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5.1.6 Freiwillige mit Migrationshintergrund

In der internationalen Literatur zu freiwilliger Arbeit wird postuliert, dass Migranten seltener freiwillig arbeiten als Einheimische, was oft mit dem sozioökonomischen Status der Einwanderer[1] in Verbindung steht (Berger 2006, S. 125 f.; 2007, S. 15; Carabain und Bekkers 2011, S. 4; Handy und Greenspan 2009; Sundeen et al. 2009). In der deutschen Literatur können nur wenige Studien repräsentative Aussagen über Migranten treffen, da die Stichprobengröße oft nicht ausreicht.

Knapp 5,0 % der befragten Freiwilligen des Freiwilligensurveys sind nicht in Deutschland geboren. Von den Personen mit Migrationshintergrund sind 23,0 % freiwillig tätig und weitere 42,0 % wären dazu bereit, sich freiwillig zu engagieren (Gensicke et al. 2005, S. 348, 365, 380). Je länger die Aufenthaltsdauer der Befragten in Deutschland ist, desto höher ist auch der Anteil der Engagierten unter ihnen (ebd., S. 391)[2]. Eine Einschränkung des Freiwilligensurveys ist allerdings, dass der Fragebogen nur in deutscher Sprache vorliegt und daher Interviews nur mit Migranten stattfanden, die der deutschen Sprache mächtig sind (Gensicke und Geiss 2011, S. 23).

Insgesamt 6,0 % der Freiwilligen aus der Österreichischen Befragung haben einen Migrationshintergrund. [3] 36,5 % der Migrantinnen und Migranten der EU 27 in Österreich geben an, in formalen Organisationen freiwillig zu arbeiten (Reinprecht 2009, S. 144). Unter türkischen Migranten sind es nur 25,0 %. Hinsichtlich informeller Hilfe jedoch sind die Ergebnisse anders. Die in der Türkei geborenen Personen machen mit 38,5 % den größten Anteil der Personen in Österreich aus, die informelle Hilfe leisten. Von den Einheimischen leisten 36,4 % informelle Hilfe (ebd.). In der Schweiz sind 24 % der Ausländer (unter ihnen 32 % Deutsche) informell freiwillig aktiv und 36 % der Schweizer (Stadelmann-Steffen 2010, S. 143). Im Rahmen ihrer Analysen einer telefonischen Befragung von 1.500 Personen, die in ihrer Jugend freiwillig tätig waren, stellten Düx und Kollegen (2008, S. 36) fest, dass 4,0 % im Ausland geboren sind und 13,0 % einen Migrationshintergrund haben, also mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde.

Eine Zusatzbefragung des Freiwilligensurveys (ab 16 Jahren) von 1.536 Personen mit Migrationshintergrund zeigte, dass es unter den türkischen Migrantinnen und Migranten einen ähnlich hohen Anteil von Personen gibt, die aktiv in einer Gruppe, einem Verein oder einer Organisation mitarbeiten (64,0 %), wie bei den Einheimischen. Allerdings ist der Anteil derjenigen, die sich tatsächlich formell freiwillig engagieren, mit 9,7 % wesentlich niedriger als bei Deutschen (Halm und Sauer 2007, S. 50, 64, 131). Als Gründe werden vor allem der Mangel an Zeit und die Verpflichtungen für Familie und Haushalt genannt (ebd.). Von den Engagierten arbeiten 52,0 % in türkischen Organisationen, 29,0 % in einer deutschen, 6,0 % in einer deutschen und einer türkischen Einrichtung und 12,0 % in einem internationalen Kontext (ebd., S. 68).

Engel (1994, S. 98 ff.) fand heraus, dass die Qualifikationen, von denen die freiwilligen Migranten angaben, sie mit in die freiwillige Arbeit einzubringen, aus folgenden Fähigkeiten bestanden: Problemlösungsstrategien, Sensibilität, Empathie, Koordinations- und Organisationstalent, Kritikfähigkeit und Zuverlässigkeit. Es gab keinen Unterschied zwischen dem Ausmaß freiwilliger Arbeit zwischen Frauen und Männern. Am häufigsten engagieren sich Migranten im Bereich „Sport und Bewegung“ (41,0 % der Tätigkeiten), während auf den Bereich „Kirche und Religion“ lediglich 9,5 % entfallen. Die größte Zielgruppe der Aktivitäten sind Kinder und Jugendliche mit 41,0 % (ebd.).

Eine amerikanische Studie von Sundeen und Kollegen[4] (2009, S. 947) zeigte, dass sich die Determinanten freiwilliger Arbeit in den unterschiedlichen Migrantengruppen deutlich voneinander unterscheiden. Tabelle 9 zeigt, welche Merkmale der Befragten positive Effekte auf deren freiwillige Arbeit haben. Die Autoren stellten in ihrer Analyse fest, dass die Chance, freiwillig zu arbeiten, für „weiße“ Migranten und Hispanier größer ist, wenn sie bei der Einwanderung jünger als zehn Jahre alt waren (Sundeen et al. 2009, S. 947). Für „Schwarze“, die keinen amerikanischen Pass besitzen, und asiatische Migranten gilt dies nicht. Asiatische Einwanderer sind die einzige Gruppe, bei denen sich die Chance, freiwillig zu arbeiten, erhöht, wenn sie die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen (ebd.).

Teilzeitbeschäftigung und höhere Bildung dagegen zeigt bei allen Migrantengruppen einen positiven Einfluss auf ihr Engagement. Wohneigentum spielt nur für weiße Migranten, ein höheres Alter nur für Hispanier eine Rolle. Kinderlosigkeit beeinflusst nur bei schwarzen Migranten und Hispaniern die freiwillige Arbeit. Insgesamt wird das Engagement von asiatischen Einwanderern durch weniger Merkmale beeinflusst als das Engagement anderer Migrantengruppen (ebd.). Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Hypothesenbildung über verschiedene Migrantengruppen hinweg äußerst schwierig ist, da verschiedene Faktoren Personen unterschiedlicher Herkunft auch unterschiedlich (stark) beeinflussen. Im Folgenden wird der Fokus nicht zuletzt deshalb auch auf die größte Migrantengruppe in Deutschland gelegt: Personen mit türkischem Migrationshintergrund.

Tabelle 9: Determinanten freiwilliger Arbeit nach ethnischer Gruppe in den USA

[5]

Quelle: Sundeen et al. (2009, S. 947), modifiziert und übersetzt. + = positiver Effekt auf freiwillige Arbeit.

  • [1] Oder z.B. auch der schwarzen Bevölkerung in den USA
  • [2] Die Migrantenstichprobe des Freiwilligensurveys (N = 1.529) hat jedoch einen höheren Bildungsstatus als die Migranten insgesamt (Gensicke et al. 2005, S. 359)
  • [3] Die Autoren verweisen jedoch darauf, dass es sich aufgrund des nur in deutscher Sprache vorliegenden Fragebogens um eine selektive Stichprobe von Migranten mit guten Deutschenkenntnissen handelt (Reinprecht 2009, S. 143). Weiterhin handelt es sich nicht um eine repräsentative Migrantenstichprobe für Österreich. Trotz der Aufnahme von Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft und Personen mit einem anderen Geburtsland als Österreich deckt der Anteil der Migranten nur 9,0 %, während Österreich einen Migrantenanteil von 15,0 % verzeichnet. Auch die Stichprobenverteilung der Migrantengruppen bildet die Verteilung in der Bevölkerung nicht ab (ebd.)
  • [4]Weiße“ Migranten N = 1952, „schwarze“ Migranten N=474, asiatische Migranten N = 1.348, Hispanier = 2.811 aus dem „Current Population Survey“ (CPS) 2004 (Sundeen et al. 2009, S. 934, 940)
  • [5] Ergebnisse der logistischen Regressionsanalyse
 
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