Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Freiwillige Arbeit in gemeinnützigen Vereinen

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2 Religion, Religiosität und freiwillige Arbeit

Viele Studien erklären freiwillige Arbeit mit Religion und Religiosität. Wie in Kapitel 1 bereits beschrieben, resultiert dieser Tatbestand nicht zuletzt aus dem Ursprung des Wohlfahrtsstaats aus der Institutionalisierung von Armenhilfe im Rahmen der Katholischen Soziallehre des 19. Jahrhunderts und dem Gedanken der Nächstenliebe, wie ihn die abrahamitischen Religionen pflegen. Im Folgenden werden zunächst die Ergebnisse deutscher Studien vorgestellt.

In seiner Studie zu Ehrenamt im Sport verzeichnete Winkler (1988, S. 134), dass von den 1.291 Befragten 56,5 % protestantisch, 31,5 % katholisch, 11,1 % konfessionslos waren und 0,9 % einer anderen Konfession angehörten. Gemessen an den Daten der Gesamtbevölkerung sind die Protestanten in seiner Stichprobe über-, die Katholiken deutlich unterrepräsentiert. Unterteilt nach Regionen ist ein regionaler Effekt der Religion der Mehrheitsbevölkerung zu beobachten, allerdings nur in protestantischen Regionen auf einen erhöhten Anteil der Protestanten unter den Freiwilligen (ebd., S. 136). Nur in Bayern und im Saarland ist der Anteil von katholischen Ehrenamtsträgern größer als der von protestantischen. In Schweizer Kantonen mit mehr Konfessionslosen wird deutlich weniger freiwillig gearbeitet als in solchen mit hohem Anteil von Christen (Bühlmann und Freitag 2007, S. 91).

65,2 %[1] der 6.193 Engagierten des Freiwilligensurveys von 2004 geben an, sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig zu fühlen. 42,3 % jener Freiwilligen sind römisch-katholisch, 53,5 % sind evangelisch und 4,1 % gehören anderen Religionsgemeinschaften an. 27,0 % der konfessionell gebundenen Personen geben an, sich stark an die Kirche gebunden zu fühlen, 41,1 % fühlen eine mittlere Kirchenbindung und 31,6 % fühlen sich nur wenig an eine Kirche gebunden. Die befragten Freiwilligen in der Studie der Caritas Köln dagegen sind sehr stark an die Kirche gebunden (60,0 %) (Süßlin 2008, S. 22). 47,0 % dieser Befragten sind katholisch und 55,0 % geben an, Kraft für ihre Tätigkeit aus dem Glauben zu ziehen. Für 45,0 % der Freiwilligen bedeutet Kirche „viel“ (ebd.). Für diejenigen, die in den Pfarrgemeinden arbeiten, ist die Verbundenheit deutlich stärker als für die Personen, die sich in Einrichtungen und Diensten der Caritas betätigen (ebd., S. 24). Die Einschätzung der eigenen Religiosität wurde anhand einer zehnstufigen Skala abgefragt, auf der 44,0 % der Freiwilligen Werte zwischen acht und zehn, die starke Religiosität repräsentierten, angaben (ebd.,

S. 27). Die durchschnittliche Religiosität beträgt auf dieser Skala im Mittel

x= 6,9 (ebd., S. 25). Je länger Freiwillige bei der Caritas Köln arbeiten, desto stärker fühlen sie sich mit der Kirche verbunden und desto wichtiger ist für sie

der Glaube (ebd.).

In vielen anderen Untersuchungen sind ähnliche Tendenzen zu finden. Die Freiwilligen in der Untersuchung von Braun und Kollegen (1987, S. 65) sind ebenfalls stark an die Kirche gebunden und Selbstverwirklichung, Pflicht- und Akzeptanzbereitschaft wie Sicherheitsorientierung waren ihnen besonders wichtig (ebd.). Die älteren Freiwilligen sind stärker an die Kirche gebunden als jüngere (ebd., S. 67). Die Ergebnisse des Freiwilligensurveys zeigen, dass eine Bindung an die Kirche und die christliche Konfession ebenfalls positiv auf das Ausmaß des Engagements junger Menschen wirkt (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010, S. 200).

In der Erhebung von Schüll (2004, S. 174) gehören zwei der drei Vereine, in denen die Befragung durchgeführt wurde, zur Diakonie, weshalb Protestanten in der Stichprobe überrepräsentiert sind. Dennoch ist interessant, dass 19,0 % der Befragten wöchentlich den Gottesdienst besuchen, was die Kirchgangshäufigkeit für Westdeutschland um fast 9 Prozentpunkte übersteigt (ebd.). Auch schätzen sich die Freiwilligen, die in den Einrichtungen der Diakonie tätig waren, religiöser ein als die Mitarbeiter des Roten Kreuzes (ebd., S. 175). Religiösen Freiwilligen scheint es also nicht auszureichen, sich überhaupt freiwillig zu engagieren, sie arbeiten häufiger in religiös orientierten Vereinen.

Auch im Schweizer Freiwilligenbericht sind 31,0 % der Engagierten Protestanten, gefolgt von Katholiken mit 27,0 % und 19,0 % Konfessionslosen (Stadelmann-Steffen 2010, S. 66). Subjektive Religiosität, abgefragt durch eine 10-stufige Skala (10 = sehr religiös, 1 = gar nicht religiös) erbringt unter den Schweizer Freiwilligen kein vermehrtes Engagement. Nur die Kirchgangshäufigkeit unter Protestanten und Katholiken weist Zusammenhänge zu freiwilliger Arbeit auf. 46,0 % der protestantischen Freiwilligen und knapp 28,0 % der katholischen Freiwilligen gehen mindestens einmal in der Woche in die Kirche (ebd., S. 67).

Freiwillige der Wohlfahrtspflege unterscheiden sich von Personen, die in Selbsthilfegruppen tätig sind, hinsichtlich ihrer Religionszugehörigkeit kaum (Kopke und Lembcke 2005, S. 114). In beiden Gruppen ist der Großteil der Befragten konfessionslos. 31,0 % der Freiwilligen in der Wohlfahrtspflege sind evangelisch und 15,0 % katholisch. 32,0 % der in Selbsthilfegruppen Aktiven sind evangelisch, 6,0 % katholisch und 2,0 % gehören anderen Konfessionen an (ebd.). Freiwillige der Wohlfahrtspflege empfinden jedoch eine stärkere Kirchenbindung als andere. Im Vergleich zu den in Selbsthilfegruppen Tätigen (9,0 %) ist der Anteil an Freiwilligen mit schwacher Kirchbindung deutlich niedriger (2,0 %). Dies mag an der Einbindung der Organisationen in Wohlfahrtsverbände liegen, zu denen die Diakonie und die Caritas als zwei der großen Träger zählen. Selbsthilfegruppen müssen nicht notwendigerweise zu einem Wohl-fahrtsverband dazugehören, folglich würde die Bindung an einen Träger wie die Kirche durch Selbsthilfegruppen zumindest nicht verstärkt (ebd.).

Klages und Gensicke (1998, S. 185) fragen in dem Speyerer Wertesurvey nach dem Gottesglauben und der Häufigkeit der Kirchenbesuche der Studienteilnehmer. Es zeigt sich, dass unter Kontrolle soziodemographischer Merkmale, insgesamt ein signifikant negativer Effekt des Gottesglaubens vorliegt und ein signifikant positiver Effekt der Kirchgangshäufigkeit[2]. Personen, die in die Kirche gehen, sind also eher freiwillig tätig als andere, für den Gottglauben allein gilt dieser Zusammenhang nicht. Unterteilt nach Ost- und Westdeutschland wird der Gottesglaube in beiden Regressionsanalysen insignifikant und die Kirchgangshäufigkeit hat ausschließlich in Westdeutschland einen Effekt (ebd.). Vermutlich fehlt es allerdings in Ostdeutschland an einer ausreichenden Varianz, da viel weniger Personen dort überhaupt einer Religionsgemeinschaft angehören. Zudem gehen durch die jahrzehntelange kommunistische Unterdrückung religiöser Praktiken weniger Personen in die Kirche. So entstehen laut der Autoren auch weniger Gelegenheiten, mit Freiwilligen und freiwilliger Arbeit in Kontakt zu kommen (siehe Kapitel 3.2) (Gaskin et al. 1996, S. 185; Klages und Gensicke 1998, S. 192).

Durch eine Befragung von 224 Personen, die sich in kirchlichen Hospizen und anderen kirchlichen Vereinen oder nicht religiös orientierten Einrichtungen engagierten, sowie solchen, die gar nicht freiwillig tätig waren, fand Hoof (2010,

S. 177) heraus, dass die Freiwilligen nicht religiöser sind als Nicht-Engagierte[3]. Die allgemeine Bedeutung der Religion ist jedoch für die Freiwilligen kirchlicher Einrichtungen höher als für alle anderen Befragten. Hinsichtlich Spirituali-tät, Selbsttranszendenz im Sinne von Verantwortungsübernahme für andere, Glaube an eine höhere Macht und expliziter Religiosität, die Nächstenliebe im christlichen Sinne abfragte, erreichten die Freiwilligen der Hospize die höchsten Werte (ebd., S. 223). Insgesamt zeigten aber Hospizmitarbeiter und Mitarbeiter anderer kirchlicher Einrichtungen die höchsten Religiositätswerte auf. Die niedrigsten Werte erreichten Freiwillige säkularer Einrichtungen. Entgegengesetzt zur Hypothese konnte kein signifikanter Zusammenhang zwischen Religiosität und dem Ausmaß freiwilliger Arbeit gefunden werden (ebd., S. 297).

Die Ergebnisse der deutschen Studien zu freiwilliger Arbeit, Religion und Religionszugehörigkeit decken sich in großen Teilen mit der internationalen Literatur (Berger 2006; Cnaan et al. 1993; Hoge und Yang 1994; Lam 2002; Ruiter und De Graaf 2006). Dennoch ist in den deutschen Untersuchungen die Abfrage der Religiosität und Religionszugehörigkeit fast ausschließlich auf christliche Religionen beschränkt und auch innerhalb der christlichen Religionsgemeinschaften nicht differenziert (Carabain und Bekkers 2011, S. 3). Weiterhin werden Migranten aus den Studien aufgrund mangelnder Fallzahlen ausgeschlossen (ebd.). Es gibt keine deutsche Studie, die sich mit dem Islam und seinem Einfluss auf freiwilliges Engagement im Vergleich zur christlichen Religion und Konfessionslosigkeit beschäftigt. Im folgenden Kapitel werden daher internationale Studien referiert, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben und deren Erkenntnisse in die theoretischen Überlegungen mit einfließen.

  • [1] Eigene Berechnung, nicht in Tabelle gezeigt
  • [2] Dies gilt nur für den Westen, nicht aber für den Osten Deutschlands
  • [3] Der Autor verweist darauf, dass die Stichprobe der Nicht-Engagierten zu klein ist, um repräsentative Aussagen machen zu können
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics