliger Arbeit Interessierten nannten Merkmale dieses Motivbündels ebenso häufig. Bei dem Motivbündel, das religiöse Merkmale zusammenfasst, gab es deutliche Unterschiede zwischen den zwei Befragungsgruppen. Religiöse Motivbündel wurden von 37,0 % der Freiwilligen und 18,0 % der Interessierten genannt (ebd.). Vor allem für Personen, die in christlichen Einrichtungen tätig waren, stand Religiosität und eine christliche Verantwortung für Bedürftige im Vordergrund. Die Unterschiede zwischen den Gruppen könnten damit erklärt werden, dass Religiöse sich eher engagieren und nur wenige religiös Motivierte unter den Interessierten verblieben. Vermutlich ist ein religiöses Motiv, wenn es vorhanden ist, ein stärkerer Motor als andere. Zu dem Motivbündel Selbsterfahrung zählten Items wie dazulernen oder sich selbst besser kennenlernen wollen. Mehr als 56,0 % der Freiwilligen und 58,0 % der Interessierten nannten dieses Motivbündel (ebd.). Sozialkritische Motive beinhalteten kritische Aussagen zu dem bestehenden Versorgungssystem, vor allem im Gesundheitswesen. Personen, die dieses Motiv nannten, wollen etwas verändern und verbessern. Die an freiwilliger Arbeit Interessierten (24,0 %) nannten die Items des Motivbündels etwas häufiger als Engagierte (21,0 %). Kompensatorische Motive (beide Gruppen 3,0 %) wurden dagegen seltener genannt als andere Motive und vornehmlich von Hausfrauen. Auch in dieser Untersuchung spielte vor allem ein unbefriedigender Alltag eine Rolle sowie Unterforderung durch Erwerbslosigkeit (ebd.).

Bierhoff und Kollegen (2007, S. 14) unterscheiden in ihrer Befragung 368 Freiwilliger verschiedener Einrichtungen[11] selbstdienliche und altruistische Motive. Im Gegensatz zu den anderen Studien wurde nur in einzelnen Items direkt nach den Motiven für freiwillige Arbeit gefragt. Vielmehr bezogen sich die Fragen auf die allgemeine Einstellungsstruktur der Befragten. Die selbstdienlichen Motive bestehen aus sieben Dimensionen: Die soziale Bindung, die den Wunsch nach sozialen Kontakten beinhaltet, der Wunsch nach sozialer Anerkennung und der Steigerung des Selbstwerts, soziale Beeinflussung hinsichtlich freiwilliger Arbeit, die durch Freunde oder Familie entsteht (ebd., S. 15). Selbsterfahrung bezieht sich auf den Wunsch, sich selbst kennen- und dazuzulernen, und die Karrieredimension bezieht sich auf den Wunsch, beruflich von der Tätigkeit zu profitieren. Ein weiteres Motiv ist der Berufsausgleich, bei dem durch freiwillige Arbeit Schwierigkeiten im Berufsleben ausgeglichen oder kompensiert werden sollen. Der persönliche Erlebnisbereich bezieht sich auf eigene Erfahrungen, die gemacht wurden und als Grund für ein Engagement in einem bestimmten Tätigkeitsfeld gesehen werden. Soziale Verantwortung umfasst Einstellungen und Werte, für die die Befragten eintreten wollen, ähnlich der politi-schen Verantwortung, die darüber hinaus beinhaltet, dass die Freiwilligen die Gesellschaft verändern wollen. Die beiden letzten Skalen wurden den altruistischen Motiven zugeordnet. Insgesamt wurden die neun Dimensionen durch 26 Items abgefragt, zu denen die Freiwilligen auf einer neunstufigen Antwortskala angegeben konnten, für wie „absolut unbedeutend“(= 1) bis „absolut bedeutend“ (= 9) sie diese Items hielten (ebd., S. 17).

Die Autoren konnten feststellen, dass die soziale Verantwortung mit steigendem Alter bedeutender wird, während berufliche und Selbsterfahrungsmotive sowie Selbstwert und Anerkennung mit steigendendem Alter an Bedeutung verloren (ebd., S. 24). Es leuchtet ein, dass für Jüngere die berufliche Entwicklung, Lernen und Erfahrungen sammeln wichtig für Persönlichkeitsentwicklung sind und daher solche Motive eher im Vordergrund stehen als für Ältere (ebd., S. 25). Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Motive sich in den unterschiedlichen Einrichtungen deutlich unterschieden. Freiwillige, die beim Deutschen Roten Kreuz und dem Weißen Ring[12] arbeiteten, hatten deutlich höhere Werte auf der Skala sozialer Verantwortung als Freiwillige der Rosa Hilfe[13] und der Aids-Hilfe. Vermutlich liegt das daran, dass die letzten beiden Vereine einen Selbsthilfecharakter haben und für die Rechte ihrer Mitglieder einstehen. Die Freiwilligen spiegeln das politische Organisationsziel in ihrer Motivation wider (ebd., S. 16). Die Klientel des DRKs und des Weißen Rings sind vermutlich heterogener und die Arbeit weniger auf gesellschaftliche Veränderungen bezogen. Weiterhin war die Karriere für Freiwillige der Rosa Hilfen und des Weißen Rings weniger relevant als für andere. Die politische Verantwortung war unter Freiwilligen der DRK signifikant weniger bedeutsam als unter Freiwilligen anderer Vereine, was bereits in der Studie von Schüll (2004) gefunden wurde. In allen Vereinen war besonders die Selbsterfahrung bedeutsam. Sozialer Beeinflussung, was den Anstoß zu freiwilliger Arbeit seitens Freunden und Familie betrifft, spielte dagegen keine Rolle. Dies begründen die Autoren damit, dass die soziale Beeinflussung in Sozialisationsphasen am größten ist, die Befragten jedoch älter waren, als dass diese hätte von Bedeutung sein können (Bierhoff et al. 2007, S. 25).

Hoof (2010, S. 199) verwendete dieselben Skalen zur Messung der Motive freiwilliger Arbeit wie Bierhoff und Kollegen (2007) und verknüpfte diese mit Skalen zur Messung der Religiosität[14]. Auch er stellte fest, dass die Motive signifikant in verschiedenen Einrichtungen variierten. Freiwillige kirchlicher Einrichtungen zeigten signifikant niedrigere Werte hinsichtlich Selbsterfahrung, sozialer und politischer Verantwortung als andere (ebd., S. 204 f.). In den Bereichen Karriere und persönlicher Erlebnisbereich zeigten sie ebenfalls eher niedrige Werte. Motive der Anerkennung, des Berufsausgleichs, der sozialen Bindung und Beeinflussung waren stärker ausgeprägt als unter den säkularen Freiwilligen. Diese hatten eher niedrige Werte hinsichtlich sozialer Bindung und sozialer Beeinflussung, aber auch in Bezug auf die Karriereorientierung und den persönlichen Erlebnisbereich. Die politische und auch die soziale Verantwortung waren unter säkular Engagierten besonders hoch. Aber mit Abstand die höchsten Werte sozialer und politischer Verantwortung zeigten wider Erwarten die NichtEngagierten. Insgesamt wiesen jedoch alle Befragten höhere Werte auf den Skalen für altruistische Motive als für egoistische Motive auf. Die höchsten Werte selbstdienlicher Motive wiesen aber entgegen der Hypothese die Freiwilligen kirchlicher Einrichtungen auf (ebd., S. 207). Insgesamt besteht aber auch ein positiver Zusammenhang zwischen altruistischen Motiven und einer religiösen Grundhaltung (ebd., S. 298).

  • [1] Bierhoff et al. (1995); Braun und Röhrig (1986); Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2000); Heinze und Keupp (1997); Ueltzhöffer und Ascheberg (1997)
  • [2] U.a. Jakob (1993); Kistler et al. (2001); Wessels (1994)
  • [3] Die Autoren verwenden den Begriff „Kultur-Initiativen“, erläutern aber nicht, was genau

    gemeint ist

  • [4] Principal Axis Factoring; Varimax-Rotation, Kaiser Normalisierung
  • [5]Weil man nicht alle Aufgaben dem Staat überantworten kann“ (ebd., S. 167)
  • [6] Die Abgrenzung dieser Vereinstypen ist jedoch durchaus fraglich
  • [7] 6 = volle Zustimmung, 1 = keine Zustimmung
  • [8] Ergebnisse der Pearson Korrelation bei nominalen und metrischen Variablen, bei ordinalen Variablen Ergebnisse der Spearman Korrelation
  • [9] Sowohl konventionelle Pflichtwerte als auch bürgerliche Leistungswerte r = 0,43 sowie Selbstentfaltungswerte r = 0,35
  • [10] Konventionelle Pflichtwerte r = 0,22, bürgerliche Leistungswerte r = 0,46 sowie Selbstentfaltungswerte r = 0,27
  • [11] Zusätzlich wurde eine Stichprobe von 204 Psychologiestudenten befragt, um die soziale Erwünschtheit der Antworten der Freiwilligen einschätzen zu können
  • [12] Hilfe für Opfer von Straftaten (Weißer Ring e.V. 2012)
  • [13] Gemeinnütziger Verein, der sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt (Rosa Hilfe Freiburg e.V. 2012)
  • [14] 224 Befragte kirchlicher Vereine, kirchlicher Hospize und säkularer Einrichtungen sowie Nicht-Engagierte (ebd., S. 179)
 
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